Dreckarbeit – eine Spurensuche

Es gibt Wörter, die sind einfach da. Niemand erforscht sie, niemand analysiert sie. Im deutschen Sprachraum definiert einzig der „Duden“ solche Wörter, denn er hat sich verpflichtet, die deutsche Sprache „objektiv ab(zu)bilde(n).“ – Die meisten Leute benutzen die unerklärten Wörter dennoch mit Selbstverständlichkeit und nehmen zu Recht an, irgendwie verstanden zu werden.

Und dann entsteht plötzlich eine Konstellation, die ein Wort neu positioniert: so, dass es zu einem interessanten, einem nicht mehr selbstverständlichen Wort wird. Eine Debatte beginnt.

„Dreckarbeit“ ist ein solches Wort. Oder soll ich „Drecksarbeit“ sagen? Schon dieser Moment des Zauderns, welches Wort das richtige sei, zeigt: Da ist etwas aus einer Gewohnheit herausgefallen. Ein Wort hat angefangen, sich gegen die Geläufigkeit des alltäglichen Sprechens zu sperren: Dreckarbeit oder Drecksarbeit? Oder beides, oder beides nicht? Was ist die Differenz? Warum? Und was meinen wir überhaupt?

Die Debatte um das bedingungslose Grundeinkommen als Ort, neu über Dreckarbeit nachzudenken

Mit der neuen Konstellation, die das Wort „Dreckarbeit“ verrückt hat, meine ich die internationale Debatte um das bedingungslose Grundeinkommen. Ich bin in diese Debatte um die Jahrtausendwende eingetreten. Im Jahr 2004 haben wir, die bezogen-freie AutorInnengruppe „Gutesleben“ einen Text zum Thema geschrieben und mehrfach publiziert. Im Jahr 2012 bin ich Mitglied im Komitee der „Eidgenössischen Volksinitiative für ein bedingungsloses Grundeinkommen“ geworden. Seither hat sich meine Beteiligung an dieser Debatte deutlich intensiviert. Am 3. Oktober 2013 haben wir – nach einer intensiven Zeit des Argumentierens und Streitens – die Volksinitiative mit ungefähr 120.000 beglaubigten Unterschriften in Bern eingereicht. Damit ist sie vorerst in die Welt der offiziellen politischen Gremien eingetaucht. Voraussichtlich wird das Schweizer Stimmvolk im Herbst 2016 über die Initiative abstimmen, also darüber, ob jede in der Schweiz wohnhafte Person vom ersten bis zum letzten Lebenstag bedingungslos eine gewisse Summe Geld bekommen soll, mit der er oder sie sich ein bescheidenes Leben leisten kann.

Um die laut Verfassung nötigen 100.000 Unterschriften für die Initiative zu sammeln, sind viele Leute, darunter auch ich, stunden-, tage- und wochenlang auf der Straße gestanden, um mit den Leuten zu sprechen, die gerade vorbeikamen. Das war eine anstrengende, gleichzeitig faszinierende und befriedigende Arbeit. Denn das Projekt Grundeinkommen macht, dass die Leute wie von selbst auf die grundlegenden philosophischen Fragen des Menschseins zu sprechen kommen: Wofür leben wir? Was ist eigentlich „Arbeit“, was „Leistung“? Ist Geld alles, oder vielmehr nichts? Wie merke ich, wann ich genug habe? Welche Tätigkeiten brauchen wir als Gesellschaft, auf welche könnten wir verzichten? Sind Menschen geborene Faulpelze oder eher Workaholics? Haben wir eine unantastbare Würde, oder ist der erste Artikel der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte leeres Geschwätz?

Eine der Fragen, die ich beim Unterschriften Sammeln und bei Veranstaltungen zum „bGE“ unzählige Male gehört und besprochen habe, ist nun eben diese: „Wenn alle genug zum Leben haben, ohne zum Arbeiten gezwungen zu sein, wer macht denn dann die Dreckarbeit?“ Oft habe ich nachgefragt: „Was meinen Sie denn mit ‚Dreckarbeit’?“ – In gefühlt achtzig Prozent aller Antworten auf diese Frage, kam der Begriff „Kloputzen“ vor. „Kloputzen“ scheint für viele Menschen der Inbegriff von Dreckarbeit zu sein. Aber da gab es natürlich noch mehr: „Windeln wechseln zum Beispiel, und zwar weniger bei Babies als bei alten Leuten“. Es kamen auch Berufsbezeichnungen in den Antworten vor: Straßenreiniger, Klempner, Putzfrau…, oder dann: „Die wirkliche Dreckarbeit ist Finanzspekulation, Waffenproduktion, Atommüllentsorgung.“ Und mit diesen exemplarischen Antworten auf meine Frage bin ich schon mitten im Thema.

Zunächst werde ich mich dem Begriff annähern, erst über ein paar authentische zeitgenössische Stimmen, dann über eine kleine Auswahl literarischer Texte. Danach werde ich mich mit der Frage befassen, weshalb und wie wir so selbstverständlich zwischen guter und schlechter, interessanter und lästiger Arbeit, oder eben: sauberer Arbeit und Dreckarbeit unterscheiden. Den Schluss des Textes bilden neun Thesen, die zum Weiterdenken anregen sollen.

Spurensuche 1: eine informelle Umfrage

Manche sagen „Dreckarbeit“, andere „Drecksarbeit“. Gibt es einen signifikanten Unterschied? Sowohl im aktuellen Duden als auch in der Neuausgabe des „Wahrig“ aus dem Jahr 2006[1] finden sich beide Wörter. „Dreckarbeit“ ist laut Duden online einerseits „niedere, unbeliebte Arbeit (für die sich bestimmte Leute zu gut dünken)“, andererseits „Schmutz verursachende Arbeit“. „Drecksarbeit“ ist definiert als „Arbeit, die jemand verabscheut“. Es scheint also einerseits um realen Schmutz zu gehen, wobei sich die Folgefrage aufdrängt, was denn realer Schmutz oder Dreck eigentlich ist. Andererseits scheint es um individuelle oder kollektive Bewertungen zu gehen: um „Abscheu“ zum Beispiel.

Um einen persönlichen Eindruck vom aktuellen Sprachgebrauch zu bekommen, habe ich eine kleine Umfrage in der Facebook-Gruppe „Dreckarbeit – eine Spurensuche“ gestartet. Diese Gruppe haben ein paar interessierte Menschen gegründet, nachdem wir uns im Sommer 2013 an der ersten Denkumenta zu einem einschlägigen Workshop zusammengefunden hatten. Meine Impulsfrage hiess so: „Könntet ihr eine Person (oder gern auch mehrere) fragen, was sie unter „Dreckarbeit“ versteht? Und dann die Antworten (samt Geschlechts- und ungefährer Altersangabe) hier hinposten?“

Meine Umfrage bestätigt, dass einige Leute einen Unterschied zwischen Dreckarbeit und Drecksarbeit machen. Haben sie wohl, bevor sie meine Frage beantwortet haben, den Duden konsultiert? – Da wird zum Beispiel ein 48jähriger Mann zitiert:

„Dreckarbeit ist: Putzen, Klo saubermachen, Müllabfuhr, alles was mit Schmutz wegmachen und Abfallentsorgung zu tun hat. Im Unterschied zur „Drecksarbeit“, mit der man alle möglichen Arbeiten bezeichnet und negativ bewertet.“

Auch Leute, die nicht zwischen Dreck- und Drecksarbeit unterscheiden, kommen im Allgemeinen schnell darauf zu sprechen, dass der Begriff mindestens zwei Seiten hat: Einerseits bezeichnet er den Umgang mit realen, unappetitlichen, meist stinkenden und oft feuchten Stoffen. Aufgezählt werden neben dem notorischen Kloputzen: Erdarbeiten, Müllabfuhr, Entrümpeln, Arbeiten mit Blut und Fäkalien, Kanal- und Bergbauarbeiten, Straßenbau, Arbeit im Stall. Eine Frau verweist ausdrücklich auf die Wichtigkeit des Geruchs: Ihrer Meinung nach heißt Arbeit vor allem dann „Dreckarbeit“, wenn sie mit stinkenden Substanzen, zum Beispiel Scheiße oder Leichen, in Berührung kommt.

Andererseits wird das Wort „Dreck“ im übertragenen Sinne gebraucht. Es bezieht sich dann auf alles Mögliche, das als negativ, abstoßend, unmoralisch oder empörend gekennzeichnet werden soll, zum Beispiel eben: Finanzspekulation, Korruption, Fließbandarbeit oder umweltschädigende Praktiken.

