Gott und der Heizungsmonteur

Einmal, es war Anfang Oktober, wollte ich mein Morgengebet verrichten, wie jeden Tag. Ein warmer Spätsommer war gerade zu Ende gegangen. Reif lag auf den Dächern. Die Heizung funktionierte nicht. Es war kalt in dem Raum im Dachgeschoss unseres Hauses, in dem ich normalerweise bete und auch an diesem Morgen beten wollte.

Vielleicht können religiöse Virtuosen in kalten Räumen beten. Sie erkennen in Störungen manchmal sogar ein besonderes göttliches Geschenk. In kalten Kirchen kann auch ich gut ruhig sitzen, wenn ich mich entsprechend anziehe. Aber bei mir zuhause, wo es normalerweise warm ist, kann ich es nicht, oder höchstens fünf Minuten lang. Statt zu beten, fing ich also an, mich zu ärgern: über die neue Fernwärmetechnik, an die man unser Haus wenige Tage zuvor angeschlossen hatte, über die herbstlichen Temperaturen, über den Heizungsmonteur, der fälschlicherweise behauptet hatte, es sei alles in Ordnung, über mich, weil ich keine religiöse Virtuosin bin, und über diesen blöden Tag.

Wer ist Gott?
Normalerweise bezeichnet man die Adressatin eines Gebets als „Gott“. Friedrich Schleiermacher hat vom Gefühl „schlechthinniger Abhängigkeit“ gesprochen, als er den Verächtern der Religion erklären wollte, worum es bei der Gottbezogenheit, also der Religion, also dem Gebet geht. Tatsächlich: ich fühlte mich an diesem Morgen abhängig, unangenehm abhängig, allerdings nicht schlechthin, sondern von dieser bestimmten Heiztechnik, von einem bestimmten Heizungsmonteur, von der Temperatur, auf die ich keinen Einfluss nehmen konnte, und von meiner schlechten Laune. Diese Abhängigkeiten, die man „relativ“ nennen könnte, schienen mich an meinem Gebet zu hindern. Woran genau hinderten sie mich?

In meinem Alltag erfahre ich Abhängigkeiten immer konkret: An meiner Mutter und ihren strengen Maximen zum Beispiel hänge ich immer noch, obwohl sie schon vor Jahren gestorben ist. Von meinem Ehemann bin ich abhängig, weil wir zusammen leben und aufeinander Rücksicht nehmen. Auf Transportunternehmen, zum Beispiel die „Schweizerischen Bundesbahnen“ bin ich angewiesen, wenn ich mich von einem Ort zum anderen bewegen will. Bauern, Erntearbeiterinnen, Lastwagenfahrerinnen und noch viel mehr Mitmenschen brauche ich, wenn ich essen will. Vom Heizungsmonteur bin ich abhängig, wenn die Heizung nicht funktioniert, ich aber in einem warmen Raum beten will. Und so weiter. Wenn Gott ist, wovon ich schlechthin abhängig bin, dann ist sie der Inbegriff, die Abstraktion all dieser konkreten Bezüge. Und Beten könnte dann bedeuten, mich in meinen vielfältigen erfreulichen, neutralen oder lästigen Bezogenheiten im Gespräch mit einem Gegenüber, in das all das Diverse eingegangen ist, zu sortieren.

Schlechthinnig und konkret
Dieses Verständnis des Wortes „Gott“ hat nun allerdings zur Folge, dass sie, Gott, und der bestimmte Heizungsmonteur nicht, wie man es mir in meiner religiösen Erziehung immer wieder erklärt hat, durch ein strenges Entweder-oder getrennt sind. Es besteht vielmehr Kontinuität zwischen beiden. Gott ist nicht „höher“ als der Heizungsmonteur, und sie ist das „ganz Andere“ nur insofern, als sie nicht eine weitere konkrete Abhängigkeit meint, sondern mein Gefühl einer schlechthinnigen, aus unzähligen konkreten Bezogenheiten abstrahierten Abhängigkeit repräsentiert. Wenn ich „Gott“ sage und mich ihr im Gebet zuwende, dann tauche ich in dieses Gefühl ein. Und da ich im Rahmen einer bestimmten Tradition bete, die Gott „Liebe“ (1 Joh 4,8) nennt, vergewissere ich mich im Gebet, dass all die zahllosen Bezogenheiten, in denen ich mich bewege – vom Herbstwetter über das Fernheizwerk bis zum Heizungsmonteur – mich schlechthin nicht erdrücken, sondern beleben und in eine gute Richtung leiten werden, die ich noch nicht kenne.

Um in diesem Verständnis zu beten, ist es schön, aber nicht notwendig, ungestört zu sein. Es ist möglich, aber nicht nötig, sich von Ärgernissen abzuwenden. Denn Gott ist kein höheres Wesen, das sich jenseits konkreter Bezüge finden liesse, sondern der Inbegriff dieser Bezüge, also auch mitten in Kälte und Ärger anwesend. Der Sinn des Gebets besteht weniger darin, mich aus realen Bezügen zu erheben, als darin, das Gewirr der Abhängigkeiten sich ausrichten zu lassen auf nächste Schritte.

Mein Gebetsraum blieb an jenem Oktobermorgen unangenehm kalt, der Ärger löste sich nicht in Gleichmut auf. Aber Kälte und Ärger wurden gerichtet auf ein freundliches Telefongespräch mit dem Heizungsmonteur, in dem ich ihn bat, bald zu kommen und unsere Heizung zu reparieren.
Jetzt funktioniert die Heizung wieder, Gott sei Dank.

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