Care und das Reformationsjahr 2017

WiC-Blogpost Nummer 2

Am 26. Januar 2016 habe ich das inzwischen schon recht bekannte Postkartenset Karwoche-ist-Carewoche an Margot Käßmann geschickt. Margot Käßmann amtet zur Zeit als Botschafterin der Evangelischen Kirche in Deutschland für das Reformationsjubiläum 2017. Nachdem ich mich am 7. und am 17. Februar per Mail erkundigt hatte, ob die Postkarten angekommen seien, bekam ich diese Antwort aus dem Berliner Sekretariat:

Liebe Frau Praetorius, danke für die Informationen. Ich selbst bin Botschafterin für das Reformationsjubiläum, das heißt, ich kommuniziere die Inhalte in Deutschland und den Partnerkirchen im Ausland und habe dafür lediglich eine einzige Mitarbeiterin. Die Vorbereitung der Durchführung des Jubiläumsjahres liegt in der Hand der Vereins ‚Reformationsjubiläum 2017’ e.V., den EKD und DEKT vor drei Jahren gegründet haben. Dorthin leite ich die Materialien und Anregungen gern weiter. Mit freundlichem Gruß, Margot Käßmann
i.A. Sibille Reiner, Sekretariat der Botschafterin des Rates der EKD für das Reformationsjubiläum 2017, Evangelische Kirche in Deutschland, Charlottenstraße 53 – 54, 10117 Berlin

Mich gelüstet, diese lange Erklärung über die arbeitsteilige Funktionsweise der Vorbereitung des Reformationsjubiläums noch ein wenig zu verlängern und in Frageform zu setzen: Ist Margot Käßmann die Botschafterin der Evangelischen Kirche in Deutschland für die Kommunikation der Inhalte des eingetragenen Vereins der Evangelischen Kirche in Deutschland und des Deutschen Evangelischen Kirchentags zur Planung der Durchführung des Reformationsjubiläums in Deutschland und in den Partnerkirchen im Ausland?

In der Zeitung „Die Welt“ ließ die Botschafterin am 21. Dezember 2015 verlauten, sie „befinde sich momentan in der entspanntesten Phase ihres Lebens“ und sei „so frei wie nie zuvor“, wolle aber dennoch „in drei Jahren in Frührente gehen,“ und „beruflich komme danach nichts mehr für sie in ihrer Kirche in Frage.“ Was will uns das sagen?

Googeln verkürzt die Wartezeit

Was die Idee, die Karwoche als Carewoche zu begehen, im Verein zur Vorbereitung der Durchführung des Reformationsjubiläums, an den die einzige Mitarbeiterin der Botschafterin der Evangelischen Kirche in Deutschland für das Reformationsjubiläum die siebzehn Postkarten #karwocheistcarewoche weitergeleitet hat, ausrichten wird, weiß ich noch nicht. Um mir die Wartezeit zu verkürzen, habe ich mich heute Morgen auf eine virtuelle Reise zum Thema „Reformationsjubiläum“ begeben:

Auf der Webseite der evangelischen Landeskirche in Württemberg erfahre ich zum Beispiel, dass das „Pop-Oratorium Luther“ am 21. Januar in Stuttgart zu Gast war. – In Zürich teilt man mir mit, ich dürfe im Online-Reformationsshop „Artikel rund um die Feier des Reformationsjubiläums“ erst ab einem Mindestbestellwert von 10 Franken beziehen, der Versand von Gratisbroschüren und Brillenputztüchern allerdings sei schon in geringeren Mengen möglich. Im Online-Shop sind Zwinglitassen, beschriftete Gel-Handwärmekissen und etwas, das sich „Re-Förmchen“ nennt, im Angebot. – Die Webseite r2017.org sucht „Freiwillige mit Leidenschaft und Schaffenskraft“ und kündigt einen „Europäischen Stationenweg“ an: ein Reformations-Truck soll von November 2016 bis Mai 2017 zahlreiche historische Stätten anfahren, wo dann jeweils „überraschende Inszenierungen“ stattfinden werden. Auch in meiner Nähe, in Wildhaus, dem Geburtsort Huldrych Zwinglis, wird die gewiss den lahmenden Toggenburger Tourismus beflügelnde Karawane vorbeiziehen, was mich irgendwie ehrt. – Die Webseite des gesamtschweizerischen Reformationsjubiläums bietet ein grünes „R“ als Bastelbogen und als Foto-App an, mit der man „alltägliche Momente in R-Momente“ verwandeln“ und „mit jedem Foto für einen guten Zweck“ spenden kann. „Pro 500 hochgeladene Bilder beteiligt sich der Schweizerische Evangelische Kirchenbund an der Spendenaktion mit 2000 Franken.“

