Das Patriarchat geht jetzt auch in der französischen Soziologie zu Ende…

Zu: Eric Macé, L’Après-Patriarcat, Paris (Seuil) 2015, 172 Seiten

Wie geht das eigentlich zu mit dem Ende des Patriarchats? Hört die uralte Ordnung in bestimmten Teilen der Welt anders auf als in anderen? Wie genau? Welchen Widerstand setzen patriarchale Scheinselbstverständlichkeiten in wessen Interesse dem Neuen entgegen, und worin besteht das Neue? Welche Widersprüche erzeugt der mehr oder weniger heftige Zusammenprall patriarchaler mit postpatriarchalen Orientierungen in konkreten Personen, Alltagen und Institutionen rund um den Globus? Wie lassen sich solche Widersprüche im Sinne eines guten Zusammenlebens situations- und zukunftsgerecht auflösen?

Dass bestimmte Fragen an der Zeit sind, zeigt sich oft daran, dass sie an verschiedenen Orten unabhängig voneinander gestellt werden: Nachdem in Italien schon im Jahr 1996 ein Text mit dem programmatischen Titel „Il patriarcato è finito“ („Das Patriarchat ist zu Ende“) erschienen ist, nachdem sich im deutschsprachigen Raum allmählich ein „postpatriarchales Denken“ etabliert, hat im Februar 2015 der französische Soziologe Eric Macé einen Essay mit dem Titel „L’Après-Patriarchat“ („Das Nach-Patriarchat“) in die Welt gesetzt. Darin entwickelt er ein gesellschaftstheoretisches Modell des ausgehenden Patriarchats, in dem sich die fällige Forschung zur Transformation des traditionellen Patriarchats in seine modernen und modernisierten Nachfolger und schließlich in die vielfältigen zeitgenössischen Formen eines nachpatriarchalen Zusammenlebens verorten kann:

Das traditionelle Patriarchat

Den Begriff „Patriarchat“ und seine Definition übernimmt Macé den feministischen Analysen und Debatten der vergangenen Jahrzehnte (33), ohne sich allerdings mit der in der Frauenbewegung häufig gestellten Frage aufzuhalten, was „vorher“ war. Wie viele Feministinnen setzt er als Ausgangspunkt seiner Analysen ein „traditionelles Patriarchat“ („patriarcat traditionnel“, 35- 42), das sich zwar in unterschiedlichen kulturspezifischen Varianten zeigt, aber eine gemeinsame Grundstruktur aufweist: Eine hierarchisierend-substantialistische Interpretation der menschlichen Zweigeschlechtlichkeit erscheint als Bestandteil einer durch Mythen und Institutionen abgesicherten dualistischen Kosmologie – und damit als eine von vielen miteinander korrespondierenden, vermeintlich zeitenthobenen symbolischen Asymmetrien: Als unveränderliches Über- bzw. Unterordnungsverhältnis vorgestellt ist das Mann- und Frausein in traditionellen Patriarchaten mit dem umgebenden Weltbild ebenso eng verbunden wie mit verwandtschaftlichen und ökonomischen Austauschregeln, die das Überleben der jeweiligen Gesellschaft ermöglichen und für deren Aufrechterhaltung im Sinne einer (scheinbar) geschichtslosen „göttlichen“ Wahrheit es daher einst gute Gründe gab.

Moderne und modernisierte Patriarchate

Vom europäischen 16. Jahrhundert an, also mit dem Beginn dessen, was man „die Moderne“ nennt, zerbricht laut Macé die Selbstverständlichkeit umfassender Theo- und Kosmologien, und damit auch die vermeintlich unhinterfragbare göttliche Gegebenheit der Überordnung des „Männlichen“ über das „Weibliche“: Wissenschaft, Politik und Wirtschaft distanzieren sich von dieser Zeit an irreversibel von den nur vermeintlich ewigen Wahrheiten der institutionalisierten Religion und bilden autonome Bereiche mit je eigenständigen Rationalitäten: die Religion wird zu einem kulturellen Sektor unter vielen; ihre vermeintlich ewigen Wahrheiten werden als historisch relative, veränderbare Setzungen erkannt; den prämodernen Über- und Unterordnungsverhältnissen treten neue Ideen – die unverlierbare Menschenwürde, die Gleichheit aller Menschen vor Gott und vor dem Gesetz, die menschliche Gesellschaft als Vertrag – entgegen; scheinbar notwendige Hierarchien werden als ungerechtfertigte Ungleichheiten erkennbar; die nur vermeintlich evidente Verbindung von Biologie und kultureller Zuschreibung zerbricht. Insofern die Modernisierung mit der kolonialen Ausbreitung des Okzident zusammenfällt, kann sich in der Folge keine Gesellschaft mehr im strengen Sinne als traditionell verstehen, denn alle sind mit dem Verlust der ehemals als Einheit empfundenen Welt auf die eine oder andere Weise konfrontiert: rund um den Globus bilden sich „multiple Modernitäten“(43) mit unterschiedlichen Geschlechterarrangements, zunächst fast überall moderne beziehungsweise modernisierte Patriarchate, deren Protagonistinnen und Protagonisten die alte Ordnung durch „wissenschaftliche“ Argumente zu retten versuchen. Weil sich solche Argumente aber je länger je mehr als unhaltbar erweisen, entsteht schliesslich, was Macé das „Après-Patriarcat“ nennt: ein unübersichtliches Ensemble aus vielfach medial gespiegelten Geschlechterarrangements, in denen sich unterschiedliche Logiken mischen und – alltagspraktisch oft schmerzhaft und schwer verständlich – miteinander in Konflikt geraten – mit offenem Ausgang.

Vergleichende Forschung zu postpatriarchalen Geschlechterarrangements

Der vergleichenden Erforschung solcher postpatriarchaler Arrangements einen konzeptionellen Rahmen zu bieten und ihr fruchtbare Schlüsselfragen vorzuschlagen, ist das eigentlich Anliegen des Buches von Eric Macé: Wie verhalten sich in einem gegebenen Kontext rechtliche Bestimmungen zu tatsächlichen Lebensbedingungen zu ökonomischen Teilhabechancen zu medialen Einflusssphären? Wie stark sind individuelle Identitäten von sozialen Bewegungen zur Entdualisierung der Geschlechter einerseits, von modernisiert patriarchalen Ideologien andererseits geprägt? Wie wirken sich Migration, interkulturelles und –religiöses Zusammenleben auf die postpatriarchale Transformation aus? Welche mehr oder weniger kreativen Lösungen finden Menschen in unterschiedlichen Lebenslagen und -formen für die Widersprüche, in die sie durch die Überlagerung von faktisch noch in Geltung stehender geschlechtsspezifischer Arbeitsteilung und universellen Gleichheitsansprüchen geraten?

Vielleicht ist Eric Macés Modell etwas zu eurozentrisch, zu modernezentriert geraten? Vielleicht hat er zu wenig bedacht, dass das traditionelle Patriarchat sich nachweisbar schon in der griechischen Antike und in biblischer Zeit gegen anders geartete Ordnungsvorstellungen verteidigen musste? Vielleicht entgehen ihm dadurch Einsichten in eine Brüchigkeit, die das Patriarchat seit jeher kennzeichnet und die „traditionelle“ Anknüpfungspunkte für transformatorische Praxis bieten könnten? – Einen anregenden, zukunftsträchtigen und wohl auch empirisch praktikablen Impuls hat er mit seiner entschiedenen Zuwendung zu den von diversen Frauenbewegungen seit langem zur Diskussion gestellten Fragen allemal geliefert. Eine zügige Übersetzung dieses innovativen Essays in andere Sprachen wäre wünschenswert.

21. April 2015

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