Mannschaftsdiskurs

Zu: Thomas Beschorner, Peter Ulrich, Florian Wettstein (Hrsg.), St. Galler Wirtschaftsethik. Programmatik, Positionen, Perspektiven, Marburg (Metropolis Verlag) 2015

IMGP0022

„Tollkühn“(30) nennt Peter Ulrich rückblickend die Habilitationsschrift, zu der er, der scheue Achtundsechziger, im Jahr 1979 ansetzte und die ihn dazu qualifizierte, zehn Jahre später erster Direktor des IWE-HSG (Institut für Wirtschaftsethik der Universität St. Gallen) zu werden. – Selbst wer einräumt, dass am IWE alles irgendwie vielleicht ein bisschen ironisch gemeint sein könnte, wundert sich ob solcher Selbstheroisierung, handelt es sich bei Ulrichs Schrift doch um eine aus heutiger Sicht eher harmlose Studie zur „Transformation der ökonomischen Vernunft“.(30) Dennoch scheinen auch nach fünfundzwanzig Jahren die von der kritischen Theorie Habermas’scher Prägung inspirierten Gründungsgestalten des IWE und der dort inzwischen entwickelten „Integrativen Wirtschaftsethik“ vor allem den eigenen Heldenmut feiern zu wollen, mit dem sie sich im Jahr 1989 mannhaft in die Höhle des gefährlich unbelehrbaren neoliberalen Löwen auf dem St. Galler Rosenberg gestürzt haben:

Erbfolgekrieg

Inzwischen ist Peter Ulrich, seinerseits Sohn des bis 1985 ebenfalls an der Universität St. Gallen lehrenden Betriebswirtschaftlers Hans Ulrich, pensioniert. Worum es im vorliegenden Band, der die Jubiläumstagung des IWE dokumentiert, neben der Selbstbejubelung sonst noch geht, ist deshalb schnell erzählt: Verfeindete Buben streiten um die Nachfolge, indem sie, wie schon oft in der Geschichte, das Spiel der guten und der bösen Söhne aufführen, die sich in diskursive „…Todesgefahr begeben, um die Beute der Wahrheit einzufangen“[1]: Während die Gefolgsleute des Gründervaters eisern am Modell der Grundlagenkritik einer sich nach wie vor wider alle Vernunft wertfrei gebenden ökonomistischen Ideologie festhalten, hat sich ein feindliches Lager aus „Kulturalisten“ zusammengerottet, die der „ganz und gar vermessene(n) Annahme“ (Thielemann 364) aufsitzen, Kapitalisten könnten sich ohne permanente externe Fundamentalkritik, gar angeleitet von moralischen „Gefühlen“ und alltäglichen „Praxen“ (was soll das sein?) von innen her zu Menschenfreunden wandeln. Über 340 Seiten zieht sich das Mannschaftsspiel hin: Angetrieben von Hardlinern (Thielemann contra Pfriem), zeitweise verlangsamt durch die eher Coolen(Beschorner, Wettstein…), vergeblich zur Mäßigung aufgerufen von behäbig-streitbaren Senioren (Enderle, Mastronardi), endet es schließlich im quälenden Patt. Nach geschlagener Schlacht nennt man sich dennoch in einmütiger Selbstzufriedenheit „kritisch-konstruktiv und kontrovers“ (16) und ist, wie schon zuvor, vor allem stolz auf den eigenen Kampfgeist.

Es könnte, so sinniert die an einem guten und gerechten Zusammenleben aller Menschen im verletzlichen Kosmos Erde – und damit am Fortschreiten ethischer Diskurse – aufrichtig interessierte Leserin, in diesem rituellen Brüderkrieg vielleicht auch um etwas ganz anderes gehen: um Fußball zum Beispiel, oder um kontroverse Kulinarik?

Schwester auf verlorenem Posten

Wenn verfeindete Brüder streiten, gibt es, wie schon die Kirchengeschichte lehrt, wenig Raum für eher nicht nachfolgeberechtigte, da systemextern in der „Lebenswelt“ ausreichend beschäftigte, zu beschützende und zu hofierende Schwestern. Die einzige Fachkollegin, die man, vermutlich aus Angst vor Gender-Reputationsverlust, schließlich doch in den Kreis der noch hegemonialen Ulriche und der beherzt attackierenden Thomasse eingelassen hat, heißt vorsichtshalber Ulrike: Auf zwanzig Seiten, im Sektor „Beobachtungen und Kommentare“, darf Ulrike Knobloch, von 1990 bis 1995 Peter Ulrichs Assistentin, seither in wechselnden befristeten Arbeitsverhältnissen fachfremd tätig, wenn’s denn unbedingt sein muss, komprimieren, was es aus geschlechtertheoretischer Sicht zum St. Galler Diskurs zu fragen und zu sagen gibt: Warum wird eine Geschlechterforscherin in der St. Galler Wirtschaftsethik wie selbstverständlich marginalisiert, sprich: an der Habilitation gehindert? Könnte es trotzdem Sinn ergeben, eine geschlechterbewusste Wirtschaftsethik zu entwickeln? Müsste man dazu, bevor man sich im Kampf um epistemologische Positionen und methodologische Details aufreibt, allererst über den Gegenstandsbereich der so genannten Wirtschaftsethik, die sich vorerst fraglos mit Unternehmens- beziehungsweise Businessethik gleichsetzt, nachdenken? Warum lässt die „integrative“ Wirtschaftsethik, ganz ebenso wie der von ihr seit Jahrzehnten attackierte „Ökonomismus“ (zu griechisch Oiko-Nomia, Lehre vom Haushalt) ausgerechnet die Privathaushalte – abgesehen von der Konsumfunktion – und damit mehr als die Hälfte des Wirtschaftsgeschehens einfach unbeachtet? Warum begehen Grundlagenkritiker und Kulturalisten in grosser Einmütigkeit hinsichtlich der Geschlechterverhältnisse und der Care-Leistungen notorisch das, was Peter Ulrich bei seinen Gegnern immer wieder als „Reflexionsstop“ geisselt? Sollte, was man unermüdlich als „Ökonomisierung der Lebenswelt“ kritisiert, nicht präziser „Vermarktlichung, Monetarisierung, Kapitalisierung oder Finanzialisierung der Lebenswelt“(272) heißen? Schließlich: Wer wird sich der angestauten Forschungsdesiderate aus dem Care-Sektor endlich annehmen, wenn noch immer routinemäßig „die tradierten Geschlechterverhältnisse einfach als gegeben vorausgesetzt“(274) statt einer wirtschaftsethischen Analyse unterzogen werden? Sollen wir freischaffenden oder befristet fachfremd angestellten Wirtschaftsethikerinnen das weiterhin in unserer „Freizeit“ tun?

Minimale Antwortlichkeit

Eine Resonanz auf Ulrike Knoblochs gravierende Einwände gegen das gesamte bisherige Unternehmen (St. Galler) Wirtschaftsethik lässt sich im Buch an genau drei Stellen dingfest machen: Erstens: Peter Ulrich schreibt im zweiten Teil seines zweiten Artikels zuweilen „Bürger_innen“ statt „Bürger“ (299) und behauptet in einer Fußnote gegen Knobloch, der Begriff „Wirtschaftsbürger“ ziele doch gerade auf „eine Integration des Wirtschaftens in die Lebenswelt“. (295) Zweitens: Thomas Beschorner versichert in drei Zeilen, von denen ein Exeget in hundert Jahren gewiss mit guten Gründen annehmen wird, sie seien nachträglich eingefügt, „Perspektiven einer feministischen Ökonomie“ ließen sich auf der normativen Handlungsebene doch „problemlos“ integrieren. (326) Drittens: Reinhard Pfriem widmet in seinem abschließenden Reflexionstext den „Geschlechter- und andere(n) Perspektiven“ immerhin zweieinhalb Seiten (348-350), in denen er die von Knobloch beschriebenen Verhältnisse als „absolut korrekturbedürftig“(349) bezeichnet, um allerdings gleich hinzuzufügen, ihm sei nicht bekannt, „dass Hewlett Packard unter Carly Fiorina … signifikant anders geführt worden wäre…“. (ebd.) Sollen wir daraus schließen, dass Frauen ein Anrecht auf gleichberechtigte Beteiligung und Weltgestaltung nur dann haben, wenn sie sich gefälligst schleunigst als die besseren Menschen erweisen?

Kürzlich wurde in Burgdorf ein privates „Schweizerisches Institut für Männer- und Geschlechterfragen“ gegründet. Vielleicht sollten die hochdotierten Wahrheitsjäger und –sammler vom St. Galler Rosenberg sich gelegentlich dort nach einem Coach umsehen?

[1] Wanda Tommasi, zitiert in: Antje Schrupp, Politik verkörpern statt Stellung beziehen, in: Ina Praetorius Hg., Sich in Beziehung setzen. Zur Weltsicht der Freiheit in Bezogenheit, Königstein/Taunus 2005, 37-48, hier: 37.

Advertisements
Nächster Beitrag
Hinterlasse einen Kommentar

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: