Liebe Genossinnen und Genossen!

WiC-Blogpost Nummer 17

Rede zum Thema „Wirtschaft ist Care“, gehalten am Samstag, 3. Februar 2018, 10.30h, an der Tagung „Wirtschaft 4.0“ der Sozialdemokratischen Partei der Schweiz in Bern 

Ich bine eine, die gern vorne anfängt. Heute, bei der Tagung zu eurem neuen Wirtschaftskonzept „Wirtschaft 4.0“ heisst das: nicht mit Globalisierung, Digitalisierung oder Arbeitskampf, sondern mit der Frage, was das Wort „Ökonomie“ bedeutet und wer wir Menschen sind:

Also erstens: Was ist Ökonomie?

Der Begriff leitet sich von zwei griechischen Wörtern ab: oikos und nomos. Oikos heisst Haus oder Haushalt. Nomos heisst Lehre oder Gesetz. Die Ökonomie ist also die Lehre vom guten Haushalten. Haushalte haben die Aufgabe, dafür zu sorgen, dass alle Haushaltsangehörigen bekommen, was sie zum Leben brauchen. Deshalb sind sich die Ökonominnen und Ökonomen im Prinzip einig: Wirtschaften hat nur ein einziges Ziel, nämlich die Befriedigung menschlicher Bedürfnisse. Auf den ersten Seiten jedes beliebigen Lehrbuchs der Wirtschaftswissenschaft steht eine entsprechende Definition. In dem kleinen Buch, mit dem ich mir vor vielen Jahren die Grundbegriffe der Ökonomie beigebracht habe, heisst es zum Beispiel so: „Es ist Aufgabe der Wirtschaftslehre zu untersuchen, wie die Mittel zur Befriedigung menschlicher Bedürfnisse am sinnvollsten hergestellt, verteilt und ge- oder verbraucht werden.“[1]

Vielleicht sollte ich diese Definition noch etwas präzisieren: Es geht um die Befriedigung der Bedürfnisse von derzeit ungefähr sieben Milliarden menschlichen Würdeträgerinnen und Würdeträgern, die zusammen mit unzähligen anderen Lebewesen den Planeten Erde bewohnen. Und um die Befriedigung der Bedürfnisse derjenigen, die den Lebensraum Erde in Zukunft bewohnen werden. Daran müssen wir die Ökonomen und Ökonominnen und uns selber immer wieder erinnern: Die Welt ist Lebensraum für alle, nicht für wenige.

Zweitens: Wer sind wir Menschen?

In gängigen tages- und parteipolitischen Debatten geht häufig das Wissen darüber verloren, dass wir Menschen vieles gemeinsam haben, egal wie viel Geld sich auf unseren Konten und wie viele Titel sich in unseren cv’s angesammelt haben. Zum Beispiel wurden wir alle geboren. Wir sind also alle als blutige schleimige schreiende scheissende Winzlinge in die Welt gekommen, aus dem Körper eines Menschen der vorangegangenen Generation. Das Erste, was jede und jeder gebraucht hat, war, dass jemand da ist: Jemand, der oder die den Neuankömmling in Empfang nimmt mit Nahrung, Kleidung, Schutz und Beziehung. Jemand auch, der oder die die Scheisse wegputzt.

Im Prinzip verschwinden diese ersten Bedürfnisse nie, denn wir bleiben alle unser Leben lang bedürftig, verletzlich, geburtlich und sterblich. Zwar lernen die meisten mit der Zeit sprechen, gehen, Ich und Du und Wir sagen, einen Beruf, eine politische Meinung und so weiter. Aber Selbstständigkeit bedeutet nicht Unabhängigkeit. Wir bleiben alle ein Leben lang abhängig von Wasser, Luft, Erde, von einer intakten Mitwelt und davon, dass andere Leute unendlich viele Dinge für uns tun: Essen kochen, Computer reparieren, Gemüse züchten, Bilder malen, Gesetze schreiben und so weiter. Es gibt keine nichtbedürftigen Menschen, und nur aus diesem Grund braucht es Ökonomie. Warum gibt es keine nichtbedürftigen Menschen? Weil wir alle Teil der Natur sind. Das Wort Natur leitet sich vom lateinischen Verb nasci ab. Nasci heisst: geboren werden. Wenn wir die Natur beschädigen, dann beschädigen wir uns selbst. Das wissen wir alle, aber ab und zu muss man es auch wieder einmal sagen.

