Sagen, was wahr ist: Wirtschaft ist Care

WiC-Blogpost Nummer 45

Jeden Werktag Abend zur besten Sendezeit berichtet das öffentlich rechtliche Fernsehen der deutschsprachigen Schweiz über die „Faszination Börse“. Ich höre mir die drei Minuten „SRF Börse“ vor der Hauptausgabe der Tagesschau so regelmässig wie möglich an, kann mich aber nicht erinnern, da jemals von dem erheblichen Arbeitsvolumen erfahren zu haben, das unter den elegant auf- und absteigenden Kurven des Swiss Market Index verborgen liegt. Zwar gäbe es weder das Fernsehstudio am Leutschenbach noch den Chefredakteur Reto Lipp, weder Banken noch SMI, wenn niemand dafür sorgen würde, dass die Hemden gebügelt, die Klos geputzt und die Kinder in die Schule geschickt werden. Aber für Börsianer*innen ist es wohl tatsächlich nicht so faszinierend, dass die seltsame Arbeitsteilung zwischen der Welt der Krawatten- und Stiletto-Träger*innen und der unbezahlten Haushaltsproduktion die Frauen in der Schweiz um jährlich ungefähr 100 Milliarden Franken ärmer macht.

Care-Arbeit: Nicht schon wieder!

Am 24. März 2019 sendete Radio SRF ein halbstündiges, von Norbert Bischofberger moderiertes Gespräch zwischen dem Ökonomieprofessor Mathias Binswanger und mir. Das Thema hiess: „Eine neue Ökonomie“. Für einmal sprachen wir über die ausgeblendete Grundlage des profitgetriebenen Wirtschaftens und über die Frage, wie die ganze Ökonomie sichtbar werden kann, und zwar überall: in den Medien, in der Wissenschaft, im Bruttoinlandsprodukt, in der Schule, in Alltagsgesprächen. Als ich nach diesem Gespräch Judith Hardegger, die Redaktionsleiterin der Debattensendung „SRF Sternstunden“, per Twitter fragte, ob sie das Missverhältnis zwischen dem dominanten Marktfundamentalismus und der notorisch verschwiegenen Basis der Produktionsmaschinerie nicht auch einmal in den „SRF Sternstunden“ zum Thema machen wolle, schrieb sie mir am 18. April 2019 zurück, sie sehe keinen Anlass, das Thema „grad nochmal“ zu bringen. 

Ein seltsames Verständnis von Ökonomie

Dass das Schweizer Fernsehen bis heute täglich über die Börse, aber nur alle paar Monate über Care-Ökonomie berichtet, ist ärgerlich, aber logisch: Man hat mit guten Gründen Angst vor den gewaltigen Zahlen, die das Bundesamt für Statistik seit bald fünfundzwanzig Jahren unbeirrt der Öffentlichkeit zur Verfügung stellt. Denn wenn alle über das „Satellitenkonto Haushaltsproduktion“ Bescheid wüssten, würde wohl unweigerlich eine Protestlawine gegen den unsachgemäss verengten Ökonomiebegriff und seine weitreichenden Folgen anrollen. Deshalb bleibt man lieber beim gängigen Narrativ von den defizitären Frauen, die „aufholen müssen“, um endlich in „die Wirtschaft“ integriert zu werden:

Am Frauen*streiktag, 14. Juni 2021, zum Beispiel, berichtete die Wirtschaftssendung „SRF Eco“ über den „chronischen Frauenmangel in der IT-Branche“. Ich hätte mir stattdessen Nachdenklichkeit über Bullshit-Jobs und Ökosystemrelevanz gewünscht, oder über den Pflexit und die Pflegeinitiative, oder wenn schon über Digitalisierung, dann über die Frage, wann sie Sinn macht und wann nicht, und über toxische Männlichkeit in der IT-Branche. Wer aber die verantwortlichen Redakteur*innen zur Parteilichkeit der Programmpolitik befragt, bekommt noch immer die altväterliche Mär von den „Liebesdiensten“ und den „gegenseitigen Hilfeleistungen“ zu hören. So schrieb mir Stefan Barmettler, der Chefredakteur der „Handelszeitung“ am 30. Oktober 2019, viele Eltern fassten Erziehungsarbeit doch als „Akt der Zuneigung, Verantwortung und Freude“ auf und wollten deshalb bestimmt nicht dafür bezahlt werden.

Dass Care-Arbeit oft Freude macht, ist zwar vollkommen richtig. Das gilt aber hoffentlich auch für die Arbeit von Anwält*innen, Unternehmer*innen oder Professor*innen, denen es im Allgemeinen problemlos gelingt, Verantwortungsbewusstsein und Freude mit anständigen Löhnen zu vereinbaren.

(K)ein Spaziergang

Wie kann es gelingen, das allgemeine Verständnis von Ökonomie so zurechtzurücken, dass nicht mehr die Börse – und damit die profitgetriebene Produktion tendenziell überflüssiger oder gar schädlicher Güter – die Mitte des Ganzen bildet, sondern «das Leben und seine Erhaltung, … das Sorgen für die Welt, … der Einsatz für einen kulturellen Wandel»?

Gelingen kann der notwendige Paradigmenwechsel durch einen vieldimensionalen Prozess, der überall, in den Medien und in den Schulen, in der Wissenschaft und in Alltagsgesprächen, im Kulturbetrieb, in der Raumplanung, in internationalen Organisationen, Parlamenten, Gewerkschaften und Verbänden zur Sprache bringt, dass „Wirtschaft“ nicht mit der Kreditkarte beginnt, sondern mit den Windeln, dem Frühstück, der Hausaufgabenbetreuung und dem Kloputz zuhause.

Als Teil dieser wachsenden globalen Bewegung für eine Care-zentrierte Ökonomie versteht sich zum Beispiel die Siebte Schweizer Frauen*synode, die seit Januar 2017 als synodaler Prozess unterwegs ist. Eigentlich hätte die Synode wie immer eine grosse Versammlung werden sollen: am Samstag, 5. September 2020, in der Stadthalle von Sursee. Weil diese Versammlung pandemiebedingt abgesagt werden musste, können jetzt alle durch Sursee spazieren, wann und mit wem sie wollen. Die Broschüre „Wirtschaft ist Care – (K)ein Spaziergang“ der Frauen*synode begleitet uns alle auf diesem Weg durch das Städtchen im Herzen der Schweiz – und weit darüber hinaus.

 (Dieser Text ist in einer etwas längeren Version zuerst erschienen Anfang Juli 2021 auf der Webseite der Grossmütter-Revolution.)