Die Vielfalt der Care-Bewegung

WiC-Blogpost Nummer 4

Dieser Text war ursprünglich ein Vortrag, den ich am 24. Februar 2016 an der Alice-Salomon Hochschule in Berlin gehalten habe. Ich habe diesen Vortrag zum Anlass genommen, mit anderen zusammen darüber nachzudenken, worum es sich bei der Bewegung rund um den Begriff Care handelt. Diese Bewegung ist ja seit einigen Jahren offensichtlich im Gang, und das ist gut so. Aber worum handelt es sich? Um einen Kampf für Geschlechtergleichheit, oder für Emanzipation, oder für Transformation? Um eine gewerkschaftliche Interessenvertretung von Leuten, die un- oder unterbezahlt in Haushalten oder im Bereich haushaltsnaher Dienstleistungen tätig sind? Um eine antipatriarchale oder eine antikapitalistische oder eine queere Revolution? Um einen Paradigmenwechsel, eine neue sozial-ökologische Theorie und Praxis? Oder vielleicht zuerst um das eine und dann um das andere, oder um alles gleichzeitig und noch mehr?

Zuerst berichte ich über meinen eigenen Weg zur Care-Bewegung und über den Essay „Wirtschaft ist Care“. Dann befasse ich mich mit zwei anderen Ansätzen zur Care-Politik, nämlich erstens: mit Riane Eislers Buch „The Real Wealth of Nations“ und der dazugehörigen Initiative „Center for Partnership Studies“. Zweitens: mit Gabriele Winkers Buch „Care Revolution. Schritte in eine solidarische Gesellschaft“ und der gleichnamigen Bewegung. Ich werde Gemeinsamkeiten und Unterschiede der drei Ansätze benennen und dafür plädieren, voneinander zu lernen und sich, trotz gewisser Differenzen, miteinander zu vernetzen.

Mein Weg zur Care Bewegung

In meinen feministisch-theologisch-politischen Kreisen machte vom Jahr 1984 an ein Buch die Runde: Es hieß „Die andere Stimme“ und stammte von der amerikanischen Entwicklungspsychologin Carol Gilligan. Carol Gilligan infizierte uns damals mit der Idee, dass es wahrscheinlich ein Kurzschluss ist, wenn wir Feminismus als Politik der Gleichheit oder der Gleichstellung verstehen. Denn welchen Maßstab für Gleichstellung gibt es denn im Patriarchat außer dem klassischen männlichen Lebensentwurf? Sollten wir, bevor wir Gleichstellung fordern, über den Maßstab dafür nachdenken? Könnte es sein, dass wir die notwendigen Maßstäbe dann finden, wenn wir Frauen genau beobachten, zum Beispiel in ethischen Entscheidungssituationen? Weil Frauen nämlich möglicherweise anders leben und entscheiden als Männer, und zwar vermutlich nicht, weil sie andere Gene haben oder sonstwie essentiell anders konstruiert sind, sondern weil man sie Jahrhunderte lang auf Bezogenheit und Privatheit statt auf Kampf und Profit abgerichtet hat? Könnte es sein, dass wir den Schlüssel zu notwendigen gesellschaftlichen Transformationen finden, wenn wir uns an Frauen orientieren, und zwar jenseits des Vorurteils, dass sie alles im Prinzip gleich machen wie Männer, bloß halt ein bisschen weniger gut?

Seit Carol Gilligan solche Fragen gestellt und auf ihre Art beantwortet hat,  gibt es etwas, das sich heute Care-Ethik nennt. Denn Gilligan gebraucht im Zusammenhang mit der Frage, wie Frauen entscheiden, öfter diesen Begriff. Sie meint damit ein Entscheidungskonzept, das sich nicht an abstrakten Normen orientiert, sondern an der Pflege von Beziehungen, und zwar so, dass es allen Beteiligten möglichst gut geht. Seit rund dreißig Jahren bin ich also mit dem Begriff Care unterwegs.

