Was ist Bildung? Was sollen Kinder lernen?

Rede an der Versammlung des Vereins „Freundinnen und Freunde des Schulzentrums Les Gazelles in Kinshasa (Demokratische Republik Kongo)“ (Schaffhausen, 23. März 2018)

Ich fange wieder einmal vorne an. Also nicht irgendwo in der Mitte oder hinten. Heute zum Beispiel nicht mit Joseph Kabila. Nicht bei der Bildungsmisere im Kongo. Nicht bei Glencore und der systematischen Ausbeutung des afrikanischen Reichtums. Nicht beim Krieg. Nicht bei entwicklungspolitischen Modellrechnungen. Sondern vorne: bei den kleinen Kindern. Beim Geborenwerden. Bei der ursprünglichen Neugier der menschlichen Neuankömmlinge.

Dieses Vorne-Anfangen kann man naiv nennen. Das Wort naiv leitet sich tatsächlich ab vom lateinischen Verb nasci. Nasci heisst: geboren werden. Naiv zu wirken, nehme ich gern in Kauf. Warum? Unter anderem weil man es in der Schule „Les Gazelles“ auch so macht. Auch dort fängt man jeden Tag wieder vorne an, allen Turbulenzen zum Trotz: im Kindergarten.

Ich war in der Schule „Les Gazelles“ gerne im Kindergarten oder in den unteren Primarschulklassen, am liebsten bei den ganz Kleinen. Da fühle ich mich wohl. Nicht weil ich im Bereich „frühkindliche Erziehung“ irgendwie Fachfrau wäre. Ich habe in meinem bisherigen Leben nicht viel mit kleinen Kindern zu tun gehabt. Eine Tochter haben wir ins Erwachsenenleben begleitet. Sie ist im Jahr 1989 geboren, also inzwischen längst selbstständig. In den Jahren nach ihrer Geburt hatte ich logischerweise viel mit kleinen Kindern zu tun: mit Freundinnen und Freunden, Cousins und Cousinen, im MuKi-Turnen, in der Krinauer Kinderfasnacht und so weiter. Aber davor und danach war ich eher mit Erwachsenen unterwegs: an Universitäten zum Beispiel, oder in der Politik.

Aber wie gesagt: in der „Gazelles“ war ich gern bei den Kleinen. Sie können noch nicht fehlerlos Französisch, ich auch nicht. Diese Noch-nicht-Perfektion verbindet uns. Auch wenn man die Sprache nicht gut beherrscht, kann man zusammen spielen und lachen und singen. Manchmal waren wir im Quartier Yolo-Nord unterwegs, zum Beispiel um auf dem Markt die Namen der verschiedenen Gemüsesorten zu lernen. Das war schön und lehrreich, für die Kinder und für mich als Ausländerin.

Gazelles.Marktausflug

Kürzlich habe ich im Zürcher „Tagesanzeiger“ ein Portrait des Ökonomen Günther Fink gelesen. Er forscht am Schweizer Tropen- und Public Health Institut (Swiss TPH) in Basel. Ihn interessiert die Frage, wie sich der gesellschaftliche Umgang mit der frühen Kindheit auf die wirtschaftliche Entwicklung eines Landes auswirkt. Er hat herausgefunden, dass man sogar noch früher anfangen sollte als im Kindergarten, nämlich im Alter von null Jahren. Zum Beispiel sollte man sofort nach der Geburt mit dem Schutz vor Malaria und anderen Infektionskrankheiten anfangen, und mit der guten Ernährung, und mit Spiel und Gesprächen. Günther Fink hat nachgewiesen, dass das „Wachstumsverhalten der Kinder praktisch linear mit dem Entwicklungsstand eines Landes“ korreliert. Das finde ich interessant. Es trifft sich mit dem, was ich in der „Gazelles“ erlebt habe. Dort werden zwar keine Babies betreut. Aber man arbeitet intensiv mit den Eltern zusammen. So werden oft indirekt die Allerkleinsten erreicht.

Was bedeutet es für diesen Vortrag, dass ich nicht irgendwo in der Mitte, sondern vorne anfangen will? – Es bedeutet, dass ich zwei elementare Fragen an den Anfang stelle. Von diesen zwei Fragen ausgehend will ich mich dem Thema „Bildung“ annähern.
Meine erste Frage heisst: Wozu sind Menschen in der Welt?
Meine zweite Frage heisst: Welches grundlegende Wissen brauchen Menschen, um gut in der Welt zu sein?

