Bedingungslos? Ein Beitrag zur Theologie des Grundeinkommens

Vortrag, gehalten am 7. November 2012 im evangelisch-reformierten Kirchgemeindehaus Zürich-Neumünster

Seit dem 12. April 2012 ist die „Eidgenössische Volksinitiative für ein bedingungsloses Grundeinkommen“ offiziell unterwegs. Damals, am 12. April fand im Bundesmedienzentrum in Bern die Pressekonferenz zur Lancierung der Initiative statt. Ich lese Ihnen den Text vor, den die Initiantinnen und Initianten in der Bundesverfassung verankern möchten:

Art 110a (neu) Bedingungsloses Grundeinkommen

  1. 1.     Der Bund sorgt für die Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens.
  2. 2.     Das Grundeinkommen soll der ganzen Bevölkerung ein menschenwürdiges Dasein und die Teilnahme am öffentlichen Leben ermöglichen.
  3. 3.     Das Gesetz regelt insbesondere die Finanzierung und die Höhe des Grundeinkommens.

Vielleicht erinnern Sie sich: In den Tagen und Wochen vor und nach der Pressekonferenz gab es einen veritablen Medienhype inklusive zahlreiche Leitartikel, Personality-Shows, Tagesschau, Kulturplatz, Eco und Arena. Wie es bei solchen medialen Verdichtungen die Regel ist, war die Wortwahl nicht zimperlich, und zwar im Positiven wie im Negativen. Die Qualifizierungen der Volksinitiative und damit auch des Projekts „bedingungsloses Grundeinkommen“ reichten von „Spinnerei“, „Woodstock ohne Talent“, „haltlose Utopie“, „ein Witz“ bis hin zu „endlich einmal ein grundsätzliches Nachdenken“, „mutiges Zukunftsprojekt“, „genialer Schachzug“ etc.

Am 21. April feierten dann ein paar Hundert Leute im Zürcher „Schiffbau“ das Lancierungsfest. Und seither sammeln Menschen an vielen Orten, insbesondere in den grossen Städten, Unterschriften. Die Unterschriftensammlung verläuft nicht grandios, aber gut und kontinuierlich. Inzwischen sind ca. 40.000 Unterschriften beisammen. Im Oktober 2013 müssen es 100.000 sein, wenn die Initiative in ein paar Jahren vors Volk kommen soll. Es bleibt also noch einiges zu tun. Und was es zu tun gibt, das macht erstaunlich viel Spass:

Eine philosophische Volksinitiative

Ich selber bin ja eine unechte Schweizerin. Erst mit 32 Jahren hat man mich via Heirat „automatisch“ eingebürgert. Bis heute hat mich noch nie eine Volksinitiative so sehr interessiert, dass ich mich entschieden hätte, für sie Unterschriften zu sammeln. Aber jetzt ist es soweit, und ich bin begeistert. Denn es ist wahrlich ein maieutisches Gefühl. („Maieutik“, das ist die Hebammen-Gesprächskunst, die der unermüdliche Frager Sokratesvon seiner Lehrerin Diotima gelernt hat): Mit dem Unterschriftenbogen und einem Kugelschreiber in der Hand stehe ich zum Beispiel auf dem St. Galler Markt- oder dem Wattwiler Bahnhofsplatz. Ich fasse mir ein Herz, gehe auf irgendeinen Menschen zu, den ich noch nie gesehen habe, und beginne ein Gespräch über Grundfragen unserer Existenz: Was ist eigentlich Arbeit? Was ist Geld? Was ist Wohlstand? Welche Arbeit brauchen wir als Gemeinschaft, auf welche könnten wir verzichten? Sind wir Menschen tätige Wesen oder geborene Faulpelze? Warum kann man heute mit Waffenproduktion und Finanzspekulation viel Geld verdienen, nicht aber mit den Tätigkeiten, ohne die du als Säugling nicht überlebt hättest? Was ist der Sinn des Daseins in der Welt? Was kann ich, was willst du?

Hätte ich nicht diesen amtlich beglaubigten Bogen in der Hand, man würde mich für verrückt halten, aber mit dem Unterschriftenbogen habe ich einen ehrenwerten Status als Nutzerin meiner demokratischen Rechte. Ich finde das grossartig: diese Möglichkeit, Sinnfragen in den öffentlichen Raum zurück zu transportieren. Sie werden ja in unserer säkularisierten Kultur gewohnheitsmässig als „Privatsache“ gehandelt, sind aber im Grunde der Kern der Politik. Wie sollen wir denn tragfähige politische Entscheidungen fällen, wenn wir uns nicht über den Sinn des Ganzen verständigen?

Die Volksinititiative für das bedingungslose Grundeinkommen ist, was ich eine „philosophische Volksinitiative“ nenne, vergleichbar etwa mit den Initiativen für die Einführung des Frauenstimmrechts, der AHV, des Zivildienstes oder für die Abschaffung der Armee. Auch diesen Initiativen ging es, anders als pragmatischen oder polemischenInitiativen, um Sinn- und Zukunftsfragen: Wohin steuert unsere Gesellschaft? Wie wollen wir in Zukunft leben?

Tatsächlich betonen wir Initiantinnen und Initianten in der Öffentlichkeit immer wieder, dass es auch bei dieser Initiative nicht in erster Linie um Kampf und Sieg, sondern umNachdenklichkeit und Debatte geht. Wir sind ja keine Partei, sondern tatsächlich ein Haufen Spinnerinnen und Spinner aus unterschiedlichen Zusammenhängen: Anthroposophinnen sind dabei, die Rapperin Big Zis und viele andere Kunstschaffende, Grüne, Linke, Liberale, ich als postpatriarchale Theologin, der pensionierte Bundesratssprecher Oswald Sigg, der Kaffeehausbetreiber Daniel Häni… Was uns verbindet, ist keine Doktrin, sondern die Lust, über Grenzen und Scheinselbstverständlichkeiten hinaus zu denken, und zwar öffentlich. Die Initiative hat ja, ähnlich wie damals das Frauenstimmrecht oder die AHV, kaum eine Chance, auf den ersten Anlauf angenommen zu werden, und das ist gut so. Judith Giovanelli-Blocher, auch eine Befürworterin der Initiative, hat gesagt, dass sie sich darüber freue, denn es brauche noch viele Gespräche, bis diese neue Idee der bedingungslosen Existenzsicherung sich in den Köpfen und Herzen der Menschen so gesetzt habe, dass wir als Gesellschaft fähig seien, sie konstruktiv zu leben. Das finde ich auch. Und deshalb spreche ich auf der Strasse auch gern und lang mit Leuten, die mir von Anfang an sagen, sie würden nicht unterschreiben, weil sie zu viele Zweifel hätten. Zwar wünsche ich mir, dass wir die nötigen Unterschriften zusammen bekommen. Aber wenn nicht, dann sind wir eben noch nicht soweit und müssen einen neuen Anlauf nehmen.

Natürlich geht es bei den maieutisch angelegten Strassengesprächen auch oft schon um Fragen der Umsetzung. Die Schweizerinnen und Schweizer sind ja bekannt als ein pragmatisches Volk und wollen wissen: Wer soll das bezahlen? Wie soll die Finanzierung genau geregelt werden? Gibt es dafür überhaupt genug Geld? Und was passiert, wenn die Leute sich mit dem Grundeinkommen dann doch einfach auf die faule Haut legen? Oder wenn plötzlich alle nur noch Künstlerinnen sein wollen, aber nicht mehr Kondukteurinnen oder Altenpfleger? Wie sollen wir dann langfristig erwirtschaften, was wir brauchen, um einander das Grundeinkommen bedingungslos zu gewähren?

Solchen Fragen können wir als Initiantinnen und Initianten nicht ausweichen. Aber wir haben den Initiativtext trotzdem ganz offen formuliert, uns also nicht auf eine bestimmte Höhe des Grundeinkommens oder einen bestimmten Finanzierungsmodus festgelegt. Wir meinen, dass es heute vor allem darauf ankommt zu entscheiden, ob wir uns als Gesellschaft eine solche neue Art, Macht und Geld zu verteilen, überhaupt vorstellen können, und ob wir sie wollen. Wenn der politische Wille da ist, dann, so meinen wir, wird er auch umsetzbar sein. Denn wir sind ja heute in Europa schon soweit, dass allen ein Existenzminimum zusteht, dass also niemand mehr verhungert oder erfriert. Es geht also grundsätzlich nicht um „mehr Geld“, sondern um einen anderen Umgang mit dem Vorhandenen, letztlich um die Frage, ob wir einander zutrauen, dass wir auch ohne den Druck der Existenzangst das Notwendige und Sinnvolle tun.

Und deshalb will auch ich heute Abend bewusst nicht über Fragen der konkreten Umsetzung sprechen, sondern über Grundsätzliches nachdenken. Mehr noch: weil wir uns hier in einem kirchlichen Raum befinden und weil ich mit Begeisterung Theologin bin, will ich heute den Schwerpunkt meines Nachdenkens auf eine theologische Frage legen, die mich schon lange beschäftigt und mein Engagement für die Initiative nährt: Wie halten wir Christinnen und Christen es eigentlich mit unserem Vertrauen in die bedingungslose Liebe GOTTES? Was meinen wir damit? Gibt es zwischen diesem Vertrauen und der Idee des bedingungslosen Grundeinkommens eine Verbindung, die über die blosse begriffliche Koinzidenz hinaus weist? Oder nochmal anders ausgedrückt: Was bedeutet das Vertrauen in die bedingungslose Liebe GOTTES für unser menschliches Zusammenleben in einer Welt, in der niemand mehr ohne Geld leben kann?

Die protestantische Arbeitsmoral und die bedingungslose Liebe Gottes

Vielen Menschen fällt bei den Stichworten „Christentum“ und vor allem „Protestantismus“ nun allerdings zuerst etwas ganz anderes ein, nämlich: die berüchtigte „protestantische Arbeitsmoral“. Die gebildeteren wissen dazu sogar einen Namen zu nennen: Max Weber. Max Weber, der bekannte Soziologe (1864-1920), hat in einem seiner Hauptwerke „Die protestantische Ethik und der ‚Geist’ des Kapitalismus“ (1904) die These vertreten, dass es einen Zusammenhang gibt zwischen der calvinistischen Idee der Gnadenwahl Gottes und dem, was er die „innerweltliche Askese“ nennt. Etwas verkürzt ausgedrückt:  Seit der Genfer Reformation seien die Christen dabei, durch Fleiss, einen bedürfnislosen Lebensstil und die entsprechende  Kapitalakkumulation einander zu beweisen, wer von Gott zum ewigen Heil bestimmt sei und wer nicht. Und diese kollektive disziplinierte Haltung der Protestanten habe dann wesentlich zur Entstehung des Kapitalismus beigetragen.

Max Webers These gehört zu denjenigen, die immer und immer wiederholt werden, und zwar meist verkürzt. Mir scheint es manchmal so, als wolle man sich damit die unbequeme Frage vom Leibe halten, was in den biblisch-christlichen Traditionen sonst noch alles unterwegs ist und ob in ihnen vielleicht sogar etwas anderes wichtiger ist als Arbeitseifer. Ich selber habe die Probe aufs Exempel gemacht und im Jahr 2009 die ganze „Institutio Christianae Religionis“ von Calvin gelesen. Ich habe in diesem dicken Buch zwar viele Gedanken gefunden, die mir nicht besonders gefallen, nicht aber diese Vorstellung, dass Christen durch irdischen Reichtum ihre Erwählung zum ewigen Heil beweisen können. Vielleicht steht dieser Gedanke irgendwo anders im umfangreichen Werk des Reformators. Wenn er ihm aber derart wichtig wäre, dass sich gewissermassen sein ganzes Denken darauf reduzieren lässt, dann stünde er doch wahrscheinlich auch in seinem theologischen Hauptwerk. Im Übrigen hat Max Weber selber sich dagegen verwehrt, den Protestantismus auf die innerweltliche Askese zu reduzieren. Ganz abgesehen davon, dass die protestantische Tradition nicht nur aus Calvin besteht. Trotzdem: diese Meinung, der Kern des protestantischen Glaubens sei eine sture Arbeitsmoral, hält sich hartnäckig. Vielleicht können wir später darüber reden, warum das so ist.

Meine eigene Geschichte verläuft jedenfalls gegenläufig: von einer säkular auftretenden Leistungsethik zur Befreiung davon durch Vertrauen in die göttliche Barmherzigkeit. Was mich ursprünglich dazu motiviert hat, Theologin zu werden, ist gerade nicht die angeblich protestantische Arbeitswut, sondern die befreiende Einsicht, dass es vor aller Eigenleistung etwas Anderes gibt, nämlich ein unbedingtes Angenommensein und eine Fülle von Geschenken.

Das ging so: Ich bin nicht besonders christlich aufgewachsen. Mein Vater war schon lang vor meiner Geburt aus der lutherischen Kirche ausgetreten, aus mir unbekannten Gründen. Meine Mutter hatte sich in ihrer eigenen Jugend vom schwäbisch-pietistischen Erbe ihrer Familie emanzipiert. Beide waren, was man vielleicht „klassische Bildungsbürger“ nennen könnte: Meine Mutter war Pianistin und Fachfrau für alte Musik, mein Vater Architekt. Sie kannten beide kaum etwas Höheres als klassische eurozentrische Bildung: Bach, Mozart, Brahms, Keller, Fontane etc. Und es war vollkommen selbstverständlich, dass sie ihre beiden Töchter aufs humanistische Gymnasium schickten, wo Latein und Mathe zu pauken und ein möglichst glänzendes Abitur hinzulegen war, damit man dann ein schöngeistiges Studium beginnen konnte. Meine Mutter hat mir zwar tatsächlich ein Stück disziplinierter Arbeitsmoral eingeimpft. Womöglich konnte sie das gerade deshalb wirksam tun, weil sie ihren Leistungswillen nicht mehr wie ihre frommen Vorfahrinnen religiös begründete. Jedenfalls empfand ich es dann geradezu als eine Offenbarung, als mir, der fleissigen Philologiestudentin, eine entfernte evangelische Bekannte eines Tages beiläufig dies sagte: GOTT liebt uns dochbedingungslos, also ohne, dass wir uns durch besondere Leistungen hervortun müssen!Diesen Gedanken hatte ich tatsächlich nie bewusst im Religions- oder Konfirmandenunterricht gehört. Ich fand ihn dermassen begeisternd, dass ich mein Studienfach Anglistik fallen liess und fortan neben der Germanistik Theologie studierte.

Seit diesem entscheidenden Erlebnis hat mich niemand mehr überzeugen können, dass im Zentrum des christlichen Vertrauens etwas anderes stehen könnte als die bedingungslose Zuwendung dessen, was wir „Gott“ nennen, zu seinen oder ihren Geschöpfen.

Wo steht dieser Gedanke aber eigentlich in der Bibel? Und wo finden wir ihn in der theologischen Tradition?

Die bedingungslose Liebe GOTTES in Bibel und Theologie  

Als eigenständiges Stichwort lässt sich die „Bedingungslosigkeit“ kaum in theologischen Nachschlagewerken finden. Auch in der Bibel gibt es keinen Begriff, den die Übersetzerinnen und Übersetzer mit diesem deutschen Wort übersetzt haben. Lese ich hingegen neuere theologische Texte zu den Begriffen „Liebe“ oder „göttliche Liebe“ oder „Erbarmen“ oder „Barmherzigkeit“, so tauchen Attribute wie „bedingungslos“ oder „unbedingt“ meist schon in den ersten Zeilen auf. Zum Beispiel so:

„Das unbedingte Ja zum Menschen hat seinen Grund darin, dass die Macht des neuen Seins, die in Jesus Christus erschienen ist, von ihm Besitz ergriffen hat und ihn hält und trägt, bevor er es noch weiss, bevor er noch zu fragen, zu zweifeln und zu verzweifeln angefangen hat… Der Mensch muss nur bejahen, dass er bejaht ist. ‚Er muss die Bejahung bejahen.’“

(Heinz Zahrnt über Paul Tillich, in: Ders., Die Sache mit Gott. Die protestantische Theologie im 20. Jahrhundert, München 1970, 443)

Welche Erfahrung oder welche Sehnsucht steckt hinter diesen Begriffsverbindungen „bedingungslose Liebe“ oder „unbedingtes Ja“, mit denen Theologinnen und Theologen beschreiben, was ein wesentliches Merkmal der göttlichen Wirklichkeit in biblischer Tradition zu sein scheint? Ich meine, es ist eine Erfahrung und eine Sehnsucht.

