Nach der Denkumenta

Achtzehntes Gespräch über das bedingungslose Grundeinkommen

Beate Fehle: Und? Wie war die Denkumenta?

Ina Praetorius: Was soll ich sagen? Spektakulär, da unspektakulär? Da waren ungefähr siebzig Frauen und zwei Männer zusammen und haben alles Mögliche durch einander getan. Wir haben gestrickt, gewebt, gesungen, gedacht, gelacht, geschwiegen, getanzt und wieder gedacht und gelacht. Wir sind gewandert: durchs Labyrinth, durch die wunderschöne Vorarlberger Landschaft, durchs Kneippbecken und von Workshop zu Vortrag zu Film zum Essen ins Bett ins Café… Wir haben nicht rumgezickt und nicht über Nebensächliches geredet. Also zum Beispiel nicht darüber, ob das alles hier nun eigentlich „politisch“ oder „religiös“, „intellektuell“ oder „abgehoben“ oder sonstwas ist. Wir haben einander zugehört und uns in unserer Verschiedenheit gelten lassen, Junge und Alte und Fromme und Künstler und Linke und Anarchistinnen und noch viel mehr. Und das bedingungslose Grundeinkommen war, wie alle anderen Themen auch, wunderbar eingebettet ins Geflecht unserer ABC-Wörter, zu denen sich noch viele andere dazu gesellt haben. Es war einfach grossartig.

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Beate Fehle: Und der Workshop mit dir und Martha Beéry-Artho über das Grundeinkommen?

Ina Praetorius: Der war ein Teil des grossen Ganzen, und hier steht ungefähr, was wir gemacht haben. Martha hat so wunderbar erzählt von ihren Gefühlen, ihrer präzisen Theorie, vom Warten und Bangen und Nervössein, von Entschlossenheit und Müdigkeit und von der Freude am Erfolg. Und jetzt warten wir darauf, dass das Bundesgericht über ihre Beschwerde, also über die Rüge der UBI an die TV-Arena entscheidet. Der Termin ist noch nicht bekannt. Aber jetzt haben viel mehr Leute begriffen, worum es geht und wie wichtig diese Sache ist. Mindestens ebenso wichtig wie die Einreichung der Volksinitiative…

Beate Fehle: … am 4. Oktober in Bern. Wirst du hingehen?

Ina Praetorius: Vermutlich. Vielleicht werden wir eine grössere Gruppe sein, vielleicht eine kleine. Vielleicht werden wir eine Clownin dabei haben, vielleicht ein Plakat, auf dem steht: „Bedingungsloses Grundeinkommen nur mit einer anderen Ökonomie!“ oder so was Ähnliches…

Beate Fehle: Warum schreibt ihr nicht „Kein bedingungsloses Grundeinkommen ohne Care-Ökonomie“?

Ina Praetorius: Weil mir der Begriff „Care-Ökonomie“ je länger je weniger angemessen erscheint. Der hört sich so an, als wollten wir an den bestehenden ökonomischen Mainstream einen Spezialbereich „anhängen“. Darum geht es aber nicht. Es geht um ein Neudenken der ganzen Ökonomie, ausgehend vom Satz „Wir sind alle fürsorgeabhängig„. Im ABC nennen wir es „Wirtinschaft“. Aber dieser Begriff ist noch zu wenig eingeführt, um ihn auf dem Bundesplatz den Medienleuten vor die Nase zu halten.

Beate Fehle: Warum schreibt ihr auf das Plakat nicht „Wir sind alle fürsorgeabhängig“?

Ina Praetorius: Das wäre auch eine Idee. Vielleicht nehmen wir aber gar kein Plakat mit, sondern gehen einfach so hin, um zu schauen. Vielleicht informieren wir auch vorher ein paar ausgewählte Medienleute, dass die Debatte über die „ergebnisoffene Forschungsfrage“ Grundeinkommen, von der die GötzwerneristInnen so gerne reden, ohne sie zu führen, nicht nur ein Werbeslogan ist, sondern tatsächlich existiert. Vielleicht singen wir auch ein Lied…

Beate Fehle: Die postpatriarchale BGE-Szene hat also keinen klaren Plan für den 4. Oktober?

Ina Praetorius: Wer weiss? 🙂 Und übrigens ist ein interessantes neues Buch erschienen. Schon der Titel „Teil der Lösung“ zeigt, dass da eine Debatte Fortschritte gemacht hat. Besonders zukunftsweisend finde ich den Text von Antje Schrupp mit dem schlichten Titel „Erkennen, was notwendig ist“. Sie macht sich systematische und kreative Gedanken über den Begriff, der in Zukunft die Debatte um das Grundeinkommen ebenso prägen wird wie die „Freiheit“. Bemerkenswert ist auch der Beitrag der Österreicherinnen Margit Appel, Luise Gubitzer und Lieselotte Wohlgenannt, die das Grundeinkommen in einen sehr breiten ökologischen Rahmen stellen. Viel gelernt habe ich vom scharfsinnigen Ingmar Kumpmann, der sich grundsätzliche Gedanken darüber macht, nach welchen Kriterien Einkommen überhaupt verteilt werden kann – und soll – und wie die in den vergangenen Jahren gewachsene Ungleichheit ursächlich mit der Finanzkrise von 2008 zusammenhängt. Es gibt auch ein paar weniger gute Texte in diesem kleinen Buch, das ist normal…

Beate Fehle: Was hast du als Nächstes vor? Wie geht’s nach der Denkumenta weiter?

Ina Praetorius: Noch vor dem 4. Oktober gibt es eine Veranstaltungsreihe im Romerohaus in Luzern. Das ist eine Gelegenheit, sich ausführlich darüber auszutauschen, in welche Richtung wir jetzt, nachdem die Initiative zustande gekommen ist, gehen wollen. Ich bin vor allem gespannt auf die Gespräche mit Béatrice Bowald, Dagmar Paternoga, Ueli Mäder und Monika Stocker am Samstag, 28. September. Wer sich für eine konstruktive, vieldimensionale Weiterführung der Debatte interessiert, soll da einfach hinkommen. Auch auf der Denkumenta hatten wir viele Ideen, die wir jetzt in aller Ruhe weiter entwickeln werden. Da geht es natürlich eher um die internationale Szene. Und dann: der Bundesgerichtsentscheid! Sollte es eine öffentliche Verhandlung in Lausanne geben, fahren wir hin…

Beate Fehle: Das hört sich alles so an, als gehöre die Volksinitiative jetzt endgültig nicht mehr dem Initiativkomitee, sondern dem Volk.

Ina Praetorius: Ja. Jetzt sind wir alle dran und gefragt.

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