Wirtschaft ist Care oder: Die Wiederentdeckung des Selbstverständlichen

Martha Béery-Artho befragt Ina Praetorius zu ihrem neuen Text.

Die „Heinrich Böll Stiftung“ ist die politische Stiftung der deutschen Grünen Partei. Diese Stiftung hat Anfang des Jahres Ina Praetorius beauftragt, einen Essay zum Themenkreis „Care, Ökonomie und Nachhaltigkeit“ zu verfassen. Dieser Essay liegt nun als Band 16 der Reihe „Wirtschaft und Soziales“ vor. Er kann online in Deutsch oder Englisch gelesen oder als Heft in Berlin (Heinrich Böll Stiftung, Schumannstr. 8, D-10117 Berlin) bestellt werden.

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Martha Beéry: Der Titel dieses schmalen weiss-grünen Heftes macht mich „Careière Frau“ wirklich neugierig. Ich habe die 80 Seiten gleich mit grossem Interesse gelesen. Kannst du in wenigen Worten erklären, was sich hinter diesem Titel verbirgt? Was soll das heissen: „Wirtschaft ist Care“?

Ina Praetorius: Auf den ersten Seiten jedes Lehrbuchs der Ökonomie steht, das Kerngeschäft der Wirtschaft sei „die Befriedigung menschlicher Bedürfnisse“. Zum Beispiel hört sich das so an: „Es ist Aufgabe der Wirtschaftslehre zu untersuchen, wie die Mittel zur Befriedigung menschlicher Bedürfnisse am sinnvollsten hergestellt, verteilt und ge- oder verbraucht werden.“ (Günter Ashauer, Grundwissen Wirtschaft, Stuttgart 1973, 5)  Dieses bis heute allgemein akzeptierte Verständnis von Ökonomie setze ich in meinem Text voraus, und ich frage: Wie kommt es dazu, dass ausgerechnet diejenigen Tätigkeiten, in denen es am offensichtlichsten um die Befriedigung menschlicher Bedürfnisse geht – nämlich Kochen, Waschen, Gebären, Stillen, Putzen, Zuhören und so weiter – gewohnheitsmässig aus dem Gegenstandsbereich der Wirtschaftswissenschaft ausgeschlossen werden? Während Tätigkeiten und Produkte wie Waffen, Schönheitsoperationen, Talkshows, Finanzprodukte oder Rennautos selbstverständlich als „Befriedigung menschlicher Bedürfnisse“ gelten? Was ist da schief gelaufen? – Schief gelaufen ist, dass Tätigkeiten und Produkte heute – entgegen der allgemein akzeptierten Definition – nur dann als „Wirtschaft“ gelten, wenn sie in den Geldkreislauf einbezogen sind, oder anders ausgedrückt: nur was Geld einbringt, darf sich „Wirtschaft“ nennen. Das widerspricht aber nicht nur dem erklärten Selbstverständnis der Ökonomen und Ökonominnen. Es bringt uns auch in widersprüchliche, verzweifelte Situationen, zum Beispiel: Ein grosser Teil der Frauen, die Kinder erziehen, verarmen weltweit. Gleichzeitig „müssen“ wir Waffen produzieren, um „Arbeitsplätze“ zu erhalten. – In meinem Essay versuche ich, diesem Widerspruch im Kern unserer Wahrnehmung auf den Grund zu gehen. Ich nehme meine Leserinnen und Leser dafür mit auf eine Reise durch die Geschichte des Abendlandes: so ungefähr bei Sokrates fängt’s an, bei der Bankenkrise hört’s noch nicht auf…

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Martha Beéry: Was hat denn Sokrates damit zu tun?

Ina Praetorius: Der zum Tod verurteilte Sokrates hat, bevor er den berühmten Giftbecher ausgetrunken hat, seine Frau, die „viel geschmähte Xanthippe„, und sein Kind nach hause geschickt. Warum? Weil er die beiden im Kreise seiner Männerfreunde nicht haben wollte. Nur den Männern wollte er nämlich seine eigenartige Auffassung erklären, das wahre Leben beginne erst nach dem Tod, also „im Jenseits“. Genau da fängt sie an, die Spaltung zwischen Körper und Geist, Frau und Mann, Bedürftigkeit und (angeblicher) Freiheit, Haushalt und Markt, Liebe und Geld… Diese lebensfeindliche Spaltung setzt sich fort bis in unsere Gegenwart: Heute erzählt man uns, wir sollten nicht hier und jetzt füreinander sorgen, sondern unser Geld in Finanzprodukte anlegen, damit wir irgendwann später vielleicht einmal reich und glücklich werden… Der Denker schickt die Frau nach hause, eine geldfixierte Ökonomie schliesst die Care-Arbeit aus. Das ist derselbe Mechanismus.

