Frau Professorin Vielzuviel oder: Ein Zickenkriegchen im Februar 2018

WiC-Blogpost Nummer 27

In der universitären Wirtschaftswissenschaft lehren und forschen nur wenige Frauen. An der Universität Basel zum Beispiel amten derzeit dreiundzwanzig Professoren und sechs Professorinnen, in Zürich sind zwei von einunddreissig Professuren mit Frauen besetzt, in Bern eine von dreissig.  Monika Bütler, Professorin für Volkswirtschaftslehre an der Universität St. Gallen (HSG), bestätigte  am 25. Juni 2019 im Rahmen einer Veranstaltung, sie sei „tatsächlich die einzige Frau an der HSG auf einem ökonomischen Lehrstuhl“.  

An den Fachhochschulen, wo „angewandte Wissenschaft“ betrieben wird, sieht es etwas besser aus. So ist die Leitung des Departements Wirtschaft der Berner Fachhochschule derzeit mit fünf Frauen und sechs Männern annähernd paritätisch besetzt. Das Departement Wirtschaft der Hochschule Luzern wird von der Psychologin Christine Böckelmann geleitet. Alle Institute dieser Hochschule allerdings befinden sich in Männerhand. 

Und wie sieht es ausserhalb meines Forschungslabors „deutschsprachige Schweiz“ aus?
Das mögen andere herausfinden.

Versuch einer Korrespondenz

Frauen, die sich in Männerbastionen behaupten wollen, haben es schwer. Man sollte sie deshalb nicht zusätzlich mit Genderfragen belasten, denn schliesslich ist Männerdominanz kein Frauenproblem. Ich habe also wohl einen Fehler gemacht, als ich am 12. Februar 2018 einer der wenigen Ökonomieprofessorinnen der Schweizer Szene, die ich hier „Frau Professorin Vielzuviel“ nennen möchte,  per Mail die Frage stellte, was sie von diesem Text halte, in dem ich die seltsam durchdringende Arbeitsteilung zwischen „der Ökonomie“ und „dem Sozialen“, die mich an ein traditionelles Ehepaar erinnert, zum Thema mache.

Die Antwort kam postwendend, noch am selben Tag:

„Vielen Dank für Ihre Nachricht. Ich weiss nicht, ob Ihnen bewusst ist, dass ich (und andere Leute in ähnlichen Positionen) rund zehn bis zwanzig Anfragen pro Woche erhalte(n) von Leuten, die etwas geschrieben oder gemacht haben, und nun Feedback, Input, Kommentare oder Unterstützung von mir suchen. Wenn ich das zusätzlich zu meinen rund sechzig Wochenstunden Arbeit plus Freiwilligenarbeit … alles annehmen würde, bliebe meine Gesundheit und meine Sozialleben in sehr kurzer Zeit auf der Strecke. Ich hoffe, das können Sie bei Ihrem Fokus auf Care verstehen. 
Ich finde es toll und wichtig, wenn sich Menschen wie Sie für soziale Gerechtigkeit einsetzen. Um so mehr macht es mich immer wieder etwas traurig, wenn Leute sagen, sie würden gerne die Volkswirtschaftslehre verstehen, sich dann aber nicht die Zeit nehmen, VWL zu lernen und dann trotzdem Behauptungen darüber machen, was die Volkswirtschaftslehre aussage, zum Beispiel „der Markt werde es richten“. Was Sie in ihrem Text beschreiben, hat sehr wenig mit der Ökonomie zu tun, die ich in meiner Forschung und Lehre tagtäglich erlebe. Ich lade Sie herzlich ein, meinen Kurs aus Auditorin zu besuchen! … (Er) ist auf dem Bachelor Level. 
Falls Sie kommen, können wir uns auch mal gerne nach einer der Vorlesungen zum Kaffee und persönlichen Austausch treffen.

Herzliche Grüsse Prof. Vielzuviel“

Wenn eine, die meine Tochter sein könne, mir zwar bestätigt, mein „Fokus auf Care“ sei „toll und wichtig“, dann aber ausführlich erklärt, weshalb Leute in „Positionen“ leider keine Zeit hätten, sich mit diesen tollen und wichtigen Fragen zu befassen, dann werde ich unverzüglich zur Zicke:

Liebe Frau Vielzuviel,
vielen Dank für Ihre zitierfähige Mail 🙂 Ich werde mir die Freiheit nehmen, mich daraus zu bedienen, sollte es mich eines Tages ankommen, mich zum Thema Wehleidigkeit im akademischen Betrieb zu äussern. Sie dürfen wählen, ob ich dabei Ihren Namen nenne oder lieber nicht.  
Ja, das mag schon sein, dass mein tolles und wichtiges Engagement auf den ersten Blick nicht viel zu tun hat mit dem, was Sie persönlich tagtäglich erleben. Aber Sie sind eine von vielen, und die vielen Mannen in Ihrer Fakultät sind vermutlich auch nicht untätig. So beschäftigt sind diese tollen und wichtigen Leute in tollen und wichtigen Positionen, dass der Dekan Ihrer Fakultät, an den wir im April 2016 eine Anfrage gerichtet haben, trotz fünfmaliger Nachfrage bis heute keine Zeit gefunden hat zu antworten. 
Immerhin sind Sie erheblich schneller, was allerdings langfristig, fürchte ich, Ihrer tollen und wichtigen Karriere schaden und Ihnen, wie Sie richtig zu ahnen scheinen, schon bald eins der bedenklich im Zunehmen begriffenen Burnouts bescheren könnte 🙂
Dass Sie mich als promovierte Sozialethikerin zu einem sicher tollen und wichtigen Kurs auf Bachelor Level einladen, finde ich nett. Vielleicht schaue ich da mal vorbei.
Mit einem herzlichen Gruss von Ina Praetorius“

Am folgenden Tag, dem 13. Februar 2018, schrieb mir Frau Vielzuviel, sie habe von einer, die sich mit Care befasst, mehr Care erwartet. Worauf ich antwortete, es gebe leider immer noch Leute, die meinen, Care in die Mitte der Wirtschaft zu stellen, bedeute, alles einfach ein bisschen weichzuspülen, damit auch ja niemand traurig wird. Mit der Care-centered Economy sei aber etwas anderes gemeint.

Wir bestätigten uns dann noch gegenseitig, dass wir einander herablassend finden. Damit war unsere Korrespondenz beendet. Ich folge Frau Professorin Vielzuviel auf Twitter und schicke ihr ab und zu einen Tweet. Aber sie antwortet mir nicht mehr.

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