Das postpatriarchale Durch/ein/Ander wird sichtbar, oder: Mein persönlicher Women’s March

Am vergangenen Samstag, 18. März 2017, war ich in Zürich beim „Women’s March“.

Worum geht’s denn da genau?…

…hatten mich Leute von außerhalb meiner Filterbubble vorher gefragt, und wozu die pinkigen Mützen? Meine Antwort: Das ist genau der Witz an dieser Aktion, dass sie nicht, wie herkömmliche Demonstrationen, eine „klare Forderung“ vor sich herträgt. Vielmehr sammeln sich da viele verschiedene Leute, um sich für all das einzusetzen, was Donald Trump und seine Verbündeten nicht mögen: freie Frauen*, postpatriarchale Männer*, alle Arten von Leuten, die sich keinem der beiden herkömmlichen Geschlechter zuordnen, Menschen auf der Flucht, people of color, kritische Medienleute, kreative Kinder, Patchwork-Familien, MitweltschützerInnen, postpatriarchal Religiöse wie ich…    Jede und jeder ist frei, einen selbstgestrickten, gehäkelten oder genähten Pussyhat in Pink oder sonst einer schönen Farbe zu tragen – oder auch nicht. Und jede darf ihr eigenes Plakat malen. Wir vertrauen darauf, dass unsere Statements und Forderungen einander ergänzen und bereichern, und dass wir, falls im fröhlichen Durcheinander Widersprüche entstehen, darüber ins Gespräch kommen.

Und so war es dann auch:

Noch nie habe ich eine Straßenaktion erlebt, bei der es dermaßen interessant war, die Transparente, Fahnen und Plakate zu lesen. Bei einigen handelte es sich einfach um laminierte A4-Kartons, die einzelne Menschen hochhielten und über die sie ins Gespräch miteinander kamen. Ich selber habe #karwocheistcarewoche Postkarten verteilt und damit viel Zustimmung und spürbares Neubegehren geerntet. Es gibt eine Fotosammlung, die dabei hilft, sich das postpatriarchale Durch/ein/Ander der vielen plakatgewordenen Wünsche und Visionen in Ruhe zu vergegenwärtigen.

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„No limits for women“ stand da zum Beispiel auf einem Transparent. Natürlich verstehe ich, was damit gemeint ist: Wir Frauen* wollen die herkömmlichen Begrenzungen loswerden, die das Patriarchat uns immer noch setzt, zum Beispiel das ungeschriebene Gesetz, dass wir, bei aller so genannten „Gleichberechtigung“, doch die Hauptverantwortlichen für Haushalt und Kinder bleiben sollen. Und dann dachte ich: so ganz stimmt diese Aussage „No limits for women“ aber nicht. Denn natürlich gibt es auch in postpatriarchaler Zeit „limits“ für Frauen, nämlich: die Grenzen, die wir uns in bezogener Freiheit selber setzen, zugunsten der Mitwelt zum Beispiel, oder zugunsten der Freiheit anderer. Ein bisschen fing dieses „no limits“ mich sogar an zu nerven. Denn stammt diese Forderung nicht aus einer Zeit, in der Frauen sich gegen übermächtige Männer und ihre Definitionsmacht zur Wehr setzen mussten, dabei aber selbstverständlich davon ausgingen, das Patriarchat werde die sinnvollen Grenzen, die wir uns auferlegen, schon auch weiterhin väterlich für uns alle bestimmen? Sind diese Zeiten nicht vorbei? Ist es heute nicht Zeit, selbst Verantwortung zu übernehmen, indem wir zwischen patriarchalen Grenzen einerseits, notwendigen Grenzen andererseits unterscheiden?

Und dann…

…hörte ich auch schon wieder auf mich zu ärgern und las stattdessen das nächste Plakat, und das übernächste und das überübernächste. Und merkte dabei, dass unsere Aussagen einander tatsächlich korrigieren, bereichern und erklären. Und dass ich mich riesig freue über diese neue Art, zusammen sichtbar zu werden als zukunftsweisende Pluralität: als gelebtes gewaltloses gesprächsbereites postpatriarchales Durch/einander.

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Auf Twitter fand ich dann noch die Aussage einer muslimischen Aktivistin, über die ich lange nachgedacht habe: „Wir sollen mitmarschieren, um die Diversitätsquote zu erfüllen, werden im White Feminism aber nicht gehört.“ – Ja, dachte ich, diese Frau hat wohl Recht: Der neue intersektionelle Feminismus freut sich zwar über muslimische Kopftücher auf Demofotos. Aber hören nichtmuslimische, nichtreligiöse Feministinnen auch zu, wenn Frauen* aus den vermeintlich durch und durch patriarchalen Religionen selbst zu sprechen anfangen? …

… Vielleicht noch nicht heute, aber bestimmt schon bald…

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