Martha Beéry: Und jetzt forderst du also, dass alle Tätigkeiten, die menschliche Bedürfnisse befriedigen, (wieder) als Wirtschaft zählen sollen. Welche konkreten Folgen hätte das, wenn man Care auf diese Weise (wieder) ins Zentrum des wirtschaftlichen Denkens und Handelns stellen würde?

Ina Praetorius: Genau genommen „fordere“ ich das nicht, sondern ich stelle fest, dass wir uns längst auf den Weg gemacht haben: Die Frauenbewegung ist dabei, Care-Tätigkeiten in die öffentliche Wahrnehmung zurückzuholen. In Berlin wurde im März 2014 die „Care-Revolution“ausgerufen. Seither streiken allerorten KiTa-Erzieherinnen und Krankenhauspersonal. Am 14. Juni 2016 jährt sich der Schweizer Frauenstreik zum fünfundzwanzigsten Mal. Zu diesem Jubiläum sollten wir uns was Grosses einfallen lassen! Männer fordern mehr Teilzeitarbeit, Care-Migrantinnen aus Osteuropa führen erfolgreich Prozesse gegen ihre ausbeuterischen Arbeitgeber, und so weiter. Es ist viel unterwegs, auf ganz verschiedenen Ebenen. Im vierten Kapitel des Essays habe ich deshalb eine offene Liste von Initiativen begonnen, die alle in dieselbe richtige Richtung weisen. Der Paradigmenwechsel in der Ökonomie, den ich konstatiere, hat zwar die akademischen Machtzentren und die Schaltstellen der globalen Marktwirtschaft noch kaum erreicht. Aber in diesen Sphären jagt ganz offensichtlich eine Krise die nächste. Die Ökonomen sind nicht mehr so mächtig, wie sie immer noch behaupten, sondern in Wirklichkeit ziemlich ratlos. Es ist deshalb wichtig, im Kern der Ordnung, die all diese Krisen verursacht, neu zu denken und neuartige Lösungen zu finden.

Martha Beéry: Halt stopp! Bist du da nicht allzu optimistisch? Erinnerst du dich, wie wir uns kennengelernt haben? Das war im Jahr 2012: Ich hatte damals gegen die Arenasendung „Geld für alle – Vision oder Spinnerei“ zum bedingungslosen Grundeinkommen Einspruch erhoben. Warum? Weil in der ganzen Arenasendung nicht ein einziges Mal erwähnt wurde, dass es ausserhalb der Erwerbsarbeit noch eine andere Art von Arbeit gibt. Dies, obschon dieser Bereich, den wir „Care“ nennen, gerade bei der Idee des bedingungslosen Grundeinkommens eine wesentliche Rolle spielen sollte. Das zeigt doch, wie weit wir noch von einer angemessenen Wahrnehmung der Care-Arbeit entfernt sind!

Ina Praetorius: Einerseits hast du Recht. Andererseits hast du mit deiner Beschwerde bei der „Unabhängigen Beschwerdeinstanz Radio und Fernsehen“ doch Erfolg gehabt! Einstimmig hat sie am 19. Oktober 2012 entschieden, dass die von dir beanstandete Arenasendung tatsächlich nicht sachgerecht war. Dass dieser Beschluss später vom Bundesgericht wieder aufgehoben wurde mit der Begründung, an Diskussionssendungen müssten weniger hohe Sachgerechtigkeitsanforderungen gestellt werden als an redaktionell aufbereitete Informationssendungen, ist skandalös. Aber man sieht an dieser Geschichte doch auch: es ist viel in Bewegung in Sachen Care! Wichtig scheint mir im Moment vor allem, dass wir gemeinsame Ziele erkennen und formulieren, statt einsame Süppchen zu kochen. Auch darum geht es in meinem Essay. Es gibt schon viele Bewegungen und Gefässe, in und mit denen wir unsere Einsichten gemeinsam reflektieren und vernetzen können.

Martha Beéry: Kannst du trotzdem meine Befürchtungen verstehen, dass gerade die Wirtschaftsfachleute, die heute einen grossen Teil des Denkens und Lenkens beherrschen, von deinen Überlegungen nicht begeistert sein werden?

