Drei Fragen, drei Antworten

Vierzehntes Gespräch über das bedingungslose Grundeinkommen

Heute stellt Monika Stocker von der Redaktion der Zeitschrift „Neue Wege“ die Fragen an Ina Praetorius:

Monika Stocker: Für Sie ist die un- und unterbezahlte Sorgearbeit ein zentraler Punkt der Volksinitiative; Sie formulieren, dass das bedingungslose Grundeinkommen nur als postpatriarchales Projekt zu vertreten ist. Was heisst das?

Ina Praetorius: Auf den ersten Seiten jedes Lehrbuchs der Ökonomie steht, beim Wirtschaften gehe es um die Befriedigung menschlicher Bedürfnisse. Peter Ulrich, der St. Galler Wirtschaftsethiker, definiert zum Beispiel so: „Arbeitsteiliges Wirtschaften ist eine gesellschaftliche Veranstaltung zur Befriedigung menschlicher Bedürfnisse der Lebenserhaltung und der Lebensqualität.“ Dieser Definition zufolge müssten die un- oder unterbezahlten Sorgearbeiten, die von viel mehr Frauen als Männern täglich geleistet werden, das Zentrum der Ökonomie bilden. Tatsächlich werden sie aber von der Wissenschaft, den Medien, der Grundeinkommensdebatte und interessanterweise auch von Peter Ulrich an den Rand gedrängt oder ganz vergessen. Wohlgemerkt: es handelt sich laut dem statistischen Jahrbuch der Schweiz um ca. 50 Prozent aller gesellschaftlich notwendigen Tätigkeiten, also um den grössten Wirtschaftssektor. Ich bin nicht länger bereit, diese Art der Verdrängung mitzumachen. Deshalb habe ich schon vor meinem Eintritt ins Komitee erklärt, dass ich die Initiative nur unter der Bedingung unterstütze, dass wir gleichzeitig die Debatte darüber führen, was wir eigentlich unter „Wirtschaft“ und „Arbeit“ verstehen wollen. Eine Definition von Ökonomie, die die Sorgearbeit ausdrücklich ins Zentrum rückt, nenne ich „postpatriarchal“.

Monika Stocker: Wer heute „Wirtschaft“ sagt, meint „Geldwirtschaft“, und wer „Arbeit“ sagt, meint Erwerbsarbeit. Das sollten wir ändern?

Ina Praetorius: Ja. Die Care-Ökonomie, also die wissenschaftliche Erforschung der unbezahlten Hausarbeit und der haushaltsnahen Dienstleistungen – professionelle Pflege, Reinigung, Zuwendung etc. -, ist inzwischen einige Jahrzehnte alt. Sie ist aber immer noch nicht im Mainstream angekommen. Man weigert sich, zur Kenntnis zu nehmen, dass ohne umfassende Fürsorge die Grundlage allen Wirtschaftens entfallen würde, nämlich das so genannte „Humankapital“. Was wäre der Markt ohne die Menschen, die sich abends in ein gemachtes Bett legen, morgens ein frisch gewaschenes und gebügeltes Hemd anziehen und frühstücken, bevor sie sich auf den Weg zur „Arbeit“ machen? Wer von uns hätte als Säugling ohne die unbezahlte Arbeit der Mutter – oder eines anderen, fast sicher weiblichen Menschen – überlebt? Peter Ulrich und viele andere fassen den Care-Sektor kurzerhand unter dem Habermas’schen Begriff der „Lebenswelt“ zusammen und behaupten, es gehe da nicht um „Wirtschaft“, sondern um „Sinnfragen“. Diese Verdrehung der Tatsachen führt auf direktem Wege zu dem, was man dann staunend „Feminisierung der Armut“ nennt. Wenn wir nicht endlich in einer breiten Öffentlichkeit solche Fehlinterpretationen korrigieren, dann wird auch das bedingungslose Grundeinkommen nichts daran ändern, dass Frauen – je länger je mehr vor allem Migrantinnen – das Grundlegende stillschweigend tun, so als gehörten Weiblichkeit, Unsichtbarkeit und Mangel an Geld naturgemäss zusammen.

Monika Stocker: Nebst vielem an der Initiative ist das „Bedingungslose“ besonders herausfordernd. Sie finden deshalb, dass wir uns ausführlicher befassen müssten mit der theologischen Figur vom „bedingungslosen Ja GOTTES zu uns Menschen“. Wie ist das zu verstehen?

Ina Praetorius: Letztlich geht es in der Debatte um die Frage, wer wir als Menschen eigentlich sind und sein wollen. Glauben wir dem Dogma des (Neo-)Liberalismus, dass allen gedient ist, wenn nur jeder (und jede?) möglichst effizient ins eigene Portemonnaie wirtschaftet? Oder erkennen wir an, dass alle Menschen abhängig sind von Luft, Wasser, Erde und allem, was sie hervorbringen, von Liebe, Zuwendung, Tradition, Kultur und noch viel mehr? Vor allem die Theologie des 20. Jahrhunderts hat die im Liberalismus geradezu fulminant verdrängte allseitige Abhängigkeit jedes Menschen unter dem Begriff der „bedingungslosen Liebe Gottes“ gefasst. Man hat dabei allerdings vergessen zu sagen, dass wir nicht von einem „Herrn im Himmel“ abhängen, sondern vor allem von einander und von dem, was weniger fromme Menschen „Natur“ nennen. Ja: darüber, dass Freiheit nur in Abhängigkeit existiert, sollten wir dringend nachdenken. Denn nur wer sich bewusst ist, dass er oder sie ständig ganz viel geschenkt bekommt, wird auch tätig sein, wenn er oder sie nicht dafür bezahlt wird. Man kann die Tugend des Bezogenheitsbewusstseins oder der kultivierten Dankbarkeit nicht als „Bedingung“ für das Grundeinkommen formulieren. Aber sie wäre wohl die kulturelle Voraussetzung dafür, dass dieses anspruchsvolle Projekt gelingen kann. (Mehr zur Theologie des Grundeinkommens hier und hier).

(Dieses Gespräch ist zuerst erschienen in: Neue Wege 7/8/2013, 221f)


 

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