Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder… (Mt 18, 1-5)

„Sarganser Predigt“ vom Sonntag, 2. Juni 2013

Liebe Gemeinde,

Können Sie sich noch erinnern, wie das war, als Sie noch ein Kind waren? Wie sich das angefühlt hat? Sagen wir: so mit fünf Jahren? Ich meine: können Sie sich so richtig zuinnerst er-innern?

Allgemeine Sprüche und Theorien über die Kindheit gibt es ja genug:

Zum Beispiel reden wir vom „Kind im Manne“ und stellen uns dabei einen vor, der es nicht verlernt hat, herumzualbern und sich für Modelleisenbahnen zu begeistern.

Oder wir sprechen von „Kindermund“. Dann erzählen wir uns lustige Geschichten von kleinen Leuten, die noch nicht alles richtig verstanden haben.

Wenn ich mich in meine Kindheit zurück zu fühlen versuche, dann fällt mir zum Beispiel auf, dass ich den Herrn Jesus damals nicht sehr gern mochte. Er hing bei einer unserer Nachbarinnen im Wohnzimmer über dem Sofa: ein hellbraun gelockter schmächtiger junger Mann mitten in einem wogenden Kornfeld, umgeben von einem Schwarm anderer Männer, den blauen Blick sehnsuchtsvoll gen Himmel gerichtet.

Vermutlich fand ich diesen Herrn Jesus auch deshalb nicht so nett, weil meine Mutter sich dauernd über ihn lustig machte. Sie betete zwar abends am Bett mit meiner Schwester und mir. Aber die Leute, die sich Jesusse übers Sofa hängten, fand sie komisch. „Frömmelig“ nannte sie die. Und ganz offensichtlich fühlte sie sich ihnen überlegen. Hingegen liebte sie Johann Sebastian Bach, allerdings auch nicht den ganzen. Wenn sie zum Beispiel als Cembalistin bei einer Kantate mitwirken musste, die „O Jesulein süss, o Jesulein mild“ hiess, dann fand sie den Text peinlich.

Und ich? Ich fand ihn auch peinlich.

Und die Geschichte, in der Jesus ein Kind mitten in seine Männergruppe stellt, um daran etwas zu demonstrieren, fand ich sogar richtig unangenehm. Ich liess mich nämlich nicht gern von irgendwelchen Onkeln irgendwo hinstellen, bloss dass die ihren Freunden irgendwas erklären konnten, das mich nichts anging:

„Wahrlich, ich sage euch: Wenn ihr nicht umkehret und werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen. Wer nun sich selbst erniedrigt wie dies Kind, der ist der Grösste im Himmelreich. Und wer ein solches Kind aufnimmt in meinem Namen, der nimmt mich auf.“

Wir hantierten damals im Allgemeinen mit der Lutherbibel. Und in dieser Bibel redeten die Leute so, wie ich im Leben nie reden würde: „Wahrlich“ sagten sie, oder „wenn ihr nicht umkehret“ oder „Jünger“. Was ist überhaupt ein „Jünger“? – Erst viel später habe ich gelernt, dass es noch andere Übersetzungen gibt und dass der Text ursprünglich gar nicht deutsch war, sondern griechisch. Was mir widerstrebte, war aber nicht nur diese seltsam abgehobene Art zu reden, sondern auch sonst fast alles an dieser Geschichte:

Wieso wollen diese Onkels „die Grössten im Himmelreich“ sein? Wieso braucht Jesus mich, um seinen Kumpels zu erklären, dass wahre Grösse Kleinheit ist? Mir lag doch im Gegenteil viel daran, endlich gross zu werden, um selbst bestimmen zu können, wie die Erwachsenen? Und was soll das heissen, dass ein Kind „sich selbst erniedrigt“? Jedenfalls hatte ich keine grosse Lust, diesen neunmalklugen Herrn Jesus, der da über mich hinweg Weisheiten von sich gab, näher kennen zu lernen. Zumal im Kindergottesdienst immer schon von vornherein feststand, dass er lieb war und grundsätzlich Recht hatte.

Es war nur folgerichtig, dass ich mich als Jugendliche erstmal von Jesus verabschiedete. Altbacken fand ich ihn und seine ganze Kirche, kitschig und heuchlerisch…

…Und dann studierte ich doch Theologie. Warum? Weil mir eine erzählte, GOTT DAS LEBENDIGE sei uns Menschen bedingungslos zugewandt. Also nicht, weil wir etwas leisten, sondern einfach weil wir da sind. Das fand ich höhere, von schulischen Leistungszwängen geplagte Tochter geradezu umwerfend. – Und vielleicht entschied ich mich fürs Theologiestudium noch aus einem anderen Grund: weil ich wissen wollte, ob der Spott meiner postpietistischen Mutter wirklich der Weisheit letzter Schluss war.

Theologin werden zu wollen, bedeutete nun allerdings nicht, dass ich Jesus gleich interessanter fand. Dazu brauchte es noch einiges mehr: es brauchte kritische Bibelauslegung, es brauchte Distanz zu meinen unmittelbaren Gefühlen, es brauchte die feministische Theologie und vor allem den Mut, noch einmal neu genau hinzusehen.

Jetzt schaue ich noch einmal neu genau hin: Ich lese Ihnen unsere Geschichte also ein zweites Mal vor, diesmal in der Version der „Bibel in gerechter Sprache“:

In dieser Zeit kamen die Jünger und Jüngerinnen zu Jesus und fragten: „Wer ist am grössten in Gottes Welt?“ Da rief Jesus ein Kind herbei, stellte es in ihre Mitte und sagte: „Wahrhaftig, ich sage euch, wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder, werdet ihr nicht in Gottes gerechte Welt hineingelangen. Wer so gering wird wie dieses Kind, wird in Gottes Welt am grössten sein. Wer ein solches Kind meinetwegen aufnimmt, nimmt mich auf.

 …Was ist überhaupt ein Kind?

Ein Kind ist ein neuer Mensch, ein Neuankömmling. Kinder sind nicht per Definition herzig – oder dann Nervensägen, sondern sie sind vor allem eins: frisch, noch nicht lange auf der Welt. Ein Kind sieht alles zum ersten Mal: den Computer, den Schmetterling, die Tante, den Supermarkt mit seiner Überfülle an Dingen, das Fahrrad, den Mond. Er oder sie hört auch alle Wörter zum ersten Mal: Wörter wie „Gott“, „Liebe“, „Essen“, „WC“, „Bett“, „Jesus“. Das Kind bekommt die Wörter von Älteren geschenkt, damit es sich in der Welt orientieren kann. Allmählich lernt der Neuling selbst sitzen, stehen, sprechen, weggehen, Ich und Du, Ja und Nein sagen. Ein Kind weiss noch nicht, was Kapitalismus ist, Bankenkrise und SVP und Fundamentalismus. Es ist naturgemäss offen und handelt drauflos. Es geht auf Menschen zu, weil es nämlich nicht schon längst aus den Fernsehnachrichten weiss, dass die einen böse und die anderen gut sind. Wenn man ein Kind nicht hindert, ist es neugierig – wie Jesus neugierig war zum Beispiel auf  Zachäus, den Ausbeuter, oder auf die Frau, die mit einem Mann geschlafen hatte, der nicht ihr Ehemann war, oder auf die ekelerregende Aussätzige, den römischen Besatzer, die eigensinnige Ausländerin.

Was meinen Sie: Könnte es sein, dass Jesus seine Zeitgenossinnen und Zeitgenossen deshalb so fasziniert hat, weil er das Kindsein nicht verlernt hat? Weil er beschlossen hat, den kindlichen Blick zu kultivieren? Weil es ihm gelungen ist, immer neu auf die Welt und ihre Bewohnerinnen und Bewohner zuzugehen? Wie neu geboren?

Die einen hat er mit seiner besonderen Lebensart fasziniert, die anderen hat er geärgert. So sehr hat er sie geärgert, dass sie ihn schliesslich schon in jungen Jahren umgebracht haben, brutal ermordet, in aller Öffentlichkeit, um ein Exempel zu statuieren: Naiv, nativ drauflosleben, das ist bei uns nicht gestattet. Denn das stört Ruhe und Ordnung. Wo kämen wir denn da hin, wenn alle jeden Morgen neu, erfrischt vom Schlaf und vom Gespräch mit GOTT, aufeinander zugehen würden?

Das Wort naiv leitet sich vom lateinischen Eigenschaftswort nativus ab. Nativus heisst geburtlich, von der Geburt, dem menschlichen Anfang her betrachtet. Normalerweise benutzen wir das Wort in einem abwertenden Sinn: Naiv nennen wir eine Person, die nicht begreift, wie kompliziert, wie zementiert, wie schlecht die Welt ist. Naiv ist kindisch, nicht kindlich. Naivlinge muss man über den Ernst der Lage belehren.

Wie wäre es, wenn wir Jesus zwar nicht naiv, aber nativ nennen würden? Also in einem belebenden Sinne kultiviert kindlich? Immer wieder hat er sich zum Beten zurückgezogen, auf Berge oder in die Wüste. Warum wohl? Ich meine: um sich den kindlichen Blick auf die Welt zu bewahren. Um sich nicht von Ideologien und Gesetzlichkeiten gefangen nehmen zu lassen. Deshalb überspringt die biblische Gestalt des Jesus von Nazaret auch immer wieder die Mauern dogmatischer Gefängnisse. Noch kein System hat es geschafft, Jesus endgültig einzusperren. Kein linkes, kein rechtes, kein patriarchales, kein matriarchales. Dieser Mann entwischt den diversen Gesetzeshütern immer wieder. Immer wieder steht er auf. Warum? Weil er den geburtlichen Blick und das native Handeln gelebt hat. Unberechenbar, aus dem wirklichen LEBENDIGEN heraus.

Und genau deshalb hat er auch das Kind in die Mitte gestellt. Als man ihn fragte, wer der Grösste sei, hat er vermutlich gelacht. Das steht zwar nicht in der Bibel, aber ich stelle es mir so vor. Fröhlich gelacht hat er, als er seinen ernsthaften, stirnrunzelnden Followern die Kraft des nativen Lebens erklärt hat:

Die Grössten wollt ihr sein? Dann schaut euch einfach an, was nötig ist in dieser Menschenwelt. Nötig ist, dass wir einander immer wieder neu wahrnehmen, als geborene, verletzliche, sterbliche, abhängige und freie Erdlinge. Keiner und keine von uns kann auch nur fünf Minuten ohne Luft überleben, oder eine Woche ohne Wasser, egal, wie viele Orden man uns anhängt und wie viele Dollars oder Euros oder Schweizer Franken sich auf unseren Konten anhäufen. Was wir alle brauchen, ist unvoreingenommene, native Zuwendung. Vergebung. Und die Freiheit, neu anzufangen. Womit anzufangen? Mit der göttlichen Arbeit, zu nähren, was uns immer schon nährt: bedingungslose Zuwendung.

Ich bin inzwischen überzeugt: Diese Geschichte vom Kind in der Mitte ist nicht einfach eine unter vielen. Und schon gar nicht handelt sie von einem netten Onkel, der sich ausnahmsweise zu einem herzigen Maitli herablässt und dann, über ihren Kopf hinweg, seinen Freunden etwas erklärt, das das Maitli nichts angeht. Für mich ist diese Geschichte inzwischen zu einem Dreh- und Angelpunkt der biblischen guten Nachricht geworden: Was wir am dringendsten brauchen, sind tatsächlich nicht immer neue Ideologien, sondern ist kultivierte Kindheit. Im Grunde sind wir nämlich alle Neuankömmlinge in der Welt. Was ist, gemessen am Alter GOTTES und der Erde, schon der Unterschied zwischen acht und achtzig Jahren?

Und was fange ich nun mit dem Spott meiner postpietistischen Mutter an? Mit dem kitschigen Bild über dem Sofa der Nachbarin? Mit den Erinnerungen an den Onkel Jesus, der über mich hinweg seinen Kumpels die Welt erklärt?

Ich bin inzwischen zuversichtlich: Der geburtliche, der native Jesus überspringt Mauern. Auch die Mauern langweiliger Gewohnheitskirchlichkeit. Und auch die Mauern des Spotts darüber.

Amen.

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