Karsamstag

(Dieser Text ist zuerst erschienen in: Ina Praetorius, Gott dazwischen. Eine unfertige Theologie, Ostfildern 2008, 80-85)

Für Leute, die in einer christlich geprägten Gesellschaft leben, ist der Samstag ein Tag dazwischen: zwischen Arbeit und Ruhe, zwischen Werktag und Feiertag. Ich bin bestimmt nicht die einzige, die den Samstag lieber mag als den Sonntag. Schon als Kind schätzte ich die besondere Atmosphäre des Zwischentages. Bevor der Sonntag anfing mit seinen manchmal zwanghaften Vorstellungen von Feierlichseinmüssen, gab es diesen exzentrischen Samstagabend, an dem auch die Kinder länger aufbleiben durften, weil ja am nächsten Tag Ruhe angesagt war.

Der Karsamstag ist ein besonderer Sonnabend. Er liegt zwischen Tod und Leben, theologisch gesprochen: zwischen Kreuz und Auferstehung. Für Leute, die noch Ostern feiern, ist er ein Tag geschäftiger Vorbereitung aufs Fest. Sie färben die letzten Eier, richten das Haus her und backen Ostergebäck, denn sie wissen ja schon: morgen ist Auferstehung. Aber der Karsamstag ist auch ein Trauertag. Denn an diesem Tag ist, mit dem Glaubensbekenntnis gesprochen, Jesus „hinabgestiegen in das Reich des Todes”. Und sind wir uns denn so sicher, dass auch dieses Jahr wieder Auferstehung sein wird? Kann man der Auferstehung jemals sicher sein?

Laut biblischem Zeugnis ist Jesus, nach einem sehr kurzen Prozess, an einem Freitagnachmittag am Kreuz gestorben. Viele Leute waren dabei: Soldaten, Wachmänner, Neugierige – und mindestens zwei weitere Gekreuzigte. Bei Lukas heisst es ausserdem, „alle, die mit ihm befreundet waren,”(Lk.23, 49) hätten von ferne zugeschaut. Markus und Matthäus berichten nur von Jüngerinnen. Auch nach dem Johannesevangelium waren vor allem befreundete Frauen dabei, darunter die Mutter Maria, und mindestens ein Jünger, nämlich Johannes. Während die Anhängerinnen Jesu also bei der Kreuzigung anwesend waren, ist nicht ganz klar, was die Männer getan haben, nachdem er am Vorabend im Garten Getsemane gefangen genommen worden war. Von Judas wissen wir, dass er sich umgebracht hat. Und von Petrus wird berichtet, er habe sich während der Verhandlung vor dem Hohenpriester im Hof des hohenpriesterlichen Hauses aufgehalten und nicht zugeben wollen, dass er zum Anhängerkreis gehörte. Und die anderen? Vermutlich haben sie sich irgendwo verkrochen, aus Verzweiflung und um der Gefahr zu entgehen, selbst als Freunde des Gekreuzigten erkannt und bestraft zu werden. In den Evangelien jedenfalls tauchen sie erst am Auferstehungstag wieder auf, nachdem die Frauen das Grab leer gefunden haben. Wie ihr Samstag ausgesehen hat, weiss nur GOTT.

Am Abend des Freitags, des „Rüsttags”, beginnt nach jüdischem Brauch die Feier des Sabbat. Weil während des Sabbat und besonders während des Pessach-Festes Gekreuzigte nicht am Kreuz hängen bleiben durften (Joh 19, 31), holte sich Josef von Arimatia, ein Sympathisant der Jesusbewegung, bei Pilatus die Genehmigung, den Leichnam in sein Felsengrab legen zu dürfen. Am Freitagabend also ist Jesus bereits bestattet. Nach Matthäus (27, 61) waren auch bei der Bestattung zwei Freundinnen Jesu dabei, nämlich Maria Magdalena und „die andere Maria”. Johannes erwähnt ausserdem Nikodemus (Joh 19, 39).

Am Samstag, so ist anzunehmen, haben alle, die sich zum jüdischen Volk zählten, die Sabbatruhe gehalten. Lukas spricht ausdrücklich davon:

Die Frauen, die von Galiläa her mit Jesus gegangen waren, folgten ihm und sahen die Gruft und wie sein Leichnam hineingelegt wurde. Nachdem sie zurückgekehrt waren, bereiteten sie Duftöle und Salben vor. Und sie hielten die Sabbatruhe ganz nach dem Gesetz.
(Lk 23, 55f)

Matthäus berichtet darüber hinaus, die geistlichen Autoritäten hätten am Samstagmorgen Pilatus gebeten, das Grab bewachen zu lassen. Sie befürchteten einen Betrug: Weil Jesus angekündigt habe, am dritten Tag aus dem Tod aufzustehen, könne es doch sein, dass seine Gefolgsleute die Leiche aus dem Grab stehlen und danach die Auferstehung behaupten würden. Pilatus gestattet die Bewachung. Wir können also annehmen, dass im Laufe des Sabbat römische Wachmänner am Grab des Josef von Arimatia aufmarschiert und bis zum nächsten Tag dort geblieben sind. – Mehr ist über die Geschehnisse am biblischen Karsamstag nicht zu erfahren. Es folgen die Berichte vom leeren Grab oder von der Auferstehung am frühen Morgen des nächsten Tages, der für Jüdinnen und Juden der erste Werktag der Woche war und der, weil er der Auferstehungstag ist, der christliche Sonntag wurde.

Der Karsamstag ist ein Tag ohne grosse Ereignisse, im Gegensatz zum Tag davor und zum Tag danach. Eine Art Loch im Erzählgewebe, lästig, aber unbestreitbar vorhanden.

Was sich in der Bibel nicht finden lässt, sind die Vorbereitungen eines frohen Ereignisses, die unsere Karsamstage prägen. Die Evangelisten berichten zwar, Jesus habe sein Leiden und seine Auferstehung mehrfach voraus gesagt. Aber von Gewissheit darüber ist bei seinen Freundinnen und Freunden nichts zu spüren. Wenn die Frauen am Freitagabend Öl zubereiten, tun sie das im Sinne des üblichen Bestattungswesens, nicht um den Auferstandenen zu begrüssen. Die Ankündigungen der Auferstehung, so es sie denn gegeben hat, scheinen eher diejenigen interessiert zu haben, die Jesus feindlich gesinnt waren. Aber die freuen sich nicht, sondern befürchten einen Betrug und bemühen die römische Besatzungsmacht, um ihn zu verhindern.

Wenn ich mir diesen Tag vorzustellen versuche, erscheint er mir als eine ziemlich desolate Angelegenheit: Triumph und Misstrauen auf Seiten der Autoritäten, Enttäuschung, Trauer, mechanisches Weitermachen und Fluchttendenzen bei denen, die Jesus zu seinen Lebzeiten für den Messias gehalten haben. Wer schon einmal einen geliebten Menschen plötzlich verloren hat, kennt diesen Schockzustand unmittelbar nach dem Tod. Da hilft die Aufforderung, hoffnungsvoll in die Zukunft zu blicken, nichts. Es fühlt sich an, als seien nicht nur der Verstorbene, sondern auch die Zurückbleibenden hinab gestiegen in das Reich des Todes. Die einen lassen alles stehen und liegen und machen sich davon. Diese Gruppe von Menschen wird in der Bibel von den Jüngern – einschliesslich Judas – repräsentiert. Die anderen versuchen, irgendwie weiter zu funktionieren. „Das Leben muss schliesslich weiter gehen”, sagt man, wenn man nach einem Todesfall die gewohnten Beschäftigungen wieder aufnimmt. In der Passionsgeschichte sind es vor allem die Frauen, die überall hin mitgehen und die Totensalbung vorbereiten. Auch Josef von Arimatia, der sich um die Bestattung kümmert, verliert den Bezug zum jetzt Notwendigen nicht.

Weder der Rückzug noch das mechanische Weitermachen sind auf das freudige Ereignis der Auferstehung gerichtet. Beide Verhaltensweisen füllen recht und schlecht diesen Zeitraum aus, den ich lieber auslassen würde, wenn es in meiner Macht stünde, meine Existenz einfach ausser Kraft zu setzen, wo sie zu schwer erträglich wird. Doch eben dies steht nicht in meiner Macht, es sei denn, ich wähle die endgültige Lösung des Judas. Der Karsamstag steht für diese eigentlich nicht aushaltbare Schwere menschlicher Existenz, die sich manchmal unerträglich in die Länge zieht.

Traditionelles Karsamstagsbrauchtum hat diese Bedeutung aufgenommen und in eindrückliche Symbole umgesetzt: Die Glocken schweigen und werden mancherorts durch misstönende Rätschen ersetzt. Das Tabernakel ist leer, der Altar ungeschmückt, keine Messe darf gefeiert werden. Mir allerdings ist solches Brauchtum, abgesehen von Museumsbesuchen, kaum je leibhaftig begegnet. Man scheint sich, jedenfalls in meiner reformierten Kirche, eher darauf geeinigt zu haben, den Karsamstag als Ostersamstag zu verstehen.

An Karfreitag erinnert man sich an etwas, dessen Wiederkehr sich niemand wünschen kann: an den gewaltsamen Tod. Das ist schwer zu ertragen. Allerdings sind die Kreuzigungsszenen voller Action, empörend und dramatisch. Da passiert so viel, dass ich kaum ins Grübeln gerate. Und an Ostern freut man sich dann, dass alles gut ausgeht: Nach jedem Tod gibt es Neuanfänge, die dem Wunder der Geburt nach einer Zeit der Wehen ähneln. Das ist nicht schwierig zu feiern, selbst wenn man vielleicht nicht buchstäblich daran glaubt, dass Jesus von den Toten auferstanden ist. Und selbst wenn, bei genauem Zusehen, die biblischen Ostergeschichten keineswegs reine Freude ausdrücken, sondern vor allem Irritation, ungläubiges Staunen und Orientierungslosigkeit. Erst an Himmelfahrt und Pfingsten ist eine gewisse Konsolidierung an der Reihe: dann erinnert man sich an die Leute, die exzentrisch genug waren, aus diesen eigenartigen, schwer erklärbaren Erfahrungen von Auferstehung eine Bewegung, schliesslich eine Institution zu machen, die bis heute existiert.

Woran erinnere ich mich an Karsamstag? – Daran, dass es in jedem Leben, auch in meinem, lähmende Zwischenzeiten gibt, die ich am liebsten schnell wieder vergesse, wenn sie endlich vorbei sind. Ist es überhaupt möglich, sich an Depressionen zu erinnern? In der Passionszeit, die gemeinhin als Vorbereitung auf Ostern gilt, gibt es ja noch Hoffnung: es könnte anders kommen, der Kelch könnte dieses Mal vorüber gehen. An Karsamstag ist die Hoffnung gestorben. Trotzdem lebt man weiter. Was bedeutet es theologisch, dass es diesen Zwischentag gibt, der die Kreuzigung von der Auferstehung trennt?

Gängigerweise, so habe ich am Anfang festgestellt, verstehe ich meine Karsamstagsarbeit als Festvorbereitung. Was wäre, wenn ich sie begehen würde als Erinnerung an diejenigen, die trotz aller Verzweiflung weiter gelebt und für das Leben gearbeitet haben? Könnte Karsamstag zum Tag der Trümmerfrauen werden, zum Tag der Leute, die nicht wissen, ob sie an die Auferstehung glauben sollen und dennoch am Leben bleiben? Karsamstag wäre dann dem Gedenken derer gewidmet, die, aus welchen Gründen auch immer, nicht den Weg des Judas gehen. Die meisten gehören irgendwann dazu: nach der Diagnose einer schweren Krankheit zum Beispiel, nach dem Tod eines Angehörigen, nach einer Scheidung oder nach einer Naturkatastrophe. Zwar gibt es die tausendfache Erfahrung, dass nach den Wehen die Geburt und nach dem Winter der Frühling kommt. Aber wer im finstern Tal wandelt, ist sich dennoch nicht sicher, ob es auch diesmal so sein wird. Der Karsamstag könnte ein Arbeitstag mit einer bestimmten Erinnerungsaufgabe werden.

In der Frauenbewegung gibt es eine Tendenz, die so genannten Trümmerfrauen gering zu schätzen. Denn sie machten sich nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs stillschweigend daran, wieder aufzubauen, was die Bomben zerstört hatten. „Typisch Frau!” befinden wir Feministinnen. Statt Widerstand zu leisten, sich dem Bösen rechtzeitig zu widersetzen, sehen sie lieber tatenlos zu, um nachher zu reparieren, was sie besser vorher gerettet hätten. Wer weiss, auch die Freundinnen Jesu hätten vielleicht mit irgendeiner List seine Hinrichtung verhindern können. Stattdessen standen sie da und weinten. Heroischer Widerstand wäre einfacher zu erinnern. Widerstand ist, was manchmal geschieht, was wir uns nachträglich oft wünschen, was keine Heutige ihren Vorfahrinnen vorschreiben kann.

Sich anders an die Trümmerfrauen und an eigene Zeiten des Weitermachens ohne Hoffnung zu erinnern, wäre die karsamstägliche Frömmigkeit. Manchmal kommt es mir so vor, als liesse sich viel menschliche Existenz in karsamstäglichen Kategorien deuten: als ein Weiterleben und Weitermachen ins Ungewisse hinein, trotz Krieg, trotz Klimawandel, trotz Tod. Karsamstagstheologie wäre eine Art und Weise, diesem wenig beliebten Aspekt des Daseins Aufmerksamkeit zu schenken.

Was mich am Sonntag, auch am Ostersonntag, schon als Kind gestört hat, ist der Zwang zur Gewissheit. Karsamstäglich begangen wäre der Ostersonntag nicht der Tag des triumphierenden Glaubens, sondern des ungläubigen Staunens.

 

 

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