Es braucht andere Ministerien

WiC-Blogpost Nummer 51

Als Kind meinte ich, die Namen und damit die Aufgaben von Ministerien seien in Stein gemeißelt: Es gibt das Außen- und das Innenministerium, das Wirtschafts-, das Verkehrs-, das Finanzministerium und so weiter. Kinder nehmen, was sie umgibt, oft als ewige Wahrheit an: So und nicht anders verhält es sich mit der Welt, in der ich kürzlich zu leben angefangen habe. 

Der Superminister

Im Jahr 1971 wurde Karl Schiller in Personalunion Wirtschafts- und Finanzminister der Bundesrepublik Deutschland. Man nannte ihn den „Superminister“. Ich war fünfzehn und irritiert, bis ich erkannte: Irgendwann haben ein paar Männer entschieden, in welche Ressorts man Gemeinwesen am besten aufteilt, um deren Geschicke arbeitsteilig zu lenken. Ihre Entscheidungen scheinen revidierbar zu sein: Am 6. Juni 1986, wenige Wochen nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl, ich hatte gerade meinen 30. Geburtstag gefeiert, wurde das Bundesumweltministerium gegründet, das heute „Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, nukleare Sicherheit und Verbraucherschutz“ heißt. Und neuerdings, genauer: seit dem 8. Dezember 2021, gibt es aus guten Gründen ein Ministerium für Wirtschaft und Klimaschutz.   

Frauengedöns und Achtstundentage

Dass so genannte „Frauenfragen“, zum Beispiel der größte Wirtschaftssektor, im Familienministerium am besten aufgehoben sind, galt in den 1980ern, als ich meine Dissertation zum Frauen- und Menschenbild in der Ethik schrieb, noch als selbstverständlich. Heute heißt das Nachfolgeministerium „Bundesministerium für Familien, Senioren, Frauen und Jugend“. – Was haben Senioren, Frauen und Jugendliche gemeinsam? Ganz einfach: Sie sind keine Männer im erwerbsfähigen Alter. Wie in den neun Lehrbüchern, die ich für meine Doktorinarbeit durchgeackert habe, scheint der Mann im vermeintlich besten Alter nach wie vor das Maß aller Dinge, Menschen und Ressorts zu sein. Deshalb muss es mich auch nicht erstaunen, wenn man im Ministerium für Arbeit und Soziales den Achtstunden-Erwerbsarbeitstag noch nicht vom Thron gehoben hat. 

Ansätze einer postpatriarchalen Polit-Architektur

Was es brauchen würde, wäre aber selbstredend ein Ministerium für flächendeckende Grundversorgung, und eines für geburtliche Transformation. Dazu Staatssekretariate für Patriarchatskritik und die Aufarbeitung toxischer Männlichkeit, für bedürfniszentrierte Geldflüsse und für Selbstsorge. Auch ein Ministerium für Zukunftstauglichkeit wäre fällig. In Wales gibt es schon eines, in Gestalt des oder der „Future Generations Commissioner“. Ein Familienministerium braucht es nicht, dafür eines für gender- und generationengerechtes Zusammenleben, das eng mit dem Finanzministerium verzahnt ist. Und das Außenministerium würde ich zu einem Ministerium für globales gutes Zusammenleben machen. 

Hat sonst noch wer gute Ideen für die postpatriarchale Polit-Architektur? 

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