Betriebswirtschaftslehre und Care-centered Economy: Keine Anknüpfungspunkte?

WiC-Blogpost Nummer 33

Am 24. April 2016 habe ich im Namen des Vereins WiC elf Führungspersönlichkeiten der Schweizer Wirtschaftswissenschaft erstmals angeschrieben. Es ging darum, den Stand der Forschung und Lehre zu unbezahlten Care-Tätigkeiten in der Wirtschaftswissenschaft der deutschsprachigen Schweiz zu erfragen. Schon mehrfach haben wir über die lebhafte, inzwischen weit verzweigte, je nach Blickwinkel amüsante oder deprimierende Korrespondenz berichtet, die sich aus diesem ersten Rundschreiben ergeben hat. Eine Auswertung der Umfrage in acht Thesen liegt seit November 2017 vor. Zusätzlich haben wir im Jahr 2017 unsere Fragestellung von einem Team der Fachhochschule St. Gallen bearbeiten lassen.

Anknüpfungspunkte

Auch den damaligen Rektor einer renommierten Lehr- und Forschungsanstalt in der Ostschweiz haben wir am 24. April 2016 kontaktiert. Nachdem wir uns am 24. Mai 2016, am 02. Juli 2016 und am 28. September 2016 nach dem Verbleib unseres Briefes erkundigt hatten, bekamen wir zur Antwort, wir sollten uns an den Leiter der Abteilung Aussenbeziehungen und Qualitätsentwicklung der besagten Lehranstalt wenden. Nach einem klärenden Telefongespräch am 4. Oktober 2016 erhielten wir von diesem eine informative Zusammenstellung einschlägiger Forschungsarbeiten. In These 7 unserer Auswertung schreiben wir dazu, dass wir aufgrund dieser Information „Ansatzpunkte für eine konstruktive Verknüpfung zwischen wissenschaftlich-ökonomischer Forschung und dem Anliegen von WiC, die Ökonomie der unbezahlten Care-Arbeit besser sicht- und verstehbar zu machen“ erkennen. Gleichzeitig mache die Zusammenstellung aber auch deutlich, dass das Anliegen von WiC noch nicht erfüllt sei, da „vorerst keine neuartige ökonomische Theorie angestrebt zu sein (scheint), die alle produktive Arbeit unabhängig vom Massstab Geld/Bezahlung umfasst.“   

Folgeprojekt: Runde Tische zur Zukunft der Care-zentrierten Ökonomie

Unsere Umfrage hat insgesamt einen eklatanten Mangel an wirtschaftswissenschaftlicher Forschung und Lehre zur unbezahlten Care-Arbeit zutage gefördert. Deshalb hat der Vorstand des Vereins WiC zu Beginn des Jahres 2018 ein Projekt „Runde Tische zur Zukunft der Care-zentrierten Ökonomie“ (vgl. Jahresbericht 2018) initiiert. Um für diesen Plan Unterstützung zu gewinnen, haben wir am 9. April 2018 noch einmal dieselben elf Führungspersönlichkeiten der Schweizer Wirtschaftswissenschaft angeschrieben mit der Frage, ob sie sich am Projekt „Runde Tische“ beteiligen würden, mit wenig Erfolg. Der erste Roundtable zur Zukunft der Care-zentrierten Ökonomie hat am Freitag, 25. Januar 2019 in Zusammenarbeit mit der Abteilung Soziale Arbeit der Fachhochschule St. Gallen stattgefunden, leider ohne Beteiligung der elf angeschriebenen Personen und Institutionen. 

Die Comic-Broschüre der Frauen*synode

Weil uns auch der Rektor der besagten renommierten Lehr- und Forschungsanstalt per Mail mitgeteilt hatte, er könne am Runden Tisch nicht teilnehmen, da er sich am 25. Januar 2018 beim World Economic Forum in Davos befinden werde, schickten wir ihm, um das Gespräch nicht abreissen zu lassen, am 12. November 2018 erstmals die damals druckfrische Comic-Broschüre Wirtschaft ist Care der Schweizer Frauen*synode, verbunden mit dem Vorschlag, er möge uns weitere Personen aus seinem Umkreis nennen, die Interesse an unseren Initiativen haben könnten, und mit der Bitte um ein Echo auf die in der Broschüre verhandelten Inhalte. Weil wir auf diesen Brief keine Antwort erhielten, liessen wir dem Empfänger – und gleich auch noch Herrn Prof. Klaus Schwab, dem executive chairman des World Economic Forum – am 27. Februar und am 14. April 2020 nochmals je ein Exemplar der Comic-Broschüre zukommen, verbunden mit einer Einladung zur Siebten Schweizer Frauen*synode „Wirtschaft ist Care“, die inzwischen pandemiebedingt vom 5. September 2020 auf den 4. September 2021 verschoben worden ist. 

