Feminismus in Istanbul

1.
Dieses Foto habe ich am Nachmittag des 3. Juni 2016 in Istanbul aufgenommen:

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Es zeigt, dass am 3. Juni 2016 in Istanbul vieles möglich war: Kopftuch oder offene Haare und Designerjeans, bodenlanges Gewand und ärmelloses Top, Turnschuhe und Smartphone sowieso, und all das im freundlichen Gespräch miteinander. Die schwarz-vollverschleierten Gestalten in der Hotellobby, so versichert man mir, seien Touristinnen aus Saudi-Arabien.
Zwar hat am 29. Juli 2014 laut Berichten westlicher Medien der damalige türkische Regierungssprecher Bülent Arinc öffentlich den Mangel an weiblicher Tugendhaftigkeit beklagt und ein Lachverbot für Frauen in der Öffentlichkeit in Erwägung gezogen. Aber davon ist zwei Jahre später auf den Straßen Istanbuls nichts zu spüren: Frauen lachen, laut, mit und ohne Kopftuch.

2.
Man sieht es einer Frau nicht an, warum sie sich für das Kopftuch entschieden hat und ob sie es seit zwanzig Jahren oder erst seit vorgestern trägt, oder vielleicht nur heute, weil sie keine Zeit hatte, sich die Haare zu waschen. Trotzdem versuche ich bei der Frauenkonferenz, die am Vormittag des 3. Juni im Viersterne-Hotel am Taksim-Platz begonnen hat, unwillkürlich, das Durcheinander in meinem Kopf mittels des Kriteriums „Kopftuch“ zu sortieren: Ist die Mittvierzigerin aus Brüssel, die ihre Lockenpracht offen trägt, weniger fromm als die junge Bloggerin aus Berlin, die, mit Kopftuch, über Intersektionalität referiert? Beide sind als Secondas in türkische Familien in Mitteleuropa hinein geboren, die eine ist Zahnärztin, die andere hat Geschichte und Sozialwissenschaften studiert. Was die beiden verbindet, sind, so scheint mir, vor allem die „höhere“ Bildung und der berufliche Ehrgeiz, außerdem vermutlich das Interesse an Geschlechterfragen, denn ohne letzteres wären sie kaum hier. Schon länger glaube ich nicht mehr an die nur vermeintlich klare Unterscheidung zwischen „westlichen“ und „traditionellen“ Werten. Hier und jetzt gerät diese Unterscheidung vollends aus den Fugen, was mich mit einer gewissen Genugtuung erfüllt.
Wie aber soll ich mir erklären, dass fast alle Konferenzteilnehmerinnen, unabhängig davon, ob sie in der Türkei leben oder „aus Europa“ angereist sind, ein Kopftuch tragen, obwohl sie weder hier noch dort dazu gezwungen sind? Was wollen sie damit ausdrücken? Religiosität? Moralität? Distanz zu einem Freiheitskonzept, das nicht ihres ist? Zustimmung zum politischen Kurs des Präsidenten Recep Tayyip Erdogan, dessen Ehefrau seit einigen Jahren demonstrativ traditionell auftritt? Und falls letzteres gemeint sein sollte: worin genau besteht der Kurs dieses Präsidenten, worin genau besteht und wie weit reicht die Zustimmung der Kopftuch tragenden Akademikerinnen?
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3.
Das Thema der Konferenz heißt „Frau sein in Europa: Chancen und Risiken“ (Being a Woman in Europe: Risks, Opportunities and Benefits). In ihrer Eröffnungsrede erklärt die Präsidentin, es gehe vor allem um eine kritische Auseinandersetzung mit dem westlichen Feminismus. Mir ist nicht klar, ob die Organisation HAZAR, die zur Konferenz eingeladen hat, sich selbst als feministisch versteht, oder ob dieser Begriff für etwas steht, das anderswo, nämlich „im Westen“ stattfindet, dort, wo Alice Schwarzer Kopftuchträgerinnen per se für unemanzipiert hält. Einige der Konferenzteilnehmerinnen bezeichnen sich selbst als Feministinnen, andere grenzen sich ausdrücklich ab, oft mit der Begründung, Musliminnen brauchten keinen Feminismus, weil im Islam die Gleichberechtigung der Frauen schon immer enthalten, wenn auch leider manchmal kulturell außer Kraft gesetzt sei.
Eine muslimische Theologin mittleren Alters tritt auf. Deutlich ist spürbar, dass sie bekannt ist und großen Respekt genießt. Sie sagt, jetzt, unter Erdogan, müssten die nichtfeministischen, die muslimischen Frauenverbände unter Beweis stellen, dass Frauen auch ohne „westliche“ Ideen von Gleichberechtigung ihren erreichten Status zu halten in der Lage seien. Diese Aussage provoziert eine lange heftige Auseinandersetzung. Warum der „westliche“ Feminismus denn überhaupt zum Feindbild geworden sei, will die Rednerin wissen. Weil er sich nicht ums Wohl des Ganzen, sondern nur um isolierte vermeintliche Freiheiten kümmere, weil er Frauen zu Freiwild mache, weil er sie in Männerbiographien und in kapitalistische Machtstrukturen presse!

4.
Mit dem Bus fahren wir zum Sitz von HAZAR, wo wir zum Abendessen geladen sind. Neben mir sitzt eine junge Sozialwissenschaftlerin aus Ankara. Sie erzählt von ihren Forschungen über die Lebensbedingungen syrischer Flüchtlingsfrauen in der Südtürkei. Dann erklärt sie mir in einer Mischung aus Stolz und Abwehr die pompösen ottomanischen Paläste am Ufer des Bosporus. Ich erinnere mich an die zwiespältigen Gefühle, die mich regelmäßig auf der Berliner Museumsinsel oder in der Wiener Hofburg anfallen. Und der Palästinenser israelischer Staatsangehörigkeit fällt mir ein, der uns im Sommer 2012 durch Jerusalem geführt hat. Auch er konnte sich nicht entscheiden zwischen Stolz und Zorn auf den Staat, in dem er lebt. Dann durchqueren wir ein hypermodernes Geschäftsviertel. Die glänzenden Hochhäuser seien doch großartig, meint meine Nachbarin, und phallisch seien sie natürlich auch. Ja, die Wirtschaft laufe gut in der Türkei! Der Sitz der Organisation HAZAR ist ein erstaunlich prächtiges, großzügiges dreistöckiges Haus:

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5.
Am zweiten Konferenztag macht es mich ungeduldig, dass die Diskussionen nicht aus dem unfruchtbaren Gegenüber von „Westen“ und „Tradition“ herausfinden: Sie sei mit einem Mann glücklicher als mit dreien, meint eine. Aber um Unverbindlichkeit in den Beziehungen gehe es doch den westlichen Feministinnen überhaupt nicht, im Gegenteil! Worum denn dann? Um eine Erneuerung der Beziehungen und um Menschenwürde für Frauen und Männer! Eine zitiert aus der allgemeinen Erklärung der Menschenrechte: Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Sie sind mit Vernunft und Gewissen begabt und sollen einander im Geiste der Brüderlichkeit begegnen. Eben, da sehe man es doch: da gehe die weibliche Würde in der Brüderlichkeit unter! Eine erzählt, sie sei Atheistin gewesen und sei einem katholischen Italiener auf den Leim gegangen. Der habe sie schwer misshandelt, und da sei sie endlich zur Muslimin geworden, jetzt sei sie glücklich und freue sich auf einen noch stärkeren Präsidenten Erdogan! Grummeln im Saal. Aber in Ländern wie Afghanistan könne man doch sehen, wohin das führe mit einem islamischen Staat! Da müssten die Frauen doch vorsichtig sein! Ich frage, warum sie denn trotzdem Musliminnen blieben, wenn diese Religion so leicht in weibliche Unfreiheit kippen könne? Da bricht Begeisterung aus: die Erfahrung des gemeinsamen Fastens im Ramadan sei einfach unvergleichlich, und das tägliche Gebet schenke Distanz zum konsumistischen Betrieb, überhaupt zum Kapitalismus, und ohne eine Beziehung zum Göttlichen könne keine Frau frei sein. Ja genau, sage ich, davon sei ich auch überzeugt, und ja, auch ich ärgere mich, wenn „westliche“ Feministinnen abstreiten, dass Religion befreit, befreien kann zumindest, wenn sie postpatriarchal transformiert ist… Was denn das sei, eine postpatriarchal transformierte Religion?…