Oh Ewigkeit, du Donnerwort

Im Althebräischen, so habe ich es damals im Theologiestudium gelernt, gibt es kein Wort für „Zeit“. Es gibt nur Wörter für die sicht- und spürbaren Auswirkungen dessen, was wir „Zeit“ nennen: für Schwangerschaft, Geburt, Manneskraft, graue Haare, Altersweisheit, Tod… Man muss sich das mal vorstellen: eine Sprache, in der es unmöglich ist, den Lieblingssatz des modernen Global Players zu sagen: „Ich habe keine Zeit.“ – Leider kann ich nicht Ivrit, die vom Bibelhebräischen abgeleitete Umgangssprache des modernen Israel. Ich weiss deshalb nicht, wie man heute in Jerusalem oder Tel Aviv „Ich habe keine Zeit“ sagt. Vielleicht so: „Sorry, I can’t spare a minute“?

Das Hebräische gehört, so haben Wissenschaftlerinnen herausgefunden, zur afro-asiatischen Sprachfamilie. Soll ich daraus schliessen, dass auch viele andere Asiatinnen und Afrikaner in ihrer eigenen Sprache nicht sagen können, dass sie nicht haben, was bei uns „Zeit“ heisst? „Tut mir leid, ich möchte gerade nichts mit dir zu tun haben, damit ich nicht zu schnell graue Haare bekomme“? – Effizienter, globalisierungskompatibler ist es, die Sprache der Kolonialherren zu benutzen: „Sorry, no time.“ „Pardon, je n’ai pas le temps.“ – Dass es in Afrika ein geheimnisvoll anderes Verhältnis zur Vergänglichkeit gibt, habe ich kürzlich wieder in Kinshasa erfahren. Man werde „morgen“ etwas tun, das heisst nicht: „spätestens in achtundvierzig Stunden“, sondern: „vielleicht irgendwann demnächst“.

Wer hat denn das Wort „Zeit“ überhaupt erfunden? Diesen Begriff, mit dem man in den Himmel der Abstraktion hebt, dass man darunter leidet, nur einen kleinen Teil der grossen Welt mitzubekommen? Und der einen, wenn man anfängt nachzudenken, zum Wahnsinn treiben kann? Wahrscheinlich war es ein Philosoph, womöglich ein Grieche, der mit der Zeit gleich auch das Donnerwort Ewigkeit erfunden hat: das Wort für die unergründliche Daseinsform des Herrgotts, der immer und überall ist, der keinen Anfang und kein Ende kennt. Herr Gott, das wäre man gern selber, weshalb man zum Beispiel das Flugzeug und das Internet erfunden hat. Immer überall gleichzeitig sein, das ist göttlich. Das wäre göttlich. Denn selbst wenn ich, gerade heimgekehrt von Zurich Unique, die Welt auf mehreren Bildschirmen zugleich beobachte, klebt mein träger Hintern doch am Bürostuhl. Weshalb man zuweilen per Mausklick nach LA und Shanghai simultan die Meldung durchgeben muss: „Sorry, can’t spare a minute“.

Kürzlich hat ein netter Blogger die Bankenkrise folgendermassen kommentiert: „There is probably no money. Now stop working. And enjoy life.“ Zeit sei Geld, sagt man heute. Weshalb ich je länger je mehr dazu neige, dem Blogger samt den alten Hebräerinnen samt ihren weisen afro-asiatischen Sprachverwandten Recht zu geben: „There is probably no time. Now enjoy life.“

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