Liebe Pfarrfrauen,

Ihr habt mich gebeten, zu eurem Tagungsthema „Freundschaft“, „Freundinnenschaft“, „herzliche Verbundenheit“ theologische Gedanken beizutragen. Das ist eine interessante Aufgabe.Wir wenden uns jetzt, am Sonntag Morgen, zur besten Gottesdienstzeit, also Fragen zu, die ich auch so formulieren könnte:
– Wie hängt mein persönliches Beziehungsleben mit meiner Beziehung zum Göttlichen zusammen?
– Oder praktischer: Hat meine Art zu beten etwas zu tun mit meiner Art, Beziehungen zu pflegen? Wie verhält sich Gottesdienst zu Menschendienst? Wer, wo und wie ist und wirkt SIE im menschlichen Durch/einander unserer Alltage?
– Oder theoretischer: Wie belebt und befreit Transzendenzbezug Menschenbeziehungen?

Eine Begegnung mit der Schultheologie

Ich möchte anfangen mit einer Begebenheit, die ziemlich genau zwölf Jahre zurück liegt. Ich habe mir sogar die Mühe gemacht herauszufinden, wann genau das war: Es war am 9. Juni 2005. Ich war an diesem Tag in der theologischen Fakultät Zürich zu einer mündlichen Doktorprüfung eingeladen.

Eine mündliche Doktorprüfung geht so: Da sitzt eine noch ziemlich junge Theologin in einem Hörsaal einer Reihe von Professoren gegenüber. Einer davon ist ihr Doktorvater. In diesem Fall war es ein Professor für systematische Theologie und Ethik. Die junge Theologin hat ihre Doktorarbeit schon geschrieben und abgegeben. Die Arbeit ist bereits akzeptiert und benotet. Jetzt stellt sie sich – als Abschluss des Promotionsprozesses – einem ausführlichen Gespräch mit ihren Lehrern. Im Raum sitzen noch ungefähr fünfzehn eingeladene Leute, darunter ich, die dem Frage-und-Antwort-Spiel folgen, aber nicht aktiv daran teilnehmen sollen. Das Ganze dauert ungefähr eine Stunde. Danach gibt es Gratulationen und einen Aperitif.

Und jetzt kommt, warum ich euch das erzähle: Ungefähr nach einer halben Stunde Gespräch, an die ich mich nicht mehr genau erinnere, stellte der Doktorvater wie nebenbei ungefähr diese Frage: „Gott ist ewig und unveränderlich. Da stimmen Sie mir bestimmt zu?“ – Die Antwort der Doktorandin kommt prompt und ist kurz: „Ja. Selbstverständlich.“…

…Und damit ist es um meine Aufmerksamkeit für den Rest der Prüfung geschehen. Denn es erscheint eine riesige existentielle Frage vor meinem inneren Auge: Wenn GOTT immer gleich, also unwandelbar ist, wie soll ich dann zu IHR in Beziehung treten? Beziehung bedeutet doch, dass wir einander begegnen? Und Begegnung bedeutet, dass wir einander brauchen, dass wir bereit sind, uns durch Anderes wandeln zu lassen, oder etwa nicht? Wie soll ich auf etwas bezogen sein, das per Definition immer gleich bleibt? Wie soll das zugehen? Was soll eine solche „Begegnung“ bedeuten?

Und dann fällt mir eine Unmenge von Bibelstellen ein: Texte, in denen von GOTTES Lebendigkeit die Rede ist: von göttlichem Zorn und von Zuwendung, von Strafandrohungen und Bitten um Vergebung, von Erbarmen und Umkehr, von plötzlichem göttlichem Aufbrausen und von Eifersucht, von göttlicher Trauer über menschliches Versagen, vom leidenschaftlichen göttlichen Mitgehen in menschlichen Geschichten, von all diesen wilden Gefühlen auf all diesen verschlungenen Wegen GOTTES mit uns Menschen.

Das soll eine „unveränderliche“, eine ewig gleiche GOTT sein?

Wo in der Bibel steht, ES sei immer gleich und unwandelbar?

Dann mischt sich in mein aufgeregtes Grübeln auch noch Jesus ein, das Kind GOTTES. Jesus bedeutet für uns Christinnen und Christen göttliche Gegenwart in der Welt. Er ist laut christlicher Tradition „wahr’ Mensch und wahrer Gott“. Mir fallen seine Streitgespräche ein, seine überraschenden Begegnungen mit Kindern, Frauen, Kranken, Aussätzigen, Verrückten, Autoritäten, sein Weinen über Jerusalem, seine Fluch- und Weherufe, seine Verzweiflung im Garten Gethsemane, sein Hadern am Kreuz…

Jesus soll immer gleich sein? Ein stoischer, gleichmütiger Sohn Gottes?

Dass SIE immer gleich ist, also unbewegt und unbewegbar, hat das der Professor tatsächlich behauptet? Und die Doktorandin hat diese Behauptung einfach so bestätigt? Ja haben die denn die Bibel nicht gelesen? In all diesen alten Texten verändert sich GOTT doch ständig, und zwar durch Beziehungen, in einem unablässigen höchst lebendigen Hin und Her und Auf und Ab und Durch/einander?

Ist ER denn nicht genau das Gegenteil von Unwandelbarkeit?

Ich konnte mich in der verbleibenden halben Stunde nicht mehr auf die Doktorprüfung konzentrieren. Meine Fragen laut stellen durfte ich ja nicht. Also blieb ich an diesem 9. Juni 2005 mit ihnen allein.

Tägliches Gebet

 Inzwischen sind fast zwölf Jahre vergangen. Zwölf Jahre, in denen ich mich nur am Rande mit akademischer Theologie befasst habe. Ich habe mich in diesen Jahren eher mit dem beschäftigt, was landläufig „Politik“ heisst, also mit dem nicht enden wollenden menschlichen Durch/einander, zum Beispiel mit dem bedingungslosen Grundeinkommen und mit care-zentrierter Ökonomie. Ausserdem habe ich unzählige Mahlzeiten gekocht, mehrere Bücher geschrieben, zig Mal unser Haus geputzt. Ich war viermal im Kongo. Dort habe ich eine Realität kennengelernt, die sich von meinem behüteten Dasein in der Schweiz stark unterscheidet. Ich bin auf Vortragsreisen unzähligen Leuten begegnet, habe Hunderte von Gesprächen geführt, war stark und schwach, zornig und froh, habe Beziehungen angefangen und beendet oder hängen lassen oder neu gestaltet. Zum Beispiel ist unsere Tochter erwachsen geworden und ausgezogen. Und so weiter und so fort. Ich bin in den vergangenen zwölf Jahren zwölf Jahre älter geworden, wie ihr alle auch. Da war so viel Bewegung, so viel Auf und Ab und Hin und Her.

Und dazwischen bin ich immer wieder in Gottesdienste gegangen und bin immer wieder, normalerweise zweimal täglich, eingekehrt in den Raum in unserem Haus, den wir „Oase“ nennen.

Die Oase ist ein ziemlich leerer Raum. Hier arbeiten wir nicht, sondern hier ruhen wir aus von der Arbeit. Man kann in der Oase auf einer Matratze liegen, oder man kann auf dem Gabbeh-Teppich oder auf einer Meditationsbank sitzen. Die Mitte des Raumes ist eine Keramikschale mit einer Kerze drauf. Ausserdem hat es da noch ein kleines Bücherregal, zwei Ikonen, ein einfaches Holzkreuz und ein Jesuskind aus Ton in einem kleinen Korb. Die Oase ist der Raum, in dem ich regelmässig von meinem Tagewerk Abstand nehme. Fromm ausgedrückt: der Raum, in dem ich bete, also mich der Gottbezogenheit überlasse.

Manchmal habe ich in den vergangenen Jahren bei meinen täglichen Auszeiten an den 9. Juni 2005 gedacht. Und an die Frage, die ich damals den Theologieprofessoren nicht stellen konnte: Ist GOTT unwandelbar und immer gleich? Oder bezogen, lebendig und damit immer wieder anders? Oder könnte es vielleicht sein, dass das Wunder und der Witz genau darin besteht, dass SIE beides ist? Lebendig, immer in Bewegung – und dabei doch verlässlich? Ist ER vielleicht der Inbegriff der wandelbaren Bezogenheit? Oder harmonisiere ich mir da was zusammen?

Gottesbegegnung alltäglich

Wahrscheinlich habt ihr es gemerkt: Ich habe jetzt unsere Frage, wer, wie und wo Transzendenz in unseren menschlichen Beziehungen ist, auf einer anderen Ebene noch einmal neu gestellt, jenseits des abstrakten Entweder-oder der Doktorprüfung. Als Frage alltäglicher Praxis. Ich habe so gefragt: Was passiert, wenn ich mitten in meinem täglichen Durcheinander regelmässig GOTT-Beziehung zulasse? Wie fühlt sich das an? Beeinflusst und verändert es meine Beziehungen zu Menschen? Wenn ja, wie?

Was also passiert da?

Natürlich passiert jedes Mal, wenn ich mich in der Oase niederlasse, etwas Anderes. Keine zwei Gebete sind gleich. Einmal bin ich nervös, dann wieder habe ich Kopfweh, am einen Morgen bin ich noch müde, am anderen mittel- oder hellwach. Manchmal wächst mir das Elend der Welt über den Kopf, dann wieder lege ich mir in aller göttlichen Ruhe zurecht, was ich heute tun kann, um das Elend wenigstens ein kleines bisschen zu mindern…

Diese Frage, was in konkreten Transzendenz-Situationen passiert, führt uns ganz woanders hin als die Frage, ob Gott an und für sich dies oder das ist: unwandelbar oder lebendig, entweder-oder, ja oder nein…

Wenn ich mein Gebetsleben der vergangenen Jahre allerdings als Ganzes zu überblicken versuche, dann zeigen sich da doch auch Regelmäßigkeiten: Zum Beispiel empfinde ich, wenn ich in der Oase die Kerze anzünde und mich auf mein Bänkchen niederlasse, fast immer eine bestimmte Art von Erleichterung: In den nächsten zehn oder fünfzehn Minuten muss ich nichts sagen. Ich muss nichts entscheiden, ich muss keine Meinung haben. Ich muss mich nicht bewegen, ich muss auf nichts zielen. Ich kann einfach da sitzen und warten, was passiert. Das finde ich entspannend und erlösend. Ja: fast immer finde ich das spannend und erlösend. Unwandelbar.

Für diese Art der Gebetspraxis ist es unabdingbar, dass ich GOTT einen Vertrauensvorschuss entgegenbringe. Meine vielen Freundinnen und Freunde, die nicht oder nicht regelmässig beten oder sich sogar für überzeugte Atheistinnen halten, stellen mir dazu immer wieder dieselben Fragen, zum Beispiel:

– Wie kannst du auf Gottes Antwort warten, wenn es „ihn“ doch gar nicht gibt?
– Was macht dich so sicher, dass du in deinen Gebetszeiten einfach die Kontrolle abgeben kannst?
– Es könnte doch sein, dass dich dann ganz andere Mächte kontrollieren als dieses „Göttliche“, das du dir zurecht fantasierst?

Oft verunsichern oder ärgern mich solche Fragen immer noch. Manchmal gelingt es mir aber, sie in Ruhe zu beantworten, meistens mit drei Bibelstellen. Und mit der Ansage, dass diese drei Bibelstellen meinen Vertrauensanker in der biblisch-christlich-evangelischen Tradition bilden und ich hinter sie nicht zurück kann und will:

  1. Ex 3, 14: Gott sprach zu Mose: „Ich bin da.“
  2. 1 Joh 4, 8: Gott ist Liebe.
  3. Lk 18, 19: Niemand ist gut ausser Gott allein.

Meine atheistischen Freundinnen lachen dann und sagen, das sei doch einfach Willkür, sich drei Bibelstellen aus einem dicken Buch voller gewaltiger Widersprüche herauszusuchen und sie für die wichtigsten zu erklären. Nun denn, so sei es. Nennt mich Fundamentalistin, wenn es euch gut tut.

Ich möchte jetzt auf diese drei Bibelstellen nicht weiter eingehen. Sie bilden mein persönliches Fundament, das ich mir nicht mehr ohne weiteres von irgendwem untergraben lasse. Von ihnen aus gehe ich ins Beten und in meine kontinuierliche Betrachtung anderer biblischer Texte. Das macht für mich Sinn. – Und ich gehe davon aus, dass ihr das alle irgendwie so ähnlich haltet. Schliesslich seid ihr Pfarrfrauen? Ich nehme an: Nach diversen Zweifeln habt auch ihr euch irgendwo ein’ feste Burg gebaut, die sich nicht mehr von jedem Fürzchen umblasen lässt. Vielleicht sehen eure Fundamente sogar ähnlich aus wie meines? Darüber können wir später reden, wenn ihr wollt.

 Gottesbeziehung und Menschenbeziehungen: Fragmente zum Anknüpfen

Jetzt aber weiter im Text mit unserem Beziehungsthema: Was passiert mit meinen menschlichen Beziehungen und Bezogenheiten, wenn ich mich und sie regelmässig der Transzendenz überlasse? Wie wirken sich die regelmässigen Unterbrechungen des Tagewerks aus? – Ich trage dazu ein paar Antworten zusammen, ohne Anspruch auf Vollständigkeit. Ich freue mich schon auf eure Anknüpfungen im Gespräch:

Erstens: GOTT ist LIEBE. Gott schaut also als Liebe auf meine Beziehungen. Auch wenn ich mich über irgendwen gerade fürchterlich aufgeregt habe, auch wenn ich kurz davor bin, einen Neidausbruch zu bekommen, auch wenn ich gerade überhaupt nicht verstehe, wieso meine Freundin sich so und nicht anders verhält: der liebende Blick geht dazwischen. Manchmal lässt er mich einfach ausatmen und wieder einatmen und wieder ausatmen. Manchmal schafft er mir die Möglichkeit, mit den Augen der Anderen zu sehen. Dann sehe ich mich selber und die strittige Situation in einem neuen Licht. Manchmal kommt es zu einem inneren Gespräch mit einer Person, mit der ich gerade einen Konflikt hatte oder die mir lästig oder langweilig geworden ist. Und dann weiss ich, zum Beispiel: Wenn ich wieder aufstehe und die Kerze lösche, dann muss ich sofort eine Mail an diese Person schreiben. Wirklich sofort. Bevor ich irgendetwas anderes anfange. Oft verändert der liebende Blick ziemlich gravierend meine Tagesordnung. Er führt nicht in jedem Fall zur Harmonisierung der Beziehung. Er kann auch zum Streit führen.

Zweitens: In der Oase liegt griffbereit eine Bibel. Manchmal ist es ganz egal, welchen Text mit welchem Inhalt ich daraus lese. Es hilft mir schon, dass der Text fast 2000 Jahre alt oder noch älter ist. Egal, was drinsteht: der Text erlöst mich aus dem Kreisen um mein Hier und Jetzt. Er sagt mir: vor zweitausend oder dreitausend oder viertausend Jahren haben schon Menschen gelebt. Sie hatten andere Probleme als ich, oder vielleicht auch ähnliche Probleme. Sie haben auch schon gehadert, sich gefreut, sich verliebt, sich gestritten, einander geärgert, inspiriert oder gelangweilt. Das schiere Alter der Bibel schafft göttlichen Abstand und erlaubt es mir oft, verfahrene Beziehungen zurechtzurücken, sodass sie, wenn ich wieder aufstehe, handhabbar werden. Zum Beispiel fällt mir irgendetwas ein, wie ich einer erschlafften Beziehung einen überraschenden Impuls geben kann.

Drittens: Weil wir in meinem Haus schon seit vielen Jahren mit Liedern, vor allem Taizéliedern beten, fallen mir oft Lieder ein, die eine konkrete Situation entspannen, klären oder in eine gute Richtung auflösen. Zum Beispiel „nada te turbe“ oder „Beati voi poveri“. Häufig sind es Loblieder. Sie erinnern mich daran, dass es immer Grund zur Freude gibt und dass Loben gut tut. „Laudate omnes gentes“, dieses Lied erinnert mich nicht nur ans Loben, sondern auch an die omnes gentes, also daran, dass ungefähr sieben Milliarden menschliche Würdeträgerinnen und Würdeträger mit mir zusammen auf diesem Erdball leben, zusammen mit unzähligen anderen Lebewesen. SIE lässt mich durch dieses Lied die Verbindung spüren, die von meinem Wattwiler Haus rund um die Erde geht, zu all den vielen Leuten, die ich nicht kenne und zu denen ich doch in Beziehung stehe: in wirtschaftlichen, politischen, kulturellen, natürlichen Beziehungen. Manchmal belastet mich das Bewusstsein meiner Allverbundenheit. Meistens macht es mich froh und tatkräftig, weil es mir sagt, wozu ich auf der Welt bin. Nämlich nicht, um eine tolle Figur, ein volles Konto oder blitzsaubere Fenster zu haben, sondern um das menschliche Zusammenleben so zu nähren, wie es hier und heute in meiner Macht steht.

Viertens: Jesus. Ja klar Jesus. So wie ihn uns die Evangelien überliefern, ist dieser Mensch für mich tatsächlich zum Inbegriff des Menschlichen geworden, das lebendige Beziehungen eingeht, die sich aus dem ewigen GUTEN nähren. Das also als LIEBE unveränderlich ist und gerade deshalb immer wieder in unerwartete Begegnungen hinein neu geboren wird. Die Jesusgeschichten sind eine unerschöpfliche Quelle der Erneuerung für mein persönliches und globales Bezogensein und In-Beziehung-Hineingehen.

Angesichts der Fülle an Bezügen und Einsichten, die mir GOTT in nur zehn Minuten Gebet vermitteln kann, kommt mir die Ja-Nein-Frage des Theologieprofessors, ob GOTT denn auch sicher ewig-unwandelbar sei, ängstlich und weltlos vor. Natürlich ist GOTT beides: in lebendiger Beziehung zuhörend und zuverlässig wegweisend, gerade weil SIE beständig gut und immer liebend da ist. Aber vielleicht war ja der reale 9. Juni 2005 auch viel lebendiger, als ich ihn damals wahrnehmen konnte und als ich ihn heute in Erinnerung habe?

 Carter Heyward: Gott ist Macht in Beziehung („Power in Relation“)

So, und jetzt habe ich schon alles gesagt, was ich zum Thema zu sagen habe. Ich bin schon gespannt, was ihr zu meinem bruchstückhaften Theologisieren aus euren Erfahrungsschätzen beitragen werdet. Bevor wir ins Gespräch eintreten, möchte ich euch noch auf das Buch hinweisen, das ich zielsicher aus meinem Regal gezogen habe, als ihr mich angefragt habt, heute hier zu GOTT und unseren Beziehungen zu sprechen.

Das Buch ist schon 35 Jahre alt. Es heisst in deutscher Übersetzung: „Und sie rührte sein Kleid an. Eine feministische Theologie der Beziehung“. Es stammt von der amerikanischen Theologin Carter Heyward und ist im Jahr 1982 auf Englisch und im Jahr 1986 auf Deutsch erschienen. Vielleicht kennt es die eine oder andere von euch.

Mir hat dieses Buch damals, in den 80er Jahren, nicht nur viele Lichter aufgehen lassen über GOTT und die Welt. Es hat mich auch befreit zu einem fruchtbaren Verständnis von akademischer Theologie. Carter Heyward bewegt sich nämlich durchaus partiell in den Konventionen der spröden, Jahrhunderte alten theologischen Wissenschaft. Sie hat, wenn ich mich nicht irre, mit diesem Entwurf einer biblischen Theologie der Bezogenheit und des Beziehung-Stiftens ihre Doktorprüfung bestanden.

Gleichzeitig traut sie sich, von sich selbst, ihrer unverwechselbaren Lebensgeschichte, ihrer Leidenschaft für das Revolutionäre, für Gerechtigkeit und Freiheit zu erzählen. Das geht. Sie knüpft an eine dynamische christlich-interreligiöse Tradition an, die weiter und grösser ist, als ich mir damals in den Achtzigern vorstellen konnte: Dietrich Bonhoeffer und Elie Wiesel, die Befreiungstheologie, Dorothee Sölle, die lesbische Bewegung, verschiedene Feminismen, die Ökologie- und die Friedensbewegung und mehr kommen vor. Und das alles bringt sie zusammen in eine eigenwillige Neuinterpretation des biblischen Gottes und Jesu Christi.

Zusammengefasst lässt es sich so sagen:

GOTT ist kein „Herr“, der unbeweglich über uns thront, der von oben herab seinen Sohn und Liebe gibt, aber selber nichts braucht. Nein, GOTT ist dynamische, bewegliche Macht in Beziehung: die „Power“, die uns unablässig einander annähert, die gibt und nimmt, braucht und gebraucht werden will, in Gespräch und Sexualität, in sanfter Berührung und leidenschaftlicher Auseinandersetzung, nie gewalttätig, aber gewaltig.

Ich empfehle euch, dieses Buch (wieder) zu lesen. Es ist mitreissend, auch wenn und gerade weil Carter Heyward eine ganz andere Sprache spricht als ich. Ich setze ans Ende dieses Vortrags ein Zitat aus diesem Buch:

„Gott ist nicht mein, sondern unser; und Gott gehört nicht nur uns, sondern auch anderen Menschen, und nicht einmal einfach anderen Menschen. Gott ist die Macht in Beziehung zwischen Pflanzen und Hunden und Walen und Bergen und Städten und Sternen. Göttliches Wesen treibt uns, sehnt sich nach uns, bewegt sich in uns und mit uns, indem wir uns selbst als Menschen erkennen und lieben lernen, die von Grund auf in Beziehung stehen und nicht allein sind.“

(Carter Heyward, Und sie rührte sein Kleid an. Eine feministische Theologie der Beziehung, Stuttgart 1986, 30f)

Dieses Referat habe ich am Sonntag, 7. Mai 2017, im Rahmen der neunzigsten Deutschschweizer Pfarrfrauentagung im Seminarhotel Lihn, Filzbach, gehalten.

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