Wie weiter nach der Einreichung der Volksinitiative?

Zwanzigstes Gespräch über das bedingungslose Grundeinkommen

Beate Fehle: Es ist ja schon beeindruckend, dass das Schweizer Stimmvolk in ein paar Jahren darüber abstimmen wird, ob es ein bedingungsloses Grundeinkommen einführen will…

Ina Praetorius: Ja.

Beate Fehle: Wie geht es weiter nach dem Goldbad auf dem Berner Bundesplatz?

Ina Praetorius: Jetzt kommt die Zeit der differenzierten Argumentationen. Darauf freue ich mich. Eine breite öffentliche Kampagne, bei der es darum geht, viele Leute mit schlichten Parolen zu überzeugen, ist in der Schweiz erst wieder dran, wenn die Volksabstimmung unmittelbar bevorsteht.

Beate Fehle: Was meinst du mit „differenzierten Argumentationen“?

Ina Praetorius: Mir fällt zum Beispiel auf, dass viele Leute auf die Initiative mit dem Satz reagieren: „Ich wäre schon für das Grundeinkommen, aber nur wenn…“ Am 28. September etwa habe ich im Romerohaus Luzern mit dem Soziologen Ueli Mäder diskutiert. Er befürwortet das Grundeinkommen, aber nur, wenn es die bestehenden Schweizer Sozialwerke nicht ersetzt, sondern an sie anschliesst. Er denkt dabei an einen Ausbau der „Ergänzungsleistungen“. Oder: Rudolph Strahm schrieb am 1. Oktober in einer Kolumne: „Eine Form von Grundeinkommenssicherung etwa für ältere Menschen könnte ich mir vorstellen, weil immer mehr vor dem Ende ihres Arbeitslebens … aus dem Arbeitsmarkt hinaus gedrängt werden.“ Auch Irene Varga schlägt in einem BGE-Gespräch vor, das Rentenalter zu senken, also bei der schrittweisen Einführung eines sozialen Grundeinkommens mit den älteren, erfahrenen Menschen zu beginnen. Rudolph Strahm und andere begrüssen auch den Impuls der Initiative, die staatlichen Transferleistungen übersichtlicher zu gestalten, also Bürokratie abzubauen. Andere, die meisten eigentlich und auch ich, halten das Grundeinkommen nur für sinnvoll, wenn es in den Rahmen der weltweiten sozialen und ökologischen Problematik gestellt wird. Sie wünschen sich eine entsprechend ausgeweitete Diskussion. Dass ich selber das BGE von Anfang an nur als postpatriarchales Projekt, also in Verbindung mit einer Neudefinition von grundlegenden Begriffen wie „Wirtschaft“, „Arbeit“, „Fürsorgeabhängigkeit“ etc. befürworte, ist längst bekannt. Auch in der internationalen Debatte steht die Frage nach dem Zusammenhang zwischen dem Grundeinkommen und dem Ende der geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung auf der Tagesordnung. In Ulm zum Beispiel gab es dazu kürzlich eine interessante Veranstaltung und eine Radiosendung.

Beate Fehle: Du möchtest mit den Leuten, die solche „Ja-Aber-Positionen“ vertreten, ins Gespräch kommen?

Ina Praetorius: Ja, mit vielen von ihnen bin ich schon im Gespräch, und dafür haben wir jetzt zum Glück genügend Zeit. Mir ist wichtig, nicht von bestimmten Modellen, sondern vom zentralen Anliegen des Projekts „bedingungsloses Grundeinkommen“ auszugehen: Es geht darum, allen Menschen ihre Existenz auf einem Basisniveau zu sichern, unabhängig davon, ob sie in die Schule gehen, Kinder erziehen, ältere Menschen betreuen, Erfindungen machen, Lebensmittel erzeugen, Bilder malen oder sonstwie das menschliche Zusammenleben nähren. Wie können wir das am besten erreichen, und zwar weltweit, in ganz unterschiedlichen Kontexten? Das ist die Frage, auf die ich mich in der kommenden Zeit wieder konzentrieren will.

Beate Fehle: Das bedeutet viel Denkarbeit?

Ina Praetorius: Ja, viel Klärungsarbeit. Die Debatten im Umfeld des Grundeinkommens enthüllen ja ein grossartiges postpatriarchales Durcheinander hinsichtlich der Begriffe, mit denen wir ständig hantieren, als seien sie eindeutig definiert. Kürzlich zum Beispiel stand im Zürcher „Tagesanzeiger“, Oswald Sigg wolle „… mit der Initiative aufzeigen, dass 50 Prozent der Arbeitsleistungen in der Schweiz freiwillig geleistet würden.“ Wahrscheinlich meint der Autor, Anton Schaller, dass Oswald  Sigg auf den Wert der unbezahlten Care-Arbeit hinweisen möchte, was tatsächlich der Fall ist. Wenn er aber die unbezahlte notwendige Arbeit mit freiwilliger Arbeit verwechselt, dann sagt er damit zwei lustige Dinge gleichzeitig. Nämlich erstens, dass bezahlte Arbeit nicht freiwillig ist. Das ist doch interessant, oder? Und zweitens, dass unbezahlte Fürsorgearbeit freiwillig ist. Freiwillige Arbeit ist nun aber, wie zum Beispiel der Arbeitspsychologe Theo Wehner immer wieder betont, dadurch gekennzeichnet, dass ich sie jederzeit beenden kann, wenn ich keine Lust mehr habe. Was passiert aber, zum Beispiel, wenn jemand einfach aufhört, die eigene demente Mutter zu versorgen? Solche Verwechslungen und Unschärfen passieren ständig. Hier und hier zum Beispiel habe ich auch schon darauf hingewiesen.

Beate Fehle: Ja tatsächlich, da scheint es erheblichen terminologischen Klärungsbedarf zu geben.

Ina Praetorius: Allen, die sich an dieser wichtigen Arbeit beteiligen wollen, empfehle ich das „ABC des guten Lebens“ zur Lektüre. In diesem kleinen Buch stehen viele Vorschläge, wie sich unser Sprechen in der Zeit des ausgehenden Patriarchats neu ordnen lässt, sodass wir allmählich wieder wissen, wovon wir eigentlich reden.

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2 Kommentare

  1. Es ist so schön, was sich da in der Schweiz zur Zeit bewegt. Schweizer Leute sind einfach so engagiert rund um das BGE.

    Was leider gelegentlich in Sachen Begrifflichkeit (und nicht nur dort) ebenfalls fehlt, ist eine freundschaftliche und friedliche Entspanntheit und eine Vielheit an grenzüberschreitenden Kooperationen auf dem Weg zu einem internationalen BGE. Grüße aus D

    Antwort

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