Junge Väter damals und heute

WiC-Blogpost Nummer 3

Eines Tages, es war noch im letzten Jahrhundert, ist mir aufgefallen, dass junge Väter oft sehr ausgedehnte Kaffeepausen machten. Zum Beispiel in universitären Instituten. Manchmal sprachen sie in diesen Pausen mit ihren Kollegen über wichtige Dinge, zum Beispiel über wissenschaftliche Texte, die sie in Fachzeitschriften gelesen hatten. Und manchmal redeten sie total lustig über die Beine von bestimmten Studentinnen.

Wenn die jungen Väter dann wieder in ihren Büros verschwunden waren, hörte ich sie oft sehr lange Telefongespräche führen, möglicherweise über schwerwiegende wissenschaftliche Probleme. Oder ich hörte gar nichts, oder manchmal eine fröhliche Melodie, die gut zu einem Computerspiel passen würde. Und manchmal, wenn ich, selbst noch kinderlos, spät abends nach dem Kino nochmal in meinem Büro vorbei ging, sah ich noch Licht beim Kollegen nebenan. Da saß er und las bei sanfter Barockmusik aus dem alten CD-Player, den er zuhause ausrangiert hatte, einen Roman. Während seine Ehefrau vermutlich die beiden Kleinen ins Bett brachte, nachdem sie sie aus der Kinderkrippe geholt und verköstigt hatte, in der festen Überzeugung, der junge Vater müsse dringend Überstunden machen, um in letzter Minute den Vortrag für den Kongress am nächsten Wochenende fertigzustellen.

Bestimmt ist es heute anders. Bestimmt sind die jungen Väter heute so emanzipiert, dass sie, wenn sie nichts wirklich Wichtiges mehr im Büro zu tun haben, schnurstracks nach hause eilen, um ihren Teil der Haushalts- und Kinderbetreuungsarbeit zu leisten. Bestimmt ist die Berufswelt im einundzwanzigsten Jahrhundert so organisiert, wie es in den Ökonomielehrbüchern steht: effizient, kontrolliert, redundanzfrei. Garantiert lässt es sich heute keine junge Mutter mehr bieten, dass ihr Partner sich in der ernsthaften und wichtigen Welt der bezahlten Tätigkeiten von dem einen Tag, an dem er „die Kinder übernimmt“, ausgiebig erholt, während sie nach langen Bürotagen kocht, putzt, mit Kinderarztterminen und Grossmuttereinsätzen jongliert, Schnippschnapp spielt und Schlaflieder singt. Ich bin mir fast sicher: die Welt der bezahlten Berufstätigkeit hat inzwischen aufgehört, eine Wellnessoase für junge Väter zu sein, die keine Lust haben zu tun, was die ebenfalls berufstätigen jungen Mütter zuhause tun, nämlich: nichts natürlich.

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