Die Stellung des Mannes in den Religionen

(Vortrag, gehalten am 24. Januar 2014 im Bildungshaus St. Hippolyt, St. Pölten/A)

Ich möchte diesen Vortrag beginnen mit einem Zitat aus dem ersten Sendschreiben „Evangelii Gaudium“ (November 2013) von Papst Franziskus:

„Doppelt arm sind die Frauen, die Situationen der Ausschließung, der Misshandlung und der Gewalt erleiden, denn oft haben sie geringere Möglichkeiten, ihre Rechte zu verteidigen. Und doch finden wir auch unter ihnen fortwährend die bewundernswertesten Gesten eines täglichen Heroismus im Schutz und in der Fürsorge für die Gebrechlichkeit in ihren Familien.“[1]

Vielleicht gefällt Ihnen dieses Zitat. Schließlich bringt es wieder einmal auf den Punkt, was alle längst wissen: Frauen sind arm und vielfach benachteiligt. Mir gefallen diese beiden kurzen Sätze aber nicht. Warum sie mir nicht gefallen, obwohl sie nicht falsch sind, das und einiges mehr ist das Thema dieses Vortrags.

Franziskus: Hoffnungsträger mit eingefrorenem Weltbild

Bevor ich anfange, diese kurze Passage aus „Evangelii Gaudium“ zu analysieren, möchte ich ausdrücklich sagen, dass ich, wie viele andere, Papst Franziskus für einen Hoffnungsträger halte. Sein Schreiben strahlt eine freudige Aufbruchsstimmung aus, wie man sie in den Kirchen, meine eigene protestantische eingeschlossen, schon lange nicht mehr gespürt hat. Er wagt es, „Ich“ zu sagen und vieles, was vor ihm als unabänderlich galt, in Frage zu stellen, zum Beispiel die zentrale Position des Bischofs von Rom. Er macht sich angreifbar und hat das wichtige Erbe der lateinamerikanischen Theologie der Befreiung so deutlich neu ins Spiel gebracht, dass ein aufgeregter Herr Christian Ortner ihn am 29. November 2013 in der „Wiener Zeitung“ den „Wutbürger im Vatikan“ nannte.[2] Das gefällt mir alles ziemlich gut. Es ist die eine Seite.

Die andere Seite ist, dass auch der neue Papst das wesentliche Problem im Kern seines Sprechens – und unserer westlichen Kultur – noch nicht verstanden, geschweige denn bearbeitet zu haben scheint: nämlich seine schlecht begründete Definitionsmacht. Meine These heißt: Die Selbstverständlichkeit, mit der sich das männliche Subjekt zum erkenntnistheoretischen Neutrum erklärt, sich gewissermaßen mit dem archimedischen Punkt verwechselt, von dem aus die Welt sich definieren, ordnen und organisieren lässt, ist das Kernproblem, das wir zu lösen haben, wenn wir friedlich zusammenleben wollen. Die Auswirkungen dieses Denkfehlers im Zentrum der noch immer wirksamen symbolischen Ordnung reichen weit über das Innenleben der katholischen Kirche hinaus. Sie betreffen uns alle und stehen in direkter Verbindung zu den diversen Krisen unserer Gegenwart: den Finanz- und Wirtschaftskrisen, politischen Krisen, den Krisen der Arbeitsgesellschaft, den sogenannten „Wertekrisen“, der Umweltkrise und mehr…

Ich habe diese These schon mit einigen Leuten diskutiert. Viele wollten mich beruhigen und fanden, ich solle doch nicht zu viel auf einmal erwarten. Dieser neue Papst habe doch in seiner kurzen Amtszeit schon so viel Wichtiges in Bewegung gesetzt. Aber auch der Papst könne schließlich nur einen Schritt nach dem anderen tun, und er werde ganz gewiss auch dieses Problem, den Androzentrismus seiner gesamten Weltsicht, eines Tages angehen.

Ich sage: Nein. Denn diese Beschwichtigung höre ich mir schon zu lange in zu vielen verschiedenen Variationen an. Ich lasse sie nicht mehr gelten. Die angemaßte Definitionsmacht des männlichen Subjekts über den Rest der Welt muss jetzt in den Fokus gerückt werden. Sie ist kein „Nebenwiderspruch“ und kein sekundäres Thema, das wir immer wieder auf irgendwann später verschieben können.

