Flockig-rockig oder: ein Comic geht um

WiC-Blogpost Nr. 25

Seit November 2018 ist der Comic „Wirtschaft ist Care“ der Siebten Schweizer Frauen*synode unterwegs. Inzwischen haben wir Macherinnen längst den Überblick verloren, wer ihn wo liest und wer welche Erkenntnisse daraus zieht. Aber wir sind guter Hoffnung, dass immer mehr Menschen verstehen, dass Wirtschaft mehr ist als ein polizeibewachtes Kongresszentrum hoch oben auf dem Berg, in das wir nicht reindürfen. Wirtschaft ist die Theorie und Praxis der Befriedigung der Bedürfnisse von derzeit ungefähr siebeneinhalb Milliarden menschlichen Würdeträgerinnen und Würdeträgern, die zusammen mit unzähligen anderen Lebewesen den bedrohten Lebensraum Erde bewohnen. 

Ich habe den Comic schon vielen Leuten geschenkt. Zum Beispiel habe ich das Heftchen in Begleitung freundlicher Briefe an Leute geschickt, die in Universitäten, Redaktionen oder Betrieben als Ökonom*innen tätig sind.

Manchmal bekomme ich Antwort

Am 13. Januar 2019 zum Beispiel schrieb mir ein Professor der Wirtschaftswissenschaft, er könne das Anliegen der Broschüre zwar nachvollziehen, aber „deren Strickmuster“ sei ihm „zu durchsichtig.“ Es werde da „ein Pappkamerad … aufgebaut, auf den frau dann einhauen kann.“ Dieses Zerrbild habe aber wenig mit der Wirtschaftswissenschaft zu tun, wie sie tatsächlich an den Universitäten betrieben werde.

Ich fragte zurück, inwiefern unser Anliegen ihm denn einleuchte, welche Wirtschaftswissenschaft er denn selber betreibe, ob er uns Lesetipps geben könne und wie wir unsere Fragen so formulieren könnten, dass er sich von ihnen nicht angegriffen fühle. Und ob es denn nicht zutreffe, dass die Ökonomie die Fürsorgeabhängigkeit aller Menschen voraussetze und sich als Theorie und Praxis menschlicher Bedürfnisbefriedigung verstehe?

Am 18. Januar 2019 bekam ich zur Antwort, unter der Prämisse einer bedürfniszentrierten Definition des Wirtschaftens ergebe ein Gespräch keinen Sinn, worauf ich zurückfragte, welche Definition des Ökonomischen denn korrekter sei, worauf mein Gesprächspartner antwortete, er habe sich zwar unklar ausgedrückt, was ich bitte entschuldigen möge, aber es sei trotzdem „etwas komisch, Vorbedingungen für ein Gespräch zu setzen“, worauf ich wissen wollte, inwiefern Vorbedingungen für ein Gespräch, die mit der allgemein akzeptierten Definition des Gesprächsgegenstandes übereinstimmten, denn komisch seien?

Die wollen doch bloss Geld

Die postwendende Antwort setzte mich in Erstaunen: Mein Wunsch, unserem Gespräch eine bedürfniszentrierte Definition des Ökonomischen zugrunde zu legen, sei inakzeptabel, weil er „…letztlich einen Anspruch auf staatliche Transfers in Richtung der Care-Ökonomie legitimieren solle(n). So verstehe ich Sie politisch.“ – Vom Anspruch auf staatliche Transferleistungen ist aber weder im Comic die Rede noch hatte ein solcher Anspruch in unserer Korrespondenz bisher eine Rolle gespielt. – Wie kommt es zu dieser unvermittelten Wendung weg von einer Debatte darüber, was Ökonomie ist und unter welchen Bedingungen ein Gespräch Sinn ergibt, hin zur Frage staatlicher Transferleistungen?

Es ist zwar richtig, dass sich aus den Statistiken zur unbezahlten Wertschöpfung die Forderung nach staatlichen Transferleistungen in stattlicher Höhe ableiten lässt. Die Ökonomin Mascha Madörin etwa spricht in diesem Zusammenhang immer wieder von beträchtlichen Summen, die umzuverteilen wären. Im Comic sagen wir aber ausdrücklich, es gehe uns „zunächst einfach darum, die Tatsachen anzuerkennen…“.  Zwar müssten auch „Geldflüsse real umgeleitet werden…“, aber Geld sei „nicht das einzig mögliche Mittel, um Gerechtigkeit und gutes Leben für alle zu schaffen.“ (Seite 16) Woher also kommt der Verdacht des Professors, es gehe mir und uns nicht um das, was wir sagen, nämlich um Gespräch und Verständigung, sondern in Wirklichkeit um ein Programm zur Umverteilung staatlicher Gelder? Haben Ökonom*innen so sehr Angst davor, dass ans Licht kommen und sich in Geldforderungen ausdrücken könnte, wie stark das polizeibewachte Kongresszentrum hoch oben auf dem Berg, in das wir nicht reindürfen, abhängig ist von der Dienstbarkeit derer, die genutzt, aber nicht gehört und schon garnicht bezahlt werden sollen?

…weil sie nicht verstehen, worüber man da eigentlich spricht…

Am 24. März 2019 sendete das Schweizer Radio ein Gespräch zum Thema „Eine neue Ökonomie“, das der Moderator Norbert Bischofberger am 18. März mit dem Wirtschaftswissenschaftler Mathias Binswanger und mir geführt hatte. In Minute 22 sagt Binswanger: „Diese ganzen Probleme…, das kommt alles gar nicht vor in der traditionellen ökonomischen Theorie, und … deshalb ist es schwierig, mit Ökonomen in Kommunikation zu treten, weil sie gar nicht so richtig verstehen, worüber man da eigentlich spricht.“ Dieser Satz kommt mir seither immer wieder in den Sinn, zum Beispiel wenn ich auf Antworten von Leuten warte, denen ich den Comic geschenkt habe. Von dem Professor, der uns vorgeworfen hatte, wir schlügen auf einen Pappkameraden ein, habe ich erst wieder etwas gehört, als ich ihn am 24. Juni 2019 zu einer Veranstaltung des Vereins WiC eingeladen habe. Am 2. Juli schrieb er mir, „der flockig-rockige Stil meines Schreibens“ überfordere ihn und ich solle ihn bitte aus meinem Verteiler streichen.

Weiterhin gesucht: Gesprächspartner*innen

Der Verein WiC und der synodale Prozess „Siebte Schweizer Frauen*synode“ sind weiterhin unterwegs, mit dem Comic und ab 19. August 2019 zusätzlich mit einem sechsminütigen Erklärfilm „Economy is Care“. Unverdrossen sind wir auf der Suche nach Leuten, die mit uns darüber zu reden bereit sind, was Ökonomie ist und was sie leisten soll in Zeiten von Care-Krise und Klimakollaps.

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