Glück und Ökonomie

WiC-Blogpost Nummer 35

Am 24. März 2019 schenkte mir Mathias Binswanger in Minute 22 eines Radiogesprächs diesen Satz: „Es ist schwierig, mit Ökonomen in Kommunikation zu treten, weil sie gar nicht so richtig verstehen, worüber man da eigentlich spricht.“  

Mathias Binswanger ist laut aktuellem NZZ-Ranking der drittwichtigste Ökonom der Schweiz. Wenn er sagt, dass Ökonomen zum Beispiel meine Frage, ob Wirtschaft irgendwas mit Wohlbefinden, Glück und Fürsorge zu tun habe, gar nicht verstehen können, dann erregt das viel mehr Aufsehen, als wenn ich es sage. Denn ich habe ja noch nicht mal die Macroeconomics von N. Gregory Mankiw gelesen, geschweige denn Peter Bofingers Grundzüge der Volkswirtschaftslehre. Herr Binswanger hingegen kennt sich aus. Deshalb zitiere ich seinen Satz oft und gern, wenn ich jemandem mitteilen möchte, dass es zwischen Ökonomen und Leuten wie mir Verständigungsprobleme gibt. 

An zwei Texten, die vor ein paar Tagen fast zeitgleich im Internet erschienen sind, lässt sich zeigen, worum es sich dabei handelt. Ob sich die Autorin des ersten Textes, die Kolumnistin Margarete Stokowski, und der Autor des zweiten, der emeritierte Volkswirtschaftsprofessor Norbert Berthold, im wirklichen Leben schon begegnet sind, weiß ich nicht. Sie beziehen sich nicht aufeinander. Aber ich werde ihre Texte jetzt so in Beziehung zueinander setzen, dass das Kommunikationsproblem zwischen Ökonomen und Leuten wie mir oder Margarete Stokowski zutage tritt.

Wirtschaft ist für uns da

Stokowskis Kolumne heißt Alle sind verzichtbar, selbst Männer und ist am Dienstag, 29. September 2020 auf Spiegel online erschienen. Ausgehend von der Tatsache, dass tags zuvor die Schweizer Stimmbürgerinnen und Stimmbürger sich für grandiose zwei Wochen – statt wie bisher einen Tag – bezahlte Vaterschaftszeit ausgesprochen hatten, denkt sie über den Zweck des Wirtschaftens nach. Oder mit anderen Worten: über den Sinn des Lebens. Denn für sie ist klar, dass Wirtschaften und sinnvolles Dasein nicht zwei voneinander getrennte Sphären, sondern ein- und dasselbe sind. In ihrem Text kommen Wörter wie „Zufriedenheit“, „Segen“, „Familienleben“ oder „Gesundheit“ vor, bezogen auf wirkliche Menschen, die solche Dinge lieben. Dass es gut ist, wenn Väter Zeit mit ihren Kindern verbringen, selbst wenn sie dadurch zuweilen ihren Erwerbsarbeitsplätzen fernbleiben, steht für sie außer Frage. Auch dass Leute ab und zu trotz Arbeit Zeit haben sollten zu atmen oder ein Glas Wasser zu trinken, findet sie wichtig.

Wozu sollte unser eifriges Treiben denn sonst gut sein, wenn nicht für unser aller Glück und Wohlbefinden auf dem verletzlichen schönen Planeten Erde?

Wir sind für die Wirtschaft da

Norbert Bertholds Text ist am Montag, 28. September 2020 im ordnungspolitischen Journal „Wirtschaftliche Freiheit“ erschienen und heißt Überlebt das ‚Geschäftsmodell Deutschland’ die Seuche? Wenn in diesem Text etwas blüht, gedeiht, wankt oder leidet, dann sind es nicht Leute, sondern die deutsche Autoindustrie, der Strukturwandel oder die Wettbewerbsfähigkeit. Nicht Menschen sind in diesem Text die Akteur*innen, sondern Betriebe, Strukturen oder „die Politik“. Letztere macht nicht mir oder dir, sondern der Atom- und der Chemieindustrie das Leben schwer, und sie ist schuld, dass „dem klimapolitischen Wahn … zehntausende gut bezahlter Arbeitsplätze in Deutschland zum Opfer“ fallen. – Und was tun inzwischen wir lebendigen Leute, während alte Industrien sterben, Innovation dank unternehmerischer Freiheit gedeiht und die Wirtschaft wächst? Wir generieren Nachfrage, ändern zuweilen unser Erwerbs- oder Ausgabeverhalten, gliedern uns ein oder aus, passen uns Geschäftsmodellen an und beziehen allenfalls anreizverträgliche Grundsicherung, bevor wir der Wirtschaft so schnell wie möglich wieder unser Humankapital zur Verfügung stellen.

Wozu das Ganze? Das sagt uns Norbert Berthold nicht, es sei denn, wir sind’s zufrieden, dass nicht wir zufrieden sind, sondern das Erfolgsmodell Deutschland inmitten neiderfüllter globaler Konkurrenz.

Worauf kommt es an?

Versteht Norbert Berthold, was Margarete Stokowski meint? Hat er schon einmal darüber nachgedacht, ob Wirtschaftswachstum glücklich macht? Ob es Vätern, Müttern, Kindern und allen anderen Leuten gut geht, wenn und weil der Strukturwandel voranschreitet? Oder ist er vom selbsttätig segensreichen Wirken der unsichtbaren Hand des Marktes und dem Trickle-down-Effekt so fest überzeugt, dass es sich für ihn erübrigt, wirkliche Väter zu fragen, ob sie lieber selbstoptimierend die humankapitaldefizitäre Lage auf dem Arbeitsmarkt entspannen helfen oder Zeit mit ihren Kindern verbringen wollen? 

Das Kommunikationsproblem, von dem Mathias Binswanger am 24. März 2019 im Radio gesprochen hat, besteht darin, dass Ökonomen (jedenfalls viele von ihnen) das Erste mit dem Zweiten verwechseln: Glücklichsein mit Wirtschaftswachstum. Und dass sie „die Wirtschaft“ als eine Art Mega-Maschine betrachten, die für sich allein funktioniert, wächst, schrumpft, lahmt, boomt oder sogar lebt, unabhängig davon, was diejenigen, ohne die sie gar nicht da wäre, die Leute nämlich, gut und wichtig finden. Hoffentlich lassen die Herren, die N. Gregory Mankiws Macroeconomics studiert haben, diese eigenartige Weltkonstruktion bald fahren und hören stattdessen Leuten wie Margarete Stokowski, mir oder Luisa Neubauer zu, bevor sich herausstellt, dass man in ganz verschiedenen Geschäftsmodellen, nicht aber ohne Luft, Wasser, Bezogensein und Sinn glücklich sein kann. Verstehen Sie mich, Herr Berthold?   

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