Das italienische Denken der Geschlechterdifferenz

Der Übergang vom anfänglichen Gleichheitspathos der Frauenbewegung zum Denken in Differenzen und neuen Orientierungen wurde bestätigt, als ich Ende der Achtziger Jahre mit den Texten aus dem Mailänder Frauenbuchladen und der Diotima Philosophinnengemeinschaft in Kontakt kam. Zwar ist in diesen Texten kaum von Care die Rede. Aber viel davon, dass wir die Welt erst dann verstehen, wenn wir die herrschenden Konzepte über „den“ so genannten „Menschen“ hinter uns lassen. Dieser „Mensch“ ist nämlich genau besehen ein erwachsener Mann. Das merkt man an der Sprachoberfläche zum Beispiel daran, dass sich in traditionellen Texten oft Formulierungen nach dem Muster „Der Mensch und seine Frau“ finden. Im Jahr 1993 habe ich über das Menschen- und das Frauenbild in der theologischen Ethik promoviert. Ich habe in meiner Dissertation im Detail nachgewiesen, dass Theologen bis in die neunziger Jahre des 20. Jahrhunderts tatsächlich weiße erwachsene Männer meinen, wenn sie „der Mensch“ sagen.

Kurz vor meinem fünfzigsten Geburtstag habe ich ein Buch publiziert, das so heißt: „Handeln aus der Fülle. Postpatriarchale Ethik in biblischer Tradition“. Ungefähr zehn Jahre ist es also her, seit ich mein Denken öffentlich als „postpatriarchal“ bezeichne.

Wirtschaft ist Care

Es dauerte dann noch ein paar Jahre, bis ich die These vom postpatriarchalen Paradigmenwechsel in der Ökonomie formulieren konnte. In diesen Jahren haben wir zum Beispiel das „ABC des guten Lebens“ geschrieben. Das ist eine Sammlung von Wörtern, die sich für uns neun Autorinnen in unserer politisch-kulturellen Arbeit bewährt haben, die wir entweder neu interpretieren oder neu erfinden. Meine Referenz-Definition zum Begriff Care zum Beispiel, die ich dem Essay zugrunde gelegt habe, steht in diesem Buch und stammt von der Wiener Sozialwissenschaftlerin Michaela Moser.

Im Essay „Wirtschaft ist Care“, der aus dieser Vorgeschichte hervorgegangen ist, zeichne ich zunächst die Geschichte der zweigeteilten symbolischen Ordnung nach, die uns im Westen seit mindestens zweieinhalb Jahrtausenden vorschreibt, was wir für höher und für niedriger, wertvoll und wertlos, rein und dreckig halten (sollen). Eine Schlüsselszene am Anfang dieser Geschichte ist Platons Erzählung über den Tod des Sokrates: In dieser konstruierten Szene schickt der Urphilosoph die Frau Xanthippe und das Kind nach hause, bevor er das Todesurteil an sich selbst vollstreckt. Warum tut Sokrates das? Weil Xanthippe die Meinung ihres Mannes, dass erst nach dem Tod das wahre Leben beginnt, nicht akzeptiert. Xanthippe klagt darüber, dass Sokrates sterben soll. Sokrates findet das „weibisch“. Denn er selber kennt nichts Höheres, als sich vom Hier und Jetzt zu verabschieden und die Seele ins Reich einer körperlosen Freiheit zu entlassen. Weil Xanthippe sich aber lieber um das gute Leben hier und jetzt kümmert, wird sie nach hause in die Sprachlosigkeit geschickt, zusammen mit dem Kind.

Meine These ist, dass wir uns aus diesem Mythos der zweigeteilten Welt und der erzwungenen Sprachlosigkeit der in Abhängigkeit hinein definierten Menschen – Sklaven, Sklavinnen, Migranten, Migrantinnen, Kinder, Ehefrauen – heute wieder befreien: durch die Care-Bewegung, also eine Bewegung zugunsten derjenigen, die für das Wohlbefinden im Hier und Jetzt sorgen, statt sich auf ein Jenseits vertrösten zu lassen. Den diversen Jenseitswelten, zum Beispiel dem Paradies, der Hölle, idealen nachrevolutionären Gesellschaften oder der Wallstreet geben wir den Abschied. Wir rehabilitieren Xanthippe, indem wir Care in die Mitte stellen, also eine Ökonomie entwickeln, die wirkliche Bedürfnisse statt das Geld und seine Vermehrung in die Mitte stellt: die Care-Centered Economy.

Um nicht missverstanden zu werden, setze ich gleich dazu: es geht nicht um eine reine Ökonomie der Unmittelbarkeit, ohne Markt, ohne Geld, ohne Luxus. Nicht ein Entweder-Oder ist gemeint, sondern eine Verschiebung der Prioritäten: Unmittelbare Bedürfnisse, die durch Caring befriedigt werden, rücken vom Rand in die Mitte, aus der Unsichtbarkeit ins Licht. Dadurch rückt die künstlich erzeugte Nachfrage nach zusätzlichen Waren und Dienstleistungen aus der Mitte an den Rand.

„Ökonomie“ heisst ja, wörtlich aus dem Altgriechischen übersetzt „Lehre vom Haushalt“. Also nicht: Lehre vom Geld, vom Markt oder vom Profit. Tatsächlich definieren nahezu alle Ökonomen bis heute ihr Fach als Lehre von der Bedürfnisbefriedigung, zum Beispiel so:

Wirtschaft ist eine „…gesellschaftliche Veranstaltung zur Befriedigung menschlicher Bedürfnisse der Lebenserhaltung und der Lebensqualität.“[1]

Erst nach dieser Grundsatzerklärung, also ungefähr ab Seite 2, reden die Ökonomen dann bloß noch vom Geld und seiner Vermehrung. Und zwar fast immer, ohne diese seltsame Verengung des Blickwinkels zu begründen. Es besteht also eine gewaltige Diskrepanz zwischen der allgemein akzeptierten Definition des Ökonomischen und dem tatsächlichen Gegenstandsbereich der Mainstream-Wirtschaftstheorie und -praxis. Um zu einer Care-Centered Economy zu kommen, müssten Ökonomen also nichts weiter tun als ihre eigene Basisdefinition wieder ernstnehmen.

Erst seit einigen Jahren wird die unbezahlte (Xanthippe-)Arbeit, die von den Ökonomen lange überhaupt nicht als wirtschaftlich relevant betrachtet wurde und überwiegend aus Care besteht, statistisch erfasst. Die Ergebnisse sind beeindruckend. Ein aktuelles Beispiel:

Laut offizieller Statistik wurden in der Schweiz im Jahr 2013 8,7 Milliarden Arbeitsstunden unbezahlt, also ohne die scheinbar als Arbeitsmotivation unverzichtbaren „finanziellen Anreize“ geleistet. Damit wurden für die unbezahlte Arbeit 14 Prozent mehr Zeit aufgewendet als für die bezahlte Arbeit (7,7 Milliarden Stunden). Die gesamte im Jahr 2013 geleistete unbezahlte Arbeit wird auf einen Geldwert von 401 Milliarden Franken geschätzt. Frauen leisteten 62 Prozent dieser unbezahlten Arbeit, Männer 62 Prozent der bezahlten Arbeit. Hausarbeiten machten mit 6,6 Milliarden Stunden drei Viertel des Gesamtvolumens der unbezahlten Arbeit aus. 1,5 Milliarden Stunden (17%) entfielen auf Betreuungsaufgaben im eigenen Haushalt. Bei (nur!) 7,6 Prozent handelte es sich um klassische Freiwilligenarbeit (Gremien, Parteien, Vereine etc.) Frauen in der Schweiz hätten nach diesen Berechnungen im Jahr 2013 241 Milliarden Franken verdient, Männer immerhin noch 159 Milliarden.[2]

Meine These, die ich im zweiten und dritten Kapitel des Essays entfalte, ist nun, dass der Paradigmenwechsel von der geld- zur bedürfniszentrierten Ökonomie schon unterwegs ist. Ich kann es auch anders ausdrücken: Das Patriarchat ist zu Ende. Dass die unbezahlte Arbeit inzwischen in vielen Ländern offiziell statistisch erfasst wird, ist dafür nur ein Indiz. Andere Anzeichen, die zuversichtlich stimmen, zähle im vierten Kapitel des Essays auf. Dieses vierte Kapitel enthält eine offene Liste von Bewegungen und Initiativen, die alle auf ihre je besondere Weise an der Auflösung der zweigeteilten symbolischen und sozialen Ordnung und an der Etablierung der Care-Centered Economy wirken, zum Beispiel: das Denken der Geburtlichkeit, die Bewegung für ein bedingungsloses Grundeinkommen, postpatriarchale Rekonstruktionen des Religiösen, die Commons-Bewegung, die Queer Ecology und mehr.

Meine Antwort auf die Frage, worum es sich bei der Care-Bewegung handelt, heißt also: Paradigmenwechsel.[3] Das bedeutet: wir befinden uns zwar in einem verwirrenden Zustand, den ich das postpatriarchale Durcheinander nenne. Wer aber genau hinsieht, entdeckt, dass die Care-Centered Economy schon unaufhaltsam in Bewegung gekommen ist, angestoßen durch diverse Krisen – Finanzkrisen, Umweltkrisen, Krise der sozialen Reproduktion, Sinnkrisen… -, durch Erkenntnisprozesse, soziale Bewegungen, Menschenrechte, historische Zufälle und mehr. – Diese Sicht der Dinge bewirkt, dass ich mich nicht allzu sehr stressen muss mit Kampf und Dagegensein, weil ich davon ausgehen kann, dass die Sache sowieso läuft. Vermutlich werde ich zwar persönlich das Ziel meiner Wünsche nicht mehr erleben, aber das macht nichts. Denn erstens glaube ich ohnehin nicht an herstellbare Ziele in Reinform, und zweitens arbeite ich nicht nur für mich selber, sondern für die Welt. Paradigmenwechsel sind langfristig, auch wenn es manchmal schwer auszuhalten ist, dass niemand das Leiden am Bestehenden handstreichartig aus der Welt schaffen kann. Manchmal gibt es allerdings auch überraschende, erfreuliche Sprünge, vergleichbar dem Fall der Berliner Mauer. Solche Sprünge sind auch in der Care-Bewegung möglich.

Was praktische Aktionen angeht, die sich an den Essay „Wirtschaft ist Care“ anschließen, so haben wir in der Schweiz soeben einen gleichnamigen Verein gegründet. Das Initialprojekt dieses Vereins heißt „Karwoche ist Care-Woche“ und besteht aus einer Webseite und einer Postkartenserie. Weitere Aktionen werden folgen.

Riane Eisler, The Real Wealth of Nations

Ich komme jetzt zum zweiten Care Denk- und Handlungsansatz: zu Riane Eislers Buch „The Real Wealth of Nations“ und ihren Partnership Studies, die auch eine „Caring Economy Campaign“ enthalten:

Wenn ich Riane Eisler google, gerate ich in ein weitgespanntes Netz aus globalen Konferenzen, auflagenstarken Büchern, Nobelpreisträgern und „grossen Namen“ wie Desmond Tutu, Vaclav Havel, Rita Süssmuth oder Jane Goodall. Stichworte, die mir besonders oft begegnen, sind „cultural transformation“, „partnership“, „macrohistory“, „systemic approach“, „multidisciplinarity“, „complexity“, „chaos“, „culture of peace“… Riane Eisler ist eine Art Universalgelehrte. Geboren 1931 in Wien emigrierte sie als Kind zuerst nach Kuba, dann in die USA. Sie hat Rechtswissenschaft und Soziologie studiert, sich mit Kulturanthropologie, Matriarchatsforschung, Neurobiologie, Evolutionstheorien und vielem mehr befasst. Im Jahr 1987 hat sie das private „Center for Partnership Studies“ gegründet. Hier wird in einem weiten Sinne über gesellschaftlich-ökonomische Transformationsprozesse geforscht und gelehrt. Riane Eisler ist auch Mitglied des Weltzukunftsrates und steht dem California Institute of Integral Studies nahe.

Ihr Bestseller „The Real Wealth of Nations. Creating a Caring Economics“ ist im Jahr 2007 erstmals erschienen. Der Titel lehnt sich auf ebenso schlichte wie geniale Weise an das Grundlagenwerk des Wirtschaftsliberalismus an: Adam Smiths „Der Wohlstand der Nationen“. Eisler signalisiert mit ihrem Titel gleichzeitig Kontinuität und Bruch. Wie Adam Smith geht es ihr ausdrücklich um globalen Wohlstand, aber in einem völlig anderen Sinne als den Verfechtern der geldzentrierten Marktwirtschaft, daher das eingeschobene „real“. Obwohl sie mit ihrer Caring Economics bestehende Denk- und Handlungsmodelle entschieden aushebelt, will sie gleichzeitig deren „beste Elemente … bewahren“.[4]

Ähnlich wie ich selbst geht Riane Eisler von der Analyse einer Jahrhunderte alten symbolischen Ordnung aus. Sie nennt diese Ordnung „Economics of Domination“. Kapitalistische Ausbeutung und sozialistische Unfreiheit ruhen demnach auf denselben viel älteren Denk- und Beziehungsmodellen. Und es sind auch diese alten Denk- und Handlungsstrukturen, die dazu beitragen, dass Liberalismus und Sozialismus bis heute ihr positiv weltgestaltendes Potential nicht entfalten konnten. Die Grundmuster der „Economics of Domination“ entdeckt Eisler in den meisten frühen so genannten „Hochkulturen“: vom chinesischen bis zum römischen Kaiserreich, von der griechischen Klassik bis zum davidischen Königtum. Überall – mit Ausnahmen wie zum Beispiel der minoischen Kultur auf Kreta – findet sich die Idee eines höheren einheimischen Männlichen, das ein niedriges dienendes Weibliches und Fremdes beherrscht und zu beherrschen durch quasi-göttliche Gesetze legitimiert scheint. Die Struktur der metaphysisch legitimierten Dominanz findet heute ihre Fortsetzung im systematischen Verschweigen und Trivialisieren des ökonomischen Wertes von Care-Leistungen.

Riane Eisler geht es um Transformation auf allen erdenklichen Ebenen, orientiert an der großen Vision eines Übergangs von einer Ordnung der Dominanz in eine Ordnung der Partnerschaft. So empfiehlt sie zum Beispiel uns allen, egal wo wir uns befinden, das Wort Care in Alltagsgespräche und ökonomische Debatten einzuführen, auch wenn wir uns damit zunächst lächerlich machen.[5] Weil die Welt komplex ist und Geschichte chaotisch verläuft, ist eine solche individuelle sprachpolitische „Maßnahme“ womöglich nicht weniger wirksam als ein Streik des Pflegepersonals im Altersheim, die Entscheidung einer Unternehmerin, in eine Kindertagesstätte und in Ruheräume zu investieren, oder eine Fernsehsendung über den Wert der unbezahlten Hausarbeit. An jedem Ort, in der Universität, in der Küche, im Fernsehstudio, auf der Straße, im Büro, auf der Chefetage kann die Transformation beginnen.

Riane Eisler sieht, dass die sozial- und umweltunverträgliche Dominanz-Unkultur sich allmählich durch einen komplexen langfristigen Prozess in eine Kultur und Ökonomie der „Partnership“ transformiert. Deshalb hat sie dem von ihr gegründeten Institut den Namen „Center for Partnership Studies“ gegeben. „Partnerschaft“, die positiv besetzte Alternative, bedeutet, dass Menschen die ihnen eigenen Fähigkeiten zur Fürsorge, Kreativität, Bewusstheit  und gegenseitiger Bezogenheit entwickeln und nutzen, um ihr Zusammenleben jenseits des Dominanzmodell neu zu organisieren. Diese Idee, dass die menschliche Gesellschaft sich in Richtung auf Gerechtigkeit und Mitweltverträglichkeit entwickeln kann, hat laut Riane Eisler ihre Wurzeln in der Aufklärung, im Liberalismus und im Sozialismus gleichermaßen, sie wird aber immer wieder überformt von der weiterwirkenden Dominanzstruktur. Dennoch ist es möglich und laut Riane Eisler wahrscheinlich, dass die Menschheit sich letztlich kollektiv für die Ökonomie der Partnerschaft und damit für ihr eigenes Überleben entscheidet.

Riane Eislers Antwort auf die Frage, worum es sich bei der Care Bewegung handelt, könnte man als „Work in progress“ im Kontext der großen Vision des „partnerist economic paradigm“[6] bezeichnen. Diese Antwort wirkt auf mich Europäerin sehr „US-amerikanisch“: zuweilen befremdlich in ihrem Fortschrittsoptimismus, in ihrem Vertrauen auf die Selbstheilungskräfte von „Mother Earth“, auf westlich-aufgeklärte Werte, Vernunft, Wissenschaft, Technologie und menschliche Entwicklungsmöglichkeiten. Zuweilen wirkt sie auch allzu optimistisch in ihrem Blick auf Europa, insbesondere Skandinavien, das ihr als eine Art Care-Paradies erscheint. Als Prophetin einer friedlichen globalen Zukunft setzt sie sich zuweilen über Einzelheiten hinweg, die nicht ins Bild passen. Andererseits kann ihre universale Gelehrtheit und ihre Art, in großen kulturhistorischen Zusammenhängen zu denken, Mut machen, Care-Politik als epochale Bewegung zu begreifen, die die natürliche Mitwelt bis hin zu kosmischen Zusammenhängen und einen weiten Zukunftshorizont umfasst. Im Übrigen schreibt Riane Eisler nicht nur Bestseller und spricht nicht nur an hochkarätigen internationalen Konferenzen. Sie veranstaltet über die Webseite „Caring Economy Campaign“ auch Online-Seminare, in denen alle auch ohne akademische Vorbildung die Grundlagen der Caring Economy in Theorie und Praxis lernen können, oft gratis.

Gabriele Winker, Care Revolution

Gabriele Winker, geboren wie ich vor ungefähr 60 Jahren in Süddeutschland, ist seit 2003 Professorin für Arbeitswissenschaft und Gender Studies an der Technischen Universität Hamburg-Harburg. Sie hat vor allem zu Fragen intersektionaler Methodologie und über „Frauen und Technik“ gearbeitet und das „Feministische Institut Hamburg“ mitbegründet. Im März 2014 hat sie die erste Aktionskonferenz Care Revolution in den Räumen der Rosa Luxemburg Stiftung in Berlin initiiert. Ihre programmatische Rede zur Eröffnung dieser Konferenz ist in der Zeitschrift Widersprüche nachzulesen.[7] Nach der Berliner Konferenz hat sie das Buch „Care Revolution. Schritte in eine solidarische Gesellschaft“ publiziert, das sich als theoretische Grundlage für die Bewegung Care Revolution versteht.

Dieses Buch ist nicht aus Zufall rot. Wenn ich es durchblättere, begegnen mir andere Schlüsselbegriffe als bei Riane Eisler, nämlich vor allem Wörter aus dem Vokabular der Linken: „Produktion“ und „Reproduktion der Arbeitskraft“, „Mehrwert“, „Kapitalismuskritik“, „Kapitalakkumulation und –überakkumulation“, „Neoliberalismus“, „Solidarität“, „Kampf“… Und es fällt mir auf, dass Gabriele Winker sich in ihren Analysen ganz auf die Verhältnisse im heutigen Deutschland konzentriert. In der Einleitung schreibt sie dazu:

„Ein umfassende globale Analyse würde nicht nur den Rahmen des Buches sprengen, sondern ist mir derzeit auch nicht möglich.“[8]

Gerade weil auch Gabriele Winker die Notwendigkeit einer globalen Care-Bewegung immer wieder betont, ist es wichtig, sich dieser Selbstbeschränkung bewusst zu sein. Schon ich als Schweizerin kann mit dem Zahlenmaterial, das Winkers detaillierte Analysen unterlegt, in meinem Kontext nur beschränkt etwas anfangen. (Auch Riane Eisler, übrigens, deren universalhistorischer Habitus zu Gabriele Winkers wissenschaftlicher Bescheidenheit scheinbar im Widerspruch steht, beschränkt sich bei genauem Zusehen wohl mehr, als ihr selbst bewusst ist, auf ihren US-amerikanischen Kontext.)

Die innovative Leistung des Buches Care Revolution besteht für mich darin, dass Gabriele Winker unterschiedlich gelagerte Krisenphänomene in Deutschland mit empirisch-sozialwissenschaftlichen Methoden erfasst und systematisch zu einer „Krise der sozialen Reproduktion“ zusammendenkt: von der Burnoutgefährung doppelt belasteter berufstätiger Eltern bis zur unterbezahlten stationären Altenpflege, von der privaten 24-Stunden-Betreuung durch Care-Migrantinnen bis zur überfüllten Kindertagesstätte, von der „verschlankten“ Akutpflege bis zur Einsamkeit langzeitbetreuender Angehöriger und mehr. Leidenssituationen, die auf den ersten Blick unverbunden nebeneinander zu stehen scheinen, entpuppen sich so als Konsequenzen ein- und desselben Ausschlussmechanismus im profitzentrierten neoliberalen Wirtschaften.

Als normativen Angelpunkt für ihre Kritik am Bestehenden wählt Gabriele Winker einen in seiner Schlichtheit provozierenden Satz:

„Jeder Mensch hat das Recht auf ein erfülltes Leben, ein gutes Leben. Eine Gesellschaft muss sich daran messen lassen, ob sie in der Lage ist, die Bedingungen hierfür zu gewährleisten. Ist dies für die große Mehrheit der Bevölkerung nicht der Fall, obwohl die Möglichkeit bestünde, steht dieses System in Frage.“[9]

Sie weist nach, dass sich auch in einem „reichen“ Land wie Deutschland, dessen offizielle Politik sich seit langem dem neoliberalen Credo verschrieben hat, die tatsächlichen Lebensbedingungen der meisten massiv verschlechtern. Und sie ruft zum Zusammenschluss all derer auf, die unter den Auswirkungen dieser Politik auf nur scheinbar unverbundene Weise leiden. Optimale Kapitalverwertung und größtmögliche Effizienz führen eben nicht, wie von der neoliberalen Propaganda immer wieder behauptet, letztlich zur Befriedigung der Bedürfnisse aller. Reale Menschen brauchen nicht immer noch mehr Geld, Waren und Selbstoptimierung, sondern das, was Gabriele Winker „eine Kultur des Miteinanders und der Solidarität“ nennt.[10] Deshalb ist die systematische Vernetzung aller Betroffenen und kluges gemeinsames Handeln zugunsten eines „guten Lebens für alle, weltweit!“[11] das Gebot der Stunde. Und eben dies versteht sie unter Care Revolution.

Im zweiten Teil des Buches kommt Gabriele Winker auf die neun konkreten Initiativen zu sprechen, die sich seit März 2014 zur Care Revolution zusammengefunden haben. So vermeidet sie es, trotz ihrer deutlichen Sympathien für eine Politik in der Tradition der marxistischen Linken, die Care Revolution auf bestimmte ideologische oder parteipolitische Positionen zu reduzieren. Sie gibt reformorientierten Initiativen von Direktbetroffenen, zum Beispiel einer Selbsthilfegruppe von Eltern behinderter Kinder, ebenso Raum wie radikal gesellschaftskritischen Projekten, beispielsweise dem Verein „Women in Exile“, der die Unterbringung aller Asylbewerberinnen und Asylbewerber in Wohnungen statt in Lagern fordert. Ausdrücklich sieht sie die Stärke der Bewegung Care Revolution nicht in einem einheitlichen Standpunkt und einer festgefügten Strategie, sondern im induktiven Verfahren einer Zusammenführung konkreter Initiativen. Den vom Marxismus scheinbar eindeutig besetzten Begriff der „Revolution“ füllt sie so mit neuem Leben: Um sich der Care Revolution anzuschließen, braucht es kein bestimmtes rotes Parteibuch, sondern die Einsicht, dass alle Menschen verletzlich und bedürftig sind, und die Lust, anderen zuzuhören und sich mit ihnen für ein wirklich gutes Zusammenleben weltweit zu engagieren. 

Trotz solcher Offenheit für plurale Denk- und Aktionsformen besteht bei Gabriele Winkers Ansatz eine gewisse Gefahr, die Care Bewegung auf traditionell linke Milieus, Analysemethoden und Handlungsmodelle wie Streiks und andere Kampf-Formen zu verengen. Auch die Offenheit für einen Care-Begriff, der sich auf ein verallgemeinertes „Sorgen für die Welt“[12] und damit auf ökologisches Handeln erweitert, besteht eher auf dem Papier in einzelnen Andeutungen[13] als in der Praxis. Zusammen mit der Beschränkung auf den deutschen Kontext ergibt sich dadurch eine relativ enge Antwort auf die Frage, worum es sich bei der Care Bewegung handelt: gemessen an der bisherigen Praxis der Care Revolution geht es hier in erster Linie um Vernetzung zwischen bereits existierenden sozialpolitischen Initiativen  und um Arbeitskämpfe in deutschen Care-Institutionen. Allerdings zeichnet Winker in ihrem Buch durchaus konkret auch Linien in die Zukunft. So plädiert sie dafür, staatliche, heute zunehmend privatisierte Institutionen öffentlicher Daseinsvorsorge wie Krankenhäuser, Kitas oder Pflegeheime langfristig „in Gemeinschaftseigentum zu überführen“[14] und basisdemokratisch, zum Beispiel durch kommunale „Care-Räte“[15] neu zu organisieren.

Differenzen und Konvergenzen

Die drei dargestellten Ansätze zur Care-Bewgeung bestehen vorerst je aus einem Zentraltext und beginnenden Aktionen oder Aktionsvorschlägen. Wie verhalten sich die drei Ansätze zueinander? Schließen sie einander aus, oder lassen sie sich verknüpfen?

Meine Antwort heißt: Die drei Ansätze unterscheiden sich nicht nur hinsichtlich des nationalen Kontextes und des entsprechenden empirischen Datenmaterials, sondern auch hinsichtlich der ideellen Beheimatung und der Handlungsformen. „Wirtschaft ist Care“ ist vor allem im italienischen Denken der Geschlechterdifferenz beheimatet. Und obwohl die Leute von der Heinrich Böll Stiftung mich ausdrücklich gebeten haben, nichts Theologisches zu schreiben, kann und will ich meine Verbundenheit mit protestantischer Frömmigkeit nicht verleugnen. Riane Eisler verkörpert eine interessante Verbindung aus Matriarchatsforschung und US-amerikanischem liberalem Fortschrittsoptimismus. Gabriele Winker ist eine seriöse, bescheidene Sozialwissenschaftlerin mit deutlichen Sympathien für die marxistische Linke.

Gleichzeitig signalisieren wir alle drei Offenheit für differente oder erweiterte Sichtweisen. Diese Offenheit, so meine ich, resultiert bei allen drei Ansätzen aus dem Bewusstsein, dass denkende Frauen per se Abstand halten müssen von den herkömmlichen großen Erzählungen, die sie allesamt strukturell zu Außenseiterinnen und zum „Anderen“ erklären, ob sie nun Protestantismus, Liberalismus oder Marxismus heißen. Wir sind alle im postpatriarchalen Durcheinander auf der Suche, nicht dogmatisch festgelegt, nicht auf eine Parteidisziplin verpflichtet. Uns verbinden feministische Grundeinsichten und der Wunsch nach Transformation in Richtung auf ein gutes Leben für alle weltweit. Riane Eisler spricht von „partnerist economic paradigm“, Gabriele Winker von der „solidarischen Gesellschaft“ und meine Übersetzerinnen ins Englische haben die „Care-Centered Economy“ als Zentralwort für meinen Denkansatz erfunden.

Ich meine: die Gemeinsamkeiten überwiegen die Differenzen bei weitem. Und weil dem so ist, werden unsere unterschiedlichen Herkünfte und Herangehensweisen uns nicht spalten. Sie werden vielmehr dazu beitragen, dass die Care-Bewegung internationaler, vielfältiger und noch weitherziger wird. Vielleicht sollten wir als nächstes eine globale Care Konferenz ins Auge fassen, bei der sich zu den drei Ansätzen noch andere aus anderen Kontexten und Herkünften einfinden.

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[1] Peter Ulrich, Integrative Wirtschaftsethik. Grundlagen einer lebensdienlichen Ökonomie, Bern/Stuttgart/Wien (Haupt) 1998, 11.

[2] Vgl. Statistik Schweiz. Satellitenkonto Haushaltsproduktion 2013 http://www.bfs.admin.ch/bfs/portal/de/index/themen/03/01/new/nip_detail.html?gnpID=2015-355 

[3] Vgl. dazu Thomas Kuhn, Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen, Frankfurt a.M. 1973. Vgl. auch Ina Praetorius, Wirtschaft ist Care, Berlin 2015 Kap. 3 (45-55).

[4] Riane Eisler, The Real Wealth of Nations, 2007, 2: „I saw the need for an economics that, while preserving the best elements of current economic models, takes us beyond them to a way of living, and making a living, that truly meets human needs.“

[5] Ebd 229: „We can start with something simple: changing the conversation about economics…“

[6] Ebd. 148.

[7] Gabriele Winker, Rede auf der Aktionskonferenz Care Revolution unter der Thematik: Soziale Reproduktion in der Krise – Care Revolution als Perspektive, in: Widersprüche 134 (Dezember 2014), 63-72.

[8] Gabriele Winker, Care Revolution, 2015, 12.

[9] Ebd. 12.

[10] Ebd. 176 und passim.

[11] Ebd. 119 und passim.

[13] Vgl. z.B. Winker in „Widersprüche“ (Anm.7), 70.

[14] Gabriele Winker 2015 (Anm.8), 165.

[15] Ebd. 166f.

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