Teilimmun

WiC-Blogpost Nummer 5

Wieder einmal sah ich mich in einem Flugzeug einem Monitor gegenüber. Da lief ein Film, der mir erklärte, mit welcher coolen Airline ich am besten in welche angesagte City fliegen kann, in der ununterbrochen das ultimative Programm abgeht. Just amazing. Plötzlich war da dieses deutliche Gefühl in mir: jetzt, in diesem Moment, bin ich immun. Zwar erzählte der smarte Herr neben mir seinem businessliken Nachbarn von dem family fun, den er gerade in Davos hinter sich gebracht hatte, worauf dieser auf ein einmaliges Five Star Hotel in Porto zu sprechen kam. Da war aber nur noch Langeweile in mir. Nichts als genüssliches Desinteresse. Ich schlief ein und wachte erst wieder auf, als das Flugzeug genau dort gelandet war, wo ich hinwollte.

Grundsätzlich immun gegen die allgegenwärtige Wunscherzeugungsmaschinerie bin ich aber keineswegs. Die Lust, sich anstecken zu lassen vom Lifestyle, kommt immer mal wieder: schnell übers Wochenende nach Rom, von dort direkt zur Konferenz nach Amsterdam. Das hört sich verdammt gut an, und der Boardingpass ist selbstverständlich auf dem Smartphone gespeichert. Gibt es tatsächlich noch Leute, die den zuhause ausdrucken? – Doch: Five stars, Jet Set, Business Lounge sind manchmal echt gut, wie der Kashmirschal aus genau diesem abgefahrenen Laden in Kreuzberg.

Der Kreuzberger Kashmirschal ist nämlich tatsächlich ganz große Klasse. Aus einem einfachen Grund will ich nicht prinzipiell immun werden gegen locations und items, die cooler sind als andere: es gibt tatsächlich Qualitätsunterschiede. Und die wundersamen Zustände, die man mir als quasi zwangsläufige Begleiterscheinungen bestimmter Auto- oder Parfümmarken verkaufen will, gibt es wirklich: Verliebtheit, relaxtes Ewigkeitssinnieren am Strand, Geborgenheit in warmen Wohnstuben… Zwar sind sie in Wirklichkeit fast immer unabhängig von Marken und Käufen, aber es gibt sie doch. Würde ich mir Immunität gegen verlockende Bilder antrainieren, müsste ich mich unempfindlich machen gegen vieles von dem, was das Leben tatsächlich schön macht. Warum sollte ich das tun, bloß weil sich Gelüste instrumentalisieren lassen? Offen will ich bleiben für die Freuden des Lebens, wenn auch vielleicht nicht gerade im Flugzeug vor dem unausweichlichen Monitor.

Dieses Plakat einer Versicherungsgesellschaft zum Beispiel, auf dem eine junge Frau sich vom Regen durchnässen lässt, während sie ihren Schirm schützend über ihr Hündchen hält, es rührt mich. Und ich will, dass es mich rührt. Zwar hat die ironisch überzeichnete Plakat-Hundeliebe vermutlich wenig mit den Geschäftspraktiken der Versicherung zu tun, die meine Rührung benutzt, obwohl ich gar keine neue Versicherung brauche. Das Bild zeigt trotzdem eine Wahrheit, die der Versicherungskonzern nicht zerstören kann: Selbstlose Liebe.

Logo_WiC_rgb

Nein, es wird den Produkteverkäufern nicht gelingen, mich abzustumpfen. Denn allmählich gelingt es mir, die unbewusst bleiben sollende Verbindung zwischen meiner Lust auf Schönheit und bestimmten Käuflichkeiten aufzulösen. Dass es lächerlich ist, anzunehmen, wir müssten alle eine rotgolden eingepackte Schokoladekugel essen, um genussvoll einen Abend im Kreise unserer Lieben zu verbringen, wissen nämlich längst alle. Und niemand glaubt im Ernst, ein Versicherungsagent verhalte sich zu mir wie die junge Frau mit dem Regenschirm zu ihrem Hündchen.

Lasst uns also Bilder vom guten und schönen Leben geniessen, egal wann und wo, egal wer sie uns mit welchen Absichten vorführt. Und lasst uns auch die Souveränität geniessen, die es bedeutet, hier und jetzt in diesem Flugzeug genüsslich immun zu sein gegen die Lüge, es sei anderswo cooler als da, wo genau dieses Flugzeug, aus dem ich gerade ausgestiegen bin, hingeflogen ist.