Ich werde mich jetzt zunächst noch einmal dem Zitat aus „Evangelii Gaudium“ zuwenden. Danach stelle ich dieses Zitat in den Zusammenhang der zweigeteilten symbolischen Ordnung, die man auch „aristotelische Metaphysik“ nennen kann. Danach werde ich zeigen, wie durchdringend diese Ordnung als mentale Struktur gerade uns Christinnen und Christen, aber auch Leute prägt, die meinen, sich von der Kirche emanzipiert zu haben. Am Schluss werde ich Zuversicht verbreiten mit ein paar Ideen, wie wir durch einander aus dem postpatriarchalen Durcheinander herausfinden können.

Die Frau: benachteiligte Heldin alltäglicher Fürsorge?

Ich wiederhole noch einmal, was der Papst in seinem Schreiben über „die Frauen“, also zum Beispiel über mich, schreibt:

„Doppelt arm sind die Frauen, die Situationen der Ausschließung, der Misshandlung und der Gewalt erleiden, denn oft haben sie geringere Möglichkeiten, ihre Rechte zu verteidigen. Und doch finden wir auch unter ihnen fortwährend die bewundernswertesten Gesten eines täglichen Heroismus im Schutz und in der Fürsorge für die Gebrechlichkeit in ihren Familien.“

Was geschieht hier? Hier geschieht etwas, an das wir uns alle dermaßen gewöhnt haben, dass es uns wie die Natur oder Gottes Wille selbst erscheint: Ein Mann sagt, was und wie Frauen sind. – Immerhin: Papst Franziskus spricht hier von den Frauen im Plural, und nicht, wie seine Vorgänger und auch er selbst in anderen Teilen seines Schreibens, von einem Mysterium im Singular, von „der Frau“. Vielleicht ist das schon als ein gewisser Fortschritt zu werten.

Was sagt der Mann denn über uns? – Er sagt, wir seien „doppelt arm“. Das mag auf den ersten Blick als eine Aussage erscheinen, die engagierten, gerechtigkeitsliebenden Menschen entgegenkommt. Interessant ist aber: Nirgends im ganzen Schreiben befasst Franziskus sich mit der Frage, woher denn diese spezifische „doppelte Armut“ kommt. Wir dürfen spekulieren: Hat die doppelte Armut des weiblichen Teils der Menschheit mit der bösen Welt zu tun, etwa mit dem Kapitalismus, mit dem der neue Papst so scharf ins Gericht geht? Oder mit welchen anderen bösen Mächten? Vielleicht mit einer Welt, in der Männer Frauen nicht nur zu unterbezahlten, sondern zu unbezahlten Dienstleisterinnen zurecht konditioniert haben? Hat sich die katholische Kirche gegen diese Konditionierung der halben Menschheit zur Wehr gesetzt? Zum Beispiel, indem sie Frauen hartnäckig von Weiheämtern ausschließt und so ihren vermeintlich niederen Status immer und immer wieder bestätigt? – Frauen als „doppelt arm“ zu bezeichnen, ohne den fundamentalen Beitrag der eigenen Institution zu dieser doppelten Armut zu erwähnen, ist zynisch – oder naiv (im negativen Sinne).

Wie geht es weiter im Text? Franziskus sagt, Frauen hätten „oft geringere Möglichkeiten, ihre Rechte zu verteidigen“. Warum? Zum Beispiel, weil man sie exkommuniziert, sobald sie ihre inzwischen erkämpfte staatlich garantierte Gleichberechtigung auch in der katholischen Kirche einfordern?

Und dann, nachdem der Papst uns Frauen dergestalt bemitleidet hat, erklärt er uns zu Heldinnen der alltäglichen Fürsorge, und zwar so: „Wir“(wer wir?) finden „auch“(wieso auch?) bei ihnen „die bewundernswertesten Gesten eines täglichen Heroismus im Schutz und in der Fürsorge für die Gebrechlichkeit in ihren Familien.“ – Was sollen wir dazu sagen?

Ich frage: Wer ist denn hier das nicht näher bezeichnete bewundernde „Wir“?

Ich jedenfalls, Frau und Theologin, gehöre nicht dazu. Denn ich bewundere nicht, sondern werde bewundert und auf ein eigenartiges Podest gehoben. Obwohl niemand mich fragt, ob ich da oben sitzen will, möchte ich Gegenfragen stellen: Sind wir Frauen denn nur als fürsorgliche Hausfrauen und Mütter tätig? Nicht auch als Theologinnen, Richterinnen, Kanzlerinnen…? Als Autorinnen, die man lesen, denen man zuhören, die man fragen könnte, ob sie es selbst so sehen?

Und dann: will man, was man selbst aktiv mitverursacht hat, nämlich die prekäre Lage vieler doppeltbelasteter Frauen, am Ende als Heroismus loben?

Routinemässig habe ich mir die von Franziskus in „Evangelii Gaudium“ zitierte Literatur genauer angesehen. Das mache ich immer, wenn ich wissen will, ob ein Mann, der weiß, was und wie Frauen sind, schon mal real existierenden Frauen zugehört hat. Dieser ansehnlichen Liste zufolge hat Franziskus genau einer Frau lesend zugehört, und das ist Therèse de Lisieux.[3] Natürlich kommen im Text weitere Frauen vor: Maria vor allem, die Mutter Gottes. Maria und andere biblische Frauengestalten sind aber keine wirklichen Personen, denen man zuhören muss, um sie zu verstehen. Man kann sie beliebig zurechtdefinieren als mütterlich, intuitiv, geduldig, fürsorglich, rebellisch und so weiter. Und genau dies tut auch dieser Papst. Statt sich hinzusetzen und zu lesen, was wir feministischen und postpatriarchalen Theologinnen, darunter viele Befreiungstheologinnen aus Lateinamerika, in den vergangenen vierzig Jahren geschrieben haben.

Angemaßte Definitionsmacht als Resultat aristotelischer Metaphysik

Das päpstliche Schreiben „Evangelii Gaudium“ wurde im November 2013 publiziert. Aktueller könnte der Anlass für die Analyse, die ich Ihnen vorlegen möchte, kaum sein. Es scheint also, dass wir, zumindest was den aktuellen Stand des christlich-theologischen Mainstream angeht, noch nicht viel weiter sind als in den achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts, als ich meine Dissertation über das Frauen- und das Menschenbild der deutschsprachigen protestantischen Ethik geschrieben habe. Abgesehen vielleicht davon, dass heute in Europa noch mehr Menschen die Kirchen verlassen als damals, und zwar mit guten Gründen.

Was die anderen beiden sogenannten „großen Monotheismen“ angeht, traue ich mir kein Urteil zu. Allerdings könnte ich mir vorstellen, dass ich es irgendwie mitbekommen hätte, wenn im Islam oder im Judentum der Primat des definierenden männlichen Subjekts auf breiterer Basis durchbrochen worden wäre. Er besteht dort nämlich ebenso, und das hat damit zu tun, dass die Monotheismen, so unterschiedlich sie im Einzelnen sein mögen, zumindest in dieser Hinsicht aufeinander aufbauen und voneinander profitieren.

Ich komme zu meinem nächsten Punkt: Wie kommt es zu dieser objektiv seltsamen Idee, es sei das Recht eines männlichen Klerus, mit Autorität – und ohne real existierende Frauen zu fragen – zu definieren, was „die Frau“ sei? Wie kommt es, dass wir Frauen nicht längst einen eigenen Klerus etabliert haben, der umgekehrt entscheidet, ob Männer überhaupt Theologie treiben und Priester werden dürfen? Wieso gibt es unzählige Bücher, Tagungen, Konferenzen über „die Stellung der Frau in Kirche und Gesellschaft“, über „Frauenrechte in den Religionen“, über Lehrbefugnisse und Kopftücher und Burkas, aber keine entsprechende Debatte über die Stellung des Mannes? Obwohl die jahrhundertelange Marotte der Theologen, das Göttliche fürs eigene männliche Geschlecht zu vereinnahmen, also gewissermaßen sich selbst anzubeten, diesen Theologen selbst längst zum Skandal hätte werden müssen? Ist Selbstanbetung denn nicht Sünde?

Die Ursache für dieses seltsame Missverhältnis liegt in der Weltkonstruktion, die spätestens seit dem frühen Mittelalter der kirchlichen Lehre und Lebensordnung zugrunde liegt. Es ist bekannt, dass man den griechischen Denker Aristoteles im europäischen Mittelalter einfach „den Philosophen“ nannte. So unbestritten war seine Autorität, so selbstverständlich dominierte seine Weltsicht alles, was man „christlich“ nannte – und bis heute so nennt.

Aristoteles schreibt in einem seiner Hauptwerke, der „Politik“:[4]

Das Lebewesen besteht primär aus Seele und Leib, wovon das eine seiner Natur nach ein herrschendes, das andere ein Beherrschtes ist. … Denn die Seele regiert über den Körper in der Weise eines Staatsmannes oder Fürsten. Daraus wird klar, dass es für den Körper naturgemäß und zuträglich ist, von der Seele beherrscht zu werden. … Gleichheit oder ein umgekehrtes Verhältnis wäre für alle Teile schädlich. … Desgleichen ist das Verhältnis des Männlichen zum Weiblichen von Natur so, dass das eine besser, das andere geringer ist, und das eine regiert und das andere regiert wird. … Auf dieselbe Weise muss es sich nun auch bei den Menschen im Allgemeinen verhalten. Diejenigen, die so weit voneinander verschieden sind wie die Seele vom Körper und der Mensch vom Tier (…), diese sind Sklaven von Natur, und für sie ist es, wie bei den vorhin genannten Beispielen, besser, auf die entsprechende Art regiert zu werden.(53) … Es ist also klar, dass es von Natur Freie und Sklaven gibt und dass das Dienen für diese zuträglich und gerecht ist. (54)… Die Hausverwaltung ist eine Monarchie – denn jedes Haus wird von einem einzigen regiert -, die Staatsverwaltung ist dagegen eine Herrschaft über Freie und Gleichgestellte.“[5]

Ich werde Ihnen die wesentlichen Elemente dieses Zitates jetzt hier auf dem Flipchart als Bild aufzeichnen. Ich habe das schon oft gemacht. Vielleicht haben einige von Ihnen diesen Teil meines Vortrags sogar schon in gefilmter Form auf youtube gesehen.[6] Dort steht er nämlich seit dem Juni 2011 in einer Aufzeichnung von den „Tagen der Utopie“ in St. Arbogast im Vorarlberg. Macht nichts. Sie können sich das nicht oft genug anschauen, denn diese simple zweigeteilte Struktur ist bis heute dermaßen wirkmächtig, dass sie den meisten Menschen wie die Natur selbst. Erst ganz allmählich löst sie sich auf in das, was ich „das postpatriarchale Durcheinander“ nenne.

Es ist wichtig, sich anhand dieses Bildes klar zu machen, dass Aristoteles im vierten Jahrhundert vor Christus angefangen hat, Analogien zu bilden zwischen verschiedenen dualen, hierarchisierten Verhältnissen: Geist und Materie (mater), Seele und Körper, Gott und Welt, Herr und Sklave, Herrschen und Dienen, Mensch und Tier, Mann und Frau, Eltern und Kinder, Freiheit und Abhängigkeit, Staat (polis) und Haushalt (oikos), Kultur und Natur (nasci), Theorie und Praxis, Sprechen und Besprochenwerden, Kontrolle und Kontrollbedürftigkeit etc. Bei Aristoteles – und je länger je mehr in seiner Wirkungsgeschichte im Römischen Reich und im christlichen Mittelalter – verbinden sich die einzelnen Gegenüberverhältnisse zu einer einzigen zusammenhängenden Struktur, einer symbolischen Ordnung. So beginnen die Verhältnisse, die man vielleicht zunächst isoliert wahrgenommen hat, einander zu definieren und zu bestätigen und lassen sich immer weniger voneinander lösen. Wie Betten, die man, als Ehebett, aneinander geschraubt hat, damit weder Frau noch Mann sich verselbständigen können.

Diese Methode, die Welt auf den geschlossenen Begriff zu bringen, hat zur Folge, dass sie uns schließlich erscheint als ein Ganzes, das horizontal – und auf ewig – in zwei ungleiche Hälften geteilt ist, von denen jeweils die eine, die männliche, geistige freie als „höher“ bewertet ist als die andere, die als abhängig, schwach und „weiblich“ erscheint. Zwar gibt es durchaus Unterschiede zwischen den verschiedenen Gegenüberverhältnissen. So wird aus einem männlichen Kind mit der Zeit ein Mann, es wechselt also von der Sphäre der Abhängigkeit in die der Freiheit. Dagegen wird laut Aristoteles aus einer Frau nie ein Mann, aus einem Tier nie ein Mensch und aus einem Sklaven nie ein Herr.

Diese hierarchisierende Zweiteilung des Ganzen ist äußerst einflussreich geworden, und sie hat sich – in immer neuen Varianten – in der westlichen Kultur, keineswegs bloß in der katholischen Kirche, bis heute gehalten. Das säkularisierte Europa hat zwar nach der Aufklärung Gott von seinem Spitzenplatz verdrängt. Aber es hat damit keineswegs die Zweiteilung als solche aufgehoben. Heute rangieren als höhere, nach wie vor männlich konnotierte Prinzipien ganz oben: Markt, Geld, Vernunft, Wissenschaft – und weiterhin: Theorie, Kultur, Freiheit, Geist, Herrschaft, Kontrolle.

Wenn nun diese symbolische Ordnung, die ich hier etwas vereinfacht aufgezeichnet habe, uns als die Natur selbst erscheint, dann kommt es uns schließlich auch vollkommen natürlich und normal vor, dass Männer sagen, was und wie Frauen sind – und nicht umgekehrt. Denn „das Männliche“ ist ja fest verbunden mit den Positionen Theorie (Weltbetrachtung), Kontrolle, Freiheit, Geist, Sprechen. Während „das Weibliche“ sich in der niederen Sphäre befindet, die kontrolliert wird, organisiert wird, in Abhängigkeit gehalten wird, beherrscht wird.

Was man uns also seit Jahrhunderten erzählt, ist dies: Das Männliche ist das aktive, geistige, definierende, kontrollierende Prinzip. Das Weibliche ist Materia, Mutterboden, passiv, abhängig, funktional. Ja, Sie dürfen jetzt gern den Faden weiterspinnen: das Weibliche ist, wie die Sklaverei, äußerst praktisch. Denn es dient, arbeitet, funktioniert im Sinne der Herrschaft, es zieht den Nachwuchs groß, kocht, wäscht, putzt, bügelt, schmückt die Kirche, sitzt und hört zu, lächelt, repariert, lässt sich manipulieren, ist „doppelt arm“, erleidet „Situationen der Ausschließung, der Misshandlung und Gewalt“ und hat „oft geringere Möglichkeiten“, die eigenen Rechte zu verteidigen. „Und doch finden wir auch unter ihnen fortwährend die bewundernswertesten Gesten eines täglichen Heroismus im Schutz und in der Fürsorge für die Gebrechlichkeit in ihren Familien.“

Das postpatriarchale Durcheinander

Der Witz ist nun natürlich: Diese Ordnung ist keineswegs die Natur selbst, sondern spiegelt deutlich die Interessen bestimmter Menschen, zuerst der athenischen Aristokratie, die sich interessanterweise „Demokratie“ nannte, dann der römischen Obrigkeit, dann des kirchlichen Klerus, heute der Ideologen des Kapitalismus und der „unsichtbaren Hand des Marktes“. Mit anderen Worten: Die Weltkonstruktion des Franziskus befindet sich im Kern nicht in Opposition, sondern in Kontinuität zu der Weltkonstruktion, die er so heftig kritisiert. Und deshalb ist es kurzsichtig, seiner vermeintlich radikalen Kultur- und Wirtschaftskritik in ungeteilter Begeisterung zu applaudieren. Diese Kritik bleibt nämlich an der Oberfläche, solange nicht offengelegt wird, dass sie auf denselben erkenntnistheoretischen Prämissen beruht wie das Kritisierte. Nämlich auf der unbefragten Annahme, dass es eine höhere Sphäre gibt, die vom gott-nahen, vernünftigen, kontrollberechtigten männlichen Teil der Spezies Mensch besetzt ist und die dem Niederen, dem Weiblichen, dem Abhängigen, den Kolonien, den Haushalten, der un- oder unterbezahlten Arbeitskraft, schließlich der Natur ihre Funktionen zuweist.

Nun ist es allerdings heute so, dass die aristotelische Zweiteilung längst nicht mehr unbestritten ist. Sie war es nie und ist es im Zeitalter des ausgehenden Patriarchats, der Postmoderne und des Postkolonialismus je länger je weniger. Ich habe schon im Jahr 2000 ein Buch mit dem Titel „Zum Ende des Patriarchats“[7] publiziert, das seinerseits auf den italienischen Text „Das Patriarchat ist zu Ende. Es ist passiert, nicht aus Zufall“[8] zurückgeht. Den Zustand, in dem wir uns heute befinden, nenne ich „das postpatriarchale Durcheinander“.[9]

Der Zustand des postpatriarchalen Durcheinanders ist dadurch gekennzeichnet, dass wir, wie der Volksmund sagt, nicht mehr wissen, „was oben und unten ist“. Sie können sich das so vorstellen, dass jemand die begrifflichen Ehebetten, in denen wir manchmal recht gut geschlafen haben, so entschlossen auseinandergeschraubt hat, dass die Betten zusammenbrechen. Oder Sie können sich vorstellen, dass all die Begriffe, die vorher ihren festen Platz in der Ordnung hatten, jetzt fröhlich durcheinander fliegen.

Das Wort „Durcheinander“ ist inspirierend: Man kann es in einem Wort schreiben. Dann bedeutet es so etwas wie „Chaos“ oder „Unordnung“ und ruft Unbehagen und einen Drang zum Aufräumen hervor. Beides trifft auch auf das postpatriarchale Durcheinander zu. Man kann Durcheinander aber auch in zwei Wörtern schreiben: Durch einander. Dann weist es einen Weg aus dem Chaos: Durch einander, indem wir einander zuhören und miteinander kooperieren, finden wir vielleicht einen Ausweg aus der Unordnung in eine neue, lebensfreundlichere Ordnung. Schließlich lässt sich das Durcheinander, wenn auch grammatikalisch nicht ganz korrekt, in drei Wörtern schreiben: Durch ein ANDER. Das „ganz Andere“ ist spätestens seit Karl Barth ein geläufiger Name für GOTT. In dieser dritten Variante kommt also unversehens die hilfreiche Transzendenz wieder herein, nicht mehr als „Herr“ oder „Vater“ oder „Herrscher der Heerscharen“, sondern als das immer wieder überraschende ANDERE, das uns, zum Beispiel als wehende Geistkraft, zu Hilfe kommt, wenn wir nicht mehr weiterwissen.

Das Durcheinander, das entsteht, sobald wir die zweigeteilte Ordnung außer Kraft gesetzt haben, ist also nicht nur beängstigend, sondern auch inspirierend. Sogar sehr inspirierend, geradezu begeisternd. Und was mir als Theologin und frommer Christin besonders gefällt: es lässt mich entdecken, wie reich unsere biblische Tradition an Anknüpfungspunkten für postpatriarchale Transformation ist:

Christliche Theologie im postpatriarchalen Durcheinander

 Bibel, Kirche und Christinnentum sind nämlich keineswegs identisch mit der aristotelischen Zweiteilung, die uns an ein ewiges, festgezurrtes Gerüst aus Oben und Unten, Klerus und Laien, Jenseits und Diesseits, Geist und Körper, Kirche und Welt und so weiter zu fesseln scheint. Wer die Tradition ohne die aristotelische Brille noch einmal von vorne liest, entdeckt Erstaunliches. Ich zähle nur einige mögliche Anknüpfungspunkte auf:

Erstens: Unsere Heiligen Texte sind uns in verschiedenen Sprachen überliefert: Das Zweite Testament ist in griechischer Sprache verfasst, das Erste Testament in hebräischer. Nun ist es zwar keineswegs so, dass man eine klare Trennlinie ziehen könnte zwischen nichtpatriarchalen hebräischen Anfängen und einem Hellenismus, der die Zweiteilung der Welt in die Bibel eingeschleppt hat. Dennoch ist es wichtig, sich klar zu machen: zwischen dem eher dynamischen, bewegten, durch und durch historischen Weltverständnis der hebräischen Sprache und dem eher aristokratischen klassischen Griechisch, das zur Festschreibung unveränderlicher Wahrheiten neigt, bestehen Unterschiede. Aus seinen hebräischen Ursprüngen heraus verstanden lässt sich das Christentum neu entdecken als eine auf Zukunft offene, dynamische, prophetische Bewegung, die man verfälscht, wenn man sie in fixe Hierarchien einfriert. Von diesem Zugang zur christlichen Tradition her gesehen ist es auch kein Zufall, dass die „Bibel in gerechter Sprache“ das Anliegen der Geschlechtergerechtigkeit und des jüdisch-christlichen Dialogs in sich vereint. Denn dabei handelt es sich nicht um zwei isolierte politische Anliegen, sondern, gewissermaßen von zwei Richtungen her, um die Re-Dynamisierung des biblischen Erbes. Und es ist auch kein Zufall, dass Papst Benedikt XVI in seiner berühmten Regensburger Vorlesung vom 12. September 2006[10] vor der „Enthellenisierung“ des Christentums gewarnt hat. In der Enthellenisierung, also der Rückgewinnung der ursprünglichen Dynamik der biblischen Tradition, liegt nämlich die Chance, diese immer wieder überraschende Bewegung im Heute aufzunehmen und über die Mauern der hierarchisierenden Zweiteilung hinaus, weiter zu schreiben.

Zweitens: Wer die Bibel ohne die zweigeteilte aristotelische Brille liest, erlebt auf Schritt und Tritt Überraschungen. So stellt sich GOTT in der bekannten Geschichte vom brennenden Dornbusch (Ex 3 – 4,17) dem Mose keineswegs als „Herr“ vor, sondern als ICH BIN DA (Ex 3, 14, Buber/Rosenzweig, BigS). Der GOTT der Bibel ist also etwas anderes als ein „Herr oben im Himmel“, von dem die Herren unten auf der Erde ihre Definitionsmacht ableiten könnten. Im 1. Johannesbrief zum Beispiel, also ganz am Ende der christlichen Bibel, heisst es mehrfach: „GOTT ist LIEBE.“ (1 Joh 4, 8). Und ganz am Anfang der Bibel, im ersten Schöpfungsbericht, ist davon die Rede, GOTT habe die Menschen nach GOTTES Bild geschaffen: „männlich und weiblich“ (Gen 1, 27, BigS). Wie aber sollte ein GOTT, der die Menschen nach GOTTES Bild männlich und weiblich schafft, nichts sein als ein Mann? – Wer sich einmal befreit hat von der konventionellen Vorstellung, „Herr“ sei der angemessene Name für das unaussprechliche Göttliche, entdeckt die Lebendigkeit und Beweglichkeit des biblischen Gottesbildes neu.

Drittens: Der Gedanke, das GOTT in Jesus Christus MENSCH, also von einer Frau geboren wurde, durchkreuzt das statische „Oben“ und „Unten“ der patriarchalen Ordnung. GOTT hat, so deute ich mir das christliche Bekenntnis von der göttlichen Geburtlichkeit, gezeigt, dass SIE nicht unbezogen als Herr im Himmel thront. ER, SIE, ES ist vielmehr „mitten unter uns“ (Mt 18, 20), lebt und webt nicht (nur) über, sondern zwischen den Menschen. Dadurch ist GOTT, das Unaussprechliche, nicht weniger frei, aber frei in Bezogenheit. Die christliche Tradition hat nun einerseits diesen Gedanken der bezogenen Freiheit GOTTES bewahrt. Er vermittelt sich zum Beispiel in der Lehre von der Dreifaltigkeit, die sich ja als eine Lehre von der Beziehungshaftigkeit oder der Geselligkeit GOTTES auffassen lässt. Oder in der Pneumatologie, der Rede vom HEILIGEN GEIST als einer dynamischen, nicht festlegbaren Erscheinungsweise des Göttlichen. Allerdings kann man solche Ansätze, die von der Lebendigkeit des Göttlichen erzählen, auch jederzeit in statische Dogmen einsperren, und das ist hinsichtlich der Trinitätslehre und der Pneumatologie auch immer wieder geschehen. Aber die Dogmen warten im postpatriarchalen Durcheinander, jenseits klerikal-männlicher Definitionsmacht, auf Wiederbelebung. Und es ist schön zu beobachten, dass sich die sogenannte „Volksfrömmigkeit“, also die religiöse Praxis der nicht theologisch geschulten Leute, oft wenig um die offizielle Dogmatik kümmert. So ist es zum Beispiel bezeichnend, dass, zumindest bei uns im deutschsprachigen Raum, das christliche Fest der Geburtlichkeit, Weihnachten, erheblich intensiver gefeiert wird als Karfreitag und Ostern. Für mich heißt das: Die Leute lieben, verstehen und feiern den GEBORENEN GOTT. Da können die offiziellen Transzendenzverwalter Gottes Geburtlichkeit noch so lange hinter hochgestochenen Fachbegriffen wie „Inkarnation“ oder „Menschwerdung“ verstecken.

Viertens: Die Reformation hat die Zweiteilung der Welt in höhere geistige „männliche“ und niedere körperliche kontrollbedürftige „weibliche“ Sphären ansatzweise aufgelöst. Und zwar auch schon im Rückgriff auf die ursprüngliche Dynamik der Heiligen Schrift. Schon Luther hat erkannt, dass sich der LEBENDIGE GOTT nicht in eine hierarchische Institution einsperren lässt. Allerdings haben auch die protestantischen Kirchen noch vierhundert Jahre gebraucht, bis sie begriffen haben, dass der Bruch mit der aristotelischen Ordnung auch bedeutet, Frauen, das vermeintlich „niedrige“, kontrollbedürftige Geschlecht, zum Priesteramt zuzulassen. Inzwischen sind wir soweit. Es gibt heute in fast allen protestantischen Kirchen viele Pfarrerinnen und auch schon etliche Bischöfinnen. Wer diese Entwicklung unter den säkularen Begriff der „Gleichstellung“ subsumiert, greift zu kurz. Es geht da nicht darum, dass Frauen jetzt „auch“ tun dürfen, was bisher Männern vorbehalten war. Die Zulassung der Frauen zum priesterlichen Amt bedeutet vielmehr, einen weiteren, wichtigen Schritt in Richtung auf eine symbolische und reale Ordnung zu gehen, die die Welt nicht mehr zweiteilt in kontrollierende und kontrollbedürftige Sphären. Allerdings sehe ich nicht, dass der offizielle Protestantismus die Tragweite seiner Entscheidung schon begriffen hätte. Eine angemessene theologische Reflexion findet jedenfalls nicht statt. Auch die Protestanten denken bis heute kaum darüber nach, welche Auswirkungen der endgültige Abschied von der zweigeteilten Ordnung auf den Glauben, das Gottesbild, die christliche Ethik usw. hat. Solche Gedanken finden sich bis heute fast ausschließlich in der feministischen und postpatriarchalen Theologie, und zwar konfessions- und religionsübergreifend. Ich zitiere zum Abschluss meiner unvollständigen Aufzählung möglicher Anknüpfungspunkte für postpatriarchale Frömmigkeit die muslimische Gelehrte Angelika Hassani:

Viele Leute glauben, „dass es ein Konstrukt Islam gibt, quasi ein vom Himmel gefallenes Etwas mit festen Grenzen, in sich abgeschlossen, unveränderbar. Dass es ein solches Konstrukt in den Köpfen mancher Menschen gibt, ist richtig: Fundamentalisten und solche, die den Fundamentalisten tragischerweise auch noch recht geben, indem sie ‚den Islam’ als ‚das Problem’ ausmachen. Allerdings zerbricht dieses Kopfkonstrukt an der pluralen und dynamischen Lebenswirklichkeit der Menschen. Fundamentalisten reagieren darauf mit Wut, Hass, Feindbildern und Gewalt. Andere … behandeln es als das, was es ist: eine Ideologie, die Gott auf ein steinernes, kriegerisches Standbild reduziert, im Gegensatz zu dem, was die meisten religiösen, spirituellen Menschen empfinden: Gott, der/die/das Lebendige, Fremde, immer auch Andere, uns Irritierende…“[11]

Ausblick

 Nicht in einem Lehrschreiben, aber in dem bekannten Interview vom August 2013 hat Papst Franziskus einen bezeichnenden Satz gesagt:

„Die Räume für eine wirkungsvollere weibliche Präsenz in der Kirche müssen weiter werden. Ich fürchte mich aber vor einem ›Machismo im Rock‹,..“[12]

Dieser Satz zeigt mir nicht nur den älteren Herrn Jorge Mario Bergoglio als verletzliche, unsichere Person, sondern deckt auch einen Grund auf, der hinter der eigenartigen Konstruktion eines sich selbst erhöhenden Geschlechts stecken könnte, das nicht nur alle offizielle kirchliche Macht, sondern auch eine besondere Gottnähe und eine privilegierte Deutungshoheit für sich beansprucht: Hat dieses Geschlecht, oder um im Plural zu sprechen: haben Männer vor uns Frauen letztlich Angst? Sind sie deshalb so versessen auf ihr exklusives Recht, Transzendenz zu verwalten und Welt zu definieren?

Ich möchte meinen Bruder in Christus, Jorge Mario Bergoglio beruhigen: lieber Jorge, du scheinst doch selbst das beste Beispiel dafür zu sein, dass es möglich ist, die sogenannt höheren und die sogenannt niederen Sphären wirkungsvoll durcheinander zu bringen. Wovor fürchtest du dich also? Davor, dass wir, denen du bis heute noch nicht wirklich zugehört hast, dazu nicht imstande sein sollten? Dass man uns also weiterhin niederhalten, in bestimmte Funktionen einsperren und allseits einschränken muss? So lange, bis wir uns schliesslich über deine Kirche, die doch voller Wunder und Überraschungen steckt, nur noch amüsieren? Willst du uns vielleicht erklären, was genau du mit „Machismo im Rock“ meinst? Trägst du nicht selber einen Rock? Warum? Willst du vielleicht in ein wirkliches, ein offenes Gespräch mit uns Anderen eintreten? Der Welt, dem Frieden, unserem guten Zusammenleben zuliebe?

IP, Januar 2014

 [1] Die frohe Botschaft Jesu. Aufbruch zu einer neuen Kirche. Das apostolische Schreiben „Evangelii Gaudium – Freude am Evangelium“ von Papst Franziskus, Leipzig 2013, 125.

[2] http://www.wienerzeitung.at/meinungen/gastkommentare/590787_Der-Wutbuerger-im-Vatikan.html

[3] Die frohe Botschaft Jesu vgl. Anm. 1, 170f (Anm. 69).

[4] Aristoteles, Politik, übersetzt und herausgegeben von Olof Gigon, München 1973.

[5] Ebd. 53-56.

[6] http://www.youtube.com/watch?v=7NcHkwSqKRo

[7] Ina Praetorius, Zum Ende des Patriarchats. Theologisch-politische texte im Übergang, Mainz 2000.

[8] Libreria delle Donne di Milano, Das Patriarchat ist zu Ende. Es ist passiert, nicht aus Zufall, Rüsselsheim 1996.

[9] Vgl. Ursula Knecht ua., ABC des guten Lebens, Rüsselsheim 2012 (vgl. Einleitung und Art. „Durcheinander“).

[10] http://www.vatican.va/holy_father/benedict_xvi/speeches/2006/september/documents/hf_ben-xvi_spe_20060912_university-regensburg_ge.html

[11] Angelika Hassani, Gott hat viele schöne Namen, http://www.bzw-weiterdenken.de/artikel-8-92.htm

[12] http://www.stimmen-der-zeit.de/zeitschrift/online_exklusiv/details_html?k_beitrag=3906433

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