Bitte um inhaltliche Auseinandersetzung

Am 21. April 2020 erhielten wir von der angeschriebenen Führungspersönlichkeit zur Antwort, eine Teilnahme an der Frauen*synode sei ihm leider nicht möglich, denn seit dem Ende seiner Tätigkeit als Rektor am 1. Februar 2020 wolle er sich „wieder voll auf Forschung und Lehre“ konzentrieren.
Daraufhin schrieb ich am 23. April 2020:

„Sehr geehrter Herr Professor…, 
vielen Dank für Ihre Mail vom 21. April 2020 …
Bereits am 12. November 2018 hatte ich Sie gebeten, sich zu (unserer) Broschüre zu äussern (Anlage), nachdem Sie sich tags zuvor vom ersten runden Tisch zur Zukunft der Care-zentrierten Ökonomie abgemeldet hatten.  
Seit April 2016 versucht der Verein WiC nun, nicht nur mit Ihnen, sondern mit der Deutschschweizer Wirtschaftswissenschaft ins Gespräch zu kommen. Das ist ein äusserst mühsames, manchmal allerdings auch lustiges Geschäft. Immer wieder dokumentieren wir Zwischenergebnisse unserer Korrespondenzpolitik: hier zum Beispiel, oder hier.

Ja ich weiss, dass Sie nicht mehr Rektor … sind und dass Sie sich jetzt „wieder voll auf Forschung und Lehre“ konzentrieren. Genau deshalb habe ich Ihnen am 27. Februar und am 14. April 2020 noch einmal geschrieben und möchte ich mit Ihnen ins Gespräch kommen. Unsere Recherchen haben nämlich ergeben, dass in der Deutschschweizer Wirtschaftswissenschaft (und darüber hinaus) so gut wie kein Interesse am grössten Wirtschaftssektor besteht: der un- und unterbezahlten Care-Arbeit. Dass sich dies dringend ändern muss, zeigt sich (nicht erst) jetzt in der Pandemiekrise. Ich möchte Sie daher noch einmal herzlich bitten, sich … zu unseren Fragen zu äussern und auch mit Ihren Kolleginnen und Kollegen in ein Gespräch darüber einzutreten. Und ja: auch mit Herrn Professor Klaus Schwab. Wir meinen es ernst: „Wirtschaft ist Care“ wäre ein grossartiges Thema für das World Economic Forum 2021.
Mit herzlichen Grüssen aus dem Home-Office

von Ina Praetorius“ 

Keine Anknüpfungspunkte?

Am 10. Mai 2020 teilte mir mein Korrespondenzpartner noch einmal mit, er habe seine „Tätigkeit auf (s)ein ursprüngliches Forschungsgebiet im Bereich BWL verlagert … (und) sehe deshalb keine Anknüpfungspunkte.“  Ausserdem bat er mich, seinen Namen nicht auf meinem Blog zu erwähnen.
Meine Antwortmail vom 10. Mai 2020 wartet auf Resonanz:

„Sehr geehrter Herr …
sind die unbezahlten Leistungen, die Menschen in Privathaushalten täglich erbringen, damit sie selbst und andere Haushaltsangehörige, zum Beispiel Kinder (das Humankapital der Zukunft) ausserhalb der Haushalte wertschöpfend tätig sein können, nicht auch betriebswirtschaftlich von Interesse? Ich sähe da durchaus Anknüpfungspunkte. 
Ich sagte es bereits: gerade als Forscher und ehemaliger Rektor sind Sie für uns ein wichtiger Gesprächspartner.
Wollen Sie sich nicht doch bei Gelegenheit inhaltlich zu unserer Initiative, speziell zu der Comic-Broschüre, die Sie jetzt in dreifacher Ausfertigung besitzen, äussern?
Selbstverständlich werde ich den geplanten Blogpost zu unserem Brief- und Mailwechsel schreiben, ohne Ihren Namen zu nennen, wenn Sie das so wünschen.
Mit einem herzlichen Sonntagsgruss
von Ina Praetorius“