Die Erfahrung möchte ich zuerst in einem Psalmtext und dann in den Worten Calvins ausdrücken, gerade weil man ihm nicht zutrauen würde, dass er sie so schön zur Sprache bringt:

Ich lese zuerst die Verse 6 bis 10a aus dem Psalm 36, und zwar aus der „Bibel in gerechter Sprache“:

EWIGE, bis über den Himmel hinaus reicht deine Freundlichkeit,
deine Verlässlichkeit bis zu den Wolken. …
Mensch und Tier befreist du, EWIGE.
Wie kostbar ist deine Freundlichkeit, GOTT!
Menschen bergen sich im Schatten deiner Flügel.
Sie sättigen sich an der Fülle deines Hauses.
Vom Bach deiner Freude lässt du sie trinken.
Denn bei dir ist die Quelle des Lebens.
(Ps 36, 6-10a BigS)

Und jetzt Calvin:

„Wohin man die Augen blicken lässt, es ist ringsum kein Teilchen der Welt, in dem nicht wenigstens irgendwelche Fünklein seiner Herrlichkeit zu sehen wären! Man kann dieses gewaltige, wundervolle Gebäude, das ringsum daliegt, gar nicht mit einem Blick erschauen, ohne unter der Gewalt dieses unermesslichen Glanzes zusammenzusinken.“

(Johannes Calvin, Unterricht in der christlichen Religion (1559), Neukirchen-Vluyn 2008, 30)

Der Psalmist und Calvin staunen darüber, dass die Welt, also für sie: die Schöpfung GOTTES und damit GOTT selbst, unüberschaubar gross und grosszügig ist. Bevor ich mich überhaupt bewusst als Geschöpf, als tätiger Mensch wahrnehmen kann, habe ich schon unendlich viel geschenkt bekommen, und dieses Beschenktwerden setzt sich in jeder Minute meines Lebens fort, wie das Atmen. Wäre es nicht so, ich wäre nicht mehr am Leben.

Was habe ich geschenkt bekommen? Eigentlich alles, was ich bin und habe: Nahrung, Schutz, Schönheit, Geborgenheit, die Zuwendung meiner Mitmenschen, zuallererst die meiner Mutter, die mich neun Monate lang in sich herumgetragen hat, Tradition, Sprache, Moral und noch viel mehr. Wer könnte zum Beispiel selbst einen Wassertropfen herstellen, oder eine Kartoffel? Wer könnte sich im Ernst die eigene Gesundheit, Schönheit oder Intelligenz selbst zuschreiben? Diese Erfahrung des umfassenden Genährtseins ist es, so meine ich, die Menschen dazu bringt,  die umfassende Liebe GOTTES zu loben.

Und gleichzeitig ist sie eine Sehnsucht. Denn wir kennen ja auch anderes: die Erfahrungen von Ablehnung, Gefahr, Leiden, von unendlicher ermüdender Arbeit, von Sinnlosigkeit und Verzweiflung. Heute nennt man das zum Beispiel: Stress, Konkurrenz- und Leistungsdruck, Hamsterrad, Depression, Ausgebranntsein, Burnout. – Psychologen sprechen manchmal von „Regression“, wenn sie den Wunsch benennen, sich aus all dem Leid, aus der Fülle bedrückender Nachrichten über Klimawandel und Schweinegrippe, Krieg und Hungernöte einfach zurückzuziehen und nichts mehr wissen zu wollen. Wohin zurückzuziehen? Zum Beispiel in eine Wellnessoase, in ein warmes Bett oder ein Thermalbad, in dem ich alles vergessen kann. Oder dann eben in den bergenden Mutterbauch einer Kirche, wo ich einfach dasitzen und schweigen kann und wo ich allmählich wieder spüre: doch, der tragende Grund ist immer noch da. Oder mit den Worten des Paulus, wieder in der Übersetzung der BigS:

Denn ich verlasse mich darauf: Weder Tod noch Leben, weder himmlische noch staatliche Mächte, weder die gegenwärtige Zeit noch das, was auf uns zukommt, weder Gewalten der Höhe noch Gewalten der Tiefe, noch irgendein anderes Geschöpf können uns von der Liebe GOTTES trennen, die im Messias Jesus lebendig ist, dem wir gehören.

(Röm 8, 38f, BigS)

Interessant ist, dass der hebräische Begriff für das umfassende göttliche Erbarmen mit dem Wort für „Mutterleib“, „Gebärmutter“ verwandt ist: Rähäm heisst Mutterleib, undRahamim ist das Erbarmen. Und diese etymologische Verbindung besteht auch im Arabischen. Auch im Koran ist der häufigste Name für Allah: ar-Rahman bzw. Ar-Rahim: Allerbarmer, Allbarmherziger. Mutterbauch-GOTT. Der tragende Grund, der immer da ist und bleibt:

„113 der 114 koranischen Suren beginnen mit der Formel ‚Im Namen Gottes, des Allbarmherzigen, des Allerbarmers‘. … Der Koran … stellt die Barmherzigkeit nicht nur als Attribut Gottes, sondern als Wesenseigenschaft Gottes dar, die von Gott nicht getrennt werden kann, ja er setzt sie Gott gleich.“

(Mouhanad Khorchide, Islam ist Barmherzigkeit. Grundzüge einer modernen Religion, Freiburg i.Br. 2012, 35)

Dieselbe Aussage ist konzentriert in dem, was christliche Theologinnen und Theologen die „Gnadenformel“ nennen:

ICH-BIN-DA. Ein mitfühlender, gnädiger GOTT bin ich, langmütig, treu und wahrhaftig.

(Ex 34, 6, BigS)

Jesus Christus und die annehmende Liebe GOTTES

 Im Christentum wird das göttliche All-Erbarmen mit der Person und dem Lebensweg Jesu Christi verbunden. Ich lese dazu noch einmal dieselbe Stelle aus dem Römerbrief, diesmal in der Ihnen vermutlich vertrauteren Übersetzung der Zürcher Bibel:

Denn ich bin mir gewiss: weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges noch Gewalten, weder Hohes noch Tiefes noch irgendein anderes Geschöpf vermag uns zu scheiden von der Liebe GOTTES, die in Christus Jesus ist, unserem Herrn.(Röm 38, 8f NZ)

Was bedeutet das: Die Liebe Gottes ist „in Christus Jesus, unserem Herrn“?

Diese Aussage bezieht sich zunächst einmal einfach auf die Tatsache, dass die Zeitgenossinnen und Zeitgenossen des Jesus von Nazaret in diesem jungen Zimmermann und Wanderprediger etwas von der bedingungslosen Liebe GOTTES gespürt haben müssen. Viele der bekannten Geschichten, die Jesus erzählt haben soll, handeln von dieser beglückenden Bewegung der immer neuen Zuwendung: Der verlorene Sohn, der barmherzige Samariter, die Arbeiter im Weinberg, die Bergpredigt… Und viele seiner Begegnungen vor allem mit Randständigen, Kranken und Ausgegrenzten scheinen die göttliche Zuwendung in zwischenmenschliche Handlungen zu übersetzen.

Das exzentrisch weltzugewandte Leben des Jesus von Nazaret hat mit einer gewissen Konsequenz, wenn auch nicht mit absoluter Notwendigkeit, zum Todesurteil geführt. In den Geschichten von der Auferstehung, später in den kirchlichen Dogmen vom rettenden Sühnetod haben sich die Über- und Nachlebenden auf unterschiedliche Weise zurechtgelegt, inwiefern sein Tod am Kreuz nicht das Ende, sondern ein Neuanfang ist: der Anfang eines Seinsverständnisses, das sich auf das Vertrauen in das bedingungslose Ja GOTTES zurückbesinnt und, im Sinne der Nachfolge, das Empfangene weitergibt in die Welt, an die Mitgeschöpfe. Durch die Art, wie Jesus von Nazaret gelebt hat und wie er gestorben ist, hat er also eine Tür aufgestossen in eine Existenzform, die Johannes und Paulus das „Wandeln im Geist“ (Gal 5,25) oder das „Bleiben in der Liebe“ (Joh 15,10) nennen.

Wenn ich Worte für diese unängstliche, vertrauende, schenkende Existenzform suche, dann hat es mir vor allem eine Formulierung von Martin Luther angetan:

„Sieh, so fliesst aus dem Glauben die Liebe und die Lust zu Gott und aus der Liebe ein freies, williges, fröhliches Leben, dem Nächsten umsonst zu dienen.“

(Martin Luther, Von der Freiheit eines Christenmenschen, in: Ders., Ausgewählte Schriften Bd.1,  241f.)

Selbstverständlich bezieht sich dieser schöne Satz für Luther ausschliesslich auf das Leben in Christus. Er stammt ja aus seiner Schrift „Von der Freiheit eines Christenmenschen“. Mir gefällt es aber, dass im Satz selbst Jesus Christus nicht vorkommt. So wichtig auch mir die Beziehung zur zweiten Person der Dreifaltigkeit ist, so klar scheint mir, dass Luthers Bild vom fröhlichen Fliessen der Liebe und die mit ihm gemeinte Sache auch ohne Jesus Christus SINN ergibt. Für interreligiöse Dialoge ist das sehr wichtig! 

Die bedingungslose Liebe GOTTES und das bedingungslose Grundeinkommen

So, und jetzt komme ich zurück zum bedingungslosen Grundeinkommen. Meine Frage heisst: Was bedeutet das Vertrauen in die bedingungslose Liebe GOTTES für unser menschliches Zusammenleben hier und heute, im reichsten Land der Erde, in der sich immer mehr vernetzenden Welt des 21. Jahrhunderts?

Zwei biblische Sätze leiten mein Nachdenken:

Erstens eine schlichte, aber deutliche Aussage aus dem Buch Kohelet:

GOTT ist im Himmel, und du bist auf der Erde. Deshalb mach’ nicht viele Worte. (Koh 5,1 NZ)

Dieser Satz bringt eine Einsicht auf eine Kurzformel, die sich durch die gesamte Bibel zieht: Unsere Aufgabe als Menschen ist es nicht, wortreich über GOTT  und jenseitige Dinge  zu spekulieren, sondern hier auf der Erde das Notwendige und Gute zu tun.

Zweitens ein ebenso lakonisches Wort aus der Bergpredigt. Es folgt direkt auf das Gebot der Feindesliebe:

Seid nun vollkommen, wie euer GOTT im Himmel vollkommen ist. (Mt 5, 48 BigS)

Auch dieser Satz lässt keinen Zweifel daran aufkommen, was unser Job als Menschen ist: Wir sollen die Wirklichkeit GOTTES in der Welt wirksam werden lassen, oder, in den Worten Luthers: die Liebe „fliessen lassen“, wie sie täglich von GOTT in uns hinein fliesst.

Wir leben heute in einer Geldwirtschaft. Ob es mich freut oder nicht: es ist eine Tatsache, dass niemand mehr ohne Geld auskommt. Zwar gibt es nach wie vor ein paar exotische Nischen, in denen Menschen beweisen, dass Geld nicht Natur und nicht im strengen Sinne lebensnotwendig ist, sondern eine noch nicht allzu alte menschliche Erfindung. Im Prinzip könnten wir das Geld, anders als Luft, Wasser oder Wetter, wieder abschaffen. Man kann Geld nicht essen. Hingegen kann man es, wie die jüngere Vergangenheit uns wieder einmal bewiesen hat, aus dem Nichts schaffen und beliebig vermehren oder verknappen, je nach politischem Interesse.

Wo liegt unser politisches Interesse, wenn wir die Welt analog zur bedingungslosen Liebe GOTTES zu allen Menschen – oder eigentlich noch radikaler: zu allen Geschöpfen – gestalten wollen?

Mir fällt keine andere Antwort ein als diese: Alle Menschen haben gleichermassen das Recht, in Würde zu leben. In einer Gesellschaft, die Geld zum unverzichtbaren Lebensmittel gemacht hat, bedeutet das: Alle Menschen haben Anspruch auf einen Geldbetrag, der ihnen „ein menschenwürdiges Dasein und die Teilnahme am öffentlichen Leben“ ermöglicht, unabhängig davon, ob sie eine messbare Leistung erbringen, also vom ersten bis zum letzten Tag ihres Lebens.

Natürlich ist diese Ableitung naiv, genau so naiv oder nativ wie Jesus von Nazaret. Das Wort „naiv“ leitet sich vom lateinischen Verb „nasci“ ab. Nasci heisst: geboren werden, und na(t)ivus heisst: geburtlich, von der Geburt her betrachtet. Wie nativ Jesus von Nazaret gedacht und gelebt hat, das zeigt sich für mich besonders an seiner Antwort auf die Frage, wer „am grössten“ sei:

Da rief Jesus ein Kind herbei, stellte es in ihre Mitte und sagte: ‚Wahrhaftig, ich sage euch, wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder, werdet ihr nicht in GOTTES gerechte Welt hineingelangen.’

(Mt 18, 2f BigS)

Das Gegenbild zur jesuanischen Nativität scheint mir das Urteil des Verbands Economiesuisse über die Volksinitiative für das bedingungslose Grundeinkommen zu sein. Ich zitiere:

„Das Grundeinkommen würde zu einem massiven Rückgang der wirtschaftlichen  Leistung und der Konkurrenzfähigkeit der Schweiz führen. Ein enormer Wohlstandsverlust wäre die Folge.“

Nicht jesuanisch nativ ist es, Besitzstandswahrung zur letztgültigen Norm zu erheben und „Wohlstand“ mit dem gleichzusetzen, was wir heute erreicht haben. Kann man das, was wir heute in der Schweiz erreicht haben, „Wohlstand“ nennen? Fraglos? Ohne weiteres Nachdenken?

Wenn ich meinen eigenen Wahrnehmungen und Gefühlen und GOTT vertraue, dann gilt es genau an diesem Punkt genau die Fragen zu stellen, die ich seit einigen Monaten mit vielen Leuten auf der Strasse bespreche:

Was ist eigentlich Wohlstand? Welchen Wohlstand wollen wir? Was ist Glück? Was ist Arbeit? Welche Arbeit brauchen wir als Gesellschaft? Wie wollen wir in Zukunft leben? – Und mit einigen, die sich mir gegenüber als „religiös musikalisch“ outen, bespreche ich auch diese Fragen: Was bedeutet eigentlich der Begriff „christliches Abendland“? Könnte er vielleicht mehr bedeuten als der Status quo, in dem wir uns heute befinden?

Ich meine, es wäre wichtig, dass die christlichen Kirchen und alle Religionsgemeinschaften, die GOTT als barmherzig erkennen, öffentlich solche Fragen stellen. Ganz allgemein und im Zusammenhang mit der Volksinitiative.

Dann würde nämlich auch klar, dass wir uns als Gesellschaft über die Frage klar werden sollten, was genau das „bedingungslos“ bedeuten soll. Ich meine: Ja, es bedeutet, dass wir einander ein Leben in Würde und Teilhabe ermöglichen, ohne dass jeder und jede vorher beweisen muss, dass sie oder er nützlich ist und etwas leistet.

Was es braucht, sind tatsächlich nicht neue ausgeklügelte Bedingungen, an die wir das Einkommen knüpfen, aus Angst, dass alle ausser mir sonst auf der faulen Haut liegen werden. Was es braucht, ist etwas anderes: Vertrauen, dass jeder und jede in Dankbarkeitfür das Vorhandene weiterhin in bezogener Freiheit das Notwendige und Sinnvolle tun wird. Können wir einander dieses Vertrauen schenken?

Mit dieser Frage vor allem möchte ich uns hier und jetzt ins Gespräch entlassen…

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6 Kommentare

  1. Vielen Dank für diese erbauenden Gedanken. Haben mir den Einstieg in den Tag verschönert.

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  2. Das freut mich!

    Antwort
  3. Super! Ich meine, dass wir in der theologischen Auseinandersetzung hier im müde gewordenen Europa durchaus von den lateinamerikanischen BefreiungstheologInnen lernen sollten: Diese haben den „Götzen Markt“ (F. Hinkelammert) schon lange als Ersatzreligion entlarvt. Viele marginalisierte Menschen dort sehen sich tagtäglich konfrontiert mit den Auswirkungen einer neoliberalen Ausprägung von Globalisierung.

    Antwort
  1. Drei Fragen, drei Antworten | DurchEinAnderBlog
  2. Der Mensch ist auch Mensch, wenn er scheisst | DurchEinAnderBlog
  3. Faul dürfen wir erst im Paradies wieder sein «

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