Große Dinge und nützliche Klempner*innen oder: Was der so genannte Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften 2019 mit der Madagaskar-Reise einer verwöhnten Europäerin zu tun hat

WiC-Blogpost Nummer 28

Wer als Europäerin das Care-ökonomische Grundlagenwerk „The Real Wealth of Nations“ (2007) der US-Amerikanerin Riane Eisler liest, muss sich fühlen wie im Paradies. Immer wieder stellt sie Europa, vor allem die skandinavischen Staaten als weit fortgeschritten dar, was die Annäherung an das angeht, was sie „Economics of Partnership“ (139ff) oder „Caring Economics“ (21 u.a.) nennt:

„Fortunately, many industrialized nations are not … shortsighted. Despite pressure for … human cuts, most European nations continue to invest heavily in caring for their people through government funding for health care, and paid parental leave. Among the most generous programs are those of the Nordic nations…“ (60)

Im gelobten Land

Stimmt: Als eine, die ihre Jugend in Deutschland verbracht hat und heute in der Schweiz lebt, fühle ich mich privilegiert gegenüber der majority world (inklusive USA), die weit entfernt ist von sozialstaatlich geregelten Verhältnissen. Ich weiß nicht, wie es sich anfühlt, ohne den Schutz einer obligatorischen Krankenversicherung zu leben oder keine Aussicht auf eine Altersrente zu haben. Dass die Schweiz, was geschlechtergerechte Regelungen von Rentenansprüchen, Mutter- und Elternschaft angeht, anderen europäischen Staaten „hinterher hinkt“ (wie es im Polit-Slang heisst), ist zwar auch eine Tatsache. Aber es ist wohl nur eine Frage der Zeit, dass sie nachholen wird, was die Nachbarländer, angeführt von den „Nordic nations“ vollzogen haben oder zu vollziehen im Begriff sind: Schritte hin zu einer Politik, die menschliche Fürsorgeabhängigkeit nicht mehr als Privatsache betrachtet, sondern Care als Arbeit anerkennt, auf die jedes Gemeinwesen angewiesen ist. Und an einem Punkt, der statistischen Erhebung von Daten zur Care-Ökonomie nämlich, ist meine Wahlheimat laut Riane Eisler sogar vorbildlich:

„A growing number of nations, from Australia, Canada, and New Zealand to Switzerland and South Africa, have conducted surveys of nonmarket housework. These national surveys have uniformely shown that the monetary value of unpaid work is very high… For instance, a 2004 Swiss government  survey based on 2000 census data showed that the value of unpaid work was … 70 percent of the reported Swiss GDP. The Swiss data also showed that by far the largest part oft he unpaid work was the work of women in the household, with women contributing almost two-thirds of the total value of all unpaid work.“ (83f)

Trotzdem: Care-Bewegung in Europa

Trotz der vergleichsweise komfortablen Situation vor allem in mittel- und nordeuropäischen Staaten wurde im März in Deutschland das Netzwerk „Care Revolution“ gegründet. Ein internationales Netzwerk WIDE (Women in Development Europe, seit 2011 WIDE+) arbeitet schon seit 1985 für „more caring, fair and sustainable economies“ in Europa und weltweit. Und im Dezember 2015 haben wir in der Schweiz den Verein WiC (Wirtschaft ist Care) gegründet. Wir wollen mehr: Wir wollen, dass die Oiko-Nomia sich insgesamt als Care – verstanden im weiten Sinn als Befriedigung menschlicher Bedürfnisse – neu konstituiert, mit der unbezahlten Arbeit und den Vorleistungen der Natur als Mitte. Neoliberale Regime, unterstützt durch eine monolithische Wirtschaftswissenschaft, die sich seit Jahrzehnten als Master-Diskurs inszeniert, haben nämlich rund um den Globus, auch in Europa, Bemühungen unterminiert, das Zusammenleben für alle gerechter und sicherer zu machen: Die Löhne von Care-Arbeitenden stagnieren, die Zustände in Heimen und Krankenhäusern verschlechtern sich zusehends, Care-Migrant*innen leben in prekären Verhältnissen, wenn sie die Lücken füllen, die entstehen, weil Frauen der einheimischen Mittel- und Oberschicht sich nicht mehr – und Männer noch nicht – für die alltäglichen Dienstleistungen zuständig fühlen, ohne die weder Markt noch Staat funktionieren. Und die Vorleistungen der Natur, ohne die es keine Menschen und keine Wirtschaft gäbe, werden in analoger Weise aus dem Gegenstandsbereich der Wirtschaftswissenschaft und des praktischen Wirtschaftens ausgeschlossen, mit den bekannten bedrohlichen Konsequenzen.

17. September bis 2. Oktober 2019: in der Mehrheitswelt

Kürzlich war ich aber in Madagaskar. Zusammen mit Kolleginnen aus Benin, der Demokratischen Republik Kongo, Deutschland, Kenia, Madagaskar, den Niederlanden, Tanzania, Togo und Zimbabwe haben wir eine Woche lang über die Frage nachgedacht, wie wir einander (besser) zuhören können. Madagaskar und alle Länder, aus denen die afrikanischen Kolleginnen angereist waren, gehören zur majority world, zum größeren  Teil der Welt also, in dem die Bevölkerung ohne nennenswerte sozialstaatliche Sicherungen lebt: prekär, ausgesetzt, mit einer Lebenserwartung, die weit unter dem liegt, woran wir uns in Europa gewöhnt haben. Was bedeuten meine drei Mantrawörter „Wirtschaft ist Care“ nun hier, frage ich mich, während wir in unserem vergleichsweise komfortablen Reisebus durch die engen Strassen von Antananarivo fahren? Was bedeuten sie für die Kinder, die uns Kaugummi verkaufen wollen, die betteln, Abgase einatmen, vor denen wir unsere Rucksäcke in Sicherheit bringen, weil sie sich möglicherweise als Trickdieb*innen betätigen? 

Die Slogans, die derzeit den Schweizer Wahlkampf dominieren – Vaterschaftsurlaub! Runter mit den Krankenkassenprämien! Mehr bezahlbare Kinderkrippen! Frauen in die Aufsichtsräte! – sind Welten entfernt. Interessanterweise kommt mir stattdessen eine Entwicklung in den Sinn, die sich derzeit in den Wirtschaftswissenschaften vollzieht: die „Empirische Revolution“ . Junge Ökonom*innen haben sich aufgemacht, ihrer Disziplin eine neue Bedeutung zu geben: Allen voran im Abdul Latif Jameel Poverty Action Lab (J-PAL), das im Jahr 2003 als Teil des renommierten Massachusetts Institute of Technology (MIT) gegründet wurde, bezeichnen sie sich ausdrücklich als „Klempner“. Statt sich, wie es das inzwischen etablierte Klischee will, mit mathematischen Modellen und ehrfurchtgebietenden Kurven zu befassen, prüfen sie in Randomized Controlled Trials (RCTs) entwicklungspolitische Projekte zur Armutsbekämpfung auf ihre Effizienz. Bestimmt könnte auch die Regierung Madagaskars, so sie sich denn um das Wohlergehen des Volkes zu kümmern gewillt ist, solche RCTs gut brauchen, denke ich mir, um möglichst effizient Armut, Ungleichheit und Umweltzerstörung zu bekämpfen. So sympathisch wie ehrgeizig beschreibt Esther Duflo, eine der Gründerinnen des von der Bill and Melinda Gates Foundation und anderen potenten Geldgeber*innen finanzierten J-PAL,  ihr Vorhaben in einem TED-Talk:

„We can not eradicate poverty just yet, but we can get started… It’s not going to be easy. This economics that I’m proposing is like 20th century’s medicine. It’s a slow deliberative process of discovery. There is no miracle cure, but modern medicine is saving millions of lives every year, and we can do the same thing.“ (Minute 16f)

14. Oktober 2019: Nobelpreis für die Klempner*innen!

Zwei Wochen später, wieder in der Schweiz: Ist es eine Überraschung, oder war es zu erwarten? Esther Duflo und zwei weitere Pioniere der Klempnerfraktion, Abhijit Banerjee und Michael Kremer, gewinnen den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften (den etliche kritische Ökonom*innen übrigens für einen Propagandapreis des Neoliberalismus halten). – Freude herrscht im J-PAL und seinen zahllosen Zweigstellen, zum Beispiel in der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Universität Zürich, wo die Ökonomieprofessorin Dina Pomeranz in einem Interview dem Schweizer Fernsehen siegesgewiss erklärt, die experimentelle Klempner-Ökonomie gehöre heute “zum unangefochtenen Standard“. Zwar hat die deutsche Ökonomin Silja Graupe erst kürzlich in einer Studie „Beeinflussung und Manipulation in der Ökonomischen Bildung“ nachgewiesen, dass Studierende der Wirtschaftswissenschaft noch immer weltweit mit neoliberaler Ideologie indoktriniert werden. Aber die plumbers scheinen doch an Einfluss zu gewinnen. Das freut mich, nicht etwa, weil ich die Euphorie über die zukunftsweisende Bedeutung der RCTs teilen würde, sondern weil die empirische Revolution in der ökonomischen Wissenschaft ein Indiz dafür sein könnte, dass mehr und mehr Wirtschaftswissenschaftler*innen von der Pose der universalen Welterklärung Abstand nehmen. Klempner*innen sind nämlich zwar nützliche Leute, auf die niemand verzichten will, wenn im Welthaushalt ein Ventil undicht oder ein Röhre durchgerostet ist. Wer aber wird sich vom Klempner die Welt erklären lassen wollen? In einem Interview hat Abhijit Banerjee die neue Dienstbereitschaft der Ökonom*innenzunft auf den Begriff gebracht, ohne sich dabei eine gewisse Polemik gegen anmaßende Welterklärer-Kolleg*innen zu verkneifen: 

„Ich verlange nicht, dass alle dasselbe tun (wie wir I.P.). Ich mache, was ich gut kann, andere sollen anderes tun… Es mag gut tönen, über große Dinge zu reden. Aber wenn man nichts Sinnvolles empfehlen kann, ist es langweilig.“ 

Über große Dinge reden

Irgendwer aber wird auch in Zukunft über die „großen Dinge“ reden müssen, und es ist erfreulich, wenn wir vom demonstrativ bescheidenen frisch gebackenen „Nobelpreis“-Träger der Wirtschaftswissenschaft ausdrücklich die Lizenz dafür bekommen: Riane Eisler zum Beispiel, die Universalgelehrte, die sich schon im Jahr 2007 nicht scheute, gegen den Zeitgeist, aber mit guten Gründen den damals noch allzu selbstgewissen Fachökonomen in die Quere zu kommen. Ihre Vision davon, wer wir als Menschen sind, was wir brauchen, welche Zukunft wir uns für den gemeinsamen Lebensraum Welt wünschen, was Armut und was Reichtum bedeuten und an welchen Kriterien sich Armutsbekämpfung folglich orientieren muss, unterscheidet sich deutlich von der des neoliberalen Mainstream, der sich, nimmt man das Schwedische Preiskomitee zum Maßstab, auf dem Rückzug befindet.

Riane Eisler hat längst deutlich über die „großen Dinge“ geredet, und sie kann auch „Sinnvolles empfehlen“: Im letzten Kapitel von „The Real Wealth of Nations“ hat sie schon vor zwölf Jahren erklärt, was Regierungen und Geschäftsleute, Aktivist*innen und Parlamentarier, Mütter und Lehrer*innen, was wir alle tun können, um eine Ökonomie, die Care ist, zur Welt zu bringen, in Madagaskar, den USA und Europa, mit oder allenfalls auch ohne Evidenzbasierung, getragen von großen Worten über den wirklichen Reichtum der Nationen. Dieses Buch und vor allem das letzte Kapitel daraus sollten die Klempnerinnen und Klempner lesen. Denn was sie jetzt brauchen, sind große Worte, die nicht vom müden Kollegen aus dem Büro nebenan, sondern von ANDERSWO kommen.