Rosemarie von Schweitzer (1927-2020) und die kritische Wissenschaft vom Haushalten. Eine Begegnung

WiC-Blogpost Nummer 36

Am 26. September 2020 ist die kritische Haushaltswissenschaftlerin Rosemarie von Schweitzer im Alter von 93 Jahren in Pohlheim bei Gießen gestorben. Ein Nachruf von Uta Meier-Gräwe, ihrer Nachfolgerin auf dem Gießener Lehrstuhl für Wirtschaftslehre des Privathaushalts und Familienforschung, findet sich hier. Ich erinnere mich an prägende Begegnungen mit der Pionierin der Philosophie der Daseinskompetenz:

Wie es damals, Mitte der Neunziger Jahre, genau angefangen hat, weiß ich nicht mehr. Aber dass die Begegnung mit den Haushaltswissenschaften für mich ein heilsames Aufwachen bedeutet hat, daran erinnere ich mich. Als vielbeschäftigte Mutter einer kleinen Tochter und streitbare Feministin reiste ich damals durch die Lande und erzählte allen, die es hören wollten, dass Wirtschaftswissenschaftler die Gratisarbeit der Frauen in Privathaushalten ignorieren und uns damit stillschweigend einer massiven Ausbeutung ausliefern. Viel Statistik kannten wir zwar noch nicht. Wir wussten noch nicht, dass es sich bei der unbezahlten Care-Arbeit um den größten Wirtschaftssektor handelt. Aber dass da Grundlegendes, Notwendiges, Schönes geleistet und für fremde Interessen benutzt wurde, das war seit der feministischen Hausarbeitsdebatte der 1970er und 1980er Jahre bekannt. Wir stützten uns vor allem auf  die Analysen der Bielefelder Soziologinnen Maria Mies, Veronika Bennholdt-Thomsen und Claudia von Werlhof und auf die Marxismuskritik von Christel Neusüß, Adelheid Biesecker, Frigga Haug und anderen. Wir waren wütend, und wir hatten Recht.

Home Economics: Nicht nur ein Rädchen im kapitalistischen Getriebe

Und dann kam eine daher, deren Namen ich nicht mehr weiß, und sagte, es gebe da einen blinden Fleck in unserem feministischen Weltbild: Ja, es ist skandalös, dass die unbezahlte Arbeit nicht im Bruttosozialprodukt vorkommt, dass die Haushaltsproduktion als bloßer Konsum missverstanden, banalisiert, naturalisiert, sentimentalisiert wird. Aber dass die akademische Ökonomie sie gänzlich ausblendet, stimmt nicht. Denn es gibt die Haushaltswissenschaft. Manchmal heißt sie auch anders, zum Beispiel Home Economics oder Ökotrophologie oder Haushalts- und Ernährungswissenschaft oder Human Ecology. Bei aller terminologischen Vielfalt ist sicher: Diese Wissenschaft existiert. Zwar nicht in allen Ländern auf Universitätsniveau, aber rund um die Welt in Fachschulen, an denen Leute lernen, was Haushalte sind und wie sie sich am besten organisieren lassen. Nicht immer, aber immer öfter existiert diese Wissenschaft auch in Form systemkritischer Diskurse. Die Haushaltswissenschaft, wie sie zum Beispiel von der Philosophin, Agrarökonomin, Soziologin und Erziehungswissenschaftlerin Rosemarie von Schweitzer entwickelt wird, erforscht das Haushalten nicht als möglichst perfekt zu ölendes Rädchen im kapitalistischen Getriebe, sondern nimmt, ähnlich wie die feministischen Analysen, die Institution Haushalt als solche in den Blick, in ihrer ganzen Komplexität, Eigendynamik und potentiellen Sprengkraft. 

Die Wissenschaft der Daseinskompetenz

Vom 21. bis 23. Oktober 1996 nahm ich an einer Arbeitstagung des Internationalen Verbands für Hauswirtschaft (IVHW) in Wien teil, mitorganisiert von den österreichischen Ministerien für Land- und Forstwirtschaft und Bildung. Das Thema hieß: „Europa: Herausforderungen für die Alltagsbewältigung“. Ich lernte viel von den Home Economists aus aller Welt. Von mir wollten sie wissen, was feministische Ethikerinnen, Philosophinnen und Theologinnen zu unbezahlten Care-Tätigkeiten herausgefunden hatten. Am letzten Tag der Konferenz saß ich zusammen mit Rosemarie von Schweitzer, die von 1969 bis 1992 als Professorin für Wirtschaftslehre des Haushalts und Verbrauchsforschung an der Universität Gießen gewirkt hatte, auf dem Podium. Wir inspirierten einander, gerade weil wir Begriffe aus unterschiedlichen Traditionen benutzten, aber es war mir peinlich, dass ich ihre Bücher noch nicht gelesen hatte, dass ich überhaupt so wenig wusste von ihr und ihren Mitstreiterinnen und Mitstreitern, von den Kämpfen um einen Ort im hermetischen universitären Herrenhaus und in der Politikberatung, von den Suchbewegungen für eine angemessene Begrifflichkeit, von Rückschlägen und Fortschritten. Warum hatten wir Feministinnen uns nicht längst mit dieser Szene verständigt, die seit Jahrzehnten beharrlich für eine angemessene Wahrnehmung des größten Wirtschaftssektors arbeitete, zum Beispiel in Form von Zeitbudgetstudien und der Familienberichte der deutschen Bundesregierung? Pflegen da alle ihre eigenen Gärtchen statt Beziehungen zu verwandten Initiativen? – Wieder zuhause, abonnierte ich die Fachzeitschrift „Hauswirtschaft und Wissenschaft“ der Deutschen Gesellschaft für Hauswirtschaft dgh.

Systemrelevanz und Ignoranz

Dann las ich Rosemarie von Schweitzers Grundlagenwerk „Einführung in die Wirtschaftslehre des privaten Haushalts“ (Stuttgart 1991). Darin standen vertraute Einsichten wie diese: „Was für die einen – die Männer – privates Unterstützungssystem zur Teilhabe am gesellschaftlichen Leben ist, ist für die anderen – die Frauen – ein privates Aufgabenfeld, das der Teilhabe am gesellschaftlichen Leben erhebliche Grenzen und Barrieren setzt.“ (21). Über diese mir geläufige Kritik hinaus lernte ich auf jeder Seite Neues zur Ideengeschichte des Haushaltens, zur Statistik und zu transdisziplinären Methoden, mit denen sich die politische Ökonomie der Haushalte im Einzelnen besser verstehen lässt. So angetan war ich von diesem Buch und seiner Autorin, dass ich der Redaktion der Sendung Sternstunde Philosophie des Schweizer Fernsehens, in der ich damals mitwirkte, mehrmals vorschlug, eine Diskussionsrunde zum Stellenwert des Haushaltens in der Ökonomie zu organisieren. Erwin Koller, der damalige Chef der „Sternstunden“, wischte den Vorschlag vom Tisch mit der Bemerkung, das interessiere die Leute nicht und mache keine Quote. Am 17. Februar 1998 schrieb ich an Rosemarie von Schweitzer: „Immer wieder habe ich den Damen und Herren der Redaktion mit Ihrem roten Buch vor der Nase herumgewedelt und versucht, begreiflich zu machen, wie viel eine kritische Theoretikerin des Haushalts zur aktuellen Weltlage zu sagen hat. … (Der Durchbruch) ist … nicht gelungen. Die Verbindung Haushalt – Theorie – Philosophie – Relevanz geht in die Köpfe … der … Medienschaffenden einfach nicht hinein.“ Am 18. März schrieb sie zurück: „Eine neue symbolische Ordnung lässt sich nur finden, wenn es gelingt, die sich gegenseitig ausgrenzenden Sprachen in ihrer selbstbezogenen Einäugigkeit … wieder über ein allgemeineres Verständnis … von Grundbegriffen zu öffnen für einen neuen Sprachgebrauch, neue Kommunikationsnetze und somit sich ändernde Wahrnehmungsvermögen… Auch ohne Medienauftritt freue ich mich auf eine Diskussionsrunde mit Ihnen.“ 

Bis heute, bis ins Jahr der großen pandemiebedingten Aufmerksamkeit für (nicht) systemrelevante Tätigkeiten, haben die „Sternstunden“ die Ökonomie des Haushaltens nicht zum Thema gemacht.

Und noch einmal angstvolle Abwehr

Vom 16. bis 18. Juli 2001 habe ich Rosemarie von Schweitzer noch einmal getroffen: im Kloster Heiligkreuztal anlässlich einer Tagung des Pfarrkonvents Reutlingen. Ich kann mich gut erinnern, wie pikiert viele der schwäbischen Pfarrherren auf ihren faktenreichen Vortrag zur Ideengeschichte des Haushalts und auf meinen Vorschlag reagierten, das „Reich Gottes“ doch einmal versuchsweise „Haushalt Gottes“ zu nennen. Nur schon dieser Gedanke lasse Gott unerträglich klein erscheinen, meinte einer. Haushalten, so fragten wir zurück, sei also zu trivial für ein Göttliches, das laut christlicher Tradition vor ungefähr 2000 Jahren als schreiendes scheißendes Baby im Stall zu Bethlehem zur Welt gekommen ist? Traut ihr Pfaffen euch nicht zuzugeben, dass ihr alle von dieser Art des Tätigseins abhängig seid, um, rundum versorgt und wohlgenährt, mit euren kantigen Herrgottspredigten das Geld verdienen zu können, das euch das Recht zu geben scheint, euch „Ernährer“ eurer Familien zu nennen? 

