Warum und wie der Handlungsansatz „Wirtschaft ist Care“ mit dem Denken der Geburtlichkeit zusammenhängt

Referat an der Tagung „Global Caring“ der FAM in der Münchner Seidlvilla
Samstag, 7. Oktober 2017

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

Ich werde meine Redezeit heute nutzen, um etwas zu tun, das schon länger fällig ist: Ich werde den Denkansatz „Wirtschaft ist Care“ zusammenführen mit dem Denken der Geburtlichkeit. Mit beidem bin ich schon länger unterwegs. Beides gehört zusammen. Wie und warum, das will ich erklären.

Die These heisst:

Die organisierende Mitte des Denk- und Handlungsansatzes „Wirtschaft ist Care“ ist nicht unser aller Fähigkeit, für einander, für uns selbst und für die Welt zu sorgen. Die Mitte ist unser aller Bedürftigkeit. Aus ihr ergibt sich die schöne Notwendigkeit von Care als Einstellung und als Tätigkeit. – Die eigene Bedürftigkeit anzuerkennen, ohne sich ihrer zu schämen, und sie mit Freiheit zusammenzudenken, gelingt dann am besten, wenn ich mich an meinen Anfang erinnere: die Geburt. Und wenn wir  der Geburtlichkeit einen angemessenen Ort in der symbolischen Ordnung geben. 

Wirtschaft ist Care: der Denkansatz

Ich habe den Denkansatz „Wirtschaft ist Care“ vorerst im gleichnamigen Heft der Heinrich Böll Stiftung entfaltet. Weiterentwickelt und in Aktionen umgesetzt wird er seit Dezember 2015 in einem Verein, der ebenfalls „Wirtschaft ist Care“ heißt, in Vorträgen und Veranstaltungen und in Kurztexten auf meinen Blogs: DurchEinAnderBlog und ConFusion. Auch die siebte Schweizer Frauensynode, die im Jahr 2020 stattfinden wird und sich als synodaler Prozess versteht, trägt den Namen „Wirtschaft ist Care“.

Ausgangspunkt der Denkbewegung ist die allgemein akzeptierte Definition von Ökonomie als Theorie und Praxis der Befriedigung menschlicher Bedürfnisse (vgl. „Wirtschaft ist Care“ S. 9). Setze ich diese Definition als Maßstab, so ist unplausibel, dass alle (mir bekannten) Lehrbücher der Wirtschaftswissenschaft ihren Gegenstandsbereich ungefähr ab Seite zwei mehr oder weniger strikt und zumeist ohne Begründung auf geldvermittelte Tauschakte verengen. Denn es ist offensichtlich, dass auch unbezahlte Tätigkeiten menschliche Bedürfnisse befriedigen können und tatsächlich befriedigen. Bisher hat mir noch niemand widersprochen, wenn ich sage, dass viele der heute vor allem unbezahlt geleisteten Tätigkeiten – Kochen, Waschen, Putzen in Privathaushalten  zum Beispiel – sogar offensichtlicher zum Gegenstandsbereich der Ökonomie zählen als etwa die Herstellung von Talkshows, Werbespots, Streubomben oder Anti-Ageing-Kosmetik. Hingegen haben schon etliche Leute mich als „naiv“ bezeichnet, wenn ich die Einbeziehung aller bedürfnisbefriedigenden Tätigkeiten in die wissenschaftliche Ökonomie fordere. Mit dem Begriff der Naivität sind wir schon nahe beim Denken der Geburtlichkeit. Denn „naiv“ heißt wörtlich: „zur Geburt gehörig, geburtlich“.  Dazu später mehr.

Der bei weitem größte Teil der unbezahlten Tätigkeiten wird heute in Privathaushalten geleistet und fällt unter die Kategorie, für die sich inzwischen der Begriff „Care“ oder „Care-Ökonomie“ etabliert hat. Quantitativ handelt es sich dabei, wie zum Beispiel das Schweizerische Bundesamt für Statistik seit zwanzig Jahren nachweist, um etwa die Hälfte des gesamten geleisteten Arbeitsvolumens. Im Jahr 2013 wurden in der Schweiz 14 Prozent mehr unbezahlt als bezahlt gearbeitet. Hätte man alle Arbeit bezahlt, so hätten Frauen 241 Milliarden Franken verdient, Männer immerhin noch 159 Milliarden. Dass Care-Leistungen vom Mainstream der so genannten „Ökonomie“ nicht als Arbeit anerkannt werden, führt nicht nur dazu, dass sie nicht angemessen honoriert, sondern auch dass sie kaum erforscht und medial und politisch nicht angemessen repräsentiert werden.

Die Zahlen auf der ganzen Welt sind, nach allem, was wir inzwischen wissen, vergleichbar. Setze ich sie in Beziehung zur allgemein akzeptierten Definition von Wirtschaft, so ergibt sich eine massive erklärungsbedürftige Diskrepanz, und aus dieser Diskrepanz ergibt sich eine Frage, die ich vor allem an die hochdotierte akademische so genannte „Ökonomie“, aber auch an uns alle richte: Warum lassen Ökonominnen und Ökonomen den größten Wirtschaftssektor, die unbezahlte Care-Arbeit unbeachtet, obwohl sie ihr Fachgebiet als Theorie und Praxis der Befriedigung menschlicher Bedürfnisse verstehen? Warum hindert sie bis heute kaum jemand an dieser eigenartig reduktionistischen Sicht- und Vorgehensweise? Warum fordert kaum jemand dafür eine Rechtfertigung?

Im ersten Kapitel des Essays beantworte ich diese Fragen. Ich unternehme dafür eine Reise in die europäische Geistesgeschichte. Mit der aristotelischen Metaphysik fange ich an. Als Theologin bin ich es gewöhnt, die Geschichte nicht erst im 19. Jahrhundert mit Hegel und Marx oder mit der Industrialisierung oder mit der Neuzeit beginnen zu lassen, sondern quer durch die Jahrhunderte zu denken. Nicht nur in diesem Fall lohnt sich das:

Meine Analyse ergibt, dass in der aristotelischen Metaphysik und ihrer Wirkmacht ein wesentlicher Grund für die Fehlwahrnehmungen des Ökonomischen (und vieler anderer Sphären) bis heute liegt. Aristoteles und andere Masterminds der Antike haben die Welt nämlich konzeptionell zweigeteilt in höhere, männlich konnotierte, und niedere „weibliche“ Sphären. Diese symbolische Operation hat wie keine andere kategorienbildend gewirkt: Die meisten wichtigen Begrifflichkeiten, in die wir heute die Welt verpacken – Ökonomie, Politik, Ethik, Privatbesitz, Freiheit, Gleichheit, Bedürftigkeit und so weiter – sind, vor allem auf dem Weg über das römische Recht und die mittelalterliche Theologie, auf uns gekommen, und alle sind eingespannt in die zweigeteilte Symbolik. Noch heute unterscheiden wir, als hätten Gott oder die Natur selber es befohlen, zwischen Geist und Körper, Gott und Welt, Kultur und Natur, Öffentlichkeit und Privatsphäre, männlich und weiblich, Okzident und Orient, Markt und Haushalt, Geld und Liebe, Vernunft und Gefühl und so weiter. Und analog eben auch: zwischen einer wichtigen, von Geld, Vernunft und Männern organisierten Markt- und/oder Staatswirtschaft und einer unwesentlichen, kleinteiligen, von „Liebe“, Fürsorge und Weiblichkeit bestimmten Privatsphäre, die „Haushalt“ oder „Familie“ heißt. Dualistisch konstruierte Kategorien zwingen oder verleiten uns also, in begrifflichen Ehepaaren oder Ehebetten zu denken, in denen das Höhere und das Niedere  einander gegenseitig definieren und immer neu bestätigen: Markt verhält sich zu Haushalt wie Mann zu Frau wie wesentlich zu unwesentlich wie Produktion zu Reproduktion wie stark zu schwach wie frei zu bedürftig wie sichtbar zu unsichtbar wie hell zu dunkel wie erhaben zu peinlich und so weiter. Entsprechend besteht eine Ähnlichkeit zwischen Frau, Körper, Bedürftigkeit, Schwäche, Dienst, Liebe, Reproduktion, Wiederholung und Abhängigkeit einerseits, zwischen Mann, Gott, Produktivität, Geist, Innovation, Ewigkeit, Freiheit, Wissen, Kontrolle, Distanz andererseits. Solange wir diese durchdringende dualistische Struktur nicht als solche aus den Angeln heben, ist ein gerechtes und nachhaltiges Wirtschaften meiner Analyse zufolge un-denkbar.

Im zweiten Kapitel analysiere ich, dass weder die Idee der Geschlechtergleichheit noch diverse Ideen von „Umwertung“, wie sie zum Beispiel in matriarchatsfeministischen Kreisen entwickelt werden, aus dem Dilemma führen. Denn beide lassen die dualistische Kategorienstruktur als solche unangetastet. Was es stattdessen braucht, ist eine Dekonstruktion der dualistischen Ordnung. Der Zusammenbruch der zweigeteilten Symbolik – manchmal spreche ich auch in Anlehnung an die italienischen Differenzfeminismen vom „Ende des Patriarchats“ – führt notwendigerweise in den Zustand, den ich „das postpatriarchale Durcheinander“ nenne. Alltagssprachlich ausgedrückt: Sobald die begrifflichen Ehebetten kollabieren, wissen wir nicht mehr, was oben und was unten ist, und das ist sehr gut so.

Im dritten Kapitel bringe ich den Begriff des postpatriarchalen Durcheinanders ins Gespräch mit Thomas Kuhns Theorie des Paradigmenwechsels. In dem Bereich, der uns hier besonders interessiert, besteht der Paradigmenwechsel, den wir brauchen und der bereits unterwegs ist, in der Rückkehr vom Abweg der Geldzentrierung zum bedürfniszentrierten Kerngeschäft aller Ökonomie. Oder mit anderen Worten: Aus dem engen, an konventionelle Vorstellungen von „Weiblichkeit“ geknüpften Begriff von Care wird das entscheidende Kriterium für alles Wirtschaften: Care bedeutet nämlich im Kern nichts anderes als menschliche Bedürfnisse zu befriedigen, direkt, ohne den nur scheinbar notwendigen Umweg über Geld und Eigeninteresse. Damit ist Care das Kriterium für jede Form von Ökonomie: Von der Autoindustrie bis zur Müllabfuhr, von der Hausaufgabenhilfe bis zur Robotik geht es um die Befriedigung der Bedürfnisse von derzeit ungefähr 7 Milliarden Erdenbewohnerinnen und Erdenbewohner, die zusammen mit unzähligen anderen Lebewesen den großzügigen und verletzlichen Lebensraum Erde bewohnen, den einzigen Lebensraum, der uns gegeben ist.

Im vierten Kapitel schließlich eröffne ich eine unsystematische Liste von Bewegungen, die, richtig verstanden, im Sinne des in Gang befindlichen Paradigmenwechsels wirken. Eine dieser Bewegungen ist das Denken der Geburtlichkeit, womit ich beim zweiten Thema wäre, das ich mir heute vorgenommen habe:

Das Denken der Geburtlichkeit

Alle Menschen sind Geborene. Dieser Satz ist schwer zu widerlegen. Glaube ich allerdings zweieinhalb Jahrtausenden westlicher Philosophie und Theologie, so sind wir Menschen nur „die Sterblichen“. In gängigen philosophischen Wörterbüchern finde ich seitenlange Abhandlungen über Tod und Sterblichkeit, aber fast nichts über die Bedeutung des Geborenseins. Im Duden ist „geburtlich“ nur als medizinischer Fachterminus aufgeführt. Auch die Theologen, die immerhin einmal pro Jahr frenetisch die Geburt Gottes feiern, schweigen sich aus oder sprechen schamhaft von „Inkarnation“.  Was hat das zu bedeuten? Gibt es einen Zusammenhang zur Fehlwahrnehmung des Ökonomischen?

In der zweigeteilten Symbolik hat die Geburt einen Ort, der uns heute fremd vorkommt, der sich der dualistischen Ordnung aber vollkommen logisch einfügt und bis heute kulturprägend wirkt. Dieser Ort lässt sich gut an der Geschichte vom Tod des Sokrates verdeutlichen. Sie steht im platonischen Dialog „Phaidon“ und ist schnell erzählt: Sokrates ist zum Tod verurteilt. Er sitzt im Gefängnis. Bevor er den Giftbecher trinkt, will er noch mit seinen Freunden über die Bedeutung von Leben und Tod sprechen. Um das angemessen tun zu können, muss er aber erst seine Frau Xanthippe und den kleinen Sohn nach hause schicken. Denn Frau und Kind stören, wenn Männer sich den entscheidenden Fragen zuwenden.

Nachdem man Xanthippe mit dem Kind abgeführt hat, erklärt Sokrates seinen Freunden, dass der Tod für ihn Erfüllung und Freiheit bedeutet. Denn er befreit die Seele aus dem Körpergefängnis, in dem sie seit der Geburt steckt. Geboren zu werden bedeutet hier, dass eine ungebundene, präexistente, unsterbliche Menschenseele für eine begrenzte Zeit in einen vergänglichen Körper eingeschlossen wird, das heißt: in den beschämenden Zustand der Abhängigkeit von Bedürfnissen, Gefühlen, Launen, Leidenschaften, Krankheiten, Verletzlichkeit, Scheiße, Angst, Begierden und so weiter. Geboren zu werden bedeutet also eine tiefe Kränkung für die Seele, die eigentlich zur Freiheit von allem Weltlichen bestimmt ist. Verursacht ist der beschämende Einschluss in den Körper durch die Frau, die Mutter, die Gebärerin, die Materia (Materia gr. zu meter/Mutter).  Deshalb stören Frau und Kind beim Gespräch über die „höheren Dinge“. Frau und Kind repräsentieren das Zurückgewiesene: Körperlichkeit, Abhängigkeit, Leidenschaften, Bedürftigkeit, Diesseits, Endlichkeit, Uneigentlichkeit. In der Antike auch noch: die Oiko-Nomia im Sinne der Befriedigung „niederer“ körperlicher Bedürfnisse im Oikos, im Haushalt, dem Herrschaftsgebiet des freien Polisbürgers.

Die Geburt als Inbegriff des Negativen ist hier noch erkennbar. Im späteren Verlauf der westlichen Philosophiegeschichte wird diese Bedeutung weiterhin vorausgesetzt, aber kaum noch eigens zum Thema gemacht. Im Jahr 1977 stellt der Philosoph Hans Saner fest:

Wer nach den Zeugnissen über Geburt und Geburtlichkeit in der Philosophie sucht, wird bald auf einen merkwürdigen Sachverhalt stoßen: In der ganzen Geschichte des Denkens gibt es zwar eine breite Spekulation und Reflexion über die Sterblichkeit und besonders über den Tod des Menschen; aber Geburt und Geburtlichkeit sind kaum je eigens bedacht worden.“
(Hans Saner, Geburt und Phantasie. Von der natürlichen Dissidenz des Kindes, Basel 1977, 2. Aufl. 1987, 11)

Ungefähr seit der Jahrtausendwende allerdings ändert sich das. Es gibt inzwischen etliche Denkerinnen und Denker, die der menschlichen Geburtlichkeit als „Existential“, wie Martin Heidegger es wohl nennen würde, einen angemessenen Platz in der symbolischen Ordnung geben. (vgl. dazu z.B. die Bibliographie in: Ina Praetorius, Immer wieder Anfang. Texte zum geburtlichen Denken, Ostfildern 2011, 144-149). Fast alle knüpfen dabei an die Vordenkerin Hannah Arendt an, die schon in den Fünfziger Jahren des zwanzigstens Jahrhunderts Entscheidendes zum Thema gesagt hat.

Uns heute, wie gesagt, ist die Vorstellung fremd geworden, das Geborensein bedeute im Wesentlichen den Eintritt in eine beschämende Gefangenschaft. Für mich ist dieses Gefühl der Fremdheit der dualistischen Weltsicht gegenüber ein ermutigendes Zeichen dafür, dass der Paradigmenwechsel hin zu einer Bejahung von Bedürftigkeit, Verletzlichkeit und Körperlichkeit – und damit zu einer Neuorientierung der Ökonomie an ihrem selbstdefinierten Kerngeschäft Bedürfnisbefriedigung – im Gange ist. Viele Menschen haben aufgehört, ihr Leben als unwesentliche Vorstufe eines höheren, jenseitigen, rein geistigen Zustands zu erfahren. Die Welt ist ihnen zu einem Ort geworden, der sich sachgerecht als „ehemaliges Diesseits“ bezeichnen lässt: noch geprägt von den Hinterlassenschaften der vergehenden Ordnung, aber je länger je mehr der einzige, der eigentliche Raum für menschliches Dasein und Gestalten. Nach einer langen Epoche der Vertröstungen auf ein unsichtbares herr-göttliches „höheres Besseres“ haben wir angefangen, den Raum ernst zu nehmen und verantwortlich zu gestalten, in dem wir uns tatsächlich vorfinden, und alles Unsichtbare in einem vertrauensvollen Agnostizismus einer ANDEREN zu überlassen.

Die denkerische Aufarbeitung dieses Bruchs mit der patriarchal zweigeteilten Vergangenheit steht aber noch weitgehend aus. Sie würde zum Beispiel darin bestehen zu erkennen, was uns heute als Jenseits oder Jenseitsersatz dient. Für die meisten ist es nicht mehr ein erhofftes Leben nach dem Tod, sondern: der makellose Strandurlaub, das ultimative Shoppingparadies, die Wallstreet, der Lottogewinn, die romantische Zweisamkeit, der unüberbietbare Orgasmus, die perfekte Work-Life-Balance, die Traumkarriere jenseits von Kloputzen und Windelwechseln im klimatisierten Büro hoch oben im Trump Tower, ganz nahe beim Himmel… Diverse Profiteure und Profiteurinnen benutzen unsere eingeübte Sehnsucht nach einem ANDEREN BESSEREN und versprechen uns buchstäblich das Blaue vom Himmel herunter. Sie werden ihr Versprechen nicht halten können, denn alle verfügbare Erfüllung findet in der Welt statt und ist folglich gezeichnet von dem, was man uns weiterhin als minderwertig verkaufen will: Bedürftigkeit, Verletzlichkeit, Scheiße, Vergänglichkeit.

Zum Glück sind sie schon da, die Anfänge eines Denken der Geburtlichkeit. Geburtlich zu leben bedeutet, sich an den eigenen Anfang zu erinnern: Wir kommen durch einander, also nicht vom Storch und auch nicht aus der Hand eines abstrakten Herrn Gott, sondern durch den Körper eines Menschen der vorangegangenen Generation. Von Anfang an sind wir frei und abhängig zugleich: abhängig von Luft, Wasser, Erde und allem, was sie hervorbringen, von einander und von gelingenden Gemeinwesen, gleichzeitig frei zu nähren, was uns nährt. Wir sind keine gefangenen Seelen, sondern Neuankömmlingebewusste Körper, ehemalige Kinder, fähig zur Neugier und zum Neuen, zum Spiel, zum Ausprobieren, zum Vergeben und zum täglichen Neuanfang, jede und jeder ausgestattet mit begrenzten, sich ständig wandelnden, einzigartigen Handlungsspielräumen, die wir täglich neu, wie neu geboren, in bezogener Freiheit nutzen können.

Es gibt im Deutschen drei gebräuchliche Wörter, die zeigen, wie nah uns das Denken der Geburtlichkeit ist: Naiv, Nation und Natur. Alle drei leiten sich vom lateinischen Verb nasci ab, das geboren werden bedeutet. Wir können also einfach anfangen, die Wörter genauer zu interpretieren, mit denen wir schon täglich umgehen.

Die Naivität erinnert mich daran, dass es möglich ist, vermeintlich kindische Fragen zu stellen und damit das notwendige Durcheinander in scheinbar ewige Ordnungen zu bringen. Um die abgewertete Naivität von der Tugend des unbekümmerten Nachfragens zu unterscheiden, gehe ich manchmal auf das lateinische Ursprungs-Adjektiv zurück und spreche neu von „Nativität“. Nativität kann man üben. Die initiierende Einsicht besteht darin, dass Belächelt- oder Ausgelachtwerden Indiz für Relevanz ist.

Die Nation hat einen eher unschönen ideologischen Weg eingeschlagen. Ich glaube nicht, dass sie als Ort für positive denkerische Anknüpfung noch zu retten ist. Immerhin können wir vielleicht die Intuition festhalten, die vermutlich am Anfang dieses Begriffs steht: dass nämlich Menschen, die am selben Ort oder nahe beieinander geboren wurden, irgendetwas gemeinsam haben, zum Beispiel die Liebe zu einer bestimmten Landschaft oder ihre erste Sprache, die nicht zufällig „Muttersprache“ heißt. Eine Besinnung auf diese anfängliche Intuition könnte ein möglicher Anknüpfungspunkt sein für das notwendige Gespräch mit Menschen, die sich aus welchen Gründen auch immer an nationale Identitäten und ihre Einhegung klammern.

Schließlich die Natur. Unter Natur verstehen wir alles, was wir nicht uns selbst verdanken: das Gegebene, das Geschenkte. Wir verdanken ja auch uns selber nicht uns selber, daher der Zusammenhang mit dem Geborensein: Wir haben uns nicht selbst hergestellt, sondern kommen durch eine Andere, die ihrerseits Tochter einer Tochter eines Sohnes einer Tochter und so weiter ist. Die Mütter stellen die Kinder nicht her, sondern tragen sie aus und bringen sie zur Welt. Ebenso wenig wie die Väter sind die Mütter Erzeugerinnen der Neuankömmlinge, denn alle Mütter und Väter sind selbst Töchter und Söhne und Teil der Natur. Woher das Leben selbst kommt, können weder sie noch Kinder noch Wissenschaftlerinnen ergründen. Wir stehen nicht drüber, sondern sind Natur, so wie der Embryo Teil der Matrix (Matrix lat.: Mutterleib) ist. Deshalb ist es irreführend, von der Natur als Umwelt zu sprechen, denn wir sind nicht „umgeben von Natur“, sondern in der Natur und jederzeit vom Natürlichen abhängig. Wenn wir das komplizierte Gewebe Natur stören, dann stören oder zerstören wir uns selber, womit wir beim Thema dieser Tagung angekommen sind: Global Caring. Wir brauchen einen Care-Begriff, der das Soziale, das Ökonomische und das Ökologische umfasst.

Neugeborene brauchen Care, viel Care. Sie sind gewissermaßen der Inbegriff der Care-Nehmer und Care-Nehmerinnen. Wir sind ehemalige Babies, die zur Fähigkeit herangewachsen sind, das weiterzugeben, was wir am Anfang bekommen haben. Wer von uns hätte denn als Säugling überlebt ohne die zumeist unbezahlte Arbeit der Älteren, heute noch vor allem der Mütter? Ohne Care gibt es keine Menschen, ohne Menschen braucht es keine Wirtschaft.

Fragen zum Schluss

Es gibt inzwischen etwas, das wir „Care-Bewegung“ nennen können. An vielen Orten der Welt fangen Frauen und Männer an zu verstehen, was und wie uns geschieht. Es entstehen neue Organisationen, Publikationen, Theorien, Praxen. Ich selber schwanke in dieser wachsenden Bewegung zwischen Gelassenheit und Ungeduld: Gelassenheit, weil ich spüre, dass das Patriarchat zu Ende und der Paradigmenwechsel auf vielen verschiedenen Ebenen unterwegs ist, auch wenn ich selbst nicht andauernd aktiv dabei bin. Ungeduld, weil es kleine und große Rückschläge gibt, weil viel Energie auf Nebenschauplätzen investiert wird, weil sich AkteurInnen bekämpfen, statt Synergien zu nutzen, weil uns der Zustand der Welt täglich vor Augen führt, dass die Zeit drängt. Wir sollten und könnten viel tun, und gleichzeitig habe ich das Gefühl, dass die wichtigste Tat wäre, sich in Ruhe hinzusetzen und nachzudenken.

Es braucht Arbeitskämpfe von Pflegepersonal ja, aber mit gleichem Lohn für vergleichbare Leistung ist es nicht getan. Was bedeutet denn ein höherer und gerechter Lohn in einer zerstörten Welt?

Care ist nach wie vor ein Gender-Thema, aber gleichzeitig verlangt der Ansatz „Wirtschaft ist Care“, dass wir aus der Frauenecke ausbrechen und uns in die  Fabriken, Banken und diversen Chefetagen aufmachen, was mir persönlich aber eher unangenehm ist. Sich in die Mitte zu stellen, ist gerade für Frauen ungewohnt, aber genau darum geht es.

Wir brauchen viel Nachdenklichkeit ja, aber es reicht nicht, Konferenzen zu organisieren, Doktorarbeiten, Artikel und Facebook-Posts zu schreiben und immer neue Daten zu erheben. Es braucht neue Vermittlungsformen. Der Care-Slam zum Beispiel ist eine. Und die Frage, wie sich Care jenseits der unzähligen Rührfotos vom intergenerationellen Händehalten bebildern lässt, ist noch ungelöst.

Wie kann eine Politik des Paradigmenwechsels aussehen?

Wie stellt man klare Forderungen, wenn man ständig vom Durcheinander heimgesucht wird, wenn die Wörter zwischen verschiedenen Bedeutungen changieren und man dauernd missverstanden wird?

Oder brauchen wir vielleicht gar keine „klaren Forderungen“?

Können wir uns zurücklehnen, weil Paradigmenwechsel sich ohnehin nicht steuern lassen, sondern einfach passieren?  

Als Theologin bewege ich mich im Grenzbereich zwischen kirchlichen und säkularen Öffentlichkeiten. Ich sehe, wie reich die christliche Tradition an Anknüpfungspunkten für Care-Politiken ist. Weihnachten als Fest der Geburtlichkeit des Göttlichen ist einer. Die Karwoche, die zur Care-Woche werden kann, ist ein anderer. Es gibt noch viel mehr mögliche Anknüpfungen. Viele davon sind schon in feministischen Theologien und Befreiungstheologien entfaltet. Aber was machen die offiziellen Kirchen? Sie haben Angst, dass ihnen die letzten Herrgottsgläubigen auch noch davonlaufen, sie rechnen, sie versuchen sich zu vermarkten, sie feiern Jahre lang tote Männer und werden so immer langweiliger, obwohl sie viele Ressourcen hätten, um etwas in Bewegung zu bringen. Was soll man da tun?

Und die Linken, die Gewerkschaften, die Liberalen, die Medien?

Im Rahmen der Schweizer Volksinitiative für ein bedingungsloses Grundeinkommen habe ich Jahre lang erfahren, wie schwierig es ist, den Denkansatz „Wirtschaft ist Care“ in bestehende politische Bewegungen einzubringen, die noch dem Programm der Haupt- und Nebenwidersprüche folgen. An diesem Punkt bin ich derzeit so resigniert, dass ich nicht einmal mehr die laufenden Debatten zum Grundeinkommen verfolge.

Wie gehen wir damit um, dass die meisten Leute keine Lust zu haben scheinen, sich mit der eigenen bleibenden Abhängigkeit zu befassen?

Die Zuversicht bleibt trotzdem, und geburtlich fange ich jeden Morgen wieder neu an zu tun, was in meiner Macht steht. Und jetzt möchte ich mit euch ins Gespräch kommen.

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