Eine Variante der metaphorischen Verwendung des Begriffs ist der Bezug auf die notorisch ungerechte beziehungsweise nicht vorhandene Honorierung bestimmter notwendiger Tätigkeiten. Diese Tätigkeiten kommen nicht unbedingt mit realem Schmutz in Berührung, sondern werden zur Dreckarbeit durch ihr geringes Ansehen, das sich oft in mangelhafter oder ausbleibender Bezahlung ausdrückt. So schreibt zum Beispiel eine 49jährige Frau:

„Dreckarbeit ist Arbeit, die mit der Entsorgung von schmutzigen und/oder stinkenden Dingen zu tun hat, z.B. die Arbeit von Müllmännern und Klofrauen. Zur Dreckarbeit wird sie aber (erst) durch die negative Bewertung, denn auch als Gärtner oder Automechaniker bekommt man schmutzige Hände, da wird es aber nicht abgewertet.“

Ein fünfzehnjähriger Jugendlicher fasst diesen Aspekt so zusammen:

„Dreckarbeit: 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche bei schlechter Bezahlung.“

Immer wieder wird in den Gesprächen über Dreckarbeit auf explizite oder implizite Hierarchien verwiesen. Sie scheinen zwischen „höheren“ und „niedrigen“ Tätigkeiten zu bestehen, und gleichzeitig zwischen den Menschen, die sie ausführen beziehungsweise delegieren. Eine fünfzigjährige Frau definiert so:

„Es gibt zwei unterschiedliche Arten von Drecksarbeit. Einmal die Arbeit, die sich mit der Beseitigung von Dreck befasst, wie Putzen, Müllabfuhr und so weiter. Dann wird (aber) auch von Drecksarbeit gesprochen, wenn jemand für jemand anderen die „Drecksarbeit“ im übertragenen Sinne erledigt, zum Beispiel unmündige jugendliche Drogenkuriere leisten die ‚Drecksarbeit’ für ihre Auftraggeber.“

Hier steht das Ungleichgewicht der Beziehungen im Vordergrund: eine asymmetrische und deshalb potentiell gewalthaltige Beziehung macht die Arbeit der oder des Ausführenden zur Drecksarbeit. „Dreck“ entsteht also dadurch, dass „oben“ jemand befiehlt und kontrolliert, während „unten“ jemand unter Druck ausführt, was nötig ist, was der Boss aber nicht selber machen will. Der Chef „macht sich die Finger nicht schmutzig“. Das heißt: er oder sie profitiert, beutet aus und lässt andere die Folgen des eigenen zweifelhaften Tuns ausbaden. Eine 75jährige Frau findet für diese Art der erniedrigenden Arbeit ein Bild:

„Dreckarbeit ist Arbeit, die jemand tatsächlich oder symbolisch auf den Knien vor anderen rutschend erledigen muss.“

Die vielen Leute, die sagen, „die wirkliche Dreckarbeit“ sei aber doch Spekulation oder Korruption, drehen die Hierarchie polemisch um: Der wirkliche Dreck, also der wirkliche Schaden fürs Gemeinwohl entstehe „oben“, auf den sauberen Chefetagen, dort wo man nach edlem Rasierwasser duftet. Man kennt den Spruch: „Geld stinkt nicht“.

Ein 56jähriger Mann bringt eine neue Sichtweise ein: Dreckarbeit sei…

„…Einstellungssache; manchmal einfach notwendig und unumgänglich; wenn man es gemacht hat, war’s (dann aber) gar nicht so schlimm.“

Diese Sicht der Dinge verweist darauf, dass bestimmte Dinge mit Notwendigkeit getan werden müssen: Dass Menschen und Tiere scheißen, zum Beispiel, ist eine unabschaffbare Tatsache, weshalb sich auch entsprechende Reinigungsarbeiten nicht vermeiden lassen. In herrschaftsförmigen Verhältnissen, zum Beispiel in Sklavenhalter- oder Kastengesellschaften, werden diese Arbeiten mit Selbstverständlichkeit nach „unten“ delegiert. So hat die indische Schriftstellerin Arundhati Roy kürzlich darauf hingewiesen, dass Mahatma Gandhi in diesem Sinne die Kastengesellschaft befürwortet hat:

„Gandhi sagt, die Kasten seien das Geniale an der indischen Zivilisation. Jeder sollte bei seinem ererbten Beruf bleiben. Die Unberührbaren – Balmiki oder Banghi, wie er sie nannte – sollten lebenslang die Scheiße anderer wegräumen. Dies sei ihre göttliche Pflicht!“

In egalitären Gesellschaften hingegen können oder müssen die unbeliebten Reinigungsarbeiten zur „Einstellungssache“ werden, denn da ist niemand mehr, kein Sklave, keine Mutter, keine Ehefrau, keine Hausangestellte, an den oder die sich die Dreckarbeit per allgemein akzeptierter Ordnung delegieren ließe. Tatsächlich scheinen viele Leute dann die Erfahrung zu machen, dass es, wenn man das Unvermeidliche selbst getan hat, „gar nicht so schlimm“ war.

Zum Abschluss meines ersten Kategorisierungsversuchs möchte ich einen Mann zitieren, der eine Extremsituation beschreibt, von der ich meine, dass kaum jemand sie nicht als Dreckarbeit und Drecksarbeit wahrnehmen würde:

„Frühmorgens, mit dem Nachtzug am Bahnhof in Kochin/Kerala angekommen: noch ist es viel zu früh, in die Stadt zu gehen. Wir sitzen auf Bahnsteig 1. Auf dem Gleis steht ein durchreisender Zug. Während seines Aufenthalts hört man immer wieder die Toilettenspülung. Es ergießt sich auf die Gleise. Als der Zug abgefahren ist, laufen Frauen mit Schaufeln und Eimern durch den Gleisgraben: sie müssen die Exkremente beseitigen.“

Spurensuche 2: Dreckarbeit in der Literatur

 Was tut die neugierige Person, nachdem sie eine solche erste Klärung erreicht hat? Sie wendet sich der Literatur zu, hier und jetzt zunächst der „Schönen Literatur“: Ich habe meine persönlichen, in mehreren Jahrzehnten gefüllten Bücherregale auf die Frage hin durchsucht, was sie zum Thema „Dreckarbeit“ zu bieten haben. So ist vorerst ein kleiner Stapel Karteikarten gewachsen, aus denen ich einige auswähle.

„Über die Berge hob sich die Sonne, leuchtete in klarer Majestät in ein freundliches, aber enges Tal und weckte zu fröhlichem Leben die Geschöpfe, die geschaffen sind, an der Sonne ihres Lebens sich zu freuen…
In der Mitte der sonnenreichen Halde hatte die Natur einen fruchtbaren, beschirmten Boden eingegraben; mitten drin stand stattlich und blank ein schönes Haus, eingefasst von einem prächtigen Baumgarten, in welchem noch einige Hochäpfelbäume prangten in ihrem späten Blumenkleide; halb stund das vom Hausbrunnen bewässerte üppige Gras noch, halb war es bereits dem Futtergange zugewandert. Um das Haus lag ein sonntäglicher Glanz, den man mit einigen Besenstrichen, angebracht Samstags abends zwischen Tag und Nacht, nicht zu erzeugen vermag, der ein Zeugnis ist des köstlichen Erbgutes angestammter Reinlichkeit, die alle Tage gepflegt werden muss, der Familienehre gleich, welcher eine einzige unbewachte Stunde Flecken bringen kann, die, Blutflecken gleich, unauslöschlich bleiben von Geschlecht zu Geschlecht, jeder Tünche spottend.
Ein reges Leben bewegte sich um das schöne Haus. In des Brunnens Nähe wurden mit besonderer Sorgfalt Pferde gestriegelt, stattliche Mütter, umgaukelt von lustigen Füllen; im breiten Brunnentroge stillten behaglich blickende Kühe ihren Durst, und zweimal musste der Bube Besen und Schaufel nehmen, weil er die Spuren ihrer Behaglichkeit nicht sauber genug weggeräumt…
Langsam und gebeugt ging an einem Hakenstock der Großvater um das Haus, sah schweigend dem Treiben der Knechte und Mägde zu, streichelt hier ein Pferd, wehrte dort einer Kuh ihren schwerfälligen Mutwillen, zeigte mit dem Stecken dem unachtsamen Buben noch hier und dort vergessene Strohhalme und nahm dazu fleißig aus der langen Weste tiefer Tasche das Feuerzeug, um seine Pfeife … wieder anzuzünden…“[2]

Jeremias Gotthelf lässt hier die Dreckarbeiten – den Hof fegen, Pferde striegeln, Kuhscheiße entsorgen… – als Tätigkeiten erscheinen, die sich einer harmonischen Schöpfungsordnung einfügen. Das Haus (stattlich, blank, schön, im sonntäglichen Glanz), der Garten, der Brunnen, die Haustiere sind Teil des geordneten Kosmos. Auch die Menschen mit ihrer tätig-kultivierenden Sorge um das Wohlergehen der Gemeinschaft gehören dazu, allerdings nur, solange sie gemäß dem überlieferten Moralgesetz leben: Der „Bube“ putzt, der Großvater ist berechtigt, ihm zu zeigen, wo noch Dreck liegt, ohne selbst Hand anlegen zu müssen. Gemäßigte Hierarchie, Vorrang des Alters entspricht der „Familienehre“, und damit auch der natürlichen Ordnung, nicht aber, wie sich im späteren Verlauf der Erzählung zeigt: Zwangsherrschaft, Missgunst oder das Ausgrenzen von Randständigen. Solche Übertretungen führen zur Zerstörung der guten Ordnung, wie der Großvater, indem er die alte Geschichte vom zerstörerischen Wesen der schwarzen Spinne erzählt, der versammelten Taufgesellschaft mahnend in Erinnerung ruft.

