Viviothek

Ein Gespräch auf Facebook (28.-30. Januar 2017)
Dank an alle Beteiligten!

Es braucht in jedem Dorf einen warmen Ort, wo Menschen auch ohne Geld und ohne ärztliche Einweisung und ohne Mitgliedsausweis hingehen können, bevor ihnen die Decke auf den Kopf fällt. Und zwar täglich von morgens bis abends bis morgens.

Das Pfarrhaus?

Das wäre eine Möglichkeit. Das – reale oder imaginierte – Problem dabei: viele fühlen sich nicht berechtigt, das Pfarrhaus in Anspruch zu nehmen, weil sie nicht der entsprechenden Religion/Konfession angehören. Und: viele Pfarrerinnen und Pfarrer sind mit guten Gründen nicht bereit, das Haus, das auch ihre Privatwohnung ist, als Rund-um-die-Uhr-Zufluchtsort zur Verfügung zu stellen. Burnout droht! Deshalb sollte dieser Ort von einem Kollektiv organisiert und verantwortet werden, das grösser ist als eine Familie.

Da stimme ich dir vollkommen zu !!!

Wenn der politische Wille da wäre, dass es in jedem Dorf einen solchen Ort braucht, dann wäre das nicht allzu schwer zu organisieren. Schließlich hat auch jedes größere Hotel eine 24-Stunden-Rezeption, und jedes Spital eine Notaufnahme.

Tja… da ist der Wunsch Vater des Gedanken. Was ist mit Dörfern jenseits der Hundert-Einwohner- Grenze? Es gibt dort zum Beispiel für die fünf betreffenden Leute auch Jugendclubs, die sind aber auch nicht 24/7 geöffnet und meistens nicht als integrierte Sozialstation ausgelegt (wie in größeren Städten), und auch nicht generationenoffen… guter Gedanke, aber quasi nicht umsetzbar…

Der Gedanke ist doch auch schon eine gewisse Umsetzung.

Es kann ein Anfang sein…

Was sollte die Mutter dieses Gedankens sein, wenn nicht ein Wunsch? Was sollte dieser Gedanke anderes sein als ein Anfang?

Ein Gedanke kann auch ein Geistesblitz sein, eine Erkenntnis, die bereits bestehendes erklärt… zum Beispiel Geistesblitze, die man durchaus oft hat, wenn man sich mit Quantenphysik beschäftigt…

Warum sollte ein Hotelier eine 24-Stunden-Rezeption organisieren können, eine Gemeinde aber nicht?

Das im Hotel muss sich aber rechnen. Das heisst: es braucht viele Gäste, die nachts ankommen. Wenn das nicht regelmäßig der Fall ist, sich also wirtschaftlich nicht lohnt, wird der Nachtportier wieder entlassen. Das geht mit dem Bereitschaftsdienst einer Gemeinde wohl anders.
Wenn es das einfach nur schon jeden TAG gäbe, wäre es schon gut. Nachts gibts immerhin  die Telefonseelsorge oder Spitäler. Eigentlich verrückt, wenn solche Dienste eigerichtet werden müssen, obwohl doch alles so dicht bediedelt ist, folglich Gesprächspartner physisch nie weit sind… Statt „Keine Werbung“-Kleber lieber „Offenes Ohr“- Kleber an die Briefkästen…

Das ist ja eben der Unterschied zwischen Hotel und Gemeinde (oder sollte es sein): das Hotel muss sich rechnen, die Gemeinde (Sozialamt, Beratungsstellen…) nicht. Abgesehen von diesem feinen Unterschied, der sich allerdings heute immer mehr verwischt, ist der Organisationsaufwand für eine 24-Stunden-Präsenz derselbe. Und von wegen Spital in der Nacht: Warum sollte jemand, der oder die nicht im engeren Sinne krank, sondern verzweifelt ist, ins Krankenhaus?

Dort, wo Spitäler sind, könnte ja dieses Gesprächspikett zusätzlich angeboten werden, durchaus auch von Freiwilligen. Dann sind die auch nicht so allein… Und es kann durchaus gut sein, ärztliche Hilfe, oder Hilfe generell im der Nähe zu wissen. Wo keine Spitäler sind, muss Verstärkung schnell zu holen sein. Oder es müssten eh immer Zweier-Teams sein. Die Zeit müsste sonst auch sinnvoll gefüllt werden. Also sinnvolle Zeitfüllerangebote wie Weiterbildung. Oder Denk- und Organisationsaufgaben für die Allgemeinheit.

Oder Stricken und Häkeln.

Billard. Tischfussball. Klingt wie Jugendtreff.

Die Entwicklung dieses Gesprächs empfinde ich als gruselig! Wo sind die Menschen, für die der Gedanke gemeint ist?

Hier.

Nein, ich meine: die „von der anderen Seite“ müssten doch mitreden!

Achso. Verstehe. Die sind in Familien, zuhause, allein, in Heimen, mitten unter uns, am Rand, oft unbemerkt, und in der Regel hier nicht aktiv, oder wenn, dann „sprechen“ sie eher nicht hier drüber. Aber es gibt sie. Und wenn niemand an so einen Treff käme, kann er wieder abgeschafft oder durch Anderes ersetzt werden.

Ich war gerade bei einer von ihnen zu Besuch. Daher überhaupt die Idee. Diese spezielle Person, für die ich mir da was ausdenke, kann hier nicht mitreden, weil sie kaum Deutsch spricht/schreibt.

Ist hier jemand aus einem Dorf, wo es sowas schon gibt?

Vermutlich liessen sich durch eine solche Gemeindestube auch „die Gesundheitskosten senken“.

Definitiv lassen sich damit Gesundheitskosten senken. Es käme der Gesundheit der Menschen sicherlich erheblich zu Gute. Zur Umsetzung bräuchte es eventuell ein bedingungsloses Grundeinkommen. Dann würden sich auch dafür genügend Freiwillige finden…

Ja, man kann die Idee der Gemeindestube auch als eine der vielen guten Ideen für die BGE-Gesellschaft sehen.

Ja, wäre toll. Aber für 24 Stunden Geduld beziehungsweise Wut beziehungsweise Beratung braucht es mindestens ein Sechser-Team – und wer kann das finanzieren? Ich versuche es mit zeitlicher Einschränkung zuhause, gelingt nicht immer…

Ja, mein Finanzierungsvorschlag heißt BGE! Und bevor es da ist: Die Leute, die diese Gemeindestube hüten, können dabei durchaus noch Geld verdienen. Ich zum Beispiel würde meinen Laptop mitnehmen, für ruhige Zeiten. Wer in einer Hotelrezeption Nachtdienst tut, ist auch nicht unbedingt untätig, wenn nichts los ist. Und Mütter, die Kinder hüten, machen nebenbei Küchenarbeit…

Unsere WG ist ein solcher Ort der Gastfreundschaft- ganz und gar unbezahlt – und seit vielen Jahren…

Gastfreundschaft ist eins, Aufnahme verzweifelter Menschen ein anderes. Und zuhause ist nochmals anders als in einer Gemeindestube…

Zu unserem Verständnis von Gastfreundschaft gehört es, dass jede/r, die oder der klingelt, eingelassen wird und soweit eine Schlafgelegenheit zur Verfügung steht, auch über Nacht bleiben kann, oder dann ein anderer Platz gesucht wird. Aus einer Nacht können dann schon ein paar Wochen werden oder noch länger. Eine Gruppe hat da andere Möglichkeiten als Einzelne oder Familien.

Und ist die WG im Dorf bekannt? Wissen die Leute, dass sie da hingehen können?

Untertags können Bibliotheken gute Orte dieser Art sein. Von einem Vortrag weiß ich, dass die das zum Teil auch schon als Teil ihrer Identität/ Aufgaben sehen.

Stimmt. ich kenne auch Leute, die Bibliotheken so nutzen. Bloß in den kleineren Dörfern sind die Bibliotheken halt nur selten geöffnet.

Dann sollten sie wieder öfter öffnen, das wäre gut für viele!

Ich war kürzlich bei einer Tagung von BibliothekarInnen. Da ist mir zum ersten Mal klar geworden wie viele von denen ehrenamtlich arbeiten. Ohne diese ehrenamtliche Arbeit gäbe es fast nirgends offene Bibliotheken.

Dann müsste man noch – im Dorf am besten per Mund-zu-Mund-Propaganda – bekannt machen, dass die Bibliothek ein solcher Ort ist. Auch für Leute, die (noch) nicht lesen (können), oder die in einer Sprache lesen, die diese Bibliothek nicht führt.

Frauenhäuser sind auch solche Orte mit 7/24 Betrieb. Immer wieder bedroht, aber immer noch da. Aber halt auch nur für eine bestimmte Gruppe von Leuten.

Das finde ich so gut an Bibliotheken, dass sie für keine spezielle Zielgruppe sind, und sogar Nicht-Leser*innen ansprechen, weil es da längst auch andere Medien gibt. Hier in meiner Stadt funktioniert das gut in Kombi mit Internet-Zugang. Gut wäre auch Unterstützung für die Besucher*innen, die das wollen. Das Verwende- und Leihangebot könnte ja gut ausgeweitet werden auf Spiele zum Beispiel. Weitere Kombimöglichkeiten, wären offene Werkstätten zum Nähen, Schnitzen, Stricken, Hobeln … und Gelegenheiten zum Ausruhen, Rumlümmeln, Meditieren, Nichtstun. Vielleicht finden wir dann ja auch noch eine andere Bezeichnung für diesen Ort?

Viviothek.

Eine Viviothek in jedem Dorf!