Acht Thesen zur menschenwürdigen Reorganisation sogenannter „Dreckarbeit“

1. Menschen sind Teil der Natur. Dass sie hervorbringen, was man „Kot“, „Stuhl“, „Fäkalien“ oder „Scheiße“[1] nennt, ist, bei aller Sehnsucht nach reinigender Vergeistigung, unumgänglich, da Bestandteil der conditio humana.

2. Entsprechend lassen sich Tätigkeiten, die sich mit der Verarbeitung und/oder Entsorgung von Scheiße und anderen zuweilen als unangenehm oder ekelhaft empfundenen Stoffen – Urin, Leichen, Erde, Dung, Müll… – befassen, nicht vermeiden.

3. Insofern „arbeitsteiliges Wirtschaften… eine gesellschaftliche Veranstaltung zur Befriedigung menschlicher Bedürfnisse der Lebenserhaltung und der Lebensqualität“[2] ist, sind solche Tätigkeiten Teil der Ökonomie (Oiko-Nomia), und zwar unabhängig davon, wer sie wann wo und unter welchen Bedingungen verrichtet und ob sie in den Geldkreislauf einbezogen sind oder nicht.

4. Die Tätigkeiten zur Befriedigung menschlicher Bedürfnisse der Lebenserhaltung und der Lebensqualität lassen sich verschieden organisieren. Bis heute wirkmächtig sind Organisationsformen, die auf der aristotelischen Metaphysik mit ihrer Dichotomisierung der Welt in „höhere“ (geistige, freie, „männliche“…) und „niedere“ (körperliche, abhängige, „weibliche“…) Sphären beruht: Sklavereien, Patriarchate, Kolonialismen u.a.m.

5. Weil moderne Rechtsstaaten auf der Achtung der allgemeinen und gleichen Menschenwürde beruhen, müssen sich Praktiken, die weiterhin an diese Metaphysik und die ihr eigene Delegation der sog. „Dreckarbeit“ in abhängige Sphären anknüpfen, neu legitimieren. Sexistische, rassistische und xenophobe Diskurse, die bestimmte Angehörige der menschlichen Gattung als natürlicherweise für bestimmte „niedere“ und „höhere“ Tätigkeiten prädestiniert ausgeben, sind dafür geeignet. Eine weitere Möglichkeit, die Delegation der Dreckarbeit unter diesen Bedingungen aufrechtzuerhalten, besteht darin, sie diskursiv auszublenden, sie z.B. aus der wissenschaftlichen Ökonomie auszuschließen und in Diskursen über „Familie“, „Soziales“ oder „Dritte Welt“ etc. verschwinden zu lassen.

6. Die mit der Verarbeitung und/oder Entsorgung von sog. „Dreck“ verschiedenster Art befassten Tätigkeiten müssen aber nicht notwendigerweise abgewertet, verdrängt und an Menschen delegiert werden, die sie in Abhängigkeit und/oder unter Zwang zu verrichten haben. Sie können auch ans Licht gebracht und menschenwürdig organisiert werden. So schlagen zum Beispiel Befürworterinnen und Befürworter des bedingungslosen Grundeinkommens drei Möglichkeiten zur Neuorganisation der „unbeliebten“ Tätigkeiten vor: „Erstens: Jede und jeder macht sie selber. Für Arbeiten im öffentlichen Raum koordinieren wir uns in der Nachbarschaft. Die zweite Möglichkeit ist, dass wir die unangenehmen Arbeiten den Maschinen und Robotern überlassen. Denn einige dieser Arbeiten würden sich rationalisieren lassen. Die dritte Möglichkeit ist die Aufwertung dieser Arbeitsplätze…“[3]

7. Diese drei Vorschläge sind ein Anfang. Sie lassen allerdings außer Acht, dass Gruppen von Menschen, denen man Jahrhunderte oder gar Jahrtausende lang eingeredet hat, sie seien zur Verrichtung bestimmter Tätigkeiten von Natur aus prädestiniert, solche ideologischen Konditionierungen nicht schon dadurch ablegen, dass man ihnen rechnerisch plausible Alternativen präsentiert, zumal dann nicht, wenn gleichzeitig die ideologischen Diskurse, die ihre Unterordnung legitimieren, ungebrochen weitergeführt werden.

8. Jede Neuordnung des Ökonomischen, unabhängig davon, ob sie als „Sozialpolitik“, „Familienpolitik“, „Bewegung für ein bedingungsloses Grundeinkommen“, „Care-Revolution“ oder was auch immer etikettiert ist, muss daher eine tiefgehende Kritik all der Diskurse enthalten, die im Anschluss an die aristotelische Metaphysik (und verwandte symbolische Ordnungen, etwa den Konfuzianismus oder das indische Kastensystem ) die allgemeine und gleiche Würde aller Menschen durch ideologische Zuschreibungen bestimmter „natürlicher Anlagen“ unterlaufen. Ein wichtiges Element dieser notwendigen Kritik ist die bewusste Fokussierung auf ausgeblendete, vernachlässigte, tabuisierte Sphären der Ökonomie, etwa im Rahmen einer neuen systematischen Disziplin „Scheißologie“.

[1] Vgl.Art. „Scheiße“ in: Ursula Knecht u.a., ABC des guten Lebens, Rüsselsheim 2012.
[2] Peter Ulrich, Integrative Wirtschaftsethik. Grundlagen einer lebensdienlichen Ökonomie, Bern/Stuttgart/Wien, 4. vollständig neubearbeitete Auflage 2008, 11.
[3] Christian Müller, Daniel Straub, Die Befreiung der Schweiz. Über das bedingungslose Grundeinkommen, Zürich 2012, 78.

Mehr zum Thema:

„Reden wir mal über Scheisse“   „First Steps toward a Theory of Shit“

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