Zur ersten Frage: Wozu sind Menschen in der Welt?

Vielleicht finden jetzt einige von euch, dass man diese Frage nicht allgemein beantworten kann. Jeder und jede hat doch ihr eigenes Ziel im Leben, oder etwa nicht?

Dieser Einwand ist berechtigt. Denn es stimmt: eine Pianistin zum Beispiel wird ihr Leben anders gestalten als eine Kindergärtnerin, ein Bauer oder ein Dachdecker. Die Pianistin ist in der Welt, um Klavier zu spielen. Der Bauer ist in der Welt, um Felder zu bebauen oder Tiere zu züchten. Der Dachdecker ist in der Welt, um Dächer dicht zu machen, damit es nicht reinregnet. Das sind ganz verschiedene Lebensinhalte.

Trotzdem macht meine Frage Sinn. Denn sie könnte zum Beispiel dazu führen, dass die Pianistin mit dem Bauern und dem Dachdecker ein Gespräch anfängt. Die drei könnten einander die Frage stellen, wozu man denn eigentlich Klavier spielt, und woher die Begeisterung für die Landwirtschaft kommt. Ja, wozu und woher? Gibt es für Pianistinnen, Bäuerinnen und Dachdecker vielleicht doch ein gemeinsames Ziel? Einen gemeinsamen Grund, am Leben zu sein?

Ich stelle jetzt einen Bibelvers in den Raum. Im 10. Kapitel des 5. Buches Mose, Vers 10 und 11 stehen folgende Sätze. Ich lese aus der Bibel in gerechter Sprache:

Adonaj, deine Gottheit, sollst du achten, für sie arbeiten, an ihr hängen und bei ihrem Namen schwören. Sie ist dein Lobgesang, deine Gottheit: Für dich hat sie all das Grosse getan, das du mit eigenen Augen sehen kannst.
(Dtn 10, 20f, BigS)

Was bedeutet das?

Natürlich kann man diese Sätze eng auslegen. Dann sieht man einen gestrengen Herrn Adonaj oben auf einer Wolke thronen. Dieser gestrenge Herr Gott hasst alle, die nicht an ihn glauben. Die „Gläubigen“ liebt er zwar, aber er diszipliniert sie auch: er verordnet ihnen Gesetze. Die müssen wir dann befolgen, damit wir nach dem Tod nicht in die Hölle, sondern in den Himmel kommen. – Ich lasse diese traditionelle Auslegung jetzt einmal beiseite und suche nach etwas Grösserem: Diese zwei Sätze geben nämlich, wenn ich gängige konfessionelle Reflexe loslasse, eine elementare Antwort auf meine erste Frage „Wozu sind Menschen in der Welt?“ Ich versuche eine Übersetzung in meine zeitgenössischen Worte:

Das grosse Umunsherum sollst du achten. Für das gute Leben aller sollst du arbeiten. Der Sinn des Unüberschaubaren soll dir Orientierung sein. Schau’ dich um. Die Welt ist gut und schön. Du hast sie nicht selber hergestellt. Auch deine Älteren haben sie nicht hergestellt. Da ist etwas Grosses drin und drumherum, das dir nicht zugänglich ist. Respektiere dieses Unverfügbare, das dir nicht gehört und das deine Vorfahren „Gott“ nannten. Du kannst es weiterhin „Gott“ nennen, oder anders. Es gibt viele gute Namen dafür. Das unbegreiflich Gute nährt dich in jeder Minute deines Lebens. Und nun hilf’ auch du selber mit, das grosse Gute zu nähren und zu bewahren.
(Dtn 10, 20 IP)

Man braucht nicht unbedingt die Bibel, um auszudrücken, was ich da gerade gesagt habe. Aber man muss die Heiligen Schriften auch nicht unbedingt weglassen. Ja klar: man kann es auch humanistisch oder buddhistisch oder in nochmal anderen Traditionen sagen. In allen heiligen Schriften gibt es Passagen, die ausdrücken, dass wir in der Welt sind, um das gute Leben für uns und alle zu nähren. Auch in nicht-schriftlichen Traditionen gibt es diese Vorstellung vom umfassenden, unverfügbaren, immer wieder partiell sicht- und spürbaren Sinn der Welt.

