Im Weihnachtsmarkt

Am vergangenen Samstag war ich im Stuttgarter Weihnachtsmarkt. Ja, es muss ‚im‘ heissen, denn man muss sich reindrücken, um das richtige Feeling zu kriegen. Die Ränder sind unwirtlich kalt, voller parkender Busse und polizeibewehrt.

IMG_2020

Ich war schon oft hier, und deshalb ist mein deutlichstes Gefühl die Nostalgie. Hier hat meine Mutter im Jahr 1993 meiner damals vierjährigen Tochter eine Marionette namens Fridolin gekauft. Hier war sie noch gut zu Fuss, als wir ihr im Jahr 1999 mit zwei Zehnjährigen den obligaten Adventsbesuch in der Seniorenresidenz abstatteten. Ich möchte die Zeit zurückdrehen. Statt ins Hotel will ich, auf kalten Füssen und glühweinbeseelt, an der Hand ein staunendes Kind, heim in die grosszügige Altbauwohnung gehen, in der die Mutter vor fünfundzwanzig Jahren wohnte. Ich wäre wieder Tochter und jung und würde mütterlichen Nudelsalat essen.

IMG_2577

Warum sind so viele Leute hierher in die Innenstadt gekommen, wo man zwanzig Minuten für Pommes ansteht und weder Engel noch Nussknacker kauft, weil man doch sowieso schon zu viel Ramsch zuhause rumliegen hat? Wird man vielleicht doch für jemanden den passenden Schnäppchenpullover finden, nebenan beim Breuninger? Oder fühlt sich das Leben einfach am wichtigsten an dort, wo die meisten anderen auch sind? Trotz deutlich verstärkter Polizeipräsenz? Tut festliche Illumination in langen feuchtkalten Nächten halt gut, egal welches Narrativ sie begründet?

IMG_2582

Maria, Josef, Christkind und Hirten haben jedenfalls Platz neben Rentieren, Rotmützen und Lebkuchen. In der Stiftskirche feiern ein paar herrgläubige Herrschaften Herrenmahl. Ein paar Strassen weiter zündet einer hoch oben in einer Wohnung neben der Synagoge Chanukkakerzen an. Leuchtreklamen und Tannenzweige erinnern mich an die Möglichkeit von Wärme, Liebe und Heimat. Ein Licht scheint in der Finsternis. Das Licht heisst Jesus oder sonstwie. Ich esse Bratwurst und finde es irgendwie bedeutsam, dass wir alle zusammen auf derselben Erde wohnen, die sich dreht und wendet. Hat mich jetzt die Bratwurst glücklich gemacht, oder die Entspannung, die sich ausbreitet, wenn der Kosmos uns Kirchenleute aus dem Deutungszwang entlässt?

Am Sonntag Morgen um halb neun, als ich zum Bahnhof ging, sah es dann so aus. Schön ruhig, gefällt mir:

IMG_2608

 

Advertisements
Advertisements