Meine kleine Demorede für ein geruhsames Toggenburg und eine Welt ohne zweite Gotthardröhre

Liebe Toggenburgerinnen und Toggenburger, woher auch immer ihr stammt!
Wie stellt ihr euch das Leben im Toggenburg in dreißig Jahren vor?
Ich möchte euch zwei Szenarien vor Augen führen.

Das erste sieht so aus:

Im Jahr 2046 gibt es in Wattwil zusätzlich zu Coop, Migros, Denner, Aldi und Lidl noch ein paar Supermärkte mehr. Deshalb können wir noch viel mehr kaufen und wieder wegschmeißen als heute. Ein Normaljournalist würde in seiner Sprache jetzt wohl sagen: Wir können kaufen, was das Herz begehrt. Ich sage: Wir werden dann immer noch kaufen können, was die allgegenwärtige Werbung uns zu begehren empfiehlt: zum Beispiel garantiert geschmacksneutrale Wintertomaten aus Italien. Die kommen schnurstracks durch den Gotthard direkt zu uns. Oder Babywickelroboterchen. Die sorgen in unseren führerlosen Karossen dafür, dass die Kleinen auf dem Rücksitz schön stillhalten, während wir in Erstfeld im Stau stehen.

Wenn es nämlich in dreißig Jahren hier im Toggenburg ein bisschen Nebel hat, dann setzen wir uns am Samstag Morgen ins Auto und fahren schnurstracks durch den Gotthard ins Tessin. Da scheint nämlich die Sonne, sagt Siri. Und am Sonntag Abend fahren wir schnurstracks durch den Gotthard wieder nach hause. Macht insgesamt ungefähr sieben Stunden Abgaszeit, dazwischen eventuell ein paar Stunden vernebelte Sonne zwischen Tessiner Autobahnen. Zuhause schnappen wir dann noch eine Pizza mit brasilianischem Gensojavegikäse aus dem Tiefkühler. Dazu chillen wir ein bisschen vor dem Online-TV. Da kommt irgendwas zum Thema Stress. Wir fühlen uns davon ein bisschen betroffen. Aber weil wir so gerädert sind, schlafen wir auf dem Massagesofaautomat ein. Bevor wir uns ins 1A-Happybett schleppen, bestellen wir schnell noch online ein Paket Antistresspillen. Die kommen am nächsten Morgen nicht schnurstracks durch den Gotthard, sondern per Drohne aus Basel. Aber da sind wir ja schon wieder weg. Mit dem Superspeed-Intercity schnurstracks zum Flughafen. Im Toggenburg gibt’s nämlich keinen Arbeitsplatz mehr. Der nächste Arbeitsplatz ist auf irgendeiner Plattform in der Ostsee.

Jetzt das zweite Szenario:

An einem Frühlingsmorgen im Jahr 2046 erhebt sich in Wattwil eine aus dem Bett, in aller Ruhe. Es ist ein bisschen neblig draussen. Sie schaut eine Weile zum Fenster hinaus ins halbdurchsichtige Weiss. Da wird ihr ganz wohl. Ins Kultimulti-Lernstudio in der alten Kantonsschule wird sie erst am Nachmittag gehen. Zwei Stunden Geldverdienen pro Tag sind genug. Es haben ja alle ein Grundeinkommen.

Sie deckt für sich und ihre fünf MitbewohnerInnen den Frühstückstisch. Nein, das lässt sie nicht den Roboter machen, denn es macht ihr Freude. Müesli aus Toggenburger Getreideflocken gibt es zum Frühstück, mit Joghurt von der Nachbarschaftsgeiss und Trockenfrüchten aus dem interkulturellen Garten. – Und da geht sie dann auch hin, nach dem Frühstück: in einen der vielen interkulturellen Gärten, die es jetzt am Thurbord, neben dem Kino Passerelle, auf dem Kirchendach und auf der alten Wilerstraße gibt. Die Birnbäume blühen noch nicht. Aber die Winterzwiebeln haben schon gut ausgetrieben, und der Rosmarin ist zum Glück nicht erfroren.

Schon vor dreißig Jahren haben die Toggenburgerinnen und Toggenburger aus aller Welt nämlich angefangen, gemeinsam Gärten anzulegen, überall, wo Platz und guter Boden ist. Hier gibt es ja so viele Leute, die wissen, wie Gärtnern geht. Sie haben alle ihr Wissen großzügig zur Verfügung gestellt. Andere haben anderes beigetragen: Buchhaltung, Vermarktung, Gartenarbeit nach Anleitung. Im Sommer ist Wattwil jetzt ein wahres Blumenparadies, und alle ernten ihr Gemüse dort, wo sie im Frühjahr mit den Nachbarinnen und Nachbarn aus aller Welt gesät und gepflanzt haben.

Ins Tessin und nach Italien fahren die Toggenburgerinnen und Toggenburger immer noch gerne. Ab und zu. Sie fahren ganz gemütlich mit dem Solarmobil oder mit der Swissmetro, denn sie haben ja Zeit und viel Ferien. Die wenigen Lastwagen, die es noch braucht, kommen mit dem Zug durch den NEAT-Tunnel. Bald wird es gar keine Lastwagen mehr geben, denn der Warentransport per Solarbahn läuft prima…

Liebe Toggenburgerinnen und Toggenburger, woher auch immer ihr stammt. Ich würde gerne noch lange so weiter erzählen. Aber ihr seid ja alle selber kreativ und unternehmungslustig. Denkt selber weiter am Szenario Nummer zwei. Eine zweite Röhre durch den Gotthard brauchen wir dafür definitiv nicht.

Danke fürs Zuhören!

(Wattwil, 13. Februar 2016)

 

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