Nach ungefähr zwanzig Minuten lasse ich vom Surfen ab und versuche zu erspüren, welche Gefühle die virtuelle Reformationsjubiläumsaktionsüberblickstour in mir erzeugt hat. Da ist etwas zwischen Belustigung, Mitleid und Ratlosigkeit.

Care und das Transformationsjahr

Vor ungefähr 500 Jahren fragte Martin Luther: „Wie kriege ich einen gnädigen Gott?“ Ich übersetze mir das so: „Wie kann ich mich als Person angenommen fühlen, ohne mir LIEBE (1 Joh 4,8) durch Leistungen erkaufen zu müssen?“

Zu Beginn des sechzehnten Jahrhunderts hatte die seltsame Idee, Menschen müssten ihre Existenzberechtigung dem GROSSZÜGIGEN UMUNSHERUM – genannt „Gott“ – beweisen, die Form des Ablasshandels angenommen: Jedermann, der seine Chance auf LIEBE und einen Platz im Himmel erhöhen wollte, musste dem Transzendenzverwaltungsverein – genannt „Kirche“ – eine Art Liebes- und Ewigkeitsabsicherungssteuer bezahlen. Dagegen lehnten sich die Reformatorinnen und Reformatoren auf, und so entstand, was wir im Jahr 2017 feiern werden.

Martin Luther wusste, dass er sich nicht selbst hergestellt hatte und dass er vom ersten bis zum letzten Tag seines Lebens abhängig war. Wovon? Eben nicht von den selbsternannten Gottverwaltern seiner Zeit. Sondern von ETWAS, das er, wie seine Vorfahrinnen und Vorfahren „Gott“ nannte. – Wovon also? Von einem undefinierbaren WOHLWOLLEN, von Wasser, Luft und Erde und allem, was sie hervorbringen, davon, dass seine Älteren ihn nicht hatten sterben lassen, als er noch klein und hilflos war, davon, dass die meisten Menschen um ihn herum in Freiheit weitergaben, was sie von IRGENDWOHER bekommen hatten. Davon also, dass die Leute im Allgemeinen so lebten, wie der Reformator es in seiner Schrift „Von der Freiheit eines Christenmenschen“ in der Sprache seiner Zeit präzise ins Wort gesetzt hat:

Sieh, so fließt aus dem Glauben die Liebe und die Lust zu Gott und aus der Liebe ein freies, williges, fröhliches Leben, den Nächsten umsonst zu dienen.

Zu nähren, was mich nährt, das Notwendige zu tun, damit es allen Menschen in einer guten Welt gut gehen kann, das nennen Ökonominnen heute Care. Jesus, das wissen wir alle, hat Care gelebt. Und Care, die freie Zuwendung mit oder ohne „finanzielle Anreize“ ist es, was ungefragt geborene und sterbliche Menschen damals wie heute wie morgen und übermorgen ununterbrochen brauchen: Geflüchtete ebenso wie Jugendliche, Bankerinnen und Babies, Kranke wie Gesunde und Alte und Mütter und Väter und ich und du…

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Lieber Verein…

Liebe Frauen und Männer, die ihr euch vor drei Jahren von der Evangelischen Kirche in Deutschland und vom Deutschen Evangelischen Kirchentag zur Planung der Durchführung des Reformationsjubiläums habt wählen lassen, um selbige Durchführung des Reformationsjubiläums in Deutschland und den Partnerkirchen im Ausland zu planen und durch eine eigens dafür bestimmte und bezahlte Botschafterin zu kommunizieren: sind die Postkarten, in denen der soeben neu gegründete Verein WiC (Wirtschaft ist Care) vorschlägt, die Karwoche versuchsweise als Carewoche zu begehen, inzwischen angekommen?