Goldbad auf dem Bundesplatz

Neunzehntes Gespräch über das bedingungslose Grundeinkommen

Gruppenbild mit Damen

Beate Fehle: Gestern um die Mittagszeit wurde die „Volksinitiative für ein bedingungsloses Grundeinkommen“ in Bern eingereicht. Wer nicht ganz medienlos lebt, hat es ziemlich schnell an den spektakulären Bildern gemerkt, die schon wenige Stunden später im Netz oder im „Blick am Abend“ erschienen. Wie war’s?

Ina Praetorius: Zehn Minuten, bevor ich gestern im Morgengrauen auf den Zug gespeedet bin, hatte ich noch die Pressemeldung der „Generation Grundeinkommen“ in der Mailbox. Interessanterweise hatte man mich nämlich – als Mitfrau im Initiativkomitee – nicht vorher über die Planungen zum 4. Oktober informiert. Ich hatte zwar Gerüchte gehört, dass grosse Dinge geschehen würden, mehr aber nicht. – Zum Glück hatte ich dann wenigstens drei Stunden Zeit, um mich innerlich auf einen Bundesplatz voller Goldstücke vorzubereiten. Ab Zürich waren wir dann sieben Frauen aus der postpatriarchalen Szene, ab Bern Hauptbahnhof acht.

Beate Fehle: Und dann?

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Ina Praetorius: Es war umwerfend. Acht Millionen golden glänzende „Fünferli“ auf einem Haufen, für jede Einwohnerin und jeden Einwohner der Schweiz eines. In  den folgenden Stunden verwandelte sich der Berg in einen Teppich, eine Spielwiese, einen Picknickplatz, in eine Bühne für unsere postpatriarchale Message, eine Landkarte, mehrere Berge und Täler und noch viel mehr. Das war eine Performance der ausserordentlichen Art: politisch, unpolitisch, spektakulär, überraschend, spielerisch, engagiert – und nicht auf einen Nenner zu bringen. Dazwischen war ich immer wieder mit dem Herzen in Kinshasa und Lampedusa. Nun ja, es war intensiv.

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Beate Fehle: Und was habt ihr acht Unentwegten getan?

Ina Praetorius: Wir haben uns, wie alle anderen, in Szene gesetzt. Wir haben fotografiert, Leute kennengelernt, diskutiert, im Geld gewühlt, Münzen in Sektgläser gefüllt und herumgeworfen. Irgendwann habe ich noch eine 100-Franken-Note auf den Münzenberg drapiert. Ich wollte wissen, was passiert.

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Ein Mädchen hat den blauen Geldschein lange betrachtet und ihn dann in die Hosentasche gesteckt. Dann hat sie ihn wieder rausgeholt und hingelegt. Eine Mutter hat ratlos gefragt, was sie denn damit tun soll. Dann wurde der Blaue in Gold eingebuddelt. Keine Ahnung, wo er jetzt ist. Irgendjemandem wird er nützen. Es war ein Experiment. Es hätte sein können, dass andere sich anschliessen. Eine aus unserer Gruppe hat ihre Mütze mit Münzen gefüllt und hat in der Berner Innenstadt Fünferli verteilt. Wir haben aufgepasst, dass sie nicht von der Polizei abgeführt wird.

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Beate Fehle: Und wie war das für dich als dissidente Mitfrau im Initiativkomitee?

Ina auf dem Weg zur Bundeskanzlei

Ina Praetorius: Gut. Ich habe auch eine von den vielen Schachteln mit Unterschriften in die Bundeskanzlei getragen. Mir ist dabei ein Zitat von Luce Irigaray eingefallen:

„Nun, dann gilt es also, allen Sinn von oben nach unten, von hinten nach vorn zu kehren. Dann gilt es, den Sinn … zu erschüttern… Auch auf jenen weissen Stellen im Diskurs bewusst zu insistieren, die an die Orte ihres Ausschlusses erinnern, die in ihrer schweigenden Plastizität den Zusammenhang, die Verknüpfung und die kohärente Ausdehnung der etablierten Formen des Diskurses sichern. Sie abweichend einzusetzen, anders und woanders als da, wo sie erwartet werden, in Ellipsen und Eklipsen, die die logischen Raster des Leser-Schreibers zerlegen, seine Vernunft aus dem Gleis werfen, seinen Blick trüben, bis daraus ein unheilbares Doppeltsehen entsteht. Die Syntax umzustürzen, indem man ihre stets teleologische Ordnung durch Abreissen des Drahtes, Stromabschalten, …, durch Umkehren der Verkoppelungen … suspendiert, so dass man für lange Zeit nicht mehr vorhersehen kann, von wo, worauf hin, wann, wie, warum dies oder jenes geschieht…“ (Luce Irigaray  Speculum, Frankfurt 1980, 181)

Beate Fehle: Bahnhof.

Ina Praetorius: Ja, es hört sich kompliziert an. Aber es ist tatsächlich so, dass du als postpatriarchal Handelnde doppelt siehst oder sehen können musst. Götz Werner, mit dem ich gestern zum ersten Mal persönlich gesprochen habe, finde ich zum Beispiel gleichzeitig ganz genial und vollkommen eigenartig in sich gekehrt. Wo wären wir ohne sein Engagement fürs Grundeinkommen? Aber jedes Argument, das er nicht selbst schon gedacht hat, perlt an ihm ab wie Wasser an einem laminierten Plakat. Ok, das macht nichts. Er kann nichts dafür.

Götz Werner & die Frauen

Ich fange an, in gleichzeitigen Ungleichzeitigkeiten und in wechselnden Teilidentitäten zu denken. Ich bin gleichzeitig dissident und begeistert Teil des Ganzen. Das geht. Schliesslich übe ich seit Jahren, um alle Ecken herum geradeaus zu denken. Und es macht sehr viel Spass.

Beate Fehle: Wie geht es jetzt weiter?

Ina Praetorius: Von jetzt an unterscheidet sich die BGE-Debatte in der Schweiz noch mehr als bisher von den BGE-Debatten in anderen Ländern. Denn in ein paar Jahren wird es eine Volksabstimmung geben. Die Nervosität ist jetzt schon deutlich spürbar, zum Beispiel in der NZZ. Denn man kann heute nicht mehr damit rechnen, dass „verrückte“ Volksinitiativen haushoch abgelehnt werden. Die Anti-Minarett-Initiative war – also für mich – das Negativbeispiel, die Abzocker-Initiative das positive. Die Grundeinkommensinitiative tritt jetzt in die Gremienwelt ein: Parteien, Gewerkschaften, Verbände, Kirchen, Parlamente müssen sich ihre Meinung bilden, Stellungnahmen erarbeiten und allenfalls Gegenvorschläge entwickeln. Ab jetzt ist klar: Es handelt sich um eine Volksinitiative , nicht um ein Markenprodukt. Diese Volksinitiative gehört weder einem bestimmten Drogeriemarkt noch einem bestimmten Kaffeehaus, sondern den Schweizer Stimmbürgerinnen und Stimmbürgern.

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Beate Fehle: Ich hoffe, du hältst uns auf dem Laufenden.

Ina Praetorius: Ja klar.

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2 Kommentare

  1. Hat dies auf Walter Friedmann rebloggt und kommentierte:
    Grundeinkommen (19)

    Antwort
  1. Dreckarbeit – eine Spurensuche | DurchEinAnderBlog

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