Ich bin oft neidisch…

zum Beispiel auf Fallschirmspringerinnen. Der ultimative Kick, auf 4000 Metern Höhe aus einem Flugzeug zu springen, dann 50 Sekunden freien Fall zu erleben und schließlich, vom Schirm getragen, sanft zur Erde zu schweben, wird mir versagt bleiben. Dabei müsste ich mich nicht einmal alleine trauen. Anfängerinnen und Schnupperspringer fliegen im Tandem, fest an eine Lehrperson geschnallt. Vor ein paar Jahren aber wurde mir klar: ich hätte das zwar gern erlebt, aber die Angst ist und bleibt grösser als die Lust. Was nicht heißt, dass der Neid auf die wagemutigen Springerinnen je ganz verschwinden wird…

Lange war ich neidisch auf Miteuropäerinnen, die nach Afrika reisen. Kurz vor meinem fünfzigsten Geburtstag traf ich wieder einmal eine von ihnen. Sie erzählte begeistert von ihrem Jahr in Togo, von der ängstlichen Orientierungslosigkeit am Anfang, die sich allmählich in etwas wie Liebe gewandelt habe, von der produktiven Verunsicherung, die sie gelehrt habe, ihren europäischen Alltag dauerhaft neu zu sehen. Je feuriger sie redete, desto zorniger wurde ich. Warum? Worauf? Nicht auf sie (das wurde mir aber erst später klar), sondern auf mich, die ich in einem unfruchtbaren Neid feststeckte. – Irgendwann buchte ich dann meinen ersten Flug nach Kinshasa. Ich blieb vier Monate dort. Inzwischen bin ich dreimal in die Hauptstadt der Demokratischen Republik Kongo zurückgekehrt. Das Eintauchen in die unübersichtliche Megacity, die Begegnung mit Menschen, die inzwischen zu Freundinnen und Freunden geworden sind, hat mich tatsächlich gelehrt, meinen getakteten Alltag und die ganze Welt fruchtbar anders zu sehen. Jetzt schreiben wir ein Buch zusammen: europäische und afrikanische Theologinnen.

Am Anfang also war der Neid auf Afrikareisende. Er hat sich in eine reiche Erfahrung gewandelt und bringt immer noch Neues in die Welt.

 Mindestens zwei Neide…

…gibt es: Es gibt einen Neid, der bleibt, weil jedes menschliche Leben begrenzt ist. Zwar könnte ich viele meiner persönlichen Grenzen noch jederzeit überschreiten: Ich könnte mit neunundfünfzig Jahren noch Arabisch oder den Kopfsprung lernen, ich könnte nach Buenos Aires ziehen. Aber ich tu’s nicht. Die Sehnsucht ist nicht stark genug. Vielleicht geht der bleibende Neid eines Tages eine Liaison mit der Altersmilde ein? – Und es gibt den Neid, der in schöpferische Grenzüberschreitung mündet: Eine Freundin hat nach ihrer Pensionierung eine Ausbildung zur Clownin begonnen, eine andere hat ihre Stelle gekündigt, weil die Lust auf eine Freiheit, die andere sich schon erlauben, groß genug wurde. Jetzt verdient sie weniger Geld und ist mehr eins mit sich selbst – bis ein neuer Neid sie wieder aus alter Gewohnheit erlöst.

Bedeutet das nun, dass mutiges Tun seinen Anfang immer in einem negativen Gefühl nehmen muss? Im Hadern mit einer anderen Person zum Beispiel, die etwas schon gewagt hat, was ich mir immer noch nicht zutraue? Im Zorn auf die eigene Trägheit?  – Oder ist der Neid vielleicht gar nicht so verwerflich, wie man mir einreden will? Ist es denn von Übel, wenn ich mir über die Stärke und die Richtung meines eigenen Wollens klar werde, indem ich es daran messe, was andere tun? Sind wir nicht ohnehin ständig aufeinander bezogen, einander anziehend und abstoßend, herausfordernd, korrigierend, leitend, ins Neue hinein liebend?

Auch ich meine, dass Neid meistens auf etwas anderes verweist. Aber ich bin nicht, wie Martin Werlen, der Meinung, dass er immer „eine Warnlampe (ist), die signalisiert, dass jemand Hilfe braucht, sich selbst anzunehmen.“ Meiner Erfahrung nach zeigen Neidgefühle oft an, dass eine Person etwas Neues ausprobieren möchte. Und dass die Zeit dafür gekommen ist.

 Ich schlage vor…

…, dass wir dem Neid den Plural schenken: dass wir also in Zukunft zwischen verschiedenen Neiden unterscheiden. Es gibt nämlich tatsächlich viele: destruktive, überstürzte, konstruktive, verzweifelte, tragische, kultivierte, gelassene, kreative, witzige, weise und noch viel mehr Neide. Die vermeintliche Untugend Neid in den Plural zu entlassen, würde uns dazu befreien, den einen Neid in einen anderen zu verwandeln. Das geht zum Beispiel so: Zuerst erkenne ich, dass da ein unangenehmes Gefühl ist. Das unangenehme Gefühl besteht darin, dass ich etwas will, was eine andere hat. Dann lasse ich mich befragen oder befrage ich mich selbst: Wie sehr will ich, was die andere hat? Warum will ich es? Weil es sich so gehört? Weil es cool wäre, Bilder von meinem Fallschirmsprung auf Facebook zu posten? Weil man sich heutzutage gefälligst permanent selbst zu optimieren hat? Oder weil ich wirklich einmal im Leben 50 Sekunden freien Fall erleben will? Ist mein Wollen stark genug, um es in ein Tun zu verwandeln? Oder könnte sich dieser spontane Neid in einen gelassenen verwandeln? In die Einsicht, dass ich niemals alles machen kann, was ich machen will? In einen neugierigen Neid, der das Gespräch sucht mit der Nachbarin, die Arabisch kann? Vielleicht könnte sie ja übersetzen, was ich gern auf Arabisch sagen würde? Und ich würde dann vertrauensvoll zuhören, wie sie meine Worte in fremdartige Klänge verwandelt, die ich nicht verstehe – aber andere?

Vor zwei Jahren habe ich angefangen, Akkordeon spielen zu lernen. Da war wieder einmal ein Neid auf Leute, die das schon können, groß genug. Jetzt übe ich täglich. Ich werde immer besser und fange an, mit meiner neuartigen Fähigkeit Freude zu verbreiten.

(Dieser Text ist, redaktionell leicht verändert und ohne den Kommentar zum Text von Martin Werlen, zuerst erschienen in: Magazin Bildungskirche 3/2015, 4-7)

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