Hände und mehr

WiC-Blogpost Nummer 54

Zwar habe ich nie in einer dieser fast schon sprichwörtlich hektischen Redaktionen gearbeitet. Aber mir wurde mehrfach berichtet, wie es da zugeht. So zum Beispiel:

A: Such’ mir doch schnell ein Bild, das irgendwie zu einem Text über Care-Arbeit passt!
B: Worum geht’s da genau?
A: Ach irgendwas mit Pflegenotstand, «Applaus reicht nicht» und so weiter, das Übliche halt.
B: OK, dann nehmen wir doch am besten wieder das mit den Händen.

Junge Hand hält alte Hand

Auch auf gefühlt neunzig Prozent aller Konferenzprogramme im Care-Sektor prangt dasselbe Motiv: Eine junge, meist als weiblich erkennbare Hand hält eine alte faltige Hand. Meistens ist im Hintergrund eine weichgezeichnete Bettkante erkennbar, oder ein Schlauch, ein medizinisches Gerät.

Pflegefachpersonen berichten, dass es in ihrem beruflichen Alltag tatsächlich oft wichtig ist, die Hände von Patientinnen und Patienten zu halten. Die Geste tröstet, beruhigt, ist ein Zeichen für hilfreiche Präsenz, markiert einen Raum der Zwischenmenschlichkeit in einer technisierten Umgebung. Das Bild ergibt Sinn, aber in steter Wiederholung wird auch das sinnigste Bild zum Stereotyp – und setzt, wenn’s gut geht, Fragen in Bewegung: Was drückt das Bild aus? Frauengedöns? Geht mich nichts an? Soll es Einsicht in die Fürsorgeabhängigkeit aller bewirken, oder Mitleid, Nachdenklichkeit, Angst vor dem eigenen Alter? Antrieb zum politischen Handeln? Und: geht es denn in der Care-Arbeit immer nur um körperliche Nähe in Grenzsituationen? Wo bleiben andere Aspekte sorgender Tätigkeit? Das Spielerische, das Gewöhnliche, die Anstrengung, Stress, Spaß, Ärger, Routine, Berechnung, Kunst? Warum wird die Medizin- oder Haushaltstechnik, die doch mit professioneller Pflege oder mit Hausarbeit meist eng verwoben ist, zum verschwommenen Hintergrund der traditionell weiblichen Geste unmittelbarer körperlicher Berührung?

Suchbewegung

Ich fange an, mir andere Illustrationen für Tagungsprogramme oder Zeitungsartikel auszudenken. Die Aufgabe entzieht sich der Routine des Newsroom. Sie braucht spielerische Zeit. Ich bekomme Lust, mit dem Fotoapparat loszuziehen in meinen eigenen häuslichen Alltag, ins Badezimmer, in die Küche, den Garten und darüber hinaus ins Dorf, in den Supermarkt, ins Gemeindehaus, zum Bahnhof… Wo findet Sorgearbeit statt? Wie lässt sie sich ins Bild setzen? Wie verschränkt sie sich mit anderen Arten von Tätigkeit? Welches Bild will ich auf dem nächsten Tagungsprogramm sehen?