Frauen*streikpromenade am 14. Juni 2019

Lange war der 14. Juni in meiner Agenda leer. Ich konnte mich nicht entscheiden, was ich an diesem Tag tun wollte: Zuhause bleiben und fraulenzen? In Wattwil eine WiC-Aktion auf die Beine stellen? In meiner Kantonshauptstadt St. Gallen demonstrieren gehen?

Dann hat am 31. Mai 2019 meine Tochter ihr erstes Kind geboren. Meine Enkelin wohnt in Bern. Das war der wichtigste Grund, warum ich schliesslich entschied: Am 13. Juni mache ich einen Omabesuch. Und am 14. Juni gehe ich auf den Bundesplatz, und zwar um 11 Uhr, wenn dort das Parlament eine Streik*pause einlegt.

Und dann gehe ich streikflanieren.

Das war extrem wunderbar.
Zum Beispiel rauscht auf einmal ein nicht enden wollender Kinderwagenumzug heran:

Dann aber leerten sich zwei Akkus: der emotionale und der vom Smartphone. Glück ist nicht grenzenlos ertrag- und fotografierbar.
Wo lädt man in Ruhe Akkus auf? Im Zug! Ungefähr um eins kaufte ich mir also ein Sandwich und nahm den Zug nach Zürich. Dort stieg ich aus und fuhr mit dem Tram zum Helvetiaplatz. Dort war es heiss und gigantisch und ich traf eine riesige Menge lachender Leute mit Transparenten und Buttons und lila Sachen.

Dann spazierte ich zur Bäckeranlage. Dort war es auch heiss und gigantisch. Auf dem Weg vom einen zum anderen Streikort las ich unzählige Slogans, auf Plakaten, Stickern, an Hauswänden und auf T-Shirts.

Wie gut, dachte ich, dass dieser postpatriarchale Streik sich nicht auf eine „Linie“ geeinigt hat. Denn so wird das Flanieren zu einem Lehrstück der gewaltlosen Vielfalt.

Ein Wort, das ich nicht liebe, las ich besonders oft: „Gleichstellung“. Wenn ich dieses Wort höre oder lese, dann erscheint vor meinem inneren Auge zuverlässig ein wohlbeleibter weisser Mann  auf einem Sofa. Breit lehnt er sich zurück und sagt: „Grossartig! Alle Frauen wollen gleich sein wie ich. Dann muss der Ort, an dem ich schon lange sitze, ein wunderbarer Ort sein!“

Weil ich diesen selbstzufriedenen Mann nicht besonders schätze, aber irgendwie nachvollziehen kann, dass er das Wort „Gleichstellung“ so auffasst, habe ich es mir neu übersetzt, und zwar so, dass der Mann sich von seinem Sofa erheben muss:
Gleichstellung, das ist, wenn Frauen * und Männer* alles, was sie tun – von der Gebärarbeit über die Digitalisierung bis hin zu ‚Finanzprodukten‘ – GLEICHermassen als Sorge für eine lebenswerte Zukunft für alle verstehen.

Als die Akkus sich wieder zu leeren anfingen, beschloss ich, mit dem Tagesticket der VBZ, das ich mir vorsichtshalber gekauft hatte, um mein Streikflanieren nach Bedarf zu beschleunigen, zum Hauptbahnhof zu fahren. Aber das funktionierte nicht, denn nichts ging mehr bei den VBZ in der Innenstadt: Wenn frau will, stehen Bus 31 und Tram 15 und noch viel mehr still. Ich ging also zu Fuss, mit vielen anderen Leuten.

Zurück in Wattwil hatte ich Blasen an den Füssen, und Glück im ganzen Körper. Und ich wünsche mir, dass von jetzt an immer, wenn irgendwo eine wichtige Entscheidung gefällt werden soll, mindestens hundert Frauen* und Männer* und andere mit Töpfen und Deckeln und Transparenten vor der Tür stehen und Lärm machen. Damit man hört und sieht: Wir sind immer noch da!

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