Das Private ist politisch, also ist Care politisch. Aber was bedeutet es, Care zu politisieren?

WiC-Blogpost Nummer 16 

Dass das Private politisch ist, wissen wir spätestens seit den Anfängen der „Neuen Frauenbewegung“, also seit den Siebziger Jahren des Zwanzigsten Jahrhunderts. Im Zuge der 68er Bewegung hatten Frauen entdeckt, dass es nicht egal und nicht privat ist, wer beim Sex oben und wer unten liegt, wer wann wie viele Kinder bekommt, wer sich um sie und um die Älteren kümmert, wer in Versammlungen das große Wort führt, wer Kaffee kocht und Mülleimer leert. Wir setzten deshalb all die Themen, die unsere Genossen für nebensächlich gehalten hatten, auf die politische Agenda: häusliche Gewalt, unbezahlte Haus-, Beziehungs- und Erziehungsarbeit, Sexualität, Prostitution, Abtreibung und mehr. So bauten wir, zumindest in der Theorie, die Schranken ab zwischen den vermeintlich allein theorie- und politikwürdigen „höheren“ Lebensbereichen und den so genannten „Privatsphären“. Das war revolutionär. Und deshalb wissen wir heute immer noch nicht genau, was es bedeutet, eine Sache zu „politisieren“, die man vorher systematisch in Räume hinein geschwiegen hatte, die „Liebe“, „Ehe“, „Familie“ oder „intim“ hießen. Zur Politisierung des Privaten sind wir immer noch unterwegs.

Vom Handeln in herkömmlichen Politikformen zur Entgrenzung des Politischen

In den Siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts gingen wir Frauen auf die Straße, um für liberale Abtreibungsgesetze oder für die Neuaufteilung der unbezahlten Arbeit zu demonstrieren. In den Neunzigern organisierten wir Streiks, zum Beispiel die Schweizerinnen am 14. Juni 1991. Manche traten in Parteien ein, engagierten sich in Gewerkschaften oder bewarben sich, nachdem wir uns das Recht dazu erstritten hatten, um Parlamentssitze oder Regierungsämter. Das war und ist alles gut, wichtig und manchmal sogar erfolgreich. Aber wenn sich die Grenzen zwischen privaten und politischen Sphären auflösen, bedeutet das dann nicht auch, dass das Politische seinerseits sich verändert und entgrenzt? Bedeutet Politik im Wortsinn nicht ganz allgemein die Kunst der Weltgestaltung? Gestalte ich die Polis, den gemeinsamen Lebensraum, nicht auch dann, wenn ich mich außerhalb der vorgezeichneten Bahnen bewege, die man als „politisch“ definiert hat, bevor Frauen das Private politisch werden ließen? Warum sollte ich die Grenzen des Politischen, die Männer einst für Männer definiert haben, akzeptieren?

Da sind wir: mitten im postpatriarchalen Durcheinander. Sicher ist nur: Politik ist heute mehr als die Polit-Maschinerie, die uns das Patriarchat hinterlassen hat. Aber bedeutet das nun, dass alles Politik wird? Bis hinein ins Ehebett? – Ja, jedenfalls potentiell. Denn alles, was ich tue, zuhause oder auf der Straße, auf dem Klo oder im Hörsaal, auf der Bühne, im Lehrerinnen- oder im Sitzungszimmer, hat politische Dimensionen und kann politische Folgen haben. Was sonst sollte die Devise „Das Private ist politisch“ bedeuten? Und wir wissen doch noch, warum wir das Private politisch werden lassen wollten, oder etwa nicht?

Das menschliche Zusammenleben ist keine Maschine, sondern ein Bezugsgewebe

Um im postpatriarchalen Durcheinander neue Klarheit zu gewinnen, finde ich Hannah Arendts Gedanken über Freiheit wichtig. In ihrem Buch „Vita Activa“, vor allem im Kapitel über „das Handeln“ erklärt sie, wie entscheidend es ist, sich bewusst zu machen, was das Zusammenleben der Menschen ist: Es ist keine Maschine, denn niemand kann jemals wissen, was als Nächstes passiert. Weil menschliches Handeln geburtlich frei, also unvorhersehbar ist, weil immer wieder neue Menschen ins „Bezugsgewebe menschlicher Angelegenheiten“ (Hannah Arendt) eintreten, weil ich niemals wissen kann, wer wie und wann an meine Handlungen anknüpfen wird, kann Politik nicht bedeuten, einen Mechanismus in Gang zu setzen, um etwas herzustellen, von dem ich schon vorher genau weiß, was es sein wird. Denn eine Garantie, dass mein Tun bewirkt, was ich mir wünsche, gibt es im Bezugsgewebe nicht.

Zum Beispiel kann man einen Streik des Pflegepersonals in einem Krankenhaus organisieren, um höhere Löhne oder kürzere Arbeitszeiten oder bessere Arbeitsbedingungen zu erreichen, und vielleicht erreicht man diese Ziele sogar. Jeder Streik wird aber noch andere Wirkungen zeitigen als diejenigen, die als Forderungen auf seinen Fahnen stehen. Es kann zum Beispiel sein, dass Leute, die in der Zeitung über den Streik lesen, verstehen, dass Wirtschaft Care ist. Vielleicht empören sich aber auch einige darüber, dass habgierige Pflegekräfte mehr Geld wollen und durch den Streik sogar Menschenleben aufs Spiel setzen. Dies wiederum könnte dazu führen, dass sie sich dem Ziel einer bedürfniszentrierten Wirtschaft entfremden oder sogar anfangen, sich ins Patriarchat zurück zu sehnen. Es kann umgekehrt passieren, dass der Streik der Pflegekräfte eine Welle an Bewusstseinsveränderung auslöst, aber erst zwanzig Jahre nach dem Streik, weil erst am zwanzigsten Jahrestag jemand den erhellenden Text schreibt, der den Streik in den Kontext einer Ökonomie stellt, die den Namen verdient. Und so weiter. Kämpfe für einen gerechteren Lohn und bessere Arbeitsbedingungen, also politisches Handeln in der patriarchalen Streiktradition, sind trotzdem wichtig, aber sie sind nicht der Königinweg zu einer bedürfniszentrierten Wirtschaft. Wahrscheinlich gibt es keinen Königinweg, sondern viele Anfänge, die sich mit anderen Anfängen auf unvorhersehbare Weise verknüpfen werden.

Verschiedenes klug vernetzen

Was soll ich also tun, wenn ich erkenne, dass ich die Folgen meines Handelns nicht kontrollieren kann, nicht innerhalb und nicht außerhalb der Sphäre, die das Patriarchat „Politik“ nennt und die sich unaufhaltsam entgrenzt?

Im Verein WiC haben wir uns vorläufig darauf geeinigt, dass wir vermutlich dann am erfreulichsten wirken, wenn jede das tut, was sie am liebsten tut und was sie am besten kann: die eine filmt, die andere schreibt, die dritte organisiert, wieder eine andere fotografiert, und noch eine andere kennt noch eine andere, die Comics zeichnen kann… Ums Geld kümmert sich am besten eine, die gern mit Geld umgeht und die weiß, wie Buchhaltung und Fundraising funktionieren. Ich gebe, was ich geben kann und will, du gibst, was du geben kannst und willst, und dann treffen wir uns, hören einander zu und vernetzen das Verschiedene so klug wie möglich.

Und was ist das Ziel? Unser Ziel ist, dass die Ökonomie (wieder?) wird, was sie zu sein behauptet: die Theorie und Praxis der Befriedigung der Bedürfnisse von Milliarden menschlichen Würdeträgerinnen und Würdeträgern, die zusammen mit unzähligen anderen Lebewesen den großzügigen und verletzlichen Lebensraum Erde bewohnen, jetzt und in Zukunft. Ja: das ist ein sehr großes und abstraktes Ziel. Wann und wie und ob und wo wir in eine lebensfreundliche Zukunft kippen, das weiß NIEMAND. Aber wir sind guter Hoffnung und bestärken einander darin, dass wir längst zusammen mit anderen, die wir noch gar nicht kennen und vielleicht nie kennenlernen werden, in die richtige Richtung unterwegs sind.

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