Der Dialog mit Ihnen liegt uns am Herzen…

oder: Keine Antwort von der Süddeutschen Zeitung

WiC-Blogpost Nummer 31

Am Samstag, 13. April 2019 publizierte der Ex-Chef Heribert Prantl in der „Süddeutschen Zeitung“ einen Text: „Die Karwoche muss zur Care-Woche werden“.
„Karwoche ist Care-Woche“, so heißt die erste Kampagne, die der Verein WiC (Wirtschaft ist Care) im Januar 2016 mit einer siebzehnteiligen Postkartenserie gestartet hat. Vielleicht hat Heribert Prantl von irgendwem diese Postkarten bekommen, keine Ahnung. Jedenfalls scheint er die Sache gut zu finden.

Er hat nun unsere Idee nicht im strengen Sinne geklaut, sondern nur die bewährte patriarchale Praxis der Anonymisierung von Urheberinnenschaft zur Anwendung gebracht: In seinem Text verweist er auf „fünf (namenlose I.P.) Aktivistinnen aus der Schweiz“. Eine davon bin ich. Deshalb dachte ich, nachdem ich die Kolumne im Internet entdeckt hatte: Ich könnte doch mal an die „Süddeutsche“ schreiben und fragen, ob sie uns auch sonst noch interessant finden. Ich suchte mir also die Redaktionsadresse raus und schrieb am 22. Juni 2019 diese Mail an redaktion@sueddeutsche.de:

Liebe Redaktion,
am 13. April 2019 ist in der „Süddeutschen“ eine Kolumne von Heribert Prantl mit dem Titel „Die Karwoche muss zur Care-Woche werden“ erschienen. Darüber haben wir uns gefreut, denn wir sind die „fünf Aktivistinnen aus der Schweiz“, die im Text erwähnt werden und auf die diese Idee zurückgeht. Wir fänden es toll, wenn Sie sich weiterhin mit dem Denk- und Handlungsansatz „Wirtschaft ist Care“ befassen würden. In Bayern wurde er schon mehrfach aufgegriffen, zum Beispiel kürzlich hier. Aber ein Artikel in der „Süddeutschen“ wäre natürlich nochmal ganz was anderes. Wir freuen uns, wenn Sie uns demnächst kontaktieren!
Mit einem herzlichen Gruß für den Verein WiC: Ina Praetorius

Natürlich weiß ich, dass man bei „großen“ Medien vor allem dann eine Chance hat, wenn man einen Mitarbeiter oder eine Mitarbeiterin persönlich kennt. Ich kenne aber niemanden bei der „Süddeutschen“, und für irgendwas, dachte ich, muss die Redaktionsadresse doch gut sein, oder? Deshalb schrieb ich, nachdem ich keine Antwort bekommen hatte, am 7. Juli 2019 eine zweite Mail:

Liebe Redaktion,
haben Sie meine Mail vom 22. Juni 2019 erhalten?
Eine Antwort wäre nett.
Mit einem herzlichen Gruß von Ina Praetorius

Am 14. August 2019 schrieb ich die dritte Mail an redaktion@sueddeutsche.de

Liebe Redaktion,
haben Sie meine Mails vom 22. Mai und 7. Juli bekommen?
Ich hätte gern eine Antwort.
Mit einem herzlichen Gruß von Ina Praetorius

Am 19. August 2019 ging unser WiC-Erklärfilm online. Ich fand, das sei ein Anlass, um mich noch einmal bei der Redaktion zu melden, denn der Film ist gut und die Bewegung für eine Care-zentrierte Ökonomie wächst. Ich schrieb also am 28. August 2019 eine vierte Mail an die SZ-Redaktion. Auf die ersten drei Mails hatte ich immer noch keine Antwort bekommen:

Liebe Redaktion,
haben Sie meine Mails vom 22. Juni, 7. Juli und 14. August 2019 bekommen?
Inzwischen ist unser Kurzfilm „Wirtschaft ist Care“ erschienen, in Englisch und Deutsch. Weitere Sprachen sind in Arbeit. Der Film ist bereits für drei Wettbewerbe nominiert: Los Angeles Film AwardFantoche Swiss Industry Award und Oniros Film Awards.
Wir hätten gern eine Antwort. Es ist nämlich nicht besonders fair, dass die „Süddeutsche“ unsere Erfindung „Karwoche ist Care-Woche“ klaut und uns dann die Antwort verweigert.
Mit herzlichen Grüßen von Ina Praetorius

Allmählich fing die Sache an, mich zu nerven. Ich mag es nämlich nicht, wenn Leute  dauernd von Dialog und Werten schwurbeln, aber keine Antworten auf Fragen geben. Deshalb habe ich mein Problem auf Facebook zum Thema gemacht. Facebook ist für mich ein Ort, wo ich aufschreibe, was mich gerade beschäftigt. Manchmal rufe ich auf Social Media auch um Hilfe. Und tatsächlich meldete sich eine meiner Facebook-Freundinnen, Christa Stahel: Sie sei bereit, schrieb Christa, bei der Redaktion der SZ nachzufragen, was aus meinen Mails geworden sei. 

Christa Stahel schrieb am 10. Oktober 2019 echte Realbriefe an die Redaktion der „Süddeutschen“ und an Heribert Prantl. Sie erkundigte sich in diesen Briefen, was aus meinen Mails geworden sei und ob die Redaktion vorhabe, über die Themen „Karwoche ist Carewoche“ und „Wirtschaft ist Care“ zu berichten. Am 11. November 2019 schickte Christa Stahel zwei weitere Briefe an die Redaktion und an Heribert Prantl, dieses Mal eingeschrieben. Bis gestern, 29. Dezember 2019, hat sie keine Antwort bekommen.

Am 18. Dezember 2019 erfuhr ich von einer Bekannten, die ihrerseits eine Bekannte hat, die bei der „Süddeutschen Zeitung“ arbeitet, dass bei der Redaktionsadresse sehr viele (PR-)Mails ankommen, weshalb üblicherweise nicht geantwortet wird. Die Mitarbeiter*innen seien aber angehalten, auf individuelle „Feedback-Mails“ zu reagieren. Dafür gebe es unter jedem online erschienenen Artikel einen Button. Ausserdem gebe es noch die Adresse debatte@sz.de, und natürlich könnten wir an Heribert Prantl persönlich schreiben (was wir bereits getan haben). Ich drückte also am 19. Dezember 2019 auf den Button „Feedback“, der sich unter der Kolumne „Die Karwoche muss zur Care-Woche werden“ von Heribert Prantl befindet, worauf man mich per Pop-up-Fenster aufforderte, die SZ besser zu machen: „Der Dialog mit Ihnen liegt uns am Herzen. Wir freuen uns über Ihre E-Mail, die wir gerne beantworten,“ stand da. Also schickte ich diese Mail:

Hallo SZ!
Hier mein Feedback auf die Prantl-Kolumne „Die Karwoche muss zur Care-Woche werden“ (April 2019) in Form eines bereits vielgelesenen Blogposts. Inzwischen habe ich von einer SZ-Mitarbeiterin gehört, dass Mails an die Redaktionsadresse … nicht beantwortet werden. Warum steht sie dann im Netz? Tweets, Briefe und eingeschriebene Briefe beantwortet Ihr auch … nicht? Herr Prantl auch nicht? Eine Antwort und eine Auseinandersetzung mit dem Denk- und Handlungsansatz Wirtschaft ist Care würden uns immer noch freuen.
Herzliche Grüsse von Ina Praetorius

Und dann war erstmal Weihnachten.

15. Januar 2020
Im Magazin der Süddeutschen Zeitung erscheint ein Essay von Teresa Bücker: „Ist es radikal, alle Care-Arbeit selbst zu erledigen“? Darin heisst es: „…unsere Wirtschaft, darauf weist unter anderem das in der Schweiz gegründete Bündnis »Wirtschaft ist Care« hin, wird in ihrer aktuellen Verfassung nur durch unbezahlte Arbeit am Leben erhalten und hat die Care-Arbeit bislang nicht als integralen Teil der Wirtschaft verstanden.“

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