Die Theorie der selbsternannten Nervensäge

Dreizehntes Gespräch über das bedingungslose Grundeinkommen

Heute spricht für einmal nicht Beate Fehle, sondern die Mailänder Gruppe „pausa lavoro“ mit Ina Praetorius. Die Geschichte dazu: Am 26. Januar 2012 war Ina Praetorius in der Libreria delle Donne di Milano zu Gast. Sie war damals gerade dem Initiativkomitee der „Volksinitiative für ein bedingungsloses Grundeinkommen“ beigetreten und erzählte ihren italienischen GesprächspartnerInnen von diesem neuen Engagement und von ihrer Wette, das BGE als postpatriarchales Projekt zu profilieren. – Die Gruppe „pausa lavoro“ um Giordana Masotto hat sich nun Anfang Juli 2013 wieder bei ihr gemeldet, mit interessanten Fragen: Was ist inzwischen passiert? Wo steht die Wette? Wie fühlt sich die Zusammenarbeit mit Männern für ein vermeintlich „neutrales“ Projekt an? In italienischer Sprache wird das daraus entstandene Gespräch in der Nummer 106 der Zeitschrift „Via Dogana“ erscheinen.

Pausa lavoro: Letztes Jahr in Milano hattest du dich zum “bedingungslosen Grundeinkommen als postpatriarchalem Projekt” geäussert, und du hattest vor, in der Schweiz an einem Komitee teilzunehmen, das mit einer Unterschriftensammlung eine Volksinitiative mit diesem Ziel lancieren wollte. Du sagtest, du würdest dich auf diese neue Aufgabe sehr freuen: „Sicher werde ich viel lernen und fast sicher werde ich dieses Unternehmen, das bisher in erster Linie ein Projekt von jungen urbanen Männern war, in postpatriarchalem Sinn verändern“. Warst du da vielleicht zu optimistisch? Kannst du uns erzählen, wie es gelaufen ist? Wir haben gelesen, dass du keine Unterschriften mehr für die Volksinitiative sammelst.

Ina Praetorius: Am 26. Januar 2012 war ich in der Libreria delle Donne di Milano. Ich war damals gerade Mitglied des nationalen Komitees für die „Eidgenössische Volksinitiative für ein bedingungsloses Grundeinkommen“ geworden. Am 21. April 2012 wurde dann die Initiative lanciert. Inzwischen, Anfang Juli 2013, sind 120.000 Unterschriften gesammelt. Es wird also mit hoher Wahrscheinlichkeit in ein paar Jahren eine Volksabstimmung über das Grundeinkommen geben. Das ist für mich ein Erfolg, obwohl ihr richtig gelesen habt: seit Mitte März sammle ich selbst keine Unterschriften mehr. Warum? Weil etwas Spektakuläres passiert ist: Eine Frau, Martha Beéry-Artho, hat gegen eine Fernsehdiskussion zum Grundeinkommen, bei der Männer 72 Minuten und Frauen 3 Minuten Redezeit hatten und bei der die Geschlechterdifferenz keinerlei Rolle spielte, Beschwerde wegen unsachgemässer Information eingelegt. Und sie hat von der höchsten Medienkontrollinstanz UBI einstimmig Recht bekommen. Ich habe dann versucht, das Initiativkomitee dazu zu bewegen, sich öffentlich positiv zu dieser Entscheidung zu äussern, was mir nicht gelungen ist. Drei Mitglieder waren dafür, vier dagegen. Das Hauptargument gegen eine Stellungnahme war: „Du kannst dich ruhig weiter für Frauenfragen einsetzen, aber das ist nur ein Teilaspekt, zu dem das Komitee sich nicht äussern muss.“ Daraufhin habe ich dem Komitee mitgeteilt, dass ich es persönlich nicht mehr verantworten kann, für die Initiative Unterschriften zu sammeln. – Inzwischen wissen wir, dass die Schweizerische Fernsehgesellschaft die Entscheidung der UBI anficht und vors höchste Gericht weiterzieht. Die Sache wird uns also noch länger beschäftigen, und es ist sehr interessant, wie sich jetzt die Debatte über das Grundeinkommen mit der Medienpolitik überschneidet: Es geht jetzt nicht mehr nur um den Inhalt der Volksinitiative, sondern gleichzeitig um die Frage, was sachgerechte Information ist, und zwar hinsichtlich der Geschlechterdifferenz. Ich arbeite jetzt daran, den zweiten Punkt in die öffentliche Debatte zu bringen. Die grossen Printmedien schweigen die Sache nämlich vorerst tot. Niemand will sich kritisch über die mächtige Fernsehgesellschaft äussern, und viele JournalistInnen verstehen noch nicht, wie epochal es ist, dass eine hohe staatliche Instanz bestätigt hat, mangelnde Darstellung der Geschlechterdifferenz bedeute mangelnde Sachgerechtigkeit. Auf meinem Blog, auf dem ich schon am 28. März 2012 meine Wette, das Grundeinkommen als postpatriarchales Projekt zu profilieren, bekanntgegeben habe, berichte ich regelmässig über die neuesten Entwicklungen und meine Erfahrungen. Auf dem Twitter-Hashtag #BGEBundesgericht publiziere ich vorerst alle Ausreden der Redaktionen und JournalistInnen, auch ohne deren Zustimmung, und auch die paar Erfolge, die bis jetzt zu verzeichnen sind: auf der österreichischen feministischen Netzplattformen dieStandard, auf der deutschen Plattform beziehungsweise-weiterdenken, auf Antje Schrupps Blog Aus Liebe zur Freiheit und in der fortschrittlichen Kirchenpresse „Aufbruch“ wurde die Debatte aufgegriffen. Die Sache ist also noch nicht ausgestanden. Es ist ein sehr spannender, vielschichtiger Prozess.

Pausa lavoro: Uns scheint, es  gibt einen Widerspruch zwischen einem neutralen Ziel (das nicht das Zeichen des Geschlechts trägt) wie dem Grundeinkommen und deiner postpatriarchalen Sicht: Es ist ein Ziel, das Männer und Frauen als Subjekt tendenziell auslöscht, sie neutralisiert. Oft haben nämlich die Frauen, die an diesem Thema interessiert sind, Schwierigkeiten, autonom präsent zu sein und diesen Kampf ausgehend von sich zu konnotieren, ohne der Neutralisierung zu unterliegen. Das ist natürlich nicht einfach eine Frage der Anzahl von Frauen bzw. von Gleichberechtigung im Komitee, sondern eine Frage der Inhalte. Wie gedenkst du in deinem Erfahrungskontext dieses Problem anzugehen?

Ina Praetorius: Ja sicher gibt es diesen Widerspruch. Seit dreissig Jahren arbeite ich an ihm als an einem theoretischen Problem. Und im vollen Bewusstsein, dass dieser Widerspruch besteht und all unser politisches Tätigsein gewissermassen „infiziert“, habe ich dieses Engagement begonnen. Einerseits ist wichtig, dass ich wirklich hinter dem Projekt Grundeinkommen stehe, das, richtig verstanden, eine postpatriarchale Neudefinition von „Wirtschaft“, „Arbeit“, „Menschsein“, „Geld“ usw. mit sich bringt. Andererseits betrachte ich mein konkretes alltägliches Engagement für die Volksinitiative auch mit einer gewissen Distanz als ein pionierhaftes Experiment mit offenem Ausgang. Jeden Tag bin ich gespannt, was passiert, jeden Tag unternehme ich zwei drei Dinge, um der Sache neuen Schub zu geben, ohne mich dabei allzu sehr aufzuregen. Meine Hauptbeschäftigung ist es nämlich gerade, ein Buch zum Thema „Erbarmen“ zu schreiben, in dem es ganz grundlegend um das Menschenbild der „Freiheit in Bedürftigkeit“ geht. Ein paar Dinge sind mir bis heute besonders wichtig geworden: die neuen Publikationsmöglichkeiten im Internet, langfristiges Denken, gute Beziehungen zu ein paar klugen Frauen und Männern (nicht nur in der Schweiz), gleichzeitig der Mut zum Alleingang, der Rückhalt in der internationalen, mit dem italienischen Denken der Geschlechterdifferenz verbundenen Gruppe „Gutesleben“, Freude am politischen Schachspielen und vor allem: Gelassenheit und Humor. Wichtig war auch, dass meine postpatriarchale Wette von Anfang an klar kommuniziert war. Wenn meine Kolleginnen und Kollegen im Komitee wehleidig werden und mir Vorwürfe machen, weil ich „nicht solidarisch“ bin, sage ich ihnen, dass sie von Anfang an gewusst haben – oder hätten wissen können -, wen sie da berufen haben. Schliesslich habe ich schon im Jahr 2005 eine postpatriarchale Ethik publiziert, und seit 2004 steht der Grundlagentext der Gruppe „Gutesleben“ zum Grundeinkommen im Netz. Es ist also alles öffentlich zugänglich, und wer zu faul ist zu lesen und sich mit meinen oder unseren Argumenten zu befassen, muss halt ertragen, dass ich mich konsequent als die Nervensäge vom Dienst betätige. Diese fröhliche Selbstbezeichnung hat mir schon viele gute Dienste geleistet. Sie nimmt Leuten, die mich als nervig empfinden, ganz einfach den Wind aus den Segeln.

Pausa lavoro: Du hast gesagt, der Mensch habe eine generelle Neigung, nützliche und zum Leben notwendige Arbeit  zu verrichten, nicht weil es dafür finanzielle Anreize gibt, sondern weil es dem Leben und dem Zusammenleben mit anderen Menschen Sinn verleiht. Daher müsste man den Menschen nur mittels Grundeinkommen von ökonomischen Zwängen befreien, damit er seine „Natur“ frei ausleben kann. Denkst du nicht, dass diese Neigung nur dann hervorkommen kann, wenn bei den einzelnen Männern und Frauen ein Bewusstwerdungsprozess einsetzt – mit allen Konflikten, die sich daraus ergeben – , und dass dies also der entscheidende Faktor für politisches Handeln ist? Nur eine so ausgerichtete politische Praxis kann diese Neigung also hervortreten lassen.

Ina Praetorius: Ja genau. Die Bewegung für das Grundeinkommen versteht sich nicht als Patentrezept oder Allheilmittel, sondern als ein Element dieses Bewusstwerdungsprozesses. Die tatsächliche Einführung des Grundeinkommens liegt ja ziemlich sicher noch in weiter Ferne, auch wenn wir in einigen Jahren voraussichtlich die Volksabstimmung in der Schweiz haben werden. Aber die vielen Gespräche über die grundsätzliche Möglichkeit, Einkommen und Leistung auf der Ebene der Existenzsicherung voneinander zu trennen, bringen schon jetzt viel in Bewegung. 11 Monate lang – von April 2012 bis März 2013 – habe ich beim Unterschriftensammeln auf der Strasse unzählige Gespräche mit ganz verschiedenen Leuten geführt. Egal, ob die Leute am Schluss unterzeichnen oder nicht, durch solche Gespräche werden neue Gedanken zu grundlegenden Fragen in Bewegung gesetzt: Was ist überhaupt „Arbeit“? Warum bin ich tätig? Was wollen wir unter „Wirtschaft“ verstehen? Wozu dient Geld? Warum arbeiten Hausfrauen, obwohl es für ihre notwendige Arbeit nicht die angeblich unverzichtbaren „finanziellen Anreize“ gibt? Wie wollen wir in Zukunft unser Zusammenleben organisieren, regional und global? Einen Tag lang irgendwo auf der Strasse mit irgendwelchen Leuten über solche Fragen zu sprechen, ist sehr anstrengend und macht gleichzeitig sehr zufrieden. Es ist grossartig, dass das System der direkten Demokratie die Möglichkeit eröffnet, auf diese Weise ganz konkret den notwendigen Bewusstseinsprozess in Gang zu setzen oder ihn, wo er schon begonnen hat, zu intensivieren. Das Grundeinkommen kann, verstanden als Systemwechsel hinsichtlich unseres Verständnisses von Arbeit, Wirtschaft und Sinn, nur funktionieren, wenn die Menschen sich bewusst sind, dass sie ständig, täglich, seit ihrer Geburt, ganz viel geschenkt bekommen, und dass es deshalb normal ist, von dem, was ich bekommen habe, tätig weiterzugeben. Eine solche postpatriarchale, geburtliche Lebenseinstellung kann nur ganz langsam, durch viele Gespräche, durch viel Nachdenken, entstehen. Deshalb bin ich auch, trotz meiner queren, oder besser gesagt: geradlinigen Interventionen, froh, dass die Initiative zustande kommen wird. Und dass gleichzeitig durch die Beschwerde von Martha Beéry-Artho die Debatte über die öffentliche Wahrnehmung der Geschlechterdifferenz weitergeht. Wir werden ja nicht nur voraussichtlich eine Volksabstimmung über das Grundeinkommen haben, sondern wir warten auch gespannt auf die Entscheidung des Bundesgerichts über die einschlägige TV-Sendung. Sollte das höchste Gericht der Fernsehgesellschaft Recht geben, ist das ein Skandal. Sollte es im Sinne der Beschwerde von Martha Beéry-Artho entscheiden, ist es ein epochaler Erfolg für die postpatriarchale Bewegung. Beides lässt sich politisch nutzen.

Pausa lavoro: Wir beabsichtigst du aktuell deine politische Arbeit an diesem Thema weiterzuführen?

Ina Praetorius: Jeder Tag ist spannend. Täglich passieren überraschende Dinge. Letzte Woche zum Beispiel habe ich an alle grossen deutschschweizerischen Sonntagszeitungen geschrieben. Ich habe den Redaktionen vorgeschlagen, Martha Beéry-Artho zu portraitieren, sie nach ihren Motiven zu fragen, mit ihr die Frage zu analysieren, wie „Sachgerechtigkeit“ mit der Frage der Wahrnehmung von Geschlechterdifferenz zusammenhängt. Jetzt warte ich gespannt auf die Antworten, die ich dann wieder postwendend unter #BGEBundesgericht twittern und auf meinem Blog publizieren werde. Die Ignoranz und Feigheit der Medienleute geht mir zwar manchmal extrem auf den Geist, aber es macht auch Spass, hartnäckig dranzubleiben, kleine Erfolge zu feiern, immer mehr Frauen und Männer zum Mitmachen zu motivieren, neue Blogposts zu schreiben…. Ein nächster wichtiger Schritt ist der Workshop, den ich zusammen mit Martha Beéry-Artho beim internationalen postpatriarchalen Symposion Ende August in St. Arbogast in Österreich veranstalten werde (Freitag, 30. August, 14h-16h). Die Wette, das bedingungslose Grundeinkommen als postpatriarchales Projekt zu profilieren, ist noch nicht gewonnen, aber auch noch nicht verloren. Es ist ein Experiment mit offenem Ausgang. Dass das Patriarchat zu Ende ist, das habe ich in Italien gelernt, und davon bin ich fest überzeugt. Aber epochale Veränderungen brauchen Zeit. Vieles werden wir, die wir heute in der Welt sind, selbst nicht mehr erleben. Aber ich bin ja auch nicht nur für mich selber und meine Generation politisch tätig, sondern für meine Tochter, unsere Töchter, unsere Urenkelinnen und Urenkel…

Pausa lavoro: Danke dir für das Gespräch!

Advertisements
Hinterlasse einen Kommentar

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: