Meine verfrühte Weihnachtsgeschichte 2016 oder: Was heisst „weihnachtlich“?

Am 20. September 2016 bekam ich von einem freien Journalisten und Werber namens Mario Wittenwiler eine Mail:

Grüezi Frau Praetorius, Wir produzieren im Auftrag von Coop ein Weihnachtsmagazin (Auflage > 1,2 Mio). Darin lassen wir zwei Prominente Geschichtenerzähler (sic) auf maximal 2000 Zeichen eine kurze Weihnachtsgeschichte erzählen. Für die männliche Zunft haben wir bereits den Liedermacher Peter Reber akquirieren können. Sehr gerne hätten wir Sie als zweite Persönlichkeit dabei. Würden Sie dabei mitmachen? Deadline für den Text wäre plusminus Ende September. Herzlichen Dank für ein kurzes Feedback
Beste Grüsse, Mario Wittenwiler

Am Donnerstag, 22. September 2016, ereilte mich in Bern, vor der Offenen Kirche Heiliggeist, mitten im Foodsave-Bankett, die Inspiration. Ich setzte mich irgendwo zwischen die vielen Esserinnen und Esser und tippte diese Weihnachtsgeschichte in mein Tablet:

Es lebten einmal ein paar Leute, die erzählten einander seltsame Geschichten: Da habe irgendwo eine Frau einen Spezialmenschen geboren, also einen Gottmenschen, also Gott, also wasweissich ist auch egal. Keine Ahnung wer der Vater von dem war, niemand wahrscheinlich. Ganz normal als quengelndes scheissendes Bündel sei Gott auf die Welt gekommen, irgendwo in einem Kaff, und das sei ja jetzt gerade der Witz an der Geschichte: dass der eigentlich, genau besehen, gar kein höherer Spezialgottmensch gewesen sei. Nicht vom Himmel sei der herabgeschwebt, nein ganz normal aus einer heiligen Vagina sei er gekommen. Und der sei jetzt ihr Gott, also genauer gesagt: ihr Menschmodell. Ganz normal habe der gelebt, ein bisschen stark verliebt vielleicht in alles, und mit ziemlich gradlinigen Umgangsformen. Deshalb habe man ihn leider zu früh umgelegt. Und jetzt seien sie, die Leute, auch in die ganze Welt verliebt.
Die gelehrten Gottprofis fanden diese Geschichte peinlich. Weil sie die Leute aber nicht davon abbringen konnten, erfanden sie schwierige Wörter: „Inkarnation“ und „unbefleckte Empfängnis“ und „Menschwerdung“  zum Beispiel. Die legten sie wie Hundertprozentvollsynthetikdecken auf die Geschichten der Leute. Und weil die Leute mit den komplizierten Wörtern ebenso wenig anfangen konnten wie ich mit Vollsynthetikdecken, gingen die Leute hin und kauften sich voll, weil sie ja irgendetwas tun mussten an Weihnachten. Sie kauften Computer und Lippenstifte, Parfüms, Kripplein und Kerzlein und viel zu viel Essen und sonst noch alles mögliche. Da waren die Gottprofis zufrieden. Denn nun mussten sie sich nicht mehr für die schrägen Ideen der Leute schämen, sondern konnten sagen: die Leute sollten sich schämen, weil sie statt dem inkarnierten Geheimnis dem Kommerz huldigten. Den Leuten war das egal. Sie gingen nach hause, und obwohl sie selber auch fanden, sie hätten ein bisschen zu viel eingekauft, verlebten sie einen gesegneten Weihnachtsabend. Denn sie erinnerten sich immer noch an die guten Geschichten unter den Vollsynthetikdecken.

Am Mittwoch, 28. September 2016, schickte ich meine Weihnachtsgeschichte an Mario Wittenwiler, worauf ich postwendend diese Antwort erhielt:

Grüezi Frau Praetorius, Herzlichen Dank für Ihre Geschichte. Leider muss ich Ihnen mitteilen, dass wir diese nicht verwenden können. Wir hätten uns etwas Weihnachtlicheres vorgestellt. Das Coop Weihnachtsmagazin ist ein lesernahes Publikumsmagazin für die ganze Familie. Wir entschuldigen uns für die Umstände und wünschen Ihnen alles Gute. Mit freundlichen Grüssen Mario Wittenwiler

Was Mario Wittenwiler unter einer weihnachtlichen Geschichte versteht, werden wir erfahren, wenn wir kurz vor Weihnachten 2016 das Coop Weihnachtsmagazin in Händen halten werden.

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