„IHR Sauberkeitsinstinkt ist unheimlich empfindlich. Schmutzige Leiber bilden einen harzigen Wald ringsumher. Nicht nur der körperliche Schmutz, die Unreinlichkeit gröbster Sorte, die sich den Achselhöhlen und Schößen entringt, der feine Uringestank der Greisin, das aus dem Leitungsnetz der Adern und Poren strömende Nikotin des Greises, jene unzählbaren Haufen von Nahrung billigster Qualität, die aus den Magen heraufdünsten; nicht nur der fahle Wachsgestank des Kopfschorfs, des Grinds, nicht nur der haardünne, doch für den Geübten durchdringende Gestank von Scheißemikrotomen unter den Fingernägeln – Rückstände der Verbrennung farbloser Nahrungsmittel, jener grauen, ledrigen Genußmittel, wenn man es Genuß nennen kann, die sie zu sich nehmen, peinigen IHREN Geruchssinn, IHRE Geschmacksknospen – nein, am schlimmsten trifft es SIE, wie sie einer im anderen hausen, sich einer den anderen schamlos aneignen. Einer drängt sich sogar noch in die Gedanken des anderen hinein, in seine innerste Aufmerksamkeit.
Dafür werden sie bestraft. Von IHR. Und doch kann sie sie niemals loswerden. Sie reißt an ihnen, schüttelt sie wie ein Hund seine Beute. Und dennoch wühlen sie ungefragt in ihr herum, sie betrachten IHR Innerstes und wagen zu behaupten, dass sie nichts damit anfangen können und dass es ihnen auch nicht gefällt! Sie wagen ja auch zu behaupten, dass ihnen Webern oder Schönberg nicht gefällt.
Die Mutter schraubt, immer ohne vorherige Anmeldung, IHREN Deckel ab, fährt selbstbewusst mit der Hand oben hinein, wühlt und stöbert. Sie wirft alles durcheinander und legt nichts wieder an seinen angestammten Platz zurück. Sie holt etliches nach kurzer Wahl heraus, betrachtet es unter der Lupe und wirft es dann weg. Anderes wieder legt die Mutter zurecht und schrubbt es mit Bürste, Schwamm und Putztuch ab. Es wird dann energisch abgetrocknet und wieder hineingeschraubt. Wie ein Messer in eine Faschiermaschine.“[3]

Hier ist das schöne Zusammenspiel aus vorgegebener Natur und menschlicher Kultur zerstört: Elfriede Jelinek setzt vor dem Hintergrund einer neurotischen Mutter-Tochter-Beziehung genüsslich Dreck in all seinen Ekeldimensionen in Szene. Den Dreck weg machen, das heißt jetzt: das Körperliche, das Sexuelle zurückdrängen, zwanghaft sortieren, die Andere bis ins Innerste kontrollieren wollen. Woher rührt solchePervertierung? Der Roman “Die Klavierspielerin“ gibt auf diese Frage nur verschlüsselt Antwort.

Gott
ich preise dich
mit dem Beutel Staub
den ich von Sofa und Boden gesaugt habe

mit dem Berg Geschirr
der unter meinen Händen wieder Glanz annimmt
zur nächsten Mahlzeit

mit dem Seifenschaum
auf eingezogenen Hälsen

mit Salbenfingern
auf Babies Popo

mit Pflaster
auf zerschundene Bubenknie

mit der Hand auf dem sandigen Struwwelkopf
von Schluchzen geschüttelt

mit Wadenwickeln
auf fieberheiße Haut

ich preise dich
mit meinen zwei Händen
voll Dreck und Abwasch und Windelkot
und Tränen und Trost
und Notwendigkeit
deiner Welt“[4]

Dieses „Gebet einer Nur-Hausfrau“ steht in einem feministisch-theologisch inspirierten Sammelband aus dem Jahr 1987. Diesseits des feministischen Protests gegen angemaßte Herrschaft und demütigende Kontrolle formuliert eine Hausfrau den Sinn ihres Tuns als Co-Kreation: als schöpferische Tätigkeit im Sinne der „Notwendigkeit deiner Welt“. Sie wendet sich dabei an GOTT. Hat sie, die im Sinne der alten Tradition des „Ora et labora“ und des „weltlichen Gottesdienstes“ den Dienst an den Nächsten antwortlich übernimmt, keine andere Gesprächspartnerin? Sind die Menschen, mit denen sie lebt, ist die Gesellschaft, in der sie tätig ist, taub?

Spurensuche 3: Die symbolische Ordnung

Naturwissenschaftlich gesehen gibt es keinen Dreck, sondern nur Materie in unterschiedlichen Zusammensetzungen. Dass Menschen Materie unterschiedlich empfinden – als angenehm, neutral oder abstoßend -, steht hingegen außer Zweifel. Empfinden aber verschiedene Menschen dasselbe als dreckig? Ist es möglich, kulturübergreifend festzulegen, was dreckige und was saubere Arbeit, was Gestank und was Wohlgeruch ist?

Ob es Gerüche gibt, die von allen Menschen, unabhängig von ihrer Kultur, ihrem Alter und ihrer Persönlichkeit als unangenehm empfunden werden, ist umstritten. Florian Werner berichtet in seinem Buch „Dunkle Materie. Die Geschichte der Scheisse“ von Versuchen des amerikanischen Verteidigungsministeriums, eine Substanz zu entwickeln, die bei allen Menschen ohne Ausnahme Ekel auslöst. Zwar scheint es schließlich gelungen zu sein, mit der „stench soup“ eine Waffe zu entwickeln, die feindliche Personen jeglicher Kulturzugehörigkeit durch ihren unerträglichen Gestank außer Gefecht setzt. Allerdings scheinen dafür komplizierte Synthesen von Stoffen nötig gewesen zu sein, die natürlicherweise nicht in Kombination auftreten.

Die Bewertung von Gerüchen scheint darüber hinaus historischen Wandlungen zu unterliegen:

„Neben dem Geruch der eigenen Scheiße galt … bisweilen auch der Kotgeruch von anderen Menschen oder von Tieren als wohlriechend, anregend, ja geradezu heilsam. So … führte man (z.B. im England des 19. Jahrhunderts IP) die gute Konstitution jener Menschen, die sich professionell mit der Beseitigung der städtischen Fäkalien beschäftigten, auf deren beständiges Inhalieren von Kotdämpfen zurück.“[5]

Dass Menschen, obwohl es Dreck und Gestank „objektiv“ nicht zu geben scheint, dennoch mit großer Sicherheit zwischen sauberer und dreckiger Arbeit unterscheiden, scheint also weniger in objektiv feststellbaren Tatsachen als in symbolischen Bewertungen begründet zu sein. So ist im Westen schon seit mehr als 2000 Jahren eine symbolische Ordnung dominant, die eine deutliche Grenze zwischen höheren, geistigen, körper- und geruchlosen, mit Freiheit, Männlichkeit und Herrschaft konnotierten und niedrigen, materiellen, abhängigen, mit „Weiblichkeit“ assoziierten Sphären nicht nur zieht, sondern in der Natur verankert und damit zu verewigen sucht (mehr dazu hier.). Diese Ordnung scheint aus dem Wunsch bestimmter Menschen hervorgegangen zu sein, die eigene Körperlichkeit zugunsten einer imaginierten immateriellen Existenz zu verdrängen und die Arbeit an der Befriedigung unabschaffbarer körperlicher Bedürfnisse entsprechend nach „unten“ zu delegieren:

„Das Herrschen und Dienen gehört nicht nur zu den notwendigen, sondern auch zu den zuträglichen Dingen… Denn die Seele regiert über den Körper in der Weise eines Herrn und der Geist über das Streben in der Weise eines Staatsmannes oder Fürsten… Desgleichen ist das Verhältnis des Männlichen zum Weiblichen von Natur so, dass das eine besser, das andere geringer ist und das eine regiert und das andere regiert wird. .. Es ist also klar, dass es von Natur Freie und Sklaven gibt und dass das Dienen für diese zuträglich und gerecht ist.“[6]