Ökonomie: Die Lehre von geldvermittelten Tauschakten?

Wenn man die Frage, wer wir Menschen sind, mit der Definition von Ökonomie verknüpft, dann gibt das einen logischen Zusammenhang: Wir sind alle immer bedürftig, deshalb braucht es eine Theorie und Praxis arbeitsteiliger Bedürfnisbefriedigung. Und das steht ja, wie gesagt, auch genau so auf den ersten Seiten jedes Lehrbuchs der Wirtschaftswissenschaft.

Und jetzt kommt das Problem: Ungefähr ab Seite zwei geht es nicht mehr um das, was auf Seite eins steht, sondern nur noch ums Geld. Oder genauer: um diejenige Form der Bedürfnisbefriedigung, die mit dem vermeintlich allgemeinen Tauschmittel Geld in Berührung kommt. Ab Seite zwei setzt der Normalökonom Bedürfnisbefriedigung mit geldvermittelten Tauschakten gleich, und zwar fast immer ohne Begründung. Das ist nicht logisch, es ist unwissenschaftlich, und es ist nicht lebensförderlich.

Wie ist es zu diesem eigenartigen Widerspruch gekommen? Das ist eine längere Geschichte. Ich habe sie schon öfter erzählt, zum Beispiel im Essay „Wirtschaft ist Care“, den ich im Jahr 2015 im Auftrag der Heinrich Böll Stiftung geschrieben habe. Kurz zusammengefasst geht es in dieser Geschichte vor allem darum, dass wir, also die so genannte „westliche Kultur“, aus einer SklavInnenhaltergesellschaft kommen. Und aus einer Gesellschaft, in der Frauen und Kinder als Besitz von Ehemännern bzw. Vätern definiert waren. Entsprechend galt ihre Arbeit nicht als Leistung von freien Menschen, sondern als Natur: So wie die Kartoffel auf dem Feld reift, so wächst die notwendige Arbeit automatisch aus bestimmten Sorten von Menschen heraus. Der freie Bürger der griechischen Antike nahm die lebensnotwendige Arbeit von Sklaven, Sklavinnen, Ehefrauen, Kindern und Haustieren gratis entgegen wie die Leistungen der aussermenschlichen Natur, also Luft, Wasser, Boden, Wachstum und so weiter. Immanuel Kant hat deshalb die Frauen im Jahr 1784 in kritischer Absicht als „Hausvieh“[2] bezeichnet.

Daten zur unbezahlten Arbeit – und ihre noch nicht gezogenen Konsequenzen

Ungefähr ein Viertel Jahrtausend nach Kants Schrift über die Frage „Was ist Aufklärung?“ ist die durchdringende Zweiteilung der Gesellschaft immer noch da: Am 11. Dezember 2017 hat das Schweizer Bundesamt für Statistik die neuen Daten zur unbezahlten Arbeit publiziert. Ich zitiere aus der Presseerklärung: „9,2 Milliarden Stunden sind im Jahr 2016 in der Schweiz unbezahlt gearbeitet worden. Das ist mehr als für bezahlte Arbeit aufgewendet wurde (7,9 Milliarden Stunden). Die gesamte im Jahr 2016 geleistete unbezahlte Arbeit wird auf einen Geldwert von 408 Milliarden Franken geschätzt… Die Frauen übernehmen 61,3% des unbezahlten Arbeitsvolumens, die Männer 61,6% des bezahlten Arbeitsvolumens… Die Hausarbeiten … machen mit 7,1 Milliarden Stunden gut drei Viertel des Gesamtvolumens an unbezahlter Arbeit aus (77%). Die Betreuungsaufgaben für Kinder und Erwachsene im eigenen Haushalt lassen sich mit 1,5 Milliarden Stunden pro Jahr beziffern (16% des Gesamtvolumens).“

Seit zwanzig Jahren erhebt das Bundesamt solche Zahlen. Sie verändern sich nur ganz langsam, und sie zeigen vieles: Zum Beispiel zeigen sie, dass die rituelle linke und feministische Forderung „Gleicher Lohn für gleiche Arbeit“ lächerlich ist. Auch im Entwurf zum neuen SP-Wirtschaftskonzept „Wirtschaft 4.0“ wird diese Forderung pflichtschuldig nachgebetet, woraus ich schliesse, dass kein Denkfortschritt stattgefunden hat. Die Frauen müssten nämlich längst viel mehr verdienen als die Männer. Die Zahlen aus dem Bundesamt zeigen auch, dass die unbezahlte Arbeit der grösste Wirtschaftssektor ist. Sie ist keine Freiwilligenarbeit, denn sie besteht zu grossen Teilen aus notwendigen Dienstleistungen, ohne die es keine Menschen gäbe. Der Verein WiC (Wirtschaft ist Care) hat das auf einer seiner Postkarten so formuliert: „Ohne Care gibt es keine Menschen. Ohne Menschen braucht es keine Wirtschaft“. Der grösste Wirtschaftsfaktor kommt aber bis heute weder im Bruttosozialprodukt noch in der gängigen Wirtschaftswissenschaft vor. Letzteres hat sich der Verein WiC durch eine Umfrage in den Dekanaten wirtschaftswissenschaftlicher Fachbereiche der deutschsprachigen Schweiz bestätigen lassen: Zwar wird inzwischen durchaus zur Care-Ökonomie geforscht, aber nicht in der Ökonomie, sondern in den Sozialwissenschaften, in der Pflegewissenschaft und in den Gender Studies. So reproduziert sich die zweigeteilte Welt: Die Ökonomen delegieren die Forschung über wirkliche Bedürfnisse an den Bereich, den man gemeinhin „das Soziale“ nennt. Viele Sozial- und Genderforscherinnen spielen bereitwillig die Rolle der dienstbaren Gattin und befreien die Ökonomen so zu ihren undurchsichtigen Zahlenspielereien.

Was im SP-Dokument „Wirtschaft 4.0“ stehen sollte

Solche Zusammenhänge sollten in einem neuen Wirtschaftskonzept der Sozialdemokratischen Partei der Schweiz nicht nur vorkommen, sondern analysiert und zur Grundlage des Ganzen gemacht werden. Aber auch im vorliegenden Entwurf zu diesem Konzept kommt der grösste Wirtschaftssektor nur als Randnotiz vor, die man mit der Lupe suchen muss. Das Dokument folgt dem Muster der gängigen Lehrbücher: Am Anfang ist noch von allgemeinen, in der Verfassung verankerten Zielen die Rede: von gemeinsamer Wohlfahrt, nachhaltiger Entwicklung, innerem Zusammenhalt… und so weiter. Aber schon auf Seite 7 gelten als „Arbeitsleistende“ wieder nur Leute mit „Einkommen“: „Angestellte und Selbstständige“. Den Rest des Papiers dürft ihr gern selber analysieren. Wie gehabt wird der grösste Wirtschaftssektor, ohne den die Grundbedingung allen Wirtschaftens, die Menschen, wegfiele, auf die ausgelutschten Themen Gleichstellung, Familie, Gender und „Vereinbarkeit“ reduziert.

Das ist verkehrt. Denn Care ist keine Randnotiz, sondern die Basis und das Kerngeschäft der Wirtschaft: Wirtschaft ist Care. Wir wissen, warum wir unserem Verein diesen Namen gegeben haben. Und nachdem ich den Entwurf zum „neuen“ Wirtschaftskonzept der SP gelesen habe, weiss ich auch wieder ganz genau: Es braucht einen Verein mit genau diesem Namen.

Anmerkungen

[1] Günter Ashauer, Grundwissen Wirtschaft, Stuttgart 1973, 5.

[2] Immanuel Kant Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung? (1784) in: Immanuel Kant, Sämtliche Werke Bd. 4, o.O. 2000, 220-226, hier : 221.

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