Auf diese Frage haben wir bis heute keine Antwort bekommen.

Notwendige Konvergenz für den notwendigen Paradigmenwechsel

Am 26. September 2020 ist Rosemarie von Schweitzer im Alter von 93 Jahren nach längerer Krankheit in Pohlheim bei Gießen gestorben. Uta Meier-Gräwe, ihre Nachfolgerin auf dem Gießener Lehrstuhl für Wirtschaftslehre des Privathaushalts und Familienforschung ist seit 2018 emeritiert. Die Professur wurde inzwischen reduziert auf naturwissenschaftlich orientierte Verbrauchsforschung. In ihrem Nachruf für Rosemarie von Schweitzer schreibt Uta Meier-Gräwe über die notorische Geringschätzung des Fachs: „Bis zu (meinem Stellenantritt in Gießen nach einer ostdeutschen Berufsbiographie I.P.) war mir nie so klar geworden, welche Geringschätzung Mainstream-Ökonomen, aber auch Naturwissenschaftler*innen unseren haushaltswissenschaftlichen und feministischen Themen gegenüber an den Tag legten. Meine Studentinnen wurden oft als ‚H-Mäuschen‘ tituliert, die gewissermaßen eine gehobene hauswirtschaftliche Ausbildung durchlaufen, um sich dann unter den Agrarstudenten oder den angehenden Ernährungswissenschaftlern einen heiratsfähigen Kandidaten zu angeln, dem sie später Kinder schenken und den Haushalt führen.“

Mit Uta Meier-Gräwe wünsche ich mir, dass die kritische Haushaltswissenschaft postpandemisch eine gewaltige Auferstehung erlebt, und dass sie sich weiter mit den vielen Menschen verbündet, die für einen Paradigmenwechsel im ökonomischen Denken und Handeln streiten: der Care-Revolution, dem Equal Care Day, der Siebten Schweizer Frauen*synode, dem Verein WiC (Wirtschaft ist Care), dem europäischen Netzwerk WIDE (Women in Development Europe), dem CareSlam, dem Bayerischen Forschungsverbund ForGenderCare, der Initiative Care.Macht.Mehr, der US-amerikanischen Caring Economy Campaign, dem Schweizer Frauen*streik, dem Schweizerischen Katholischen Frauenbund, den Evangelischen Frauen Schweiz und vielen anderen, die mit uns unterwegs sind. Rosemarie von Schweitzer wäre mit Begeisterung dabei. Schon im Jahr 1991 hat sie in ihrer klaren, unaufgeregten Sprache gesagt, worum es dieser Bewegung, die sich inzwischen auf den Begriff Care als Mitte geeinigt hat, geht:

„Auf das Paradigma des Maßhaltens und der sozialen Verantwortung ist wirtschaftliches Handeln aufzubauen, wenn die Menschheit menschlich überleben will. Dieses muss eine Kultur des haushälterischen Handelns und unterhaltswirtschaftlichen Denkens und Entscheidens in personaler Verantwortung sein.“ (Einführung 1991, 331)

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3 Kommentare

  1. Danke für diesen differenzierten und interessanten Artikel. Ich kenne aus den 1960iger und 1970iger Jahren die Form des „sozialwissenschaftlichen Gymnasiums“. Dort wurde in der Mittelstufe zwei Jahre lang Hauswirtschafts- und Kochunterricht erteilt. In der elften und zwölften Klasse war ein jeweils mehrwöchiges Praktikum im Krankenhaus bzw. Kindergarten verpflichtend. Das führte dazu, daß die Absolventinnen (es waren reine Mädchengymnasien) spöttisch als die mit dem „Kochtopf-Abitur“ tituliert wurden.

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  2. Kochtopf-Abitur – H-Mädchen – keine Quote – interessiert nicht – zu klein für Gott… und so weiter und so fort. Alice Schwarzer meint, Haushalten sei „nicht sexy“. Wie heben wir diese habituelle Abwehr der alltäglichen Zuwendung aus den Angeln? Gute Theorie ist sicher die Basis, und es braucht mehr: Bebilderungen jenseits des stereotypen Händehaltens, Popkultur, neue Wörter und mehr. Werden die „Cleanfluencers“ das Wunder vollbringen? https://www.theguardian.com/lifeandstyle/2020/oct/11/cleaning-up-the-social-media-stars-making-housework-cool

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  1. Ich, du, er, sie, es, sind bedürftig: Von Bedürfnissen, Bedürftigkeit, Fürsorge und einer Laptop-Ente – Mama streikt

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