Glück, Liebe und Geld

WiC-Blogpost Nummer 30

Am vergangenen Samstag war Mathias Binswanger, ein ziemlich einflussreicher Ökonom, am vierten Care-Frühstück der Schweizer Frauen*synode zu Gast. In seinem Vortrag ging es um Zusammenhänge zwischen Glück, Geld und Care. Das war spaßig. Mathias Binswanger liebt es nämlich, dir die Widersprüche vorzusetzen, mit denen du dich normalerweise einfach so arrangierst. Zum Beispiel: Arbeit macht glücklich, und Arbeit macht unglücklich. Dasselbe gilt für keine Arbeit. Was folgt daraus? Oder: Von einem gewissen Wohlstandsniveau an aufwärts sind Leute nicht glücklich, weil sie sich viel leisten können, sondern weil sie sich mehr leisten können als andere. Warum? Keine Ahnung. 

Ganz ganz hinten…

… also wirklich ganz am Schluss seiner Powerpont-Präsentation, die man sich hier anschauen kann, hat Mathias Binswanger dann auch noch was über Care gesagt. Also etwas, das man noch nicht in seinem Buch „Die Tretmühlen des Glücks“ nachlesen kann. Er hat gesagt: Care-Arbeit ist wichtig für ein glückliches Leben. Und je mehr wir uns daran gewöhnen, dass alles und jedes bezahlt wird, desto größer wird das Bedürfnis nach „echter Care-Arbeit“. Echt in Anführungszeichen.

Echt“. Aha. Was ist „echt“?

Gemeint ist wahrscheinlich, dass die Leute meinen, dass Care, also Zuwendung, also Liebe keine richtige Liebe ist, wenn sie bezahlt wird. Und dass sie aber richtige Liebe wollen, weil die echt glücklich macht, glücklicher als Geld. Wenn zum Beispiel der Pfleger im Krankenhaus nett zu mir ist, dann kann ich nicht sicher sein, dass er nett ist, weil er mich nett findet. Vielleicht tut er ja nur nett, weil er Geld fürs Nettsein kriegt. Bei meiner Mutti war das damals nämlich anders. Die hat mich lieb gehabt, weil ich ich war, und nicht, weil der Papa ihr ein neues Auto versprochen hat. Höchstwahrscheinlich jedenfalls. Und diese Art von echter Muttiliebe, die will ich, ohne Anführungszeichen. Je geldmäßiger die Welt wird, desto mehr will ich die, und alle anderen anscheinend auch.

Irgendwo habe ich gelesen, 

…dass Eltern es gut finden, wenn die Leute in den Kitas extra wenig verdienen. Warum? Weil Mama und Papa wollen, dass die Kids von Idealisten gehütet werden, und nicht von Typen, die sich benehmen wie Bankerinnen. Das wäre dann ja wohl auch dieses Bedürfnis nach „echter“ Care-Arbeit: Für Liebe darf man nicht viel verdienen, weil sonst könnte es ja was anderes sein als Liebe: Geldgier zum Beispiel, oder Lust auf ein neues Auto.  Und weil „echte“ Liebe wahrscheinlich glücklich macht, braucht man ja auch nicht so viel Geld für die Arbeit in der Kita, weil man ist ja schon glücklich und braucht kein neues Auto wie damals meine Mutti. Logisch. Obwohl nein.

Vielleicht ist es auch so:

„Echte“ Care-Arbeit macht glücklich, und „echte“ Care-Arbeit macht unglücklich. Dasselbe gilt für „unechte“ Care-Arbeit. Was wahrscheinlich nicht glücklich macht, ist kein Geld. Oder zu wenig Geld. Und vielleicht ist der nette Pfleger im Krankenhaus ja auch heute nett, weil er mich nett findet, und morgen, weil er glücklich ist, und vorgestern, weil er Geld dafür gekriegt hat. So wie damals meine Mutti, der ich das Auto gönne, das ihr der Papa eines Tages gekauft hat. Obwohl: Gibt es „echte“ Care-Arbeit, wenn sogar Mutti ein Auto dafür gekriegt hat? Obwohl sie gar kein Geld hatte? Und was machen wir jetzt mit den Anführungszeichen und den Leuten in der Kita?