Ein netter Mann, der anders tickt

WiC-Blogpost Nummer 13

Kürzlich hatte ich einen Mail-Austausch mit einem Ökonomieprofessor. Ich hatte ihn gefragt, ob er oder seine Kolleginnen und Kollegen zur unbezahlten Care-Arbeit in Privathaushalten forschen und lehren.

Ein gesprächiger Mensch

Anders als andere Ökonomen, denen ich dieselbe Frage gestellt hatte, sagte mir dieser Professor erfreulicherweise nicht, er sei leider viel zu beschäftigt, um mir zu antworten. Ausführlich erklärte er mir seinen Standpunkt: Er halte die Wertschöpfungsstudien für den nicht-marktlichen Bereich, zum Beispiel das Modul „Unbezahlte Arbeit“ der Schweizerischen Arbeitskräfteerhebung (SAKE) für durchaus interessant. Allerdings würden ihre Ergebnisse meist falsch interpretiert. Es sei nämlich so, dass alle Menschen selbstverständlich auch außerhalb ihrer Erwerbsarbeitszeit die verschiedensten Tätigkeiten verrichteten, zum Beispiel Haushaltsarbeit, Freiwilligenarbeit, TV-Konsum, Care, Essen oder Schlafen, und dass all diese Tätigkeiten tatsächlich wertschöpfend in dem Sinne seien, dass durch die Zeitverwendung der Menschen die gesellschaftliche Wohlfahrt steige. Daraus lasse sich in der Tat folgern, dass die umfassend berechnete Wertschöpfung einer Gesellschaft etwa zehnmal grösser sei als das ausgewiesene Bruttoinlandsprodukt. Trotzdem müsse er über die vielen Forschungsarbeiten zur Hochrechnung der Haushaltsleistungen vor allem schmunzeln, denn sie würden ja in der Konsequenz bedeuten, dass Tätigkeiten wie Essen oder Schlafen im Bruttoinlandsprodukt auftauchen müssten. Er halte, Spaß beiseite, die Vorschläge zur Erfassung von außermarktlichen Tätigkeiten deshalb letztlich für brandgefährlich. Denn natürlich sei es nicht uninteressant zu wissen, wie viel, wie und von wem unbezahlt gearbeitet werde. Von der statistischen Erfassung zur staatlichen Kontrolle und damit auch zur Besteuerung sei es aber ein kleiner Schritt. Er sei deshalb, kurz gesagt, gegenüber den vielen Ansätzen zur Erhebung und Bewertung der außermarktlichen Tätigkeiten sehr skeptisch und wolle mir die Rückfrage stellen, ob ich denn bereit sei, für einen Abendspaziergang oder das Gespräch mit einem Kind Steuern zu zahlen?

Eine ehrliche Haut

Was mir an der Antwort dieses Ökonomen gefallen hat, war ihre Aufrichtigkeit. Ich hatte zwar schon vermutet, dass Ökonomen, weil sie seit Jahrhunderten die Ökonomie als eine Lehre vom Geld verstehen, von all dem, was sich außerhalb des Geldkreislaufes abspielt, nicht viel Ahnung haben, weshalb sie zum Beispiel keinen prinzipiellen Unterschied sehen zwischen Fernsehen und Kloputzen oder zwischen Schlafen und Wäschewaschen. Aber das hatte mir noch nie ein Ökonom so deutlich gesagt. Die meisten hatten sich entweder meinen Fragen entzogen, oder sie waren von diesen Fragen peinlich berührt gewesen, weil ihnen dämmerte, dass es nicht logisch ist, auf den ersten Seiten ihrer Lehrbücher die Ökonomie als die Lehre von der Befriedigung menschlicher Bedürfnisse zu definieren, ab Seite zwei dann aber nur noch vom Geld zu reden. Ich war deshalb froh um die Antwort dieses Professors, der mir kurz und bündig erklärte, von welchen Voraussetzungen her er heute an seiner Universität Ökonomie betreibt: Was Geld kostet beziehungsweise einbringt, ist Gegenstand der Ökonomie, befriedigt also per Definition Bedürfnisse. Was außerhalb des Geldkreislaufs stattfindet, ist eine amorphe Masse von diversen Tätigkeiten, die man sich besser nicht genauer anschaut, weil man sonst nämlich vielleicht mehr Steuern bezahlen muss.

Gesprächsbedarf

Und dann löste die Antwort des Professors in mir noch eine Kaskade von Folgefragen aus, die ich gerne bald mit ihm und seinen Kolleginnen und Kollegen besprechen würde: Wie lebt dieser Professor? Was tut er von früh bis spät? Wer putzt bei ihm zuhause? Was meinen seine Frau, seine Mutter, seine Tochter? Geht er manchmal in die Kirche? Wenn ja, wozu? Wie verhält er sich insgesamt zu den Anliegen meines Vereins WiC? Zum Beispiel zur Frage, wie sieben Milliarden fürsorgeabhängige Menschen samt ihren Nachkommen in Zukunft auf dem verletzlichen Planeten Erde zusammen leben wollen? Warum und für wen genau ist es brandgefährlich, eventuell mehr Steuern zu zahlen? Könnte es sein, dass man an den Universitäten längst aufgehört hat, die Ökonomie als Oiko-Nomia und als Lehre von der Befriedigung menschlicher Bedürfnisse zu verstehen, und ich habe es bloß noch nicht mitgekriegt? Und schließlich vielleicht die wichtigste aller Fragen: Wie kann einer, der doch ein ganz netter Typ ist, dermaßen anders ticken als ich?

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