Die feministische Care-Ökonomie, das bedingungslose Grundeinkommen und postpatriarchale Religion: eine noch nicht verwirklichte Allianz für das gute Leben aller

Zu dieser Thesenreihe hat am 16. November 2015 in Bremen eine Veranstaltung stattgefunden. Hier kann man sie in voller Länge anschauen (2 1/4 Stunden).

  1. Laut offizieller Statistik wurden in der Schweiz im Jahr 2013 8,7 Milliarden Arbeitsstunden unbezahlt, also ohne die scheinbar als Arbeitsmotivation unverzichtbaren „finanziellen Anreize“ geleistet. Damit wurden für die unbezahlte Arbeit 14 Prozent mehr Zeit aufgewendet als für die bezahlte Arbeit (7,7 Milliarden Stunden). Die gesamte im Jahr 2013 geleistete unbezahlte Arbeit wird auf einen Geldwert von 401 Milliarden Franken geschätzt. Frauen leisteten 62 Prozent dieser unbezahlten Arbeit, Männer 62 Prozent der bezahlten Arbeit. Hausarbeiten machten mit 6,6 Milliarden Stunden drei Viertel des Gesamtvolumens der unbezahlten Arbeit aus. 1,5 Milliarden Stunden (17%) entfielen auf Betreuungsaufgaben im eigenen Haushalt. Bei (nur!) 7,6 Prozent handelte es sich um klassische Freiwilligenarbeit (Gremien, Parteien, Vereine etc.) „Schweizer Frauen hätten nach diesen Berechnungen im Jahr 2013 241 Milliarden Franken verdient, Männer immerhin noch 159“ Milliarden.
  1. Angesichts dieser Zahlen ist es schwer verständlich, dass die unbezahlte CareArbeit bisher nicht im Zentrum der Debatte zum bedingungslosen Grundeinkommen (BGE) steht. Denn sie wären das quantitativ und qualitativ stärkste Argument für das BGE, indem sie das Standardargument der Gegnerinnen und Gegner, Menschen seien nur mit „finanziellen Anreizen“ zum (nützlichen, sinnvollen) Arbeiten zu bewegen, deutlich entkräften. Die Zahlen zeigen außerdem, dass das BGE angesichts der tatsächlichen Wertschöpfung durch unbezahlte Care-Arbeit ein im Vergleich zu einer herkömmlichen Entlohnung kostengünstiges Instrument für die Verwirklichung eines guten Lebens für alle wäre – ein Instrument, das gleichzeitig Freiheit, Sinn und Würde stiftet.
  1. Dass die überwiegend weibliche unbezahlte Care-Arbeit dennoch im Mainstream der BGE-Debatte nur selten vorkommt, dass BGE-BefürworterInnen lieber auf „Freiheit“, „Kreativität“ und „Selbstverwirklichung“ fokussieren und die sieben Prozent klassische Freiwilligenarbeit in ihren Argumentationen entsprechend überbewerten, hat verschiedene Gründe: a) Es ist ein im Patriarchat tief verwurzelter Mythos, dass weibliche Arbeit im Haushalt etwas „ganz Anderes“ ist als „richtige Arbeit“. Noch immer sind viele der Meinung, Care-Arbeit geschehe aus „Liebe“, während „richtige Arbeit“ gegen Geld erbracht werde. Es gilt folglich nach wie vor als pietätlos, grob und vereinfachend, die (unbezahlbare) „Mutterliebe“ mit herkömmlicher Lohnarbeit zu vergleichen. b) Männer lassen sich nicht gern auf Argumente ein, die aus der Frauenbewegung stammen. Widerstände entwickeln sie vor allem dann, wenn diese Argumente nicht „schwach“ sind, sondern sich in der Mitte ihres Anliegens breit machen könnten. Sie scheinen die Nähe zum Feminismus als Selbstentfremdung und Schwächung ihrer Männlichkeit zu empfinden. c) Frauen ihrerseits halten Abstand vom Thema „Hausarbeit“, weil sie sich mit ihrer traditionellen Rolle nicht mehr identifizieren, sich – aus verständlichen Gründen – von ihr emanzipieren wollen. Sie behaupten deshalb – gegen die Statistik – häufig, die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung sei längst überwunden. d) Sich mit den Müttern und ihrer lebensnotwendigen Arbeit zu befassen, erinnert an die eigene Kindheit, und damit auch an die bleibende Abhängigkeit aller Menschen – nicht nur von den Müttern, sondern auch von der Natur und von den Mitmenschen. Die unabschaffbare Abhängigkeit aller wird in einer Kultur, die seit Jahrhunderten das autarke Subjekt glorifiziert, als Kränkung empfunden. Es ist deshalb einfacher, über „Freiheit“ und „Selbstentfaltung“ zu sprechen, als über Geburtlichkeit, Krankheit, Behinderung, Körperlichkeit, Scheiße und Tod.
  1. Die Religionen haben nie bestritten, dass Menschen vom ersten bis zum letzten Tag ihrer (irdischen) Existenz abhängig sind. Zwar haben die meisten Religionen, vor allem die „großen“ Monotheismen, die menschliche Abhängigkeit höchst eigenartig konzipiert: ihnen zufolge sind Menschen nicht abhängig von der Natur, von Wasser, Luft, Erde und so weiter, von Müttern und anderen Menschen, sondern von einem „Herrn im Himmel“, der alles vom Anfang bis zum Ende der Welt kontrolliert. – Trotz dieser wenig plausiblen Patriarchalisierung des Wissens um menschliche Abhängigkeit haben die Religionen dieses Wissen bewahrt. Sie haben sich bis heute nicht der vermeintlich aufgeklärten Rede vom „sich selbst setzenden Subjekt“ (J.G.Fichte) und deren kapitalistischer Version des „homo oeconomicus“ ausgeliefert. Religiöse Menschen, egal welcher Zugehörigkeit, wissen, dass dieses Menschenbild eine bedenkliche und schädliche Illusion ist. Die Enzykliken von Papst Franziskus sprechen diesbezüglich eine deutliche Sprache, allerdings vorerst ohne die patriarchale Ordnung als Kernproblem zu benennen und aus den Angeln zu heben.
  1. Die Religionen wurden im Zuge der europäischen Aufklärung systematisch entmachtet. Das ist einerseits ein Fortschritt, denn der dominante Herrgott musste entthront werden. Andererseits ist das von den Religionen bewahrte Wissen um menschliche Abhängigkeit (voneinander und von der Natur) unverzichtbar, um der Selbstzerstörung des Menschlichen entgegenzuwirken. Es müssen deshalb Wege gefunden werden, die Tabuisierung des Wissens um menschliche Abhängigkeit in säkularisierten Räumen zu überwinden. Es muss wieder möglich werden, öffentlich zu sagen, dass wir alle geburtlich, endlich, verletzlich, voneinander abhängig und sterblich sind. Die Tabuisierung der traditionell weiblichen Care-Arbeit, der unabschaffbaren menschlichen Abhängigkeit und des Religiösen in öffentlichen Räumen hängen eng zusammen. Aus der Aufhebung dieser dreifachen Tabuisierung könnte eine starke Allianz für ein zukünftiges gutes Leben entstehen: eine Allianz aus feministischer Care-Ökonomie, postpatriarchaler Religiosität und BGE-Bewegung.

Zum Weiterlesen:
Art. Care in: Ursula Knecht u.a. Hgg, ABC des guten Lebens, Rüsselsheim 2012, 2. Aufl. 2013

Ina Praetorius, Erbarmen. Unterwegs mit einem biblischen Wort, Gütersloh (Gütersloher Verlagshaus) 2014
Ina Praetorius, Wirtschaft ist Care oder: Die Wiederentdeckung des Selbstverständlichen, Berlin (Heinrich Böll Stiftung) 2015