Wirt*inschaft ist nicht Profitschaft. Eine Sommernachtsrede

WiC-Blogpost Nummer 46

Haben Sie sich schon einmal gefragt, warum Wirtschaft „Wirtschaft“ heißt?
Dieses eigenartig mächtige, scheinbar allumfassend gottähnliche Wesen, von dem andauernd die Rede ist,  könnte nämlich auch anders heißen.
Zum Beispiel Profitschaft.
Oder Nachfragebeschaffungsmaschine.
Oder Bruttoinlandsproduktobsession (BIPologie)

Sicher ist: In der Wirtschaft steckt der „Wirt“.
Deshalb können wir in der Zeit der Gendersprache auch einfach mal „Wirt*inschaft“ sagen. 
(Mit oder ohne Genderstern, wie Sie wollen).
„Wirt*inschaft“. Was fällt Ihnen dazu ein?
Ich lasse Ihnen ein paar Momente Zeit, um das Wort wirken zu lassen.

***

Das Fremdwort für Wirt*inschaft heisst „Ökonomie“.
Dieses Wort ist griechisch und besteht aus zwei Teilen: 
oikos und nomos.
Oikos heisst Haus oder Haushalt.
Nomos heisst Gesetz oder Lehre.
Die Oiko-Nomia ist also die Lehre vom zweckmässigen Haushalten.
Im Wort „Ökonomie“ steckt demnach weder Geld noch Wachstum noch Rendite.
Deshalb wundere ich mich, weshalb gefühlt jede, also wirklich jede, auch diese kirchliche Veranstaltungsreihe zur Ökonomie „Geld und Geist“ heisst.
Obwohl alle Theolog*innen Griechisch gelernt haben.
Das ist sehr langweilig und zeugt von großer Denkfaulheit.

Eine Wirtschaft ist umgangssprachlich auch ein Restaurant:
Man geht „in die Wirtschaft“.
Was macht man da?
Logisch: Im Re-staurant re-stauriert man sich.
Zu Deutsch: Man stellt sich wieder her. Man isst, trinkt, geht aufs Klo und redet miteinander.
Wenn an das Restaurant ein Gasthaus angeschlossen ist – also ein Hostel, ein Hôtel – dann kriegt man da auch noch ein Zimmer.
Da kann ich mich zurückziehen, schlafen und mich waschen.

Bedürfnisbefriedigung

Nach diesen verschiedenen Annäherungen an den Begriff kann ich schon mal zusammenfassen und etwas abstrakter sagen, was „Wirtschaft“ bedeutet:
Wirtschaft, das sind Tätigkeiten, die Bedürfnisse befriedigen.
Wir sind ja alle bedürftig, vom ersten bis zum letzten Tag unseres Lebens, egal, wie viel Geld sich auf unseren Konten und wie viele Nobelpreise sich in unseren Lebensläufen angesammelt haben. 

Sinn und Zweck der Wirtschaft ist, dass bedürftige Leute bekommen, was sie zum Leben brauchen.
Zur Zeit leben ungefähr siebeneinhalb Milliarden Erdenbürger*innen auf der Erde, zusammen mit unzähligen anderen Lebewesen.
Wirtschaften bedeutet, die Bedürfnisse all dieser Erdenbürgerinnen und Erdenbürger zu erfüllen.
Denn es gibt ja keinen guten Grund, warum die einen bekommen sollten, was sie brauchen, viele sogar weit mehr, und die anderen verhungern.

Übrigens steht das genau so in den meisten Ökonomie-Lehrbüchern vorne drin.
Oder auch bei Wikipedia.
Da steht:
„Wirtschaft oder Ökonomie ist die Gesamtheit aller Einrichtungen und Handlungen, die der planvollen Befriedigung der Bedürfnisse dienen.“

Zwar hören meiner Erfahrung nach die da oben beim World Economic Forum in Davos solche schlichten Definitionen nicht so gern.
Aber es geht nun einmal laut Lehrbuch beim Wirtschaften nicht darum, dass die Reichen immer reicher werden.
Es geht darum, dass alle satt werden und in Sicherheit leben können.
Ohne dass dabei der gemeinsame Lebensraum Erde beschädigt wird.
Der soll nämlich auch noch für zukünftige Menschengenerationen bewohnbar sein.

Wie es heute noch funktioniert

Habe ich Sie jetzt durcheinander gebracht?
Oder habe ich eher Ordnung in Ihren Köpfe gestiftet?
Das kommt ganz drauf an, ob Sie die Welt so, wie sie zur Zeit funktioniert, gut finden, oder ob Sie meinen, dass sich da etwas ändern muss.

Ich sage Ihnen jetzt kurz, wie die Welt zur Zeit funktioniert:
Schlagen wir dazu den so genannten „Wirtschaftsteil“ einer beliebigen Tageszeitung auf.
Ich nehme ein paar Ausgaben des „Toggenburger Tagblatt“ und lese Ihnen zehn zufällig ausgewählte Überschriften aus den vergangenen Wochen vor:

Zoom greift für 14,7 Milliarden zu
Valora expandiert mit unbemannten 24-Stunden-Shops
Fiat-Erbe startet Plattform für Luxuskarossen
Netflix legt schwache Zahlen vor
EZB zementiert Politik des billigen Geldes
Mercedes verabschiedet sich vom Verbrenner
Sechs Punkte, die für Anleger heute wichtig sind
EU plant Botschaft im Silicon Valley
Was ältere Manager in die Sinnkrise stürzt
Wie die Schweiz trotz Mindestbesteuerung für Unternehmen attraktiv bleiben will

Und so weiter.
Sie kennen das.
Oder vielleicht kennen Sie es auch nicht, weil Sie den so genannten „Wirtschaftsteil“ lieber überschlagen.
Schließlich machen Sie eher keine Milliardengewinne.
Und Plattformen für Luxuskarossen starten Sie wahrscheinlich auch nicht.

Damit wäre schon etwas Wichtiges klargestellt:
Im so genannten „Wirtschaftsteil“ der Tageszeitung ist wenig davon die Rede, was Leute wie Sie und ich wirklich brauchen und wirklich tun.
Was ich zum Beispiel, abgesehen vom Texteschreiben, täglich arbeite, damit die Leute in meinem Haushalt bekommen, was sie brauchen, das steht da nicht:
Kochen, Waschen, Bügeln, Putzen, Kinder betreuen, für die Nachbarin einkaufen, im Garten Gemüse ziehen, das kommt alles nicht vor.

Vielleicht finden Sie jetzt, dass solche gewöhnlichen Menschentätigkeiten ja auch viel weniger ins Gewicht fallen als die Milliardengeschäfte von Banken oder Industriebetrieben.
Aber das stimmt nicht.
Am 20. Mai 2021 veröffentlichte das Schweizer Bundesamt für Statistik wieder einmal neue Zahlen zur bezahlten und zur unbezahlten Arbeit.
Ich zitiere:

„Die zeitliche Gesamtbelastung für bezahlte und unbezahlte Arbeit betrug im Jahr 2020 sowohl bei Frauen als auch bei Männern ab 15 Jahren rund 46 Stunden pro Woche… Frauen leisteten 50% mehr Haus- und Familienarbeit als Männer. Umgekehrt setzten Männer im Durchschnitt mehr Zeit für bezahlte Erwerbsarbeit ein (25,3 Std. pro Woche gegenüber 15,8 Std.). Was die Hausarbeit betrifft, so wurde 2020 nach wie vor am meisten Zeit für die Mahlzeitenzubereitung aufgewendet (Frauen 7,8 Std., Männer 4,5 Std. pro Woche). Dahinter folgt der Zeitaufwand für Putzen (Frauen 4,5 Std., Männer 2,1 Std. pro Woche). In die Einkäufe investierten Frauen 2,1 Stunden und Männer 1,9 Stunden pro Woche, für Waschen und Bügeln setzten Frauen 2,0 Stunden pro Woche ein, die Männer 0,6 Stunden. Dies sind einige Ergebnisse der Schweizerischen Arbeitskräfteerhebung des Bundesamtes für Statistik (BFS)…“

So viel zur Situation in der Schweiz.
Zur weltweiten Situation schrieb am 20. Januar 2020 die Entwicklungsorganisation Oxfam:

„Weltweit leisten Frauen und Mädchen täglich weit über 12 Milliarden Stunden Haus-, Pflege- und Fürsorgearbeit – unbezahlt. Würde man ihnen auch nur einen Mindestlohn für diese Arbeit zahlen, wären das umgerechnet über 11 Billionen US-Dollar pro Jahr. Oder anders ausgedrückt: Weltweit erbringen Frauen und Mädchen jedes Jahr Pflege- und Sorgeleistungen, die das Vermögen der Superreichen bei weitem übersteigen. Doch während der Reichtum der Einen ins schier Unermessliche steigt, leben Frauen häufiger in Armut.“

Über solche Fakten steht so gut wie nie etwas im so genannten Wirtschaftsteil der Tageszeitung.
Warum nicht?
Weil die Leute, die in den Universitäten, Chefredaktionen, Teppichetagen und den meisten Regierungen das Sagen haben, beschlossen haben, unter „Wirtschaft“ nicht das zu verstehen, was Bedürfnisse befriedigt, sondern das, was Geld kostet und Geld einbringt, ausgedrückt im Bruttoinlandsprodukt, der magischen Zahl, an der wir uns alle orientieren sollen.
Dabei könnten längst alle wissen, dass das BIP nur höchstens die Hälfte der realen Wirtschaft abbildet.

Im Rahmen der Arbeit unseres Vereins WiC (Wirtschaft ist Care) arbeiten wir seit Jahren an solchen Ungleichgewichten.
Sie können viel dazu im Internet, zum Beispiel unter dem Twitter-Hashtag #economyiscare lesen, oder auch im „Handelsblatt“, wenn Sie wollen.

Inzwischen können wir, die wir seit Jahren dran sind, resümieren: Es gibt in der akademischen Wirtschaftswissenschaft, in den Medien und im Politikbetrieb eine regelrechte Blockade.
Man will die Fakten zum größten Wirtschaftssektor nicht hören und erweckt wider besseres Wissen weiterhin den Anschein, Wirtschaften beginne erst mit Kaufen und Verkaufen, je länger je mehr erst mit Milliardenbeträgen, und natürlich mit dem so genannten „Wirtschaftswachstum“. 

Dabei wissen die Ökonom*innen hoffentlich, was Ökonomie bedeutet:
Ökonomie ist die Lehre vom guten Welt-Haushalten. Und sie hat nur einen einzigen Sinn und Zweck: nämlich dass alle bekommen, was sie zum Leben brauchen, ohne dass dabei der gemeinsame Lebensraum Erde zerstört wird.

Ganz ähnlich wie den unbezahlten Leistungen vor allem von Frauen in Privathaushalten ergeht es nämlich den Leistungen der Natur.
Da gibt es einen Zusammenhang
Der Begriff „Materie“ leitet sich vom Wort „Mater“ ab. Mater bedeutet Mutter.
Der Begriff „Natur“ leitet sich vom Verb „nasci“ ab. Nasci heißt geboren werden.
Frauen, die (potentiellen) Mütter, und die Natur gelten demnach beide traditionell als quasi unendliche Quelle von Reichtum, den mann sich, zum Beispiel als Ehemann, Vater, Gottvater, Herrgott, CEO oder Rentier gratis aneignen darf.
Dass die Natur uns alles zur Verfügung stellt, was wir brauchen und womit wir arbeiten, also Wasser, Steine, Erdöl, Pflanzen, Tiere, die „seltenen Erden“, die in allen Computern und Batterien stecken, und so weiter, das alles kommt im Bruttoinlandsprodukt ebenso wenig vor wie die unbezahlte Arbeit in Privathaushalten.
Oder genauer gesagt: Es kommt erst vor, wenn jemand es sich aneignet und für teures Geld verkauft und kauft.

Die gängige Ökonomie ist also boden-los.
Dass weder die Natur noch die Arbeit der Frauen* und anderer unterworfener Angehöriger der Gattung homo sapiens göttlich-unendlich ist, das merken wir heute immer deutlicher.
Care-Krise und Klimakatastrophe führen es uns vor Augen.

So, und was machen wir jetzt?

Man kann an ganz verschiedenen Stellen ansetzen, wenn eine in diesen eigenartigen Zuständen etwas bewegen will:

Zum Beispiel kann man ein Kabarett draus machen. Es heisst „Prinzessinnen-Scheiss“, und nachher schauen wir es zusammen an (vgl. Bild weiter unten).
Oder man kann an unseren öffentlich-rechtlichen TV-Sender SRF schreiben und sagen, dass wir ab jetzt abends zur besten Sendezeit keine Sendung mehr sehen wollen, die „SRF Börse“ heißt. Wir wollen eine Sendung, die zum Beispiel „SRF Zukunft“ heißt und uns allabendlich zeigt, wie wir durch ein kluges Zusammenspiel von Politik und Wirt*inschaft die Klimakatastrophe in Grenzen halten können. Wir bei WiC sind dran, diese naheliegende Idee auszuarbeiten und in die Öffentlichkeit zu tragen.
Oder man kann fordern, dass an der Universität St. Gallen in Zukunft nicht nur über die bodenlose Ökonomie geforscht und gelehrt wird, sondern über das Ganze der Wirtschaft. Ein erster Schritt könnte die Einrichtung eines Lehrstuhls oder eines Instituts für Care-zentrierte Ökonomik sein. Auch diese Forderung ist bereits konkret unterwegs.
Oder jemand könnte ein neues Schulbuch über Wirtschaft für meine Enkelin schreiben. Meine Enkelin ist jetzt zwei Jahre alt. Ich will, dass sie in ein paar Jahren in der Primarschule lernt, dass Wirtschaft nicht mit der Kreditkarte anfängt, sondern mit Wasser, Luft und Erde, und mit dem Frühstück zuhause. Und dass unsere übliche Art des Wirtschaftens meistens Misswirtschaft ist, die weder Bedürfnisse befriedigt noch den Lebensraum Erde schont.
Oder Sie können sich Bewegungen wie „Fridays for Future“ oder „Klimastreik“ anschließen.
Oder Sie können den Verein „Wirtschaft ist Care“ unterstützen.
Oder Sie können den Leuten, die Sie in Parlamente gewählt haben, Briefe schreiben…

Es gibt viele verschiedene Dinge zu tun.
Im Verein WiC leben und arbeiten wir nach diesem Motto: 
Jede und jeder macht, was sie am besten kann und was sie am liebsten tut.
Daraus ergibt sich ein wunderbares, immer wieder überraschendes kreatives Durch-einander.
So macht Politik Spaß. 
Und Politik müssen wir definitiv machen, wenn wir als Menschheit eine lebenswerte Zukunft haben wollen.

(Diese Rede habe ich gehalten am Abend des Mittwoch, 11. August 2021, im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Geld und Geist“ der evangelisch-reformierten Kirchgemeinde Flawil).

Und danach kam: Prinzessinnen-Scheiß, das Cabaret der CareBelles:


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