Ina Praetorius: Ja klar, viele sind nicht so begeistert und geben sich gewohnheitsmässig arrogant. Schliesslich wird von ihnen verlangt, sich einen riesigen blinden Fleck in ihrem bisherigen Denken nicht nur anzuschauen, sondern gleich auch noch die ganze Ökonomie vom Kopf auf die Füsse zu stellen. Das tut weh. Schon die unbezahlte Care-Arbeit in Privathaushalten macht ja annähernd 50 Prozent des gesamtgesellschaftlichen Arbeitsvolumens aus. Dazu kommen noch die unterbezahlten Leistungen im Spital, in Heimen, im Erziehungswesen, in der Spitex und so weiter, und schliesslich die Leistungen der aussermenschlichen Natur – Luft, Wasser, natürliches Wachstum -, die man lange einfach als gratis gegeben angenommen hat. Care-Arbeit wird ja auf eine strukturell vergleichbare Art und Weise an den Rand gedrängt wie die menschliche und aussermenschliche Natur. Es geht hier ganz grundsätzlich auch um das Verhältnis von Ökonomie und Ökologie. Ein solches Umdenken geht nicht von heute auf morgen. Deshalb übe ich mich in Geduld. Es wird noch eine Weile dauern, bis der Paradigmenwechsel die konventionellen Machtzentren erreicht, zum Beispiel den St. Galler Rosenberg. Ich halte es da mit Conchita Wurst: letztlich sind wir „unstoppable“.

Martha Beéry: Ich bin von deiner These überzeugt, sie stimmt. Doch sie stellt unser ganzes bisheriges Denken neu ein. Welche konkreten Massnahmen müssten getroffen werden, damit der Gedanke in Wirklichkeit umgesetzt werden könnte? Waren nicht in der sozialen Marktwirtschaft schon Ansätze vorhanden, die nun einer nach dem anderen den „Sparmassnahmen“ der Länder zum Opfer fallen?

Ina Praetorius: Ja, es gibt Rückschritte. Besonders schmerzhaft sind sie vorerst nicht hier in der Schweiz, sondern vor allem in Südeuropa. Ganz zu schweigen von den ehemaligen Kolonien vor allem im subsaharischen Afrika, die wir immer noch hemmungslos ausbeuten. Andererseits: die klassische „soziale Marktwirtschaft“ war ein paternalistisches Projekt. Sie beruhte auf der klassischen Versorgerehe, die wir zum Glück hinter uns haben. Vieles hängt im Moment davon ab, ob die neuen Widerstandbewegungen, die zum Teil schon an der Macht sind – zum Beispiel in Griechenland – sich eine konsequente Care-Politik zu eigen machen und das auch selbstbewusst kommunizieren. Ansätze dazu sind vorhanden. Es ist zur Zeit sehr spannend, die täglichen Nachrichten mit dem Care-Blick zu verfolgen. Mein Essay stellt ein analytisches Werkzeug zur Verfügung, um diesen Blick zu schärfen und um immer wieder auf verschiedenen Ebenen – von Alltagsgesprächen über die persönliche Lebensgestaltung, die Medienkritik bis hin zur Nationalratswahl und darüber hinaus – selbstbewusst zu intervenieren. Dass wir damit Erfolg haben können, hast du ja mit deiner beharrlichen Medienkritik schon selbst mehrfach erlebt. Und bist du als Gedächtnistrainerin nicht daran, dir auszudenken, wie umdenken bewusst gemacht und trainiert werden kann? Ein Mosaikstein kommt zum anderen…

Martha Beéry: Eine letzte Frage: Welche Auswirkungen, denkst du, hätte der Wandel insbesondere auf Frauen und deren Lebensumstände, also auf die Menschen, die immer noch den grössten Teil der unbezahlten Care-Arbeit leisten?

Gruppenbild mit Damen

Ina Praetorius: Wenn alles, was Frauen täglich gratis für die Welt tun, öffentlich als Ökonomie anerkannt würde, wenn andererseits Spekulanten und Waffenhändler erklären müssten, inwiefern ihr Tun Wirtschaft, also Bedürfnisbefriedigung ist, dann hätte das immense kulturelle Folgen. Wie sich der Paradigmenwechsel auf die konkreten Lebensumstände der Frauen auswirken würde, liegt auf der Hand: es würde ihnen besser gehen, sie müssten nicht mehr hinter verschlossenen Türen das so genannte „Vereinbarkeitsproblem“ in eigener Regie lösen, sie bekämen mehr Lohn, mehr Anerkennung, mehr Sicherheit… Es gibt unterschiedliche ökonomische und sozialpolitische Modelle, wie sich dieser Zustand schrittweise erreichen lässt. Eines davon ist das bedingungslose Grundeinkommen, über das wir nächstes Jahr abstimmen. Aber das ist wohl ein Thema für ein nächstes Gespräch…

Martha Beéry: Ina, herzlichen Dank für das Gespräch und dein beharrliches Engagement für eine Wirtschaft, in der nicht das Kosten-Nutzen Denken im Vordergrund steht, sondern die Bedürfnisse aller Menschen und wohl auch der Erde als unserer Heimat.    

(Dieses Gespräch ist zuerst erschienen am 25. Juni 2015 im online-Magazin Ostschweizerinnen.ch )

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