Schockstarre

Oder: Das seltsame Schweigen angesichts der Statistik zur unbezahlten Arbeit

WiC-Blogpost Nummer 1

Heute vor einem Jahr, am 19. Februar 2015, erschien in der Neuen Zürcher Zeitung ein Artikel mit dem vielsagenden Titel „Sie ist doch ein Schatz“. Die Inlandredakteurin Seraina Kobler berichtet darin über neue Erkenntnisse zum Volumen und zur Qualität der in der Schweiz geleisteten unbezahlten Arbeit: Neuen Erhebungen des Bundesamtes für Statistik (BfS) zufolge wurde im Jahr 2013 „in der Schweiz mehr unbezahlte Arbeit verrichtet … als bezahlte. Genau 14 Prozent mehr, wie die Zahlen … zeigen. … 8,7 Milliarden Stunden (wurden) unbezahlt gearbeitet. Dem gegenüber stehen 7,7 Milliarden Stunden an bezahlter Arbeit. Dabei übernehmen Frauen 62 Prozent des unbezahlten Arbeitsvolumens, … Männer 62 Prozent der Erwerbsarbeit … Frauen hätten nach diesen Berechnungen 241 Milliarden Franken verdient, die Männer immerhin noch 159.“ (Nur 7,6 Prozent der ausgewiesenen Gesamtarbeitsmenge, übrigens, entfallen auf klassische Freiwilligentätigkeiten wie Vereins- oder Gremienarbeit.)

Das Modul „unbezahlte Arbeit“ der schweizerischen Arbeitskräfteerhebung

Laut Auskunft von Jacqueline Schön-Bühlmann, der Leiterin des Bereichs „Unbezahlte Arbeit“ im BfS, werden die entsprechenden Datenerhebungen seit dem Jahr 1997 alle drei bis vier Jahre im Rahmen eines Moduls der schweizerischen Arbeitskräfteerhebung (SAKE) durchgeführt. Dass es inzwischen seit fast zwanzig Jahren verlässliche statistische Daten über den größten Wirtschaftssektor gibt, der erstaunlicherweise in den gängigen Berechnungen zum Bruttosozialprodukt noch immer nicht erscheint, verdankt sich mehreren parlamentarischen Vorstößen in den achtziger und neunziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Am 17. Juni 1994 reichte die FraP!- (ab 1998 SP-) Abgeordnete Christine Goll im Nationalrat die Motion Nummer 94.3309 ein, die schließlich zur Einrichtung des Moduls „unbezahlte Arbeit“ im Rahmen der SAKE führte. Die neueste Erhebung ist für das Jahr 2016 vorgesehen, hat also vermutlich soeben begonnen.

Fragen über Fragen

Die erstaunlichen Zahlen – und die Realitäten, die sich dahinter verbergen – werden bis heute von den „großen“ Medien gewohnheitsmäßig ignoriert. Weil also kaum jemand Genaueres weiß, hätte Seraina Koblers NZZ-Artikel viele Fragen und Reaktionen auslösen müssen: Wie genau wurden die Daten erhoben? Wie drückt man unbezahlte Arbeit in Geldwerten aus? Woran misst sich der Wert dieser Arbeit? – Und dann auch: Wie wollen wir als Gesellschaft in Zukunft mit der „gigantische(n) Schattenwirtschaft von unbezahlter Haus- und Betreuungsarbeit“ umgehen, die „bei entsprechender Bezahlung rund 40 Prozent des Bruttoinlandprodukts ausmachen würde“? Wer beforscht die Wirklichkeiten hinter den Zahlen? Was motiviert überhaupt so viele Frauen dazu, in eine Wirtschaft, die angeblich ausschließlich auf „finanzielle Anreize“ baut, massiv Gratisleistungen zu investieren? Tradition? Ideologie? Gewohnheit? Liebe?

Erstaunlicherweise ist aber bis heute die Resonanz auf diesen – und die wenigen vergleichbaren – Artikel in den Mainstream Medien weitgehend ausgeblieben. Eine ernsthafte Auseinandersetzung mit der ökonomischen Bedeutung der unbezahlten Care-Arbeit findet nach wie vor fast ausschließlich in den Frauenbewegungen und feministisch-wissenschaftlichen Nischen statt, die aber bei weitem nicht über die Mittel verfügen, die notwendig wären, um dem gigantischen Thema mit seriösen Methoden zu Leibe zu rücken. Unter der Online-Version des Textes von Seraina Kobler haben sich bis heute genau drei Kommentare eingefunden, die aber immerhin einen gewissen Einblick bieten in die Art, wie Leserinnen und Leser auf die harten Fakten reagieren. Ein Leser schreibt zum Beispiel:

„Viele der unbezahlten Arbeit leistet man für sich selbst – also gerade das Waschen, Kochen, Putzen etc. Selbst wenn man verheiratet ist, leistet man davon also wenigstens die Hälfte für sich. Etwas, das man sich für sich selbst tut aber als unbezahlte Arbeit zu betrachten ist ja schon etwas komisch.“

Forschungsbedarf

Tatsächlich stellt sich die Frage, was es bedeutet und wie es zu kalkulieren und zu bewerten ist, dass Menschen, die in Privathaushalten arbeiten, oft gleichzeitig für das eigene und für fremdes Wohlbefinden tätig sind. Welche ökonomische Relevanz hat die Sorge für sich selbst, die gleichzeitig mit der Sorgearbeit für Erwerbsarbeitende, für die alternde und/oder die heranwachsende Generation geleistet wird? Rechtfertigt diese Gleichzeitigkeit von Selbst- und Fremdsorge, wie der Kommentator suggeriert, die ökonomische Nicht- oder Minderbewertung solcher Tätigkeiten? Welche Kosten würden für wen entstehen, wenn die Sorgearbeit für sich und andere nicht erbracht würde? Weil jemand zum Beispiel sich selbst, ihre Angehörigen und den gemeinsamen Haushalt so stark vernachlässigt, dass keine geregelte Erwerbsarbeit mehr möglich ist? – Allerdings ist es nicht „komisch“, solche Fragen ernsthaft zu stellen, sondern ein dringliches Forschungsdesiderat: Sobald nämlich das Vorurteil sich auflöst, es handle sich bei der unbezahlten Care-Arbeit um einen „Liebe“ oder „Mütterlichkeit“ genannten Automatismus, wird offenkundig, wie wenig gesichertes Wissen uns über die Ökonomie der so genannten „Privatsphäre“ oder „Lebenswelt“ oder „Familie“ zur Verfügung steht.

Derselbe Kommentator schreibt weiter:

„Insgesamt ist diese Aufrechnerei ein Witz. Und generell, unbezahlte Arbeit kann nicht wie bezahlte Arbeit betrachtet werden – gerade weil sie nicht bezahlt wird. Die meiste dieser Arbeit würde wenn sie zu den angesetzten Preisen entlohnt werden müsste, gar nicht angefordert (zum Beispiel das Kochen und Putzen würde drastisch reduziert) und somit nicht geleistet.“

Der Gedanke, dass sich gewisse biedermeierlich-hausfrauliche Gewohnheiten wie zum Beispiel übersteigerte (von den entsprechenden Industriezweigen geförderte) Erwartungen an Hygiene und „Wohnkultur“ oder überbehütende Erziehungsstile im Zuge einer postpatriarchalen Sicht auf die Sorgearbeit zum Nutzen aller auflösen würden, ist nicht von der Hand zu weisen. Aber auch hier gilt: es handelt sich zunächst um nichts als eine Vermutung, die zu überprüfen wäre: Wie viel häusliche Ordnung, Schönheit und Muße ist für das Wohlbefinden von Babies, Kleinkindern, Jugendlichen oder gestressten Erwerbstätigen notwendig? Wie entscheidet die Care-Arbeiterin, welche dieser Leistungen von wem mit welchem Recht „angefordert“ werden (dürfen), welche davon sie zum Wohl der Gemeinschaft zwingend erbringen muss, welche sie ohne Not weglassen kann?

Wer aber wird die fragilen Dynamiken der unbezahlten Sorgearbeit erforschen wollen, solange sie in den gängigen öffentlichen Diskursen nicht einmal als Realität erkannt und benannt werden?

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Die unsichtbare Hand des Marktes und die unsichtbar gemachten Hände der Care-Arbeitenden

Spätestens seit Beginn des einundzwanzigsten Jahrhunderts sind die Fakten zur unbezahlten Arbeit bekannt. Was die Schweiz angeht, sind sie in der offiziellen Bundesstatistik nachzulesen, die über ihre Methoden und deren Begründung – samt möglichen Kritikpunkten – selbstverständlich minutiös Auskunft gibt. Auch im Weltmaßstab steht immer mehr zuverlässiges einschlägiges Datenmaterial zur Verfügung. Debatte und Forschungstätigkeit könnten also beginnen. Vorerst verharren aber Wissenschaft und Medien angesichts der Notwendigkeit eines sehr weit reichenden Umdenkens hinsichtlich des Gegenstandsbereichs der ökonomischen Wissenschaften in einer Art Schockstarre, während die offizielle Politik sich seit Jahrzehnten auf Symptombekämpfung – Kindergeld, Eltern-„Urlaub“ etc. – beschränkt. Langfristig wird es aber nichts helfen, sich tot oder dumm zu stellen. Der Frage, wie wir als Gesellschaft mit den unzähligen – vorwiegend weiblichen – Händen umgehen wollen, die in ihrer Gesamtheit die nur scheinbar abstrakt-gottgleiche „unsichtbare Hand des Marktes“ bilden, werden wir nicht mehr lange ausweichen können.

Hier und hier weiterlesen.

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  1. Das Reformationsjahr 2017 im postpatriarchalen Durcheinander | DurchEinAnderBlog

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