In Rom

Ist es legal, den Vortrag „Natality as a New Anthropological Paradigm“  jetzt als Blogpost zu publizieren? Ich weiß es nicht. Wahrscheinlich nicht. Zwar habe ich nicht wissentlich ein Dokument unterzeichnet, das die „Rechte“ an den Wörtern, die ich am 11. März 2016 um 11.30h in Vatikanstadt gesagt habe, der Università Pontificia Urbaniana überschreibt. Aber diese päpstliche Universität hat mir immerhin vier Tage Rom plus Flug plus Taxi plus Honorar plus Zugang zu ungefähr dreißig zum Teil ziemlich interessanten, zum Teil langweiligen Referaten samt anschließenden Diskussionen bezahlt. Vielleicht sollte ich mich dafür erkenntlich zeigen und den fraglichen Text bis zur geplanten Buchpublikation geheimhalten?

Ich finde es aber wichtig, diesen Text schon heute unter die vernetzten Leute zu bringen. Und überhaupt war mir der Gedanke, dass Wörter irgendjemandem „gehören“, schon immer fremd und wird mir immer fremder. Wie sollte ich Wörter und Sätze, die mir selber nicht gehören, obwohl ich sie irgendwann im Januar 2016 aufgeschrieben und dann per Mail nach Rom geschickt habe, damit man sie dort ins Italienische übersetzen kann, an irgendjemanden verkaufen können? Nicht einmal das Wort „postpatriarchal“, das ich am Kongress „Oltre l’individualismo“ vermutlich als einzige Rednerin benutzt habe, gehört mir. Zwar erinnere ich mich nicht mehr, wer es mir wann genau geschenkt hat, aber dass ich dieses Wort nicht erfunden habe, weiß ich noch. Außerdem: weshalb sollten die Wörter, die ich in Rom gesagt und heute hier gepostet habe, für irgend jemanden an Wert verlieren, bloß  weil sie schon jetzt der Netzöffentlichkeit zur Verfügung stehen? Gewinnen Worte nicht vielmehr an Wert, wenn sie zirkulieren, egal wann und wo?

Hier also steht, was ich als fünfte Rednerin auf einem Podium mit dem Titel „Grandi religioni e differenza sessuale“ gesagt habe. Der Papst war nicht dabei, und auch kein Kardinal, aber viele Studentinnen und Studenten aus der ganzen Welt, vor allem aus Afrika und Asien. Also eine Art personifizierte Zukunft. Vor mir hatten Gianni Colzani (Università Pontificia Urbaniana, Rom), Ronit Irshai (Bar Ilan University, Tel Aviv), Dariusch Atighetchi (Università degli Studi, Turin) und Muhammad Tufail Salik (Government College University, Lahore) gesprochen. Nach den fünf Referaten war nur wenig Zeit für ein Gespräch. Niemand stellte mir eine Frage, niemand kritisierte oder kommentierte meinen Vortrag. Die kurze Debatte nach den fünf Vorträgen drehte sich vor allem um zwei Fragen: ob man Homosexualität im jüdischen Recht tatsächlich „einfach so“ legitimieren könne, wie Ronit Irshai es uns erläutert hatte, und wie sich die göttliche Wahrheit einer harmonischen zweigeschlechtlichen ewigen Ordnung, über deren überzeitliche Gültigkeit sich der katholische Professor aus Rom mit dem sunnitischen Professor aus Lahore erstaunlich einig war, zur Wirklichkeit im Norden Nigerias verhalte.

Ich war nicht die einzige Rednerin, weder auf dem Podium vom 11. März 2016, dem fünften Jahrestag der Katastrophe von Fukushima, noch am Kongress. Weißen Akademikerinnen hört man im Vatikan inzwischen aufmerksam zu. Uns zumindest und ein paar nichtweißen Männern scheint es gelungen zu sein, an Kongressen in päpstlichen Universitäten Gehör zu finden. Am Ende des Kongresses allerdings fassten Carmelo Vigna, ein Philosophieprofessor aus Venedig, Klaus Krämer, ein Priester aus Aachen, der weitgereiste Kardinal Fernando Filoni und Aldo Vendemiati , Priester und Professor für Moraltheologie aus Rom, zusammen, was der Kongress ihrer Meinung nach erbracht hatte. Ich hörte mir ihre Reden nicht mehr bis zu Ende an, weil ich es interessanter fand, die Kollegin aus Tel Aviv zur Sabbateröffnung in der großen Synagoge am Tiber zu begleiten. Ich habe mir dann aber sagen lassen, unsere Frauenworte seien vorerst in irgendwelchen Ritzen des großen umfassenden römischen Lehrgebäudes wieder spurlos verschwunden, als seien sie nie gesagt worden.

Eine junge afrikanische Ordensfrau aber, die personifizierte Zukunft, hat mir, nachdem sie meine Rede gehört hatte, sehr freundlich, irgendwie inspiriert und fast ein bisschen verschwörerisch zugelächelt. Ich glaube, sie hat verstanden, dass die Wörter demnächst wieder auf die Wirklichkeiten passen sollten. Auch auf ihre. Sogar im Vatikan. Dieses Lächeln bewahre ich auf und bewege es in meinem Herzen.

Advertisements
Hinterlasse einen Kommentar

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: