Wer ist produktiv?

WiC-Blogpost Nummer 49

Ökonom*innen erklären mir, es sei „zu kompliziert“, den größten Wirtschaftssektor ins Bruttoinlandprodukt einzubeziehen. Der Ombudsmann des Schweizer Fernsehens weist eine Programmbeschwerde mit dem Argument ab, es sei „zu kompliziert“, in einer Reportage über Betreuungskosten den Wert der Gratisleistungen einer betreuenden Ehefrau zu berechnen. Der Chefredakteur der Hanselzeitung schreibt mir, es handle sich bei der Haushaltsproduktion doch um Akte der „Zuneigung, Verantwortung und Freude“, weshalb sie weder statistisch erhoben noch honoriert werden müsse. Und dann kommt noch einer daher und säuselt, es widerstrebe ihm, Schwangerschaft und Gebären als „Produktivität“ zu bezeichnen, weil das Werden eines Ichs im Mutterleib doch ein staunenswertes Wunder sei, das mit ökonomischen Begriffen zu bezeichnen die Heiligkeit des Lebens verletze.

Heilig oder profitabel

Dass man das vermischte Tun der Mütter und Hausfrauen als „kompliziert“ empfindet und moralisch auf einem anderen Stern ansiedelt, liegt nun allerdings nicht daran, dass dieses Tun heiliger wäre als zum Beispiel der Umgang mit Tieren und Pflanzen in der Landwirtschaft oder das Hantieren mit seltenen Erden in der Chip-Industrie. Es liegt vielmehr daran, dass man uns an einen abstoßend seelenlosen Produktivitätsbegriff gewöhnt hat. Was „Produktivität“ bedeutet, hat Adam Smith am Prototyp der arbeitsteiligen Herstellung von Stecknadeln in einer Werkstatt erläutert. Mir kommen als Erstes Autos auf Fließbändern in den Sinn. Produktion sollen wir uns demnach als Mechanik vorstellen: Möglichst wenige Arbeiter sollen in möglichst kurzer Zeit möglichst viele identische Gebrauchsgegenstände fabrizieren, die ihr Boss dann möglichst gewinnbringend verkauft.
Interessanterweise fällt mir dazu Barbara Dürer-Holper ein, die zwischen 1467 und 1492 achtzehn Kinder geboren hat, von denen drei erwachsen wurden, darunter der Maler Albrecht Dürer, dessen Bilder der ganzen Familie zu Wohlstand verhalfen. Vermarktet hat die Bilder übrigens Albrechts kinderlose Ehefrau Agnes Frey.

Ein überlebenskompatibler Begriff von Produktivität

Wo endet Produktion, wo beginnt das heilige Wunder des Lebens? Zum Glück ist es heute verboten, Menschen zu verkaufen, weshalb Mütter ihre Produkte nicht auf direktem Wege in Profit verwandeln können. Es sollte aber auch verboten sein, Gegenstände so herzustellen, als bestünden sie aus toten Zahlen und nicht aus der endlichen Materie, mit der die Menschheit sorgsam umgehen muss, will sie im fragilen Großhaushalt Erde überleben. 
Statt die produktive generative Arbeit in Haushalten gegen eine fragwürdig mechanistische Vorstellung vom menschlichen Zusammenleben abzuschotten, könnten wir ein Verständnis von Produktivität erfinden, das alles Erzeugen als Zusammenwirken geborener Menschen mit endlicher lebendiger Materie begreift. Die Etymologie inspiriert: Pro-ducere bedeutet nämlich einfach hervorführen, hervorbringen, begleiten, und Materie hängt mit Mater zusammen. 


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6 Kommentare

  1. Berührende Darstellung. Besonders dieser Satz ist bewegend für mich: „Wo endet Produktion, wo beginnt das heilige Wunder des Lebens?“ Danke!

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  2. Für einen guten Inhalt, ein gutes Ziel, ohne Not weniger gute, dafür umso grellere Argumente anzuführen, mag wohl eine Zufriedenheit erzeugen, dass frau mal wieder den Finger in die Wunde anderer gelegt gelegt hat.
    Mensch kann sich völlig ausserhalb eines Diskurses stellen, bzw. sich in einen Sonderdiskurs einspinnen, wenn sie/er darauf besteht, die richtige Verwendung von Begriffen zu kennen.
    Dialogbereitschaft sieht anders aus, auch wenn sie in der Sache kompromisslos sein will.
    (Producere heisst übrigens auch, jemanden auf der Bühne vorführen, zum Verkauf anbieten.)

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    • Das ist ja gerade das Schöne an den alten Wörtern: dass sie ausufernde Bedeutungsfelder vor uns ausbreiten und wir entscheiden können, welchen Pfad wir unterwegs zum guten postpatriarchalen Zusammenleben wählen wollen: producere als hervorbringen oder vorführen, zum Verkauf anbieten oder begleiten? – Und ja doch: es braucht genau diesen Mut, sich außerhalb der herkömmlichen Diskurse zu stellen und vermeintlich längst beantwortete Fragen noch einmal von vorne zu stellen. Es widerspricht nämlich jeder Intuition, eine gebärende Frau als „unproduktiv“ zu bezeichnen und zu behandeln, indem man z.B. die Zeit um Schwangerschaft, Geburt und Stillen als „Lücke im Lebenslauf“, „Urlaub“, „Wertevernichtung“ oder „unterbrechungsbedingten Humankapitalverlust“ bezeichnet, wie es der Mainstream der Wirtschaftswissenschaft linker wie liberaler wie konservativer Ausprägung noch immer tut, weil es in seiner warenfixierten Logik liegt. Es braucht deshalb eine grundlegend, nicht nur oberflächlich erneuerte Begriffsarchitektur, und mit dem Begriff der „Produktivität“ ist zum Beispiel gut anfangen. Es gibt noch viele andere lohnende Anfänge für die Arbeit an der symbolischen Ordnung.

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      • Laura Bachofner

         /  Dezember 24, 2021

        Genau so sehe ich das auch! Reproduktion ist die grundlegendste Produktion überhaupt, denn ohne Nachwuchs kein Fortbestand der Güterpriduktion und Gesellschaft.

  3. Elfriede Harth

     /  Dezember 23, 2021

    Könnte es nicht sein, dass die Marktlogik bestimmte Begriffe wie produzieren, Produktivität oder Produkt dahingehend „denaturiert“, dass sie nur noch im Zusammenhang mit der Idee von „Ware“ gedacht werden (können)?

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    • Das ist eine Frage der Zeit. Es kann sein oder auch nicht, dass fundamentale Bedeutungsverschiebungen geschehen. Das ist nicht vorhersehbar. Weil auch ich befürchte, dass zumindest für die nähere Zukunft der Begriff der „Produktivität“ an die Warenwirtschaft verloren ist, also womöglich zu den (endgültig?) verbrauchten Wörtern gehört, habe ich im Text von „produktiver generativer Arbeit“ gesprochen. Zum Glück sind Sprachen ja unendlich, man kann immer wieder neue Wörter erfinden oder alte Wörter neu kombinieren und sie so in einen neuen Kontext stellen. So kommt es zu Verschiebungen, die als solche schon mal Spaß machen, deren langfristige Wirkungen offen sind. Den Begriff der „Wirtinschaft“ haben wir zum Beispiel schon vor 10 Jahren in die Welt gesetzt, inzwischen hat er sich zur „Wirt*inschaft“ gewandelt. Was eine solche schlichte Neuschöpfung wann wo in Bewegung setzt, habe ich nicht im Griff. Ich würde aber behaupten: nicht nichts. https://abcdesgutenlebens.wordpress.com/category/wirtinschaft/

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