Ich selber bin bei meinen vier Aufenthalten in Kinshasa als Theologin mutiger geworden: Warum sollten wir nicht die Weisheit unserer biblischen Ahninnen und Ahnen neu ins Gespräch bringen? Oder mit anderen Worten: Warum sollten wir uns nicht öffentlich auf unsere Heiligen Schriften beziehen? Und darauf, was darin „Gott“ genannt wird: der Sinn, das unverfügbare Umunsherum? Hier im säkularisierten Europa ist das zwar fast schon ein Tabu. In Kinshasa ist es hingegen normal, von Gott zu reden. Davon können wir Europäerinnen lernen. Dem guten Unsichtbaren Raum zu geben bedeutet ja nicht notwendigerweise, an einen strengen abstrakten Herrn zu glauben. Das Göttliche zuzulassen bedeutet, für mich jedenfalls: das Verbindende im Blick zu behalten. Das heisst: zur Zeit ungefähr siebeneinhalb Milliarden menschliche Würdeträgerinnen und Würdeträger, die zusammen mit unzähligen anderen Lebewesen die Erde bewohnen. Diese verletzliche, grosszügige Erde, auf der auch noch zukünftige Generationen gut leben wollen. Ich kann zwar nicht alle meine siebeneinhalb Milliarden Weltmitbürgerinnen und Weltmitbürger kennen. Aber ich kann wissen, dass es sie gibt, und ich kann mich mit ihnen in Bezogenheit fühlen. Ich kann die sichtbare Welt um mich her wahrnehmen als einen Teil und Widerschein des nahrhaften Universums.

Ich fasse meine Überlegungen zur ersten Frage zusammen: Wozu sind Menschen in der Welt?

Meine Antwort heisst: Jede und jeder von uns ist als einer oder eine von ungefähr siebeneinhalb Milliarden Würdeträgerinnen und Würdeträgern in die Welt gekommen. Irgendwo auf der Erdkugel sind wir aus einem Mutterleib gekrochen, als hungrige scheissende schreiende abhängige Neuankömmlinge. Mit der Zeit lernen die meisten erst sitzen, dann stehen, dann gehen, sprechen, Sprachen, einen Beruf… Ich meine: noch bevor wir lesen und schreiben und rechnen lernen, sollte jemand uns das elementare Wissen vermitteln, dass wir zur Menschheit gehören: also zu einer grossen Gemeinschaft von Leuten, die auch irgendwo geboren wurden und die vieles gemeinsam haben. Zum Beispiel haben wir alle unsere Fürsorgeabhängigkeit gemeinsam: Alle, nicht nur die so genannten „Schwachen“ brauchen Essen und Trinken, Kleidung, Wohnung, Schutz, Ruhe und Sinn.

Ich meine: Es wäre gut, wenn alle Kinder als erstes dieses Wissen geschenkt bekämen. Und danach würde sich alles, was sie lernen, darauf beziehen, egal ob sie Juristinnen, Lehrer, Mütter, Dachdecker, Musiker oder sonstwas werden. Überall, in jedem Schulfach, in jedem Beruf wäre dieselbe Frage massgeblich: Wie trägt das, was ich lerne und tue, zum Wohl des grossen Guten bei?

Zur zweiten Frage: Welches grundlegende Wissen brauchen Menschen, um gut in der Welt zu sein?

Am 26. November 2017 ist in der „NZZ am Sonntag“ eine Beilage zum Thema „Bildung: Was wir in Zukunft lernen müssen“ erschienen. Darin ist viel Interessantes zu erfahren, zum Beispiel über computer- und robotergestützten Unterricht, über den Wert von PISA-Rankings, über Chancengleichheit und ihre Finanzierung und über ganz viel Innovation in der Schule.

Das ist faszinierend zu lesen. Und dann habe ich mir einmal genauer angeschaut, was da als Ziel aller Bildung benannt wird. Der Grundtenor ist zwar durchaus, dass es um mehr gehen muss als um optimiertes Humankapital und reibungsloses Funktionieren entlang der Interessen von Konzernen und Staaten. Bildung müsse auf die „mündige und gereifte Persönlichkeit“ zielen, heisst es da, sie dürfe nicht zum blossen „Verwertungsprozess“ werden, sondern müsse „Beziehungsgeschehen zwischen Menschen“(3) bleiben. Aber was heisst das genau? Für wen oder was braucht es denn die mündigen und gereiften Persönlichkeiten? Auf diese Frage habe ich in keinem der Texte eine überzeugende Antwort gefunden. Denn es geht dann doch bloss ums individuelle „Überleben“(4) in einer Arbeitswelt, die sich rasant verändert. Wichtig sind „Kreativität, kritisches Denken, geistige Flexibilität und Erfindergeist“, stetige Aktivierung und Optimierung, lebenslanges Lernen, Effizienzsteigerung, Fitness (11) und alle möglichen Vorteile in einem allgegenwärtigen Wettbewerb… Und wozu das alles?

Die grosse Leerstelle in dieser repräsentativen Textsammlung ist die Frage: Wozu dient die ganze Optimierung? Geht es bloss darum, dass ich überlebe, allenfalls zusammen mit meiner Familie? Geht es darum, dass die Schweiz in allen globalen Rankings möglichst ganz oben mitspielt? Noch vor Singapur und Schweden? Wozu denn?

Mich kommt ein Gefühl der Leere an. Dabei habe ich gar nichts gegen Computer und Leistungssport, gegen Spitzenleistungen und Innovation. Bloss brauche ich einen ausdrücklichen Bezug zwischen all der Anstrengung und dem Sinn des Zusammenlebens in der Welt. Dass also zum Beispiel die Pianistin nicht nur täglich stundenlang übt, um einen internationalen Wettbewerb zu gewinnen, sondern um Menschen Freude zu machen. Dass der Roboter optimal programmiert wird nicht nur, damit ich noch schneller einkaufen kann, sondern damit Menschen zufriedener und gesünder leben. Dass die jungen Leute in der Schule „Les Gazelles“ und sonstwo nicht Bestnoten schreiben, um Karriere zu machen, sondern damit das Leben für alle im Kongo und in der Welt besser und nachhaltiger und schöner wird.

Die Bildungs-Beilage in der „NZZ am Sonntag“ zeigt mir: Es ist nicht selbstverständlich, solche Bezüge herzustellen. Man kann sich leicht mit Teilzielen zufrieden geben und das Dasein als eine oder einer von sieben Milliarden Mitweltbürgerinnen aus dem Blick verlieren. In einer Gesellschaft, deren Grundprinzip der Wettbewerb ist, passiert das sogar ziemlich oft, allen gegenteiligen Beteuerungen zum Trotz.

Und deshalb ist meine zweite Frage wichtig: Welches grundlegende Wissen brauchen Menschen, um gut in der Welt zu sein? Ich kann diese Frage jetzt auch praktischer formulieren: Wie ist es möglich, bei jedem Lernschritt und jeder Tätigkeit das Bewusstsein aufrecht zu erhalten, dass es um einen Beitrag zum grossen Guten geht? Wie kann ich im Lernen und Tun orientiert bleiben auf das, worum es letztlich geht, das gute Leben für alle?

 Eine Art Lernprogramm

Ich fange jetzt nochmal vorne an, bei den ganz Kleinen, im Kindergarten, oder besser: noch früher, im Haus der Älteren. Ich werde eine Art Lernorientierung skizzieren. Für dieses Programm ist es egal, ob der Kindergarten und die Schule in Kinshasa oder Zürich oder Singapur oder Seattle oder Hallau oder sonstwo stehen.

Heute ist es einfach, Bilder von der ganzen Welt zu bekommen. Man muss sie nur aus dem Internet runterladen. Auch wenn nicht immer Strom auf der Leitung ist, kann man sie finden und nutzen: zum Beispiel Bilder von Kindern aus allen Erdteilen: wie sie aussehen, wie sie leben, was sie spielen, was sie essen, wie sie wohnen, was sie lernen. Ich glaube, es ist essentiell, Kinder schon früh und mit Sorgfalt an die Tatsache zu gewöhnen, dass die Welt nicht an der Haustür, nicht mit ihrem Quartier und ihrer Stadt oder ihrem Staat aufhört. Sie müssen wissen: Es gibt anderswo auch Kinder. Alle brauchen Wasser und Essen und ein Haus und ein Bett, alle spielen und lernen und haben Freundinnen und Freunde, alle haben Angst vor Krieg und Gewalt, alle wollen glücklich sein. Dieses Wissen von Weite altersgerecht zu vermitteln, ist elementar. Zuerst wohl mit Bildern, dann zum Beispiel mit Grusswörtern oder Liedern in fremden Sprachen, dann allmählich mit Filmen und Landkarten und dem Globus.

Auch erste Lesetexte und Rechenaufgaben können vermitteln, dass meine kleine Welt nicht die ganze Welt ist, und wie welche Dinge und Tätigkeiten das gute Leben aller fördern. Zum Beispiel: Strassen, Schiffe und Flugzeuge sind nicht nur technische Wunderwerke, sie sind dazu da, Verbindungen zwischen Menschen herzustellen. Nur deshalb braucht es Autofabriken, Strassenarbeiter und Architektinnen. Hotels sind dazu da, Menschen zu beherbergen, wenn sie unterwegs sind. Nur deshalb braucht es Köchinnen und Chauffeusen und Menschen, die Zimmer in Ordnung halten. Ärztinnen braucht es, damit Menschen wieder gesund werden. Weil dazu manchmal auch Medikamente nötig sind, braucht es Fabriken, in denen Pillen hergestellt werden, und Leute, die Medikamente erfinden. Nur deshalb, für sonst gar nichts, braucht es die „Basler Chemie“. Politikerinnen braucht es, damit jemand den Überblick behält darüber, was die Leute in einer bestimmten Stadt oder in einem Land brauchen. Und damit jemand dafür sorgt, dass passiert, was nötig ist. Und damit wären wir schon fast bei der Frage angekommen, die ich bewusst nicht an den Anfang gestellt habe: Warum gehen Leute, zum Beispiel die Mutter und der Vater, in Kinshasa auf die Strasse, um unter Einsatz ihres Lebens zu demonstrieren?

Pfarrerinnen braucht es auch. Wofür? … Ja, wofür braucht es eigentlich Pfarrer? Vielleicht dafür, dass alle lernen, sich zwischendurch immer wieder Zeit zu nehmen zum Nachdenken? Damit wir nicht vergessen, was unsere weisen Vorfahrinnen und Vorfahren für uns aufgeschrieben oder sonstwie überliefert haben? Damit wir regelmässig in Ruhe darüber meditieren, wo wir stehen und was als nächstes zu tun ist? Damit wir die Verbindung zum GROSSEN UMUNSHERUM nicht verlieren? Ja, das ist eine Aufgabe, die mir als Theologin gefällt: Kinder und Erwachsene immer wieder daran erinnern, dass ihr Sein und Tun Teil eines grossen Zusammenhangs ist, den wir nicht uns selber verdanken, den wir aber mit unserem Dasein und Tun bedächtig nähren können.

Ist klar geworden, was ich meine? – Ich will, dass alle Bildung eine bestimmte Richtung hat: die Ausrichtung auf das gute Zusammenleben von Milliarden gleich-verschiedenen Menschen, die mit unzähligen anderen Lebewesen den fragilen, schönen und grosszügigen Kosmos Erde bewohnen, jetzt und auch noch in Zukunft.

Ich bin mir sicher, dass schon viel Bildung überall auf der Welt so ist, wie ich es mir wünsche. Vielleicht muss man es einfach immer wieder einmal ausdrücklich sagen: Erfolg, Können, Innovation und Wettbewerb sind nicht an sich gut, sondern Hilfsmittel auf dem Weg zum guten Leben aller. Die verschiedenen Religionen, Kulturen und regionalen Eigenheiten sind nicht schlecht, aber wenn sie sich allzu sehr als „Identitäten“ verstehen und voneinander abgrenzen, werden sie nicht nur steril, sondern gefährlich. Sie sollen nicht verschwinden, aber sie sind nicht (mehr) zentrale Orientierung, sondern stehen im Dienst der Sorge ums UNVERFÜGBARE GUTE. Ich bin nicht besser als du, weil ich reformiert bin und du katholisch, und auch nicht umgekehrt. Musliminnen sind nicht besser und nicht schlechter als Atheisten oder Humanistinnen. In allen Traditionen finden sich Impulse, die nähren und fördern, was uns alle gemeinsam angeht. Diese Impulse werden wir entdecken und fruchtbar machen für alle. In der Schule „Les Gazelles“ in Kinshasa, übrigens, tut man das schon seit vierzig Jahren, jeden Morgen neu.

Hier höre ich auf zu reden und bin gespannt, wie meine Gedanken bei euch angekommen sind.

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