Grundeinkommen, Care-Ökonomie und Socialmedia

Neuntes Gespräch mit Ina Praetorius über das bedingungslose Grundeinkommen

Beate Fehle: In der österreichischen Internet-Plattform dieStandard ist vor ein paar Tagen ein Interview mit dem Titel „Bedingungslos für ihn, Hausfrauenlohn für sie?“ erschienen. Interessant!

Ina Praetorius: Ja, die Österreicherinnen haben als erste gemerkt, dass da im Rahmen der Schweizer Volksinitiative für ein bedingungsloses Grundeinkommen gerade eine wichtige Debatte in die Breite geht. Zwar haben auch einige Schweizer Medien über die Rüge der UBI an die TV-Sendung „Arena“ berichtet, zum Beispiel die NZZ, der Infosperber oder das Bieler Tagblatt. Ein paar Wochen später gab es dann Kurzmeldungen über die Entscheidung der SRG, diesen Fall ans Bundesgericht weiterzuziehen. Aber analysiert und kommentiert wurde die ganze Sache bisher meines Wissens nur von uns beiden hier, in zwei Blogposts von Antje Schrupp und jetzt eben in dieStandard. Ausserdem gab es ein paar Diskussionen auf den diversen Facebookseiten der BGE-Bewegung. Auf Twitter habe ich einen Hashtag #BGEBundesgericht eingerichtet, auf dem vorerst mal alle wichtigen Links gesammelt werden.

Beate Fehle: Diese Sammlung habe ich mir schon angesehen. Interessant fand ich, dass du einige deiner Tweets auch mit dem Hashtag #Aufschrei versehen hast.

Ina Praetorius: Unter #Aufschrei versammeln sich ja seit Anfang des Jahres vor allem jüngere deutsche Feministinnen, um ein Thema an die Öffentlichkeit zu bringen, das sie „Alltagssexismus“ nennen: Da wird von Politikern berichtet, die das Äussere von Journalistinnen kommentieren, statt ihre Fragen zu beantworten. Oder von Professoren, die Studentinnen anmachen, von Autoren, die über feministische Theorie schreiben, ohne je ein einschlägiges Buch gelesen zu haben, und so weiter. Dieser #Aufschrei hat viel Aufsehen erregt und wohl auch einiges verändert.

Ich finde nun: Dass viele BGE-Aktivisten den postpatriarchalen Grundlagentext „Gutes Zusammenleben im ausgehenden Patriarchat“ noch immer nicht gelesen haben, obwohl er seit 2004 im Netz steht, ist auch Alltagssexismus. Viele engagierte Männer meinen, alles schon gedacht zu haben und nichts Neues mehr lernen zu können, schon gar nicht von Frauen. Im Initiativkomitee zum Beispiel habe ich noch kein einziges Mal jemanden über die kritische Stellungnahme der Gruppe WIDE sprechen hören, oder über die Studie aus dem Gunda Werner Institut, oder über die offiziellen Zahlen zur unbezahlten Arbeit im statistischen Jahrbuch der Schweiz. Man scheint sich darauf geeinigt zu haben, dass das Grundeinkommen für Frauen „ein Segen“ sei und dass alle, die das etwas differenzierter sehen, Verräterinnen sind, die der Bewegung schaden wollen. Schon etliche BGE-Bewegte haben mich auf Facebook „entfreundet“, meine Kommentare gelöscht oder mich aus Foren ausgeschlossen. Statt sich mit Argumenten auseinanderzusetzen und den notorischen Appell, „neu“ zu denken, auch mal auf sich selber anzuwenden, scheinen GötzwerneristInnen lieber beleidigt zu sein.

Es gibt aber noch einen anderen Grund, weshalb ich #BGE mit #Aufschrei verlinke: Ich finde, dass viele, gerade junge Feministinnen zwar sehr engagiert sind, sich aber wenig in Debatten einmischen, die nicht direkt „Frauenthemen“ betreffen. Sexismus wirkt aber gerade auch dort, wo scheinbar „neutral“ gesprochen wird. Bei genauerem Hinsehen entpuppt sich solche Neutralität fast immer als männerlastige Sicht, wie Martha Beérys Analyse der „Arena“ wieder einmal beispielhaft gezeigt hat. Wer eine nichtsexistische Gesellschaft will, muss gerade dort genau hinschauen, wo das „Frauenthema“ scheinbar „keine Rolle spielt“. Ich habe diesen Blick hinter die Kulissen in den Achtziger Jahren gründlich geübt, als ich über das Thema „Anthropologie und Frauenbild in der deutschsprachigen protestantischen Ethik seit 1949“ (Gütersloh 1993) promoviert habe. Feminismus ist eben kein isoliertes „Thema“, sondern ein Analyseinstrument.

Beate Fehle: Das bringt mich zur Frage, wie eigentlich die Schweizer Frauenorganisationen auf die Debatte um die Grundeinkommensinitiative und vor allem auch auf die Tatsache reagieren, dass demnächst die TV-Arena und prominente Männer aus der linken und der rechten Ecke – Köppel, Mäder, Muschg, Strahm, Straub – in trauter Einigkeit vom Bundesgericht begutachtet werden sollen.

Ina Praetorius: Auch in der Frauenpolitik sehe ich dieses Problem: Frauen haben zwar Nischen innerhalb der etablierten Institutionen – Parteien, Kirchen, Gewerkschaften, Universitäten etc. – besetzt, die oft sogar recht gut etabliert sind und subventioniert werden. Seit einiger Zeit kommen aber aus diesen Nischen nur noch wenige kreative Impulse zu allgemeinpolitischen Fragen. Anders als vor dreissig Jahren gibt es heute Gleichstellungsbeauftragte, Institute für Genderforschung, Frauenzentralen in den Städten oder Kantonen und so weiter. Dort befasst man sich mit Karriereförderung, Lohnklagen, „Work-Life-Balance“ oder Gleichstellungskampagnen in Schulen etc. Das sind zwar wichtige, aber nicht eigentlich innovative Aktivitäten. Weil diese etablierten frauenpolitischen Institutionen es nicht mehr gewöhnt sind, über das Bestehende und seine (kosmetische) Verbesserung – „Gleichstellung“ – hinaus zu denken, haben sie auch Schwierigkeiten, sich zum bedingungslosen Grundeinkommen eine Meinung zu bilden, das ja eben einen Systemwechsel vorschlägt.

Was die Tatsache angeht, dass immer noch viel mehr Frauen als Männer un- oder unterbezahlt die Arbeit im Care-Sektor leisten, stelle ich fest, dass viele der festangestellten Profi-Feministinnen der Meinung sind, dieses Problem werde sich durch mehr Karriereförderung und ausserhäusliche Kinderbetreuung demnächst lösen. Ich meine aber, dass es sich nur nachhaltig angehen lässt, wenn wir an der Wurzel ansetzen: an der Frage, was wir eigentlich unter „Arbeit“ und „Wirtschaft“ verstehen wollen: Meint der Begriff „Wirtschaft“ nur „geldvermittelte Tauschakte“?  Oder umfasst er alle Tätigkeiten zur Befriedigung menschlicher Bedürfnisse? Solche Fragen müssen wir heute unbedingt (wieder) stellen. Die theoretischen Grundlagen sind längst da und müssten weiterentwickelt werden, und die Debatte über das bedingungslose Grundeinkommen, in der solche Fragen gestellt werden – aber eben meist pseudoneutral – würden ein gutes Terrain dafür bieten. Ich lese gerade das Buch „The Real Wealth of Nations“ von Riane Eisler. Dieses Buch sollten alle lesen, die nicht nur Symptome bekämpfen, sondern die Zusammenhänge zwischen den diversen miteinander verhängten Krisen unserer Gegenwart – Bankenkrise, Ökologie- und Friedensfrage, so genannte „Arbeitslosigkeit“ etc. – und der Geschlechterfrage verstehen wollen.

Beate Fehle: An welchen konkreten Orten könnten solche Diskussionen geführt werden?

Ina Praetorius: Leider gibt es die kritischen Frauenzeitschriften – in der Deutschschweiz waren es vor allem die „FRAZ“, die „Emanzipation“ und die „Olympe“ – nicht mehr. Und Plattformen wie dieStandard oder beziehungsweise-weiterdenken sind mir hier in der Schweiz nicht bekannt. Die Medienlandschaft ist ja insgesamt im Umbruch. Viel kritische Debatte ist auf Facebook,  Twitter und Blogs abgewandert, und Socialmedia überspringt ja zum Glück mühelos nationale Grenzen. Aber es gibt eben immer noch viele Leute, die sich nicht online informieren oder Socialmedia nur privat, nicht als politisches Instrument nutzen. Deshalb führt kein Weg daran vorbei, die Debatte auch in die etablierten Medien – Tages- und Wochenzeitungen, TV, Radio – zu tragen. Im Übrigen gibt es löbliche Ausnahmen: Die feministisch-theologische Zeitschrift FAMA zum Beispiel hat im Februar ein sehr gutes Heft zum Thema „Genug“ (Februar 2013) herausgebracht, in dem differenziert über das Grundeinkommen nachgedacht wird.

Im Rahmen der Unterschriftensammlung für die BGE-Initiative gab es auch schon etliche Veranstaltungen zum Zusammenhang von Grundeinkommen und Care-Ökonomie. Jede und jeder von uns kann weitere solche Veranstaltungen organisieren oder das Gespräch im eigenen Bekanntenkreis suchen. Und übrigens: Die „Caring Economy Campaign“ aus den USA finde ich auch beachtens- und nachahmenswert.

Beate Fehle: Das hört sich alles sehr spannend an. Ich glaube, ich richte mir demnächst auch einen eigenen Twitter-Account ein.

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