Zwar hat es immer denkende Menschen gegeben, die dieser Ontologisierung herrschender und dienender, höherwertiger und niedriger Tätigkeiten Widerstand entgegengesetzt haben. Trotzdem hat die Vorstellung, bestimmte Arbeiten seien dreckiger als andere und müssten von Menschen erledigt werden, die natürlicherweise zum Dienen bestimmt seien, auch die europäische Aufklärung mit ihren Proklamationen einer gleichen, angeborenen Würde aller Menschen überdauert. Heute zeigt sich das Beharrungsvermögen der abgestuften Metaphysik zum Beispiel daran, dass es immer noch als normal gilt, Frauen die unbezahlten Tätigkeiten in Privathaushalten – das Kloputzen zum Beispiel – zu überlassen, solche Tätigkeiten überdies nicht als „Arbeit“ im ökonomischen Sinne zu betrachten, Frauen noch dazu, wenn sie (zusätzlich) Erwerbsarbeit leisten, schlechter zu bezahlen als Männer und „Karrierefrauen“ mit großer Selbstverständlichkeit im Haushaltsbereich durch Migrantinnen zu ersetzen. Auch dass im rohstoffreichen Afrika Menschen dunkler Hausfarbe unter unwürdigen Bedingungen die Mineralien fördern, die zur Herstellung der nur scheinbar sauberen digitalen Kultur unverzichtbar sind, ruft keine Empörung hervor, die stark genug wäre, solche Zustände zu verändern. Im Gegenteil: wenn solche Menschen sich aus nachvollziehbaren Gründen auf den Weg in Weltteile machen, die auch ihnen ein „höheres“ Dasein versprechen, werden sie nicht selten selbst als „Dreck“ bezeichnet und behandelt.

Neun Thesen zur menschenwürdigen Reorganisation sogenannter Dreckarbeit

Jeremias Gotthelf hat wohl dennoch Recht, wenn er eine co-kreative menschliche Kultur im Prinzip für möglich hält, die sich dem vorgegebenen Natürlichen, von dem sie ein Teil ist, so einordnet, dass beides nicht nachhaltig geschädigt wird. Allerdings braucht es, damit eine solche Kultur entstehen kann, die Kritik der immer noch dominanten zweigeteilten symbolischen Ordnung, die bestimmten Menschen und menschlichen Tätigkeiten einen „höheren“, scheinbar unabhängigen Status „oberhalb“ des Natürlichen zuweist, und Arbeiten, die sich mit der unabschaffbaren Körperlichkeit allen Lebens befassen, als „niedrig“,„dreckig“ und ökonomisch irrelevant definiert, in die Unsichtbarkeit verdrängt oder der Verachtung preisgibt. Die folgenden neun Thesen zur menschenwürdigen Reorganisation sogenannter Dreckarbeit wollen zum Weiterdenken in diesem Sinne anregen:

  1.  Alle Menschen sind Teil der Natur. Dass sie hervorbringen, was man „Kot“, „Stuhl“, „Fäkalien“ oder „Scheiße“ nennt, ist, bei aller Sehnsucht nach reinigender Vergeistigung, unumgänglich, da Bestandteil der conditio humana.
  2. Entsprechend lassen sich Tätigkeiten, die sich mit der Verarbeitung und/oder Entsorgung von Scheiße und anderen zuweilen als unangenehm oder ekelhaft empfundenen Stoffen – Urin, Leichen, Erde, Dung, Müll… – befassen, nicht vermeiden.
  3. Insofern „arbeitsteiliges Wirtschaften … eine gesellschaftliche Veranstaltung zur Befriedigung menschlicher Bedürfnisse der Lebenserhaltung und der Lebensqualität“[7] ist, sind solche Tätigkeiten Teil der Ökonomie (Oiko-Nomia), und zwar unabhängig davon, wer sie wann wo und unter welchen Bedingungen verrichtet und ob sie in den Geldkreislauf einbezogen sind oder nicht.
  4. Die Tätigkeiten zur Befriedigung menschlicher Bedürfnisse der Lebenserhaltung und der Lebensqualität lassen sich verschieden organisieren. Bis heute wirkmächtig sind Organisationsformen, die auf der aristotelischen Metaphysik mit ihrer Dichotomisierung der Welt in „höhere“ (geistige, freie, „männliche“…) und „niedere“ (körperliche, abhängige, „weibliche“…) Sphären beruht: Sklavereien, Patriarchate, Kolonialismen etc.
  5. Weil moderne Rechtsstaaten auf der Achtung der allgemeinen und gleichen Menschenwürde beruhen, müssen sich Praktiken, die weiterhin an diese Metaphysik und die ihr eigene Delegation der sogenannten „Dreckarbeit“ in abhängige Sphären anknüpfen, neu legitimieren. Sexistische, rassistische und xenophobe Diskurse, die bestimmte Angehörige der menschlichen Gattung als natürlicherweise für bestimmte „niedere“ und „höhere“ Tätigkeiten prädestiniert ausgeben, erleben deshalb ständig Neuauflagen. Eine andere Möglichkeit, die Delegation der Scheiße nach „unten“ trotz proklamierter Egalität aufrechtzuerhalten, besteht darin, sie diskursiv auszublenden, sie zum Beispiel aus der wissenschaftlichen Ökonomie auszuschließen und in Diskursen über „Familie“,„Soziales“, „Lebenswelt“ oder „Dritte Welt“ verschwinden zu lassen.
  6. Die mit der Verarbeitung und/oder Entsorgung von sog. „Dreck“ verschiedenster Art befassten Tätigkeiten müssen aber nicht notwendigerweise abgewertet, verdrängt und an Menschen delegiert werden, die sie in Abhängigkeit und/oder unter Zwang zu verrichten haben. Sie können auch ans Licht gebracht und menschenwürdig organisiert werden. So schlagen zum Beispiel Befürworterinnen und Befürworter des bedingungslosen Grundeinkommens drei Möglichkeiten zur Neuorganisation der „unbeliebten“ Tätigkeiten vor: Erstens: Jede und jeder macht sie selber. Für Arbeiten im öffentlichen Raum koordinieren wir uns in der Nachbarschaft. Die zweite Möglichkeit ist, dass wir die unangenehmen Arbeiten den Maschinen und Robotern überlassen. Denn einige dieser Arbeiten würden sich rationalisieren lassen. Die dritte Möglichkeit ist die Aufwertung dieser Arbeitsplätze…“[8]
  7. Diese drei Vorschläge sind ein Anfang. Sie lassen allerdings außer Acht, dass Gruppen von Menschen, denen man Jahrhunderte oder gar Jahrtausende lang eingeredet hat, sie seien zur Verrichtung bestimmter Tätigkeiten von Natur aus prädestiniert, solche ideologischen Konditionierungen nicht schon dadurch ablegen, dass man ihnen rechnerisch plausible Alternativen präsentiert, zumal dann nicht, wenn gleichzeitig die ideologischen Diskurse, die ihre Unterordnung legitimieren, ungebrochen weitergeführt werden.
  8. Jede Neuordnung des Ökonomischen, unabhängig davon, ob sie als „Sozialpolitik“, „Familienpolitik“, „Bewegung für ein bedingungsloses Grundeinkommen“, „Care-Revolution“ oder was auch immer etikettiert ist, muss daher eine tiefgehende Kritik all der Diskurse enthalten, die im Anschluss an die aristotelische Metaphysik (und verwandte symbolische Ordnungen, etwa die konfuzianistische oder die indische Kastenlehre) die allgemeine und gleiche Würde aller Menschen durch ideologische Zuschreibungen bestimmter „natürlicher Anlagen“ unterlaufen. Ein wichtiges Element dieser notwendigen Kritik ist die bewusste Fokussierung auf ausgeblendete, vernachlässigte, tabuisierte Sphären der Ökonomie, etwa im Rahmen einer neuen systematischen Disziplin „Scheißologie“.
  9. Die Debatte um das bedingungslose Grundeinkommen wird nur dann den aktuellen tatsächlichen Lebensbedingungen aller Menschen gerecht, wenn sie begleitet ist von einer Kritik der zweigeteilten symbolischen Ordnung und einer bewussten Fokussierung auf unterbewertete, unsichtbare gemachte, unbezahlte Tätigkeiten: auf Dreckarbeit im weitesten Sinne.

Anmerkungen

[1] Wahrig Deutsches Wörterbuch 8. vollst. neu bearbeitete und aktualisierte Auflage, Gütersloh/München 2006.

[2] Jeremias Gotthelf, Die schwarze Spinne (1842), in: Joachim Klaiber Hg., Schweizer Erzählungen, Calw 1958, 7-39, hier: 7f.

[3] Elfriede Jelinek, Die Klavierspielerin, Reinbek bei Hamburg 1983, 23f.

[4] Helga Schultes-Piccon, Gebet einer Nur-Hausfrau, in: Anneliese Lissner, Du lässt dich finden in uns selbst. Mit neuen Worten beten, Freiburg 1987, 38.

[5] Florian Werner, Dunkle Materie. Die Geschichte der Scheiße, München 2011, 46f.

[6] Aristoteles, Politik, übersetzt und herausgegeben von Olof Gigon, München 1973, 52-54.

[7] Peter Ulrich, Integrative Wirtschaftsethik,. Grundlagen einer lebensdienlichen Ökonomie, Bern/Stuttgart/Wien, 4. vollständig neu bearbeitete Auflage 2008, 11.

[8] Christian Müller, Daniel Straub, Die Befreiung der Schweiz. Über das bedingungslose Grundeinkommen, Zürich 2012, 78.