Und noch ein Steinchen im Care-Mosaik

Zu: Monica Budowski, Ulrike Knobloch und Michael Nollert (Hrsg.), Unbezahlt und dennoch Arbeit, Zürich (Seismo) 2016

WiC-Blogpost Nummer 8

Wer sich für die Anerkennung unbezahlter Arbeit engagiert, stößt irgendwann mit Logik auf die Frage, was unbezahlte Arbeit überhaupt ist: Wie lässt sie sich begrifflich fassen, wie statistisch erheben? Welche Kategorien unbezahlter Arbeit sollten sinnvollerweise unterschieden werden? Wer verrichtet welche Art unbezahlter Arbeit zu welchem Zweck und mit welcher Motivation? Wie lässt sich unbezahlte Arbeit in Geldwerten beziffern, wie lässt sich die durch sie realisierte Wertschöpfung berechnen?

Gäbe es noch keine Antworten auf solche Fragen, die Forderung nach Anerkennung unbezahlter Arbeit hinge in der Luft. Es gibt aber Antworten, wenn auch noch kaum aus der Ökonomie, sondern vor allem  aus den Sozialwissenschaften, und einige von diesen Antworten sind in dem soeben erschienenen Sammelband  „Unbezahlt und dennoch Arbeit“ nachzulesen. Zwar geben die Artikel nicht den neuesten Stand der Forschung wieder, denn die Ringvorlesung an der Universität Fribourg (Schweiz), die der Sammelband dokumentiert, hat bereits im Jahr 2012 stattgefunden. Zwar ist die Lektüre von Forschungsberichten nicht unbedingt ein Lesegenuss. Zwar beschränken sich einige der vorgestellten Forschungsprojekte ausdrücklich auf die Schweiz und lassen sich nicht ohne weiteres auf andere Kontexte übertragen. – Die Aufsätze zu lesen ist dennoch auch für Nichtfachleute ein Gewinn, denn sie geben Einblick in die Denkwerkstätten empirischer Sozialforschung, die sich aufgemacht hat, die „gigantische Schattenwirtschaft“ zu erschließen, die „bei entsprechender Bezahlung rund 40 Prozent des Bruttoinlandprodukts ausmachen würde.“

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Eine informative Einleitung zeichnet die Geschichte der wachsenden Aufmerksamkeit für unbezahlte Arbeit – von der feministischen Hausarbeitsdebatte der siebziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts bis zu den ausgearbeiteten care-ökonomischen Entwürfen unserer Zeit – nach. Die Wirtschaftsethikerin Ulrike Knobloch bemüht sich mit ihrer Skizze einer integrativen „Wirtschaftstheorie bezahlter und unbezahlter Arbeit“ um einen Theorierahmen, der an die Stelle der von ihr so genannten gängigen „Tischlein-deck-dich-Ökonomie“ treten kann. Veerle Miranda berichtet vergleichend über Zeitbudgetstudien und Care-Politiken in den OECD-Ländern. Jacqueline Schön-Bühlmann, die Leiterin des Moduls „Unbezahlte Arbeit“ im statistischen Bundesamt der Schweiz, erläutert die Methoden, Kriterien und Probleme der statistischen Erfassung unbezahlter Arbeit in der Schweiz seit 1997.  Shahra Razavi, UNO-Sozialforscherin, zeigt anhand vergleichender Studien zur Care-Arbeit in Entwicklungsländern eindrücklich auf, wie wichtig die Einbeziehung des unbezahlten Sektors für eine realistische weltweite Politik gegen Ungleichheit und für ein gutes Leben aller ist. Monica Budowski und Sebastian Schief von der Universität Fribourg fassen ein Projekt zusammen, das anhand qualitativer Interviews die Organisation der Kinderbetreuung in Spanien, Costa Rica und Chile ermittelt. Markus Zürcher, Generalsekretär der Schweizerischen Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften, stellt das Projekt einer umfassenden „Generationenpolitik“ vor, das die Zerstückelung in diverse Politikbereiche wie Familien-, Renten- und Arbeitsmarktpolitik beenden könnte. Martin Gasser und Sarah Kersten berichten über ihr Forschungsprojekt zur Beteiligung Schweizer Väter an der Kinderbetreuung. – Der letzte Teil des Buches ist der Freiwilligenarbeit gewidmet, die zwar nur einen geringen, allerdings für den Zusammenhalt moderner Gesellschaften ebenfalls relevanten Teil der unbezahlten Arbeit darstellt: Isabelle Stadelmann-Steffen und Anita Manatschai führen anhand einer Darstellung des Schweizer „Freiwilligen-Monitors“ in die unterschiedlichen mehr oder weniger formellen Formen dieser Art Arbeit ein. Markus Gmür, Professor für das Management von Nonprofit- Organisationen, zeigt, wie sich durch organisatorische Maßnahmen das Engagement von Freiwilligen systematisch gestalten und optimieren lässt. Der Soziologe Marc Herkenrath schließlich berichtet über eine Umfrage unter den Teilnehmenden der Weltsozialforen 2005 und 2007 und über das zuweilen von Interessenkonflikten gezeichnete Verhältnis von Freiwilligenarbeit in kapitalismuskritischen sozialen Bewegungen und etablierten Nichtregierungsorganisationen. 

Aus vielen kleinen und größeren Mosaiksteinen, von denen dieses Buch mit den in ihm vorgestellten Forschungsprojekten nur einer ist, ergibt sich allmählich ein Gesamtbild des unbezahlten Sektors der Ökonomie, das langfristig weder die Wirtschaftswissenschaften noch die „großen“ Medien werden ignorieren können.