Warum ich hier und nicht dort wohne

Mich kann man leicht beeindrucken. Vielleicht wohne ich deshalb in einer überschaubaren, unspektakulären, eher nicht so reichen ländlichen Region.

Würde ich nämlich zum Beispiel in der Nähe eines mitteleuropäischen Großflughafens wohnen, ich würde wohl mehrmals täglich vor Ehrfurcht erstarren ob dieses hochkomplexen Monsters aus Straßen, Brücken, Maschinen, Flugkörpern, Hochhäusern, Messehallen und mehr. Menschen, die ganz andere Dinge können als ich, haben diesen unvorstellbaren Koloss ersonnen, und von morgens bis abends bis morgens halten sie ihn im Schuss. Ich zwangsstaune.

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Zwar finde ich die ineinander verschachtelte Ansammlung von gestählten Funktionen nicht schön und nicht einladend. Aber sie ermöglicht es mir doch, in die Luft zu gehen. Ich kann mich hier auch mit allem ausstatten, was ich nicht brauche: mit Pizza, Autos, Klamotten, Lifestyle, Ärger, Frust, Turnschuhen, Massage oder Weltläufigkeit.

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Aber etwas kann ich nicht, und anscheinend auch sonst niemand: die rastlose Megainstallation zum Stillstehen bringen. Tagein tagaus  muss sie in stinkender Bewegung bleiben, denn fände jemand den Knopf, sie abzustellen, so würde, sagt man mir, alles zusammenbrechen: der Tourismus, die Pharmazie, der Wohlstand, die Beschäftigung, die Ölförderung, die Medizin, alles.

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Würde auch verschwinden, was man „Glück“ nennt? Dieses fragile Wohlgefühl inmitten der komplizierten Welt? Wohl kaum. Am 18. März 2019 erklärte mir der Ökonom Mathias Binswanger, es sei erwiesen, dass wir Menschen in den überentwickelten Weltregionen schon seit einiger Zeit im Durchschnitt nicht mehr glücklicher werden. Wir rattern zwar immer noch vor uns hin, weil man uns droht, andernfalls wäre alles zu Ende: die Sozialversicherung, der Rohstoffhandel, der Krieg und unsere Liebe zueinander. Aber wir werden müder. Der Zwang, in all dem Stahlbeton ununterbrochen von etwas beeindruckt zu sein, bis zum Kaufreflex, überfordert mich. Ich finde ihn doof, und nicht nur ich.

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Deshalb lebe ich in einer eher nicht so reichen ländlichen Gegend. Hier gibt es zwischen Zwangsstaunen und Dauerärger noch den Charme lange nicht renovierter Balkone, und Platz für lange Weilen, aus denen eventuell etwas Neues werden könnte.

Es gibt nämlich schon viele Ideen, wie die Menschheit sich anders, weniger kolossal, feingliedriger organisieren könnte: Commons, Genoss*innenschaften, Caring Communities… Wie kommen wir von hier nach dort?

 

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2 Kommentare

  1. Immer wieder wohltuend, diese Beiträge. Herzlichen Dank. Antigone

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