Die Care-Bewegung als Politik der Geborenen

WiC-Blogpost Nummer 7

Sollten Menschen, die ihr politisches Engagement um den Begriff und die Sache „Care“ konzentrieren, eher eine Gewerkschaft oder eher eine Partei oder eher gar nichts gründen? Anders gefragt: Ist die Care-Bewegung eine Interessenvertretung oder eine Transformation oder … was?

Hannah Arendt hat in der „Vita Activa“ [1] am Beispiel der Arbeiterbewegung zwischen „Interessenkämpfen“ und „Transformationen“ unterschieden:

„Die Interessenkämpfe der Gewerkschaften haben es … erreicht, dass die Arbeiterklasse in die moderne Gesellschaft eingegliedert und von ihr absorbiert wurde, und sie haben den Arbeitern einen außerordentlichen Zuwachs an ökonomischer Sicherheit, gesellschaftlichem Prestige und politischer Macht… gebracht. Aber die Gewerkschaften waren niemals eigentlich revolutionär; ihr Anliegen war niemals eine wirkliche Transformation der Gesellschaft…“[2]

Interessenvertretung

Dieser Unterscheidung folgend wäre die Care-Bewegung ein „Interessenkampf“, solange es ihr darum geht, innerhalb bestehender Strukturen Care-Arbeitenden „einen … Zuwachs an ökonomischer Sicherheit, gesellschaftlichem Prestige und politischer Macht“ zu verschaffen. Ziele der Bewegung wären dann zum Beispiel, dass Pflegekräfte mehr verdienen („ökonomische Sicherheit“) , dass Care-Arbeit sichtbar gemacht, aufgewertet und erforscht wird („Prestige“) und dass die Anliegen von Care-Arbeitenden in Parlamenten, Ministerien und anderen politischen Machtzentren vertreten sind („politische Macht“).

Diesem Selbstverständnis würden die Organisationsformen der Gewerkschaft oder der Partei entsprechen. Denn Gewerkschaften verstehen sich als Vertretung von Menschen, die in bestimmten vergleichbaren Verhältnissen arbeiten und gemeinsame ökonomische, politische und kulturelle Interessen durchsetzen wollen. Im Wort „Partei“ steckt sogar der lateinische Begriff „pars“. Pars bedeutet Teil. Parteien verstehen sich, solange eine Gesellschaft kein totalitäres „Einparteiensystem“ ist, als Organisationen, in denen sich gesellschaftliche Gruppen zusammenfinden, die ähnliche – konservative, liberale, sozialdemokratische … – Vorstellungen davon haben, wie sich die Gesellschaft entwickeln soll. Um ihre politischen Ideen Wirklichkeit werden zu lassen, versuchen Parteimitglieder, in möglichst viele einflussreiche Positionen – Parlamente, Ministerien – zu gelangen.

Transformation

Zwar wird kaum jemand, der oder die sich der Care-Bewegung verbunden fühlt, dagegen sein, dass Pflegekräfte mehr verdienen als heute oder dass die unbezahlte Care-Arbeit im Bruttosozialprodukt erfasst wird. Alle werden sich vielmehr für solche Anliegen einsetzen, auch wenn sie selbst nicht direkt davon betroffen sind. Dennoch ist die Care-Bewegung mehr als eine Interessenvertretung der Care-Arbeitenden. Denn sie setzt an der unbestreitbaren Tatsache an, dass alle Menschen, nicht nur die so genannt „Schwachen“, vom ersten bis zum letzten Tag ihres Lebens bedürftig sind.

Von der Antike bis in die Moderne hat man die Bedürftigkeit aller verleugnet, indem man sie in „vorpolitischen Gemeinschaftsformen“,[3] insbesondere der „Familie“ – und familienähnlich organisierten Einheiten –  untergebracht hat. In diesen Gemeinschaften hatten Menschen ohne (volle) Bürgerrechte – Frauen, Sklavinnen und Sklaven, Kinder, Migrantinnen und Migranten, Kolonisierte, dazu Haustiere und „die Natur“ – arbeitend die vermeintliche „Unabhängigkeit“ der Bürger herzustellen, so unsichtbar wie möglich. Weil sich heute, zumindest theoretisch, die politische Idee durchgesetzt hat, dass alle Menschen gleiche Rechte haben, ist diese hierarchische Organisationsform der Bedürftigkeit aller nicht mehr haltbar. Außerdem stellt sich heraus, dass eine Gesellschaft, in der eine herrschende Klasse die eigene Bedürftigkeit an (teilweise) entrechtete Menschen und „niedere“ Sphären delegiert, dem gemeinsamen Lebensraum Welt irreversible Schäden zufügt. Solche Zerstörung ist letztlich darauf zurück zu führen, dass ein Teil der Menschheit die eigene Geburtlichkeit als Zugehörigkeit zur Natur (lat. natura zu nasci/geboren werden), die sich unter anderem in der Bedürftigkeit ausdrückt, nicht nur delegiert, sondern verdrängt hat.

Logo_WiC_rgb

Politik der Geborenen

In der Care-Politik geht es also um nichts weniger als ein Neu-Denken und eine Neu-Organisation der Weltgesellschaft, ausgehend von der ontologischen Tatsache der Geburtlichkeit aller. Dieses Anliegen ist transformativ, insofern es eine Jahrtausende alte hierarchische Ordnung und damit herkömmliche Institutionen wie Ehe und Familie, Geld, Markt, Nation, Parlamentarismus und herkömmliche Verständnisse von Freiheit, Selbstbestimmung, Zugehörigkeit etc. auf den Prüfstand stellt.

Dass die herkömmlichen Organisationsformen der Interessenvertretung für transformative Anliegen ungeeignet sind, ist nicht neu. Auch die „grünen“ Parteien geraten immer wieder in die Aporie, dass sie als „Teil“ etwas vertreten, das unausweichlich alle betrifft: die Bewahrung des gemeinsamen Lebensraumes Erde.

Vielleicht muss die Care-Bewegung zusätzlich zu den lockeren Netzwerken, in denen sie bereits existiert, tatsächlich nichts gründen. Es geht eher darum, dass viele aufmerksam gewordene Menschen im Bewusstsein der notwendigen transformativen Politik der Geborenen die starren Mechanismen der herkömmlichen „Interessenkämpfe“ in einen weiteren Kontext stellen, dass sie wendig und offen agieren, in immer neuen, den jeweiligen Kontexten angemessenen Handlungsformen.

[1] Hannah Arendt, Vita Activa oder Vom tätigen Leben, München 1981 (orig. 1958).

[2] Ebd. 210.

[3] Wolfgang Trillhaas, Ethik, Berlin 1970, 316. Vgl. dazu Ina Praetorius, Anthropologie und Frauenbild in der deutschsprachigen protestantischen Ethik, Gütersloh, 2. Aufl. 1993.

Advertisements
Hinterlasse einen Kommentar

Ein Kommentar

  1. Guter Artikel.
    Zwei Anmerkungen:
    „…dass Pflegekräfte mehr verdienen („ökonomische Sicherheit“)…“
    Diesen Zusammenhang finde ich falsch und irreführend. Mehr Verdienen und ökonomische Sicherheit sind zwei paar Schuhe, weil auch Gutverdiener ohne Bedingungsloses Grundeinkommen letztlich nicht in ökonomisch sicheren Verhältnissen leben können – natürlich abhängig von ihrer Arbeitsplatzsicherheit (z.B. Beamte versus Kreative/Prekariat) und von ihrem Lebensstil und ihrer individuellen Vorsorgepolitik, ihrer Gesundheit etc.
    Arbeitsplatzgarantien für Pflegekräfte wären da wohl eher angesagt, klassisch-links und überhaupt nicht transformatorisch…

    Meines Erachtens ist deutlich zwischen Gewerkschaften und Parteien zu unterscheiden. Erstere sind wirklich im Kern reine Interessenvertreter (das merken auch ihre erwerbslosen Mitglieder regelmäßig, deren Interessen teilweise nämlich deutlich andere sind als die der erwerbstätigen Beitragszahler), die politischen Äußerungen von Gewerkschaftsvertreter sind meist das Papier nicht wert, auf dem sie verbreitet werden, sie sind schmückendes Beiwerk. Das merkt man, wenn Gewerkschaften jeden 1. Mai für den Frieden und das gute Leben demonstrieren, um andererseits – wegen der Arbeitsplätze – den Bau von Kampfdrohnen oder die Verstromung der Braunkohle forciert sehen wollen.
    Parteien hingegen vertreten im Regelfall eine bestimmte Ideologie, natürlich sind sie mehr oder weniger stark auch als Interessenvertretung z.B. bestimmter Branchen oder bestimmter Milieus unterwegs. Steht letzteres aber zu sehr im Vordergrund bzw. wird es unübersehbar, haben es diese Parteien schwer Wählerstimmen einzufangen (Beispiele: Bauernpartei, Autofahrerpartei, FDP usw.).
    Meines Erachtens könnte eine Partei durchaus eine „transformatorische Ideologie“ von der Bedürftigkeit und vom Gemeinwohl vertreten, unter Umstände würde sie sogar gewählt.
    Allerdings macht eine Partei sehr viel Arbeit und es erfordert viel Reflexion und ‚Erdung‘, ihre Korrumpierung durch jene Kräfte zu verhindern, die aus jeder Partei eben doch wieder nur eine Vertreterin von Partikularinteressen machen wollen. Darüber hinaus besteht das verbreitete Missverständnis, dass Parteien in erster Linie Parlamentssitze und Regierungsbeteiligung anstreben sollten, obwohl ihr mindestens gleichrangiger verfassungsmäßiger Auftrag die Mitwirkung an der politischen Willensbildung ist, was durchaus auch ohne (größeres) parlamentarisches Engagement geht. Gerade die GRÜNEN sind durch ihre Wahlerfolge korrumpiert worden, es wurde zunehmend der nächste Wahlerfolg an sich zum politischen Ziel, obwohl er eigentlich nur ein Mittel sein darf, um politischen Zielen näher zu kommen.

    Ich halte jedenfalls eine Parteigründung für weit weniger sinnlos als die Gründung einer CARE-Gewerkschaft. Aktuelle Entwicklungen, die ganz vielleicht interessant sein könnten:
    https://wiki.piratenpartei.de/Antrag:Bundesparteitag_2016.2/Antragsportal/SO002
    http://www.buendnis-grundeinkommen.de/

    Antwort

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: