In Skopje

Wir sind nach Skopje gereist, weil wir wissen wollten, wie es in Skopje ist. In einer Fake-Kajüte auf einem Fake-Schiff mit sehr freundlicher Besatzung, das ein geschäftstüchtiger Jemand in den Fluss Vardar montiert hat, der dekorativ mitten durch die Stadt fliesst, haben wir übernachtet. Das ist typisch für Skopje, denn auch viele Gebäude im Stadtzentrum sind Fake.

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Eine nationalkonservative Regierung hat nämlich Anfang des 21. Jahrhunderts „Skopje 2014“ beschlossen. Deshalb gibt es hier seit 2014 viele kolossale Gebäude und bedeutungsvoll sein wollende Skulpturen. Architekturkritikerinnen aus dem Westen nennen es „Kitsch“. Aber Schönbrunn und Champs Elysées sind ja auch Kitsch, wenn man bedenkt, wer sie auf wessen Kosten auf welchen Boden gebaut hat. – In Skopje war vor „Skopje 2014“ ziemlich viel kaputt, denn im Jahr 1963 hat ein Erdbeben die Stadt flach gemacht. Auch zwei Leute aus dem Dorf, in dem ich zuhause bin, Annalis und Eduard Heberlein, sind bei diesem Beben ums Leben gekommen.

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Die vielen Monumente in der Stadt kann man verachten. Das tun nicht nur die zahlreichen nichtmazedonischen Minderheiten, die im Staat FYROM (Former Yugoslav Republic of Macedonia) leben, sondern auch alle, mit denen wir in Skopje ins Gespräch gekommen sind. Mit einer jungen Buchhändlerin haben wir die Idee entwickelt, die Statuen an Donald Trump zu verkaufen, dem sie bestimmt gefallen würden. Aber man kann sich auch auf dieses eigenartige Universum aus steinernen und bronzenen Männern und Frauen einlassen. Man könnte Führungen veranstalten. Zum Beispiel habe ich noch nie eine so prägnante bildliche Darstellung des Patriarchats gesehen wie das Kriegerdenkmal auf dem Platz zwischen der steinernen Brücke und dem alten Bazar. Von der Hausfassade daneben gucken ungläubige Frauen auf den Muskelprotz runter, den man über Dienerinnen, Sklaven und Soldaten gestellt hat:

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Es gibt in Skopje erstaunlich viele Hotels. Das liegt womöglich daran, dass in dem Berg unter der US-amerikanischen Botschaft eventuell die Balkanzentrale des CIA versteckt ist, was aber niemand bestätigen will.

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Vis-à-vis vom Holiday Inn gibt es ein kleines Touri-Informationsbüro, das auch eine Galerie und täglich von 8.30h bis 16.30h geöffnet ist. Als wir am Mittwoch, 3. Januar 2018, um 9.30h dort waren, war es aber zu.

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Nachmittags gingen wir nochmal hin, da war es offen. Der Mann, der darin amtet, erzählte uns, von dem Gehalt, das die Stadt ihm zahle, könne man nicht leben, weshalb er neuerdings auch noch ein Restaurant in der Nähe des Zoos betreibe, weshalb wir am nächsten Abend in ebendieses Restaurant essen gingen. Das Essen war gut und günstig, das Restaurant nett, aber leer, was eventuell daran liegt, dass im orthodoxen Mazedonien am 6. Januar Weihnachten ist. Wir haben dann aber auch darüber sinniert, ob man ein Restaurant vielleicht anders starten könnte als nach dem gängigen kapitalistischen Muster „Miete einen Raum, stelle einen Koch und zwei Kellner an und warte auf Kunden, die dir Rendite bringen“. Ich würde es wohl eher mit einer Kooperative oder einer Genossinnenschaft probieren.

Etwas vom Besten in Skopje ist übrigens der alte Bazar. Dort gibt es viel, zum Beispiel türkischen Tee und Baklava namens „Angela Merkel“.

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