Der gemeinsame Nenner der Care-Revolution: Wir sind nicht Robinson Crusoe

WiC-Blogpost Nummer 22
Dieser Text ist in leicht veränderter Form unter dem Titel „Deshalb ist Wirtschaft Care“ erschienen in antidotincl. 30/2019 „Who cares?“ S.32f.

Klar kann man immer noch mehr Daten erheben. Und noch mehr und noch mehr. Aber hier in der Schweiz, zum Beispiel, beweist uns die Bundesstatistik schon seit 1997 alle paar Jahre, dass die unbezahlte Care-Arbeit der grösste Wirtschaftssektor ist. Auf der ganzen Welt gibt es inzwischen Database zur Genüge. Wir wissen, wer weltweit wie viel nützliche und unnütze Arbeit verrichtet. Wir können mit diesem Wissen jetzt etwas tun.

Klar können wir unsere Bücherregale mit immer noch mehr Sammelbänden füllen, in denen viele Sozialwissenschaftlerinnen und wenige Sozialwissenschaftler akribisch berechnen, was vor ihnen schon andere erkannt haben und was kürzlich David Graeber in seinem Buch „Bullshit Jobs“ auf eine Kurzform gebracht hat: „Je mehr deine Arbeit anderen nützt, desto schlechter wirst du dafür bezahlt“ (S.196 Übers.I.P.).- Oder aber wir hören auf, Sammelbände zu produzieren. Die liest sowieso nur, wer alles schon weiss. Was kann man stattdessen tun? Slammen, Bloggen, Comics zeichnen, Feste feiern, Polit-Spass haben, die exzellenten wirtschaftswissenschaftlichen Fakultäten stürmen: Her mit dem Geld von UBS, Porsche und Medela! Am besten macht jede, was sie am besten kann und was sie am liebsten tut. Und dann besuchen wir einander und lernen uns kennen.

Klar können Mütter* immer noch mehr einsame Mamablogposts schreiben, in denen sie mit letzter Kraft ihre Wut über Väter* und Verhältnisse in die Welt schreien. – Oder wir beschliessen jetzt alle zusammen, dass die Zeit für die globale Care-Revolution gekommen ist.

Was würde das bedeuten?

In dem 5-Minuten-Film, den Pia Fehle über das zweite Care-Frühstück der Schweizer Frauen*synode gedreht hat, bringt Natascha Wey es auf den Punkt (Minute 2.17-2.34): „Es gibt schon so viel, und die Analyse besteht. Es wird jetzt die Aufgabe sein, diese Analyse wieder sichtbar zu machen. Das geht nur, indem man sich stärker vernetzt.“ Stimmt: Schon in den 1970er Jahren gab es die feministische „Hausarbeitsdebatte“. Dass ohne die tägliche, oft nächtliche Arbeit der damals noch so genannten Hausfrauen der Kapitalismus ebenso  hätten einpacken können wie der real existierende Staatssozialismus, das wussten wir schon vor dreissig Jahren.

Was braucht es, damit heute all die vielen Projekte und Initiativen, die inzwischen in Richtung auf eine Care-zentrierte Politik, Kultur, Wirt*inschaft, Religion und Gesellschaft unterwegs sind, zu einer Bewegung zusammen finden? Ganz einfach: Wir müssen von einander wissen. Manchmal muss dabei die eine* oder der andere* über den eigenen Schatten springen: Doch, auch mit frommen Katholikinnen kann ich als Queerfeminist*in zusammenarbeiten. Ja, Gewerkschafterinnen und Ökofundis können sich einigen. Auch die postpatriarchale Denkerin, die am liebsten am Schreibtisch sitzt und Bücher schreibt, kann noch einmal versuchen, mit dem altlinken Mansplainer ins Gespräch zu kommen.

Menschen sind Teil der Natur, deshalb geht Care alle an

Denn Care ist ein elementares Zukunftsthema. Es geht darum, dass wir unser aller Abhängigkeit akzeptieren: von Luft, Wasser, Boden, Tieren und Pflanzen, und von einander. Wir sind nämlich alle geboren, also geburtlich, und sterblich. Auf Lateinisch heisst geboren werden: nasci. Zwei gängige Fremdwörter leiten sich von diesem Verb ab: Natur und naiv. Stimmt: Menschen sind nicht Herren der Natur, sondern Teil der Natur. Wenn wir Natur zerstören, dann zerstören wir uns selber. Und naiv zu sein bedeutet vorne anzufangen: nicht den wohlversorgten erwachsenen weissen Mann werden wir in Zukunft in die Mitte von allem stellen, auch nicht sein Geld, sondern das neugeborene abhängige wissbegierige Kind. Geld ist ein nützliches Instrument, aber ganz sicher nicht die Mitte der Ökonomie. Die Oiko-Nomia ist nämlich nicht die Lehre vom Geldverdienen, sondern die Lehre vom haushälterischen Umgang mit dem begrenzten Lebensraum Welt.

Dieser Akt einer erneuerten Selbstwahrnehmung ist der gemeinsame Nenner der Care Revolution: Wir sind nicht Robinson Crusoe, sondern fürsorgeabhängig. Alle. Vom ersten bis zum letzten Tag unseres Lebens. Gleichzeitig sind wir frei, die Welt so zu gestalten, dass uns allen wohl ist. Dass wir auch noch Gender, reich, arm, links, liberal, grün, bunt oder religiös sind, spielt irgendwann auch noch eine Rolle, aber erst in zweiter Linie.

Jede* macht, was sie am besten kann und was sie am liebsten tut

Ich selber habe mich entschieden, die Ökonominnen und Ökonomen an ihr Kerngeschäft zu erinnern. Laut Lehrbuch ist es „die Aufgabe der Wirtschaftslehre zu untersuchen, wie die Mittel zur Befriedigung menschlicher Bedürfnisse am sinnvollsten hergestellt, verteilt und ge- oder verbraucht werden.“ (Günter Ashauer, Grundwissen Wirtschaft, Stuttgart 1973, 5). Die Ökonom*innen finden also selbst, dass Care die Mitte allen Wirt*inschaftens ist, im Prinzip jedenfalls. Denn was ist Care anderes als die Befriedigung menschlicher Bedürfnisse? Aufgrund bestimmter historischer Gegebenheiten, die genau untersucht gehören, befasst sich die wissenschaftliche Ökonomie dann aber ungefähr ab Seite 2 ihrer Lehrbücher bloss noch mit Geld. Genauer: mit denjenigen Bedürfnissen, die Menschen befriedigen, indem sie etwas kaufen. Das ist, wie sich inzwischen belegen lässt, weniger als die Hälfte aller Bedürfnisse. Und die notorische Verengung des Blickwinkels führt in die Absurdität: Atombomben gelten dem zünftigen Ökonomen* als Bedürfnisbefriedigung, nicht aber das Mittagessen zuhause. Man muss die Wirtschaftswissenschaft, die Manager*, das wef und so weiter also daran erinnern, was sie zu tun versprochen haben.

Wir, fünf Frauen, haben deshalb im Dezember 2015 den Verein WiC „Wirtschaft ist Care“ gegründet. Im Januar 2016 haben wir die Aktion „Karwoche ist Care-Woche“ ins Leben gerufen. Ab Januar 2019 laden wir Expertinnen und Experten zu runden Tischen ein, die sich mit der Frage befassen sollen, wie Care in der Wissenschaft, in den Medien, in der Pädagogik, in der Politik und so weiter vorkommt und vorkommen soll. Seit Januar 2017 ist die siebte Schweizer Frauen*synode mit demselben Ultrakurzsatz „Wirtschaft ist Care“ unterwegs.

Andere tun anderes: Die deutsche Bewegung Care-Revolution wurde im März 2014 in der Rosa Luxemburg Stiftung zu Berlin gegründet, auf Initiative der Arbeitswissenschaftlerin Gabriele Winker. Sie versteht sich als Sammlungsbewegung und ist, was die Aktionsformen angeht, eher gewerkschaftlich orientiert: Es geht da zum Beispiel um Streiks in Krankenhäusern oder von Kita-Betreuer*innen und Eltern. Aber auch um Theoriebildung: Wie verhält sich die Care-Politik zum bedingungslosen Grundeinkommen? Ist Sexarbeit auch Care? Wie hängen Care und ökologische Politik zusammen? Welche AkteurInnen müssen für gelingende Care-Arrangements welche Beiträge leisten? – In den USA hat die Kulturwissenschaftlerin und Matriarchatsforscherin Riane Eisler die „Caring Economy Campaign“ ins Leben gerufen. Diese Kampagne veranstaltet Webinare für Leute, die sich als Multiplikator*innen betätigen wollen. Auch die International Association for Feminist Economics (IAFFE)  engagiert sich seit ihrer Gründung im Jahr 1990 für  eine angemessene Wahrnehmung von Care in den Wissenschaften und in der Öffentlichkeit.

Und wer ist sonst noch unterwegs? In der Schweiz? Der Katholische Frauenbund, mencaredie Grossmütter-Revolution, WIDE, die Klimaseniorinnen, die Evangelischen Frauen, das Denknetz, das Netzwerk Plurale Ökonomik, die Pflegeinitiative, die SP-Frauen, die CVP-Frauen, das vpod-Netzwerk Respekt und mehr. Alle tun hoffentlich, was sie am besten können und was sie am liebsten tun, und dann treffen wir uns immer wieder und immer öfter und bringen den Paradigmenwechsel voran: für eine Welt, in der alle sich als abhängig und frei zugleich erkannt haben und in der auch unsere Urenkel*innen noch genüsslich Teil einer